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Unionsfraktionschef Brinkhaus: Ostdeutsche wurden "nicht fair behandelt"
DPA

Bei der Wiedervereinigung seien Fehler begangen worden, kritisiert Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus. Es fehle an Respekt vor den Leistungen Ostdeutscher. Ein "Wunder" sei die Einheit trotzdem.

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gryps 03.10.2018, 12:06
50.

Keiner hat die Ostdeutschen zur Wiedervereinigung gezwungen, im Gegensatz zu den Westdeutschen durften sie darüber abstimmen. Die Glorifizierung der Motivation sowie das andauernde (Selbst-)Mitleid scheint mir nicht angebracht. Vielen ging es um die D-Mark und Wohlstand und nicht etwa um Demokratie und Menschenrechte. Der Vergleich der Lebensverhältnisse sollte nicht nur zwischen Ost- und Westdeutschland erfolgen, sondern zwischen Ostdeutschland und den anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks. Ich wage zu behaupten, dass Ostdeutschland in diesem Vergleich nicht schlecht dastehen würde. Vielleicht macht aber gerade die erhaltene Unterstützung es Manchen schwer, ein Verantwortungsgefühl für das eigene und gemeinschaftliche Wohlergehen und selbstbewussten Stolz auf die eigene Leistung zu entwickeln. Völlig unverständlich allerdings bleibt mir die fehlende Empathie für Flüchtlinge bei einem Volk, aus dem Viele "rübermachten", um ein besseres Leben zu suchen.

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haarer.15 03.10.2018, 12:09
51.

Zitat von kuac
Warum sind damals die Ostdeutschen nicht auf die Strasse gegangen und für eine langsamere Wiedervereinigung demonstriert, damit sie ihre Werte auch behalten könnten? Stattdessen müsste alles ruckzug gehen, egal mit welchen Folgen.
Klar - das hätten sie tun müssen. Aber die Ossis haben sich eben auch blenden lassen - von all den Verlockungen des Westens. Oskar Lafontaine war der Einzige, der gewarnt hatte vor der raschen Überstülpung aller Werte auf den Osten. Ein Mann mit tatsächlichem Weitblick. Und dafür wurde er auch noch so kritisiert.

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micha_schmieder 03.10.2018, 12:10
52.

Zitat von kuac
So rüttelt man nicht Menschen wach, in dem man die Parolen der ewig gestrigen Rechten nachplappert. 1990 hätte keine Firma zu West Löhnen in Osten irgendetwas gebaut. So läuft die sogenannte freie Marktwirtschaft nicht, leider. Eine Nord-Süd-Lohngefälle gibt es auch in Westdeutschland. Das wird auch womöglich so bleiben. Das hat einfach mit der Produktivität zu tun und kann nicht verordnet werden. Sonst gehen die Firmen weg. Falls die Bulgaren oder Rumänen die gleichen Löhne wie in DE verlangen würden, dann sind die Firmen sofort weg oder nach DE zurück.
Ja. Das hat damals auch jeder Ossi eingesehen und akzeptiert. Und sein ganz persönliches Leben danach ausgerichtet. Hat verzichtet, weil er dafür Verständnis hatte. Der Frust gegen die Migration geht doch genau darauf zurück. Da heisst es 30 Jahre lang: "Wir tun, was wir können. Seid genügsam, beisst die Zähne zusammen und haltet durch!!!" Und dann kommt die Flüchtlingswelle, plötzlich werden Milliarden und Abermilliarden Euro's freigesetzt und da wackelt Schäuble's schwarze Null nicht mal dabei. Klar weiß auch jeder Ostdeutsche, dass man Flüchtlingen helfen muss. Aber ich fand diesen Satz sehr bezeichnend: "Ihr wollt Flüchtlinge integrieren? Integriert erstmal uns!" Der Frust der Ostdeutschen geht doch darauf zurück, dass sich die Regierung durch ihr Engagement für Flüchtlinge gleichzeitig unglaubwürdig dabei gemacht hat, die Einschränkungen im Osten mit Begrenzung der verfügbaren Ressourcen zu begründen. Man muss aber sehr genau hinschauen, um zu erkennen, dass es nicht gegen die geflüchteten Menschen geht, sondern gegen die, die daraus schon wieder ein Geschäft machen. Die Menschen fühlen sich schlicht verarscht.

