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Streit um "Das Amt": Historiker zerpflückt Bestseller

Der Bestseller "Das Amt" über das Auswärtige Amt und seine Rolle in der Nazi-Zeit hat einen erbitterten Streit ausgelöst. Mit Johannes Hürter vom renommierten Institut für Zeitgeschichte hat nun erstmals ein Kenner dieser Materie das Buch umfassend analysiert. Sein Urteil ist vernichtend.

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Spiegeleii 02.04.2011, 08:01
90. .

Zitat von sam clemens
Das Ganze ist eine wissenschaftliche Auseinandersetzung und sollte entsprechend begrüßt werden. Einen Skandal sollte man nicht daraus machen.
Was bitte ist denn an frei erfundenen Aussagen wie die Gespräche zwischen Ribbentrop und Hitler wissenschaftlich?

Da wurde einfach irgendwas erdichtet und erlogen, früher war das schon ein Skandal.

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stevowitsch 02.04.2011, 08:05
91. Zu viel

Zitat von Liberalitärer
Ja, aber historische Verdrehungen der Wahrheit liefern gerade den Neonazis Munition. Bleibe man der Wahrheit, die ist schlimm und beschämend genug - sicherlich auch für das AA. Würde es etwas ändern, wenn in Auschwitz zwei statt sechs Millionen Menschen vergast worden wären? Quantitativ ja, qualitativ nein, einer wäre eben genau der eine zu viel. Daher ist die Diskussion zu begrüßen und man sollte sie in einer Demokratie offen führen.
Die Zahl von 6 Millionen Ermordeten bezieht sich auf alle juedischen Opfer, wird aber immer mal wieder mit Auschwitz in Zusammenhang gebracht. Stand der Forschung sind wohl 1 Millionen Opfer in Auschwitz.
Eine gute Seite findet sich hier:

http://www.h-ref.de/zahlenspiele/aus...-millionen.php

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heiko1977 02.04.2011, 08:12
92. Titel

Zitat von Julio58
Lt. Kopp-Online
Also der Kopp-Verlag ist arg fragwürdig er publiziert im Bereich der Esotherik, Ufologie über Verschwörungstheorien bis zu fragwürdigen "Wunder" Heilern.

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heiko1977 02.04.2011, 08:22
93. Titel

Zitat von albert schulz
Immerhin wird nicht mehr behauptet, das Dritte Reich wäre das Werk von vier Geisteskranken gewesen, völlig unbemerkt hätten sie ihre Greuel verübt, und sie wären aufgeknüpft worden und damit wäre es erledigt.
Na dann schauen Sie sich die "Machwerke" von Guido Knopp an, da werden Sie leider bitterlich enttäuscht. Dort ist weiterhin der Haupttenor Die Deutschen wollten das eigentlich garnicht wurden aber von den Nazis (Hitler, Goebbels, Göring, Himmler) verführt. Sieht man ja auch bereits an seinen Staffelungen: Hitler; Hitler's Paladine/Helfer; Hitler's Krieger; Hitler's Frauen.
Von Borries hat einen guten Text zu diesem Histotainment geschrieben. Leider ist dieses Entertainment mittlerweile ins Mehrheitsbewusstsein der Menschen eingedrungen und Informationen sind nur noch trivial.

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stevowitsch 02.04.2011, 08:29
94. Unschuld

Zitat von Eliza:
.......
Das mag sein; aber damit wechselt man das Argument. Hürter bekämpft die wahrscheinlich falsche Darstellung, dass das Auswärtige Amt entscheidend bei der Vernichtung der Juden beteiligt war.

Zitat von Rainer Helmbrecht
Hallo Eliza, wenn heute der Außenminister Gaddafis um Asyl in London nachsucht, überlege ich auch, ob es nicht besser wäre, ihn in den Tower zu schmeißen und den Schlüssel weg zu werfen. Das sind Leute aus dem Machtzentrum und ich denke, man kann Sie als Mittäter bezeichnen. Es gibt keine weißen Raben. Diese Unschuldsvermutung nutzt nur Tätern und verhilft ihnen ungestraft zu überleben. MfG. Rainer
Guten Morgen Herr Helmbrecht,
was Gaddafis Außenminster angeht haben Sie völlig recht, der war jahrelang ein treuer Diener seines Herren.
Wenn man allerdings versucht die Verstrickung des AA in den Holocaust detailliert und differenziert zu beurteilen ist das ja noch keine Unschuldsvermutung.
Es ist wie so oft im Leben alles etwas komplizierter.
Obwohl wir heute z.b. wissen, daß die Wehrmacht massiv an Verbrechen beteiligt war läßt das nicht den Schluß zu, daß
dies für alle Offiziere und Soldaten gilt.
Ich finde die aus der Studie zitierte Passage über die Nazi-Seiteneinsteiger ins AA schon interessant.
Das wird noch eine interessante Kontroverse.

