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Zum Tod von Hans-Dietrich Genscher: Mut zur Unbeliebtheit
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Hans-Dietrich Genscher war ein begnadeter Taktiker - aber nicht nur. Politikprofessor Christian Hacke lernte den Außenminister als stilvoll, unangepasst, klug und sachlich kennen. Ein Nachruf.

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haresu 02.04.2016, 15:03
1. Vertrauensvorschuss

Genscher war einer von denen die in Ost und West das Vertrauen geschaffen haben, dass von Deutschland keine Gefahr mehr ausgehe. Er hat es geschafft nachvollziehbare nationale Interessen mit Ehrlichkeit aber auch einer gewissen Harmlosigkeit zu präsentieren. Hoffentlich bleiben wir auch harmlos.

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guillermo_emmark 02.04.2016, 16:23
2. Unbeliebt?

In der Tat. Ich mochte ihn überhaupt nicht. Von Anfang an war er mir ziemlich unsympathisch. Die Titanic Comic-Bearbeitung und vor allem seine Rolle nach dem Mauerfall liessen ihn mir erträglicher erscheinen. Seine Verdienste um die deutsche Wiedervereinigung sind unbestreitbar gewaltig.

Ich fand es dennoch bedauerlich, dass Mauerfall und Wiedervereinigung dem noch unerträglicheren Helmut Kohl und eben Hans Dietrich Genscherin den Schoss fielen und nicht etwa Willi Brandt uind Walter Scheel, die die Vorarbeit geleistet hatten, es eher und mehr verdient gehabt hätten, aber 1989 längst ausser Amt und Würden waren.

Besonders dem Kohl ist das alles in den Schoss gefallen. Er wusste selbst kaum wie ihm geschah, tönte aber dann recht grossmäulig, endlich sei er am Ziel seines politischen Strebens angelangt. Genscher zumindest hat da hart für gearbeitet.

Was ich nie verstanden habe und was wohl auch bis heute ungeklärt ist - sein plötzlicher Rücktritt. Dennoch, er war zur rechten Zeit am rechten Ort und hat das Richtige getan. Daher Respekt und requiescat in pace!

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oalos 02.04.2016, 16:26
3. die übliche posthume Beweihräucherung

Klar wird in Erinnerung bleiben, dass er sich auf den Balkon stellt, um "mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise usw."
Unvergessen bleibt mir aber auch sein Beitrag hins. der Anerkennung von Slowenien und Kroatien, was endgültig zum Jugoslawienkrieg und -zerfall führte (nachdem der IWF mit verordnetem Sanierungsprogramm - wie heute in GR - das Land ruiniert hat).
Auch die Familie Käsemann dürfte ihm keine Träne hinterherweinen, für deren in Argentinien gefolterte und dann ermordete Tochter er keinen Finger rührte ("Ach, das Mädchen...").

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gustavsche 02.04.2016, 17:17
4.

Zitat von oalos
Unvergessen bleibt mir aber auch sein Beitrag hins. der Anerkennung von Slowenien und Kroatien, was endgültig zum Jugoslawienkrieg und -zerfall führte (nachdem der IWF mit verordnetem Sanierungsprogramm - wie heute in GR - das Land ruiniert hat). Auch die Familie Käsemann dürfte ihm keine Träne hinterherweinen, für deren in Argentinien gefolterte und dann ermordete Tochter er keinen Finger rührte ("Ach, das Mädchen...").
Nur weil man es ständig wiederholt, wird es nicht richtig.

1. Slowenien und Kroatien haben Referenden abgehalten, die sich für die Unabhängigkeit aussprachen. Genau diesen Weg sah die jugoslawische Verfassung vor. Es gab also keinen Grund, die Anerkennung zu verwehren.

2. Wir wissen nicht, wie von Serben geführte jugoslawische Armee reagiert hätte, wenn Deutschland nicht die Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens anerkannt hätte. Wahrscheinlich wäre die Reaktion genauso gewesen, nur würden die Kritiker heute sagen: Hätte sich Genscher frühzeitig eingemischt, hätte der Krieg verhindert werden können.

3. Der Zerfall eines Staates ist nichts, was man Bedauern muss. Ob Jugoslawien als ganzes weiter bestanden hätte oder nicht, ist nicht von Belang. Entscheidend ist, dass es mehr Menschen in Rechtsstaaten friedlichen ihren alltäglichen Problemen nachgehen können. In Slowenien gab es einen 10-Tage-Krieg und fertig war die Laube. Slowenien konnte sich prima entwickeln.

4. Richtige Antworten sind häufig einfach. Am zweiten Weltkrieg hatte Hitler schuld und nicht Versailles und auch nicht die Westmächte. Es gibt keinen Automatismus von Versailles, von ein paar diplomatischen Fehlern (Stichwort Appeasement) hin zum Überfall auf Polen. Es war Hitlers freie Entscheidung, genauso wie es die freie Entscheidung Belgrads war, mit Waffengewalt auf die Unabhängigskeitsbestrebungen der Teilrepubliken zu reagieren.


Und über Käsemann wissen wir zu wenig. Mit Diktaturen zu verhandeln, ist immer schwierig. Mir war der Fall neu und ich habe mich eingelesen. Ich kann kein schuldhaftes Verhalten der damaligen Regierung erkennen. Es gibt Regime, die koooperieren und welche, die nicht kooperieren. Man konnte ja auch nicht alle Polithäftlinge aus d er DDR freikaufen. Angehörige oder selbstgerechte NGOs sidn wahrlich schlechte Ratgeber, um zu konstruieren, vor welchen Möglichkeiten die damaligen Regierung stand.