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skeptikerjörg 03.10.2018, 12:14
53. Fehler auf beiden Seiten

Ja, es wurden Fehler gemacht, aber auf beiden Seiten, vielleicht auch von den "Wessies" ein paar mehr, aber wem hilft das Jammern darüber? Der erste und wahrscheinlich gravierendste Fehler war die Währungsunion. Klar, ein großer Teil der DDR Bürger forderte die D-Mark, war geradezu versessen darauf. Aber es war auch klar, dass damit kaum noch ein DDR-Betrieb konkurrenzfähig und damit überlebensfähig bleiben würde. Den Rest besorgten dann DDR bzw. später ExDDR-Bürger, indem sie keine Ostprodukte mehr kauften; selbst die guten nicht. Zweiter gravierender Fehler war, dass es faktisch gar keine "Wiedervereinigung" gab, sondern dass die wirtschaftlich bankrotte DDR auflöste und die "Konkursmasse" als neue Bundesländer der Bundesrepublik Deutschland beigetreten sind. Damit waren die Bürger von Beginn an die "armen Verwandten". Immerhin erging es ihnen dabei um Klassen besser, als den Menschen in den anderen ehemaligen RGW-Staaten. Und dann gab es drittens eine Partei, die ihre Lebensfähigkeit daraus bezog, dass sie den Leuten täglich erzählte, wie schlecht es ihnen ginge und wie sehr sie benachteiligt wären. Auf der anderen, der westlichen Seite gab es keinen Plan, wie man denn mit der Aufnahme eines gescheiterten Staates und seiner Bürger umgehen sollte. Try and Error. Und z.B. die Vorgehensweise der Treuhand war Error. Aber wenn wir uns weiter in der Vergangenheit suhlen und nicht gemeinsam nach vorne blicken, ist niemandem geholfen.

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Aberlour A ' Bunadh 03.10.2018, 12:16
54. Dennoch hätte es andere intelligentere Lösungen geben können?

Zitat von clausde
Irgendwann wird es eine historische Aufarbeitung der Arbeit der Treuhandgesellschaft geben. Wenn es dann überhaupt noch Unterlagen gibt. Aus Sicht eines Wessies hat die Treuhand, zugunsten westdeutscher Glücksritter, den Osten platt gemacht. Das war die erste staatliche Demütigung des Westens gegen den Osten. Und da hat die Brinkhaussche CDU einen nicht unerheblichen Anteil gehabt. Der Osten war marode, es drängte die Zeit, dennoch hätte es andere intelligentere Lösungen geben können. Lösungen die es vermieden hätten, das die Diskussion über die Gräben zwischen Ost und West nach bald dreißig Jahren nicht mehr geführt werden müssten. Das Wunder der friedlichen Wiedervereinigung hat in der Folge, leider einen bitteren Beigeschmack.
Aus ökonomischer Sicht gibt es verschiedene Modelle der Privatisierung von Staatsunternehmen innerhalb einer Transformation ganzer Volkswirtschaften in eine Marktwirtschaft. Diese reichen von: 1. Einer einfachen Versteigerung an den Meistbietenden ähnlich einer Auktion (der sich wiederum über den Kapitalmarkt finanziert). 2. Einem behördlich organisierten Direktverkauf an ausgewählte externe Interessenten auf Verhandlungsbasis (der Weg , der in Ostdeutschland bestritten wurde mittels der Treuhandanstalt). 3. Ein Verkauf der Firmen an Insider zu Vorzugsbedingungen ("Management-Employee Buy-Out" oder Gutscheinprivatisierung wie vorzugsweise in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens praktiziert). Und schließlich 4. Massenprivatisierung über Gutscheine (verschenken der Eigentumsanteile großer Staatsunternehmen an die Bevölkerung, insbesondere in Tschechien und ansatzweise auch in Polen praktiziert). Jedes dieser vier Privatisierungsmodelle verfügt in der Realität über jeweils spezifische Vor- und Nachteile. Diese in der notwendigen Differenziertheit hier darzustellen, würde den Rahmen eines SPON-Forums sprengen. Daher hier für den uns interessierenden Fall nur holzschnittartig soviel: der Direktverkauf mittels einer Behörde - Treuhandanstalt - an ausgewählte Interessenten auf Verhandlungsbasis kann zwar einige der Nachteile einer formellen Versteigerung an den Meistbietenden verhindern (durch komplexe Verträge kann zumindest theoretisch die gewünschte Richtung der Transformation, wie Sanierungskonzept, Investitionsvorhaben und Beschäftigungssicherung mitbestimmt und gestaltet werden). Allerdings holt man sich auch gewichtige Nachteile bei dieser Form der Privatisierung ins Haus. Und die bestehen natürlich in erster Linie aufgrund des von vornherein eingeschränkten Interessentenwettbewerbs im "politischen Filz". Wodurch die Privatisierung nicht nur bei der Bevölkerung in Misskredit gebracht wird, sondern auch ökonomisch die Ressourcen nicht in die Verwendungen gelenkt werden, in denn sie den höchsten gesamtwirtschaftlichen Nutzen erzielen.