Gruß
stevowitsch

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heiko1977 02.04.2011, 08:40
95. Titel

Zitat von lef
2. Es bestreitet natürlich Keiner, dass ab 1933 ein Judenhass aufgebaut wurde, aber erst 1938 gab es systematische Ermordungen - das von Ihnen genannte KZ Dachau war für politisch Verfolgte erbaut und zuerst verwendet.
"Ab 1933 ein Judenhass aufgebaut wurde"? Diesen gab es in Deutschland seit dem Kaiserreich und nochmal steigend in der Weimarer Rep. unter Deutschnationalen Kreisen. Da musste nichts "aufgebaut" werden sondern es war alles bereits vorhanden.
Hier ein Link zu der Thematik:

http://www.dhm.de/lemo/html/kaiserre...mus/index.html

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w.pabst 02.04.2011, 08:49
96. Geschichtsklitterung

Zitat von viceman
aber eines sollte unbestritten sein, die grundlage der (versuchten ) judenausrottung durch die deutschen faschisten wurden deutlich vor 1941 gelegt.und bereits 1933 stand fest,daß sich die juden nicht einfach in luft auflösen können und werden.und "das amt" hatten viele fleißige "helfer"- oft genug aus nazionalsozialistischer überzeugung. im übrigen, ist die reduzierung der verbrechen der deutschen faschisten auf die systematische,industrielle vernichtung der jüdischen menschen doch etwas sehr einseitig! die ersten opfer des naziregimes waren deutsche antifaschisten vom zentrum bis zu den kommunisten und später dann europa in flammen. und es ist unbestritten, daß im amt unsäglich viele schergen waren, die an diesen verbrechen direkt und indirekt beteiligt waren.
1. Allein der Begriff "deutsche Faschisten" ist eine Verfälschung der Kommunisten aus der Zeit des Kalten Krieges mit dem sie jede Form rechter Diktatur mit den Nazis gleichsetzen wollten für die politische Tagesauseinandersetzung und dabei die Einzigartigkeit der Naziverbrechen relativierten. Franco, Mussolini, später Pinochet und andere waren mörderische Diktatoren, aber eben nicht Menscheitsverbrecher sui generis.

2. Der Weg von Diskriminierung, Ausplünderung, Vertreibung und Gewalt hin zu einer systematischen Ausrottung einer Bevölkerungsgruppe vollzog sich in den Jahren 1940 und besonders 1941 und nicht früher. "Wege zur Endlösung" von Christopher Browning sei hier empfohlen wie die gesamte Literatur der neueren Forschung auf diesem Gebiet.

3. Unbestritten, dass der Terror der Nazis 1933 mit Gewalt, Lagerhaft und Mord gegen Andersdenkende begann. Das allerdings machte sie noch nicht einzigartig und gegen Lenin und Stalin in dieser Zeit waren sie in diesen Anfängen freundliche Waisenknaben. Das geschichtlich einzigartige Verbrechen ist nicht einmal der Krieg, Napoleon lässt grüßen, sondern das systematische Vernichten "andersrassiger" Bevölkerungen in eigens konstruierten Massentötungsanlagen, feinsinnig logistisch durchdacht. Die Ermordung der Hälfte der europäischen Juden ist das eigentliche beispiellose Verbrechen. Und wer den Generalplan Ost kennt, bekommt eine Ahnung davon, dass es nicht mit der Ermordung der jüdischen Menschen aufgehört hätte.

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aquatax 02.04.2011, 09:12
97. schlechte Recherche