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bellissimamaria 02.04.2016, 17:27
5. Ecce homo.

Zitat von oalos
Klar wird in Erinnerung bleiben, dass er sich auf den Balkon stellt, um "mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise usw." Unvergessen bleibt mir aber auch sein Beitrag hins. der Anerkennung von Slowenien und Kroatien, was endgültig zum Jugoslawienkrieg und -zerfall führte (nachdem der IWF mit verordnetem Sanierungsprogramm - wie heute in GR - das Land ruiniert hat). Auch die Familie Käsemann dürfte ihm keine Träne hinterherweinen, für deren in Argentinien gefolterte und dann ermordete Tochter er keinen Finger rührte ("Ach, das Mädchen...").
Wer ein gutes Näschen für die Politik hat, steht im richtigen Moment am richtigen Ort vor der richtigen Kamera. Genscher war ein solcher Mann.

Aber was tun diese Leute, wenn niemand sie beobachtet?

Der Fall Käsmann - ein unglaublicher Vorgang - darf nicht in Vergessenheit geraten, schon allein deshalb nicht, weil es immer noch Menschen gibt, die um Elisabeth Käsmann trauern. Eine ganze Familie wurde zerstört, weil Genscher sich pflichtwidrig weigerte, Elisabeth Käsmann zu retten (was nicht schwierig gewesen wäre) und später zu feige war, seinen verhängnisvollen Fehler einzugestehen, obwohl er wissen mußte, wie wichtig das für die Familie Käsmann gewesen wäre.

Als Politiker mag Genscher ein ganz großer Kameraheld gewesen sein, charakterlich war er wohl eher eine ganz kleine Leuchte. Ecce homo.

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gustavsche 02.04.2016, 17:29
6.

Zitat von guillermo_emmark
Was ich nie verstanden habe und was wohl auch bis heute ungeklärt ist - sein plötzlicher Rücktritt.
Nur weil man etwas nicht versteht, ist nicht anrüchig. Unglaublich. Wenn man nichts in der Hand hat, muss man sich etwas aus den Fingern saugen. Genscher war 65 Jahre alt und 23 Jahre lang Bundesminister. Warum soll er da nicht zurücktreten dürfen?

Und er hat unpopuläre Entscheidungen nicht gescheut. Der Wechsel zu Kohl war äußerst unpopulär. Die Wähler haben es ihm nicht gedankt. Es war aber richtig, um die Inhalte umzusetzen, die man mit Helmut Schmidt hätte umsetzen können, aber nicht mit dessen SPD.

Das Gegenteil wäre Schröder: Der packte 2002 die Irakfrage aufs Tableau des Wahlkampfes. Er beantwortete eine Frage, die bis dahin nie gestellt wurde, ob man nun in den Irak einmarschiert oder nicht. Der Bengel hat die NATO-Partner brüskiert und eine Menge Porzellan. Die vertrottelten deutschen Wähler haben das honoriert, anstatt abzustrafen. Der Irakkrieg wurde übrigens nicht verhindert, vielleicht sogar befördert, weil es keine einheitliche Drohkulisse gegenüber dem Irak gab.

Genscher war da das Gegenteil, ein richtiger Diplomat und er hat eine Menge erreicht. Schröder hätte mit seiner Art wahrscheinlich sogar die Wiedervereinigung vergeigt.

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humbolpost 02.04.2016, 17:37
7. Der Tod sollte die Erinnerung nicht verklären

Fragen sie die Bewohner Exjugoslawiens zur Rolle Genschers bei der Spaltung Jugoslawiens und dessen Krieg. (einseitige völkerrechtswidrige Anerkennung Sloweniens und Kroatiens)
Es ist kein Zufall, dass Helmut Schmidt die Spaltung und den Krieg gegen Serbien als Kriegsverbrechen und Völkersrechtswidrig bezeichnete.
Ich hoffe, dieses mal wird mein Kommentar veröffentlicht, oder sind lediglich glorifizierende erlaubt?

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guillermo_emmark 02.04.2016, 17:39
8. In der Tat

Leider haben Sie Recht. Eine wirklich üble Geschichte und eine Schande der deutschen Aussenpolitik, die ein verstörendes Licht auf den damaligen, deutschen Aussenminister wirft - Kumpanei mit Obristen und teilnahmsloses Wegschauen bei Folter und Ermordung eines jungen Mädchens, dem er vermutlich hätte helfen können.
https://volksbetrugpunktnet.wordpress.com/2016/04/01/hans-dietrich-ach-das-maedchen-kaesemann-genscher-ist-tot/

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bellissimamaria 02.04.2016, 17:48
9. über Käsmann weiß man so gut wie nichts - ja, ja

Zitat von gustavsche
Und über Käsemann wissen wir zu wenig. Mit Diktaturen zu verhandeln, ist immer schwierig. Mir war der Fall neu und ich habe mich eingelesen. Ich kann kein schuldhaftes Verhalten der damaligen Regierung erkennen. Es gibt Regime, die koooperieren und welche, die nicht kooperieren. Man konnte ja auch nicht alle Polithäftlinge aus d er DDR freikaufen. Angehörige oder selbstgerechte NGOs sidn wahrlich schlechte Ratgeber, um zu konstruieren, vor welchen Möglichkeiten die damaligen Regierung stand.
WIR wissen über Käsmann nicht zu wenig. SIE wissen vielleicht zu wenig, sollten sich dann aber mit ihren Aussagen zurückhalten.

Der Fall Käsmann ist gut untersucht und dokumentiert. Genscher wurde von seinen