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motorholer 03.10.2018, 12:21
55. Gab es Alternativen?

@neben vielen unsachlichen kommentaren der sich hier wie immer tummelnden "experten" halte ich es mit @kodu, siehe beitrag 23...sehr gelungene analyse...

natürlich gab es verwerfungen, die unschön waren...auch wessis, die auf kosten der abzuwickelnden ddr - wirtschaft nur eines im sinn hatten, nämlich profit maximierung...stabü live---

wer aber alles in bausch und bogen kritisiert, muss auch genaustens (!!!)aufzeigen, was die alternative denn bei der überstülpung des brd systems gewesen wäre...in all ihrer komplexität...und da wird es ruhiger...die ddr ächzte unter ihrer last...

es sei nur daran erinnert, dass ddr bürger ab der wende ihre eigene konsumgüterindustrie nahezu boykottierten...oder lpg - anteile von den ehemaligen lpgler selbst unter der hand an kader über neu gegründete genossenschaften völlig unter wert verschoben wurden, während der einfache genosse ausgebootet wurde...uswuswusw...

wie gesagt, bei aller berechtigten kritik namens vereinigungskriminaliität, halte ich das gewählte vorgehen, welches trial and error enthielt, unter dem zeitdruck für alternativlos...

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jojack 03.10.2018, 12:22
56. Lernerfahrung

Die Einheit war aus meiner Sicht weniger ein Wunder, als vielmehr das Ergebnis dessen, dass die Gunst der Stunde mit Geschick und Konsequenz genutzt wurde.

Die Ostdeutschen haben 1989 die Schwäche des SED-Regimes genutzt, um das Joch des Sozialismus abzuschütteln. Und Helmut Kohl hat die historische Chance ergriffen, das Unrecht der deutschen Teilung zu beenden. Bis heute wird die Lernerfahrung unterschätzt, die die Wende und die anschließende Wiedervereinigung bei den Ostdeutschen hinterlassen hat. Es ist eine urdemokratische Bereicherung zu wissen, dass sich Protest gegen staatliches Handeln lohnen kann.

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jojack 03.10.2018, 12:28
57.