Dieser Artikel rezipiert nur ungenügend den ideologischen Streit über die Causa, welcher schon in anderen Zeitungen und Zeitschriften fortgeführt wird. Mal geht es um das verruchte der Auftragsforschung, dann wieder um unberechtigte Verallgemeinerungen. Weniger aber als tatsächliche Verfehlungen, repräsentiert dieser Streit eine völlig unreflektiertes Verhältnis zum eigenen Sujet, der Vergangenheit. Die Geschichtswissenschaft, zumindest in Kreisen jener, die zu Vor-Fischer-Zeiten normalerweise mit solchen Aufträgen bedacht wurden, klammert sich an ein Konzept der Wahrheitssuche, welches sich nur durch den Anspruch der weiteren Differenzierung aufrecht zu erhalten sucht. Dass die eigene Vorgehensweise dabei selbst einer Perspektiveinstellung unterliegt, wird so lange überspielt, bis die eigene Bauchgegend den Groll gegen die Arbeit eines Kollegen zu einem ideologischen Ausbruch in den jeweiligen Hauspostillen führt. Scheitert ein "Experte" auf Grund von seiner eigenen Vergangenheit (Kritik an der Auftragsarbeit durch jemanden, der selbst in der Vergangenheit die Hände für solche offen hielt), schickt man eben den nächsten in der Seilschaft an die Front. Würde man mit der gleichen Detailtreue die Arbeiten von den jetzigen Kritikern - oder zumindest die von Ihnen verbürgten Meisterwerke Ihrer Zunft - auseinandernehmen, so würde man wahrscheinlich ein noch grauenvolleres Bild subjektblinder Objektivitätsapostel zeichnen können, welches durch die Geschichte großer (konservativer) Männer führt -gespickt mit ein paar wirtschaftlichen und sozialen Querverweisen, als Eingeständnis and Wehler.

Zumindest Hinweise hierauf hätte der Autor dieses Artikels geben können. In anderen Artikeln ist dies erfolgt.

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Knippi2006 02.04.2011, 09:38
98. Niveaulos

Zitat von rechtalt
aber bei uns ist leider alles gleich ein "Skandal", und die Wellen der "Empörung" schlagen hoch! Die Qualität der politischen Diskussion ist leider am Boden...
Der für mich einzige Skandal, und zwar sowohl hinsichtlich der Aufarbeitung der Rolle der Wehrmacht, des AA und jetzt aktuell der Polizei im Dritten Reich ist der Zeitpunkt.

Das ganze hätte zu Beginn der Bundesrepublik stehen müssen, und nicht zig Jahre nach der Gründung.

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Jordan Sokoł 02.04.2011, 10:14
99. Zur Zivilcourage innerhalb behördlicher Strukturen

Zitat von sysop
Der Bestseller "Das Amt" über das Auswärtige Amt und seine Rolle in der Nazi-Zeit hat einen erbitterten Streit ausgelöst. Mit Johannes Hürter vom renommierten Institut für Zeitgeschichte hat nun erstmals ein Kenner dieser Materie das Buch umfassend analysiert. Sein Urteil ist vernichtend.

Mir liegt „Das Amt“ nicht vor. Generell kann ich aus persönlicher Erfahrung aber festhalten, daß Vorgesetzten entgegenstehende Meinungen auch heute noch mehr oder weniger elegant abgebügelt werden. Bestehen Behördenangestellte individuell auf dem von ihnen vertretenen Standpunkt, bedarf es mindestens der Anfertigung entsprechender Aktenvermerke. Natürlich sind solche grundsätzlich nicht erwünscht. - In Personalangelegenheiten werden bis in die Gegenwart hinein Vorträge weitaus überwiegend mündlich in kleineren Kreisen abgehandelt, von denen direkt Betroffene allenfalls die abschließende Entscheidung erfahren. - In behördlichen Strukturen mit hunderten oder tausenden von Mitarbeitern sind auch wechselseitige Beschwerden an der Tagesordnung. Bedenken über moralisch-ethische Entgleisungen von Vorge-
setzten gegenüber ihren Untergebenen können durchaus auch dazu führen, daß Beschwerdeführer letztendlich weggemobbt werden. So etwas führt bei zivilcouragierter Standhaftigkeit von Beschwerdeführern zum Beispiel zu vorzeitigen Pensionierungen, die unter der Bedingung herbeigeführt werden, über den der Pensionierung zugrundeliegenden Sachverhalt Stillschweigen zu be-
wahren.

Wenn Seiteneinsteiger mit leitenden Positionen betraut werden, muß davon ausgegangen werden, daß es genügend Willfährige gibt, die den Ansichten des neuen Chefs Geltung verschaffen. Der permanent bestehende Druck auf das Personal (Planstellenzuweisung mit entsprechender Anpassung des Einkommens, Arbeitsplatzgarantie, natürlich auch die einschlägig festgeschriebenen Gehorsamspflichten) sichert generell das Funktionieren einer jeder Behörde im Sinne ihres jeweiligen Leiters. - Behördenleiter, die ihren Anspruch auf Gehorsam z. B. unter Mißachtung des Artikels 1 Grundgesetz durchsetzen, verbleiben auch heute noch ziemlich sicher in ihren Sätteln. Es sind meist die hierarchisch Untergeordneten, die ihre Sessel zu räumen haben. - Innerhalb behördlicher Strukturen zeitigt zivilcouragiertes Auftreten in aller Regel das sichere Karriereende.

Jordan Sokoł

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