Zitat von PRAN1974
Als Westdeutsche ist man also arrogant? Dann muss man den Ostdeutschen leider Undankbarkeit vorwerfen. Immerhin habe ich für die Einheit "auf Wohlstandszuwachs verzichtet". Diese Aussage möchte ich aber in Frage stellen. In Westdeutschland ist man nicht nur Nettozahler für Ostdeutschland, sondern auch für die EU insgesamt. Trotz der Transferleistungen profitieren wir insgesamt davon, wie wir gerade in umgekehrter Weise an den Briten beobachten können. Außerdem sollte jeder Mensch in Deutschland sich glücklich schätzen, dass DDR, Sowjetunion und Kalter Krieg Geschichte sind! Eine rein wirtschaftliche Betrachtung aus westdeutscher Sicht ist deshalb nicht zielführend. Hat man bei dieser Befragung nur Menschen in den jeweiligen Landesteilen befragt oder auch Ostdeutsche, die später in den Westen ausgewandert sind? Deren Sichtweise könnte sich deutlich unterscheiden. Zum Glück sterben die Ex-DDR-Bürger langsam aus oder gehen in Rente. Viele Frauen aus dem Osten erhalten sogar eine höhere Rente als die Frauen im Westen, die früher noch oft in die Hausfrauen-Rolle gedrängt wurden. Eine wirkliche Einheit kann es aber wohl nur mit Menschen geben, die in Gesamtdeutschland aufgewachsen sind und nicht mehr ständig vergleichen und hadern. Diese Menschen sind jetzt übrigens an die 30 Jahre alt und auch für die 40-jährigen dürfte die Teilung in ihrer Erinnerung keine große Rolle mehr spielen. Selbst 50-jährige haben höchstens noch Teile ihrer Ausbildung in der DDR gemacht und den größten Teil ihres Berufslebens in Gesamtdeutschland verbracht!
Sie vergessen, dass die Ostdeutschen einseitig für den verlorenen Krieg gebüßt haben. Wenn Transferleistungen in den Osten für Unmut sorgen, wäre mancher in Freiheit aufgewachsener Westdeutsche gut beraten, sich dessen zu erinnern, dass seine Landsleute in einem totalitären sozialistischen Unrechtsstaat leben mussten.

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s.pam 03.10.2018, 12:39
58. Mir reicht es!

1989- der Osten ist pleite.Grenzöffnung.Wiedervereinigung.
Natürlich gab es Geschäftemacher, sicher sind einige wenige Menschen im Osten verladen worden.
Aber: 16Mio Menschen im Osten wurden von heute auf morgen in das West-Sozialsystem eingebunden -Rente, Kranken, Sozialversicherung- die gerissenen Löcher tragen wir heute alle gemeinsam, nicht der Osten.
Der Soli wird wohl NIE wieder abgeschafft- damit wurde eine Infrastruktur geschaffen, die der im Westen in weiten Teilen überlegen ist- sichtbar und unsichtbar (Bsp Strassen).
Damit hatte ich- bis vor kurzem- nie ein Problem, denn (kaum) einer im Osten hatte sich die DDR ausgesucht.
Doch diese Mentalität des Jammers, der Ansprüche, des offenen Rechtsradikalismus der macht mich zornig!
Die wieder aufflammenden Stereotypen vom „dummen Ossi und arrogantem Wessi“ als Stammtisch Parolen werden zu Werkzeugen, um noch mehr zu forden, noch mehr zu jammern.
Mir reicht es. Das ist ein Land- jeder hat die Möglichkeit, etwas aus sich zu machen (vielleicht nicht, seine Träume zu leben), jeder hat die Wahl- in West und Ost!
Aber dumpfe Phrasen und Anschuldigungen, politische Hetze und Hass werden keine Gräben schließen- sie werden tiefe Verwerfungen erzeugen.
Und jetzt ratet mal, wer die Verlierer sein werden?

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melchiorgabor 03.10.2018, 12:51
59. Zeit mal Danke zu sagen

Liebe Westdeutsche, liebe Ostdeutsche, liebe Zugezogene,
Ich (36, ostdeutsch) möchte mich an diesem wunderschönen Tag bei allen bedanken, die damals auf beiden Seiten die Vereinigung möglich gemacht und mitgestaltet haben. Ich hatte dadurch das unverhoffte Glück, die letzten 30 Jahre eine offene, freie, bunte Welt kennenzulernen. Ich musste lernen eigenverantwortlich zu handeln und habe begriffen, dass ich selbst für Ideen werben muss, wenn ich etwas verbessern möchte. Der Staat kann mir (und ‚unserer‘ Region) dabei nur bedingt helfen. Was mir und meiner Generation aus dem Osten häufig noch fehlt (auch weil nur wenige das vorleben konnten): Unternehmergeist und betriebswirtschaftliches Denken. Ich denke, das wird sich in der nä Generation entwickeln und dann geht es auch wirtschaftlich bergauf. Nur den braunen Sumpf müssen wir jetzt bekämpfen; das sollten Politiker nicht mit Verständnisfloskeln am Tag der Einheit weichspülen.

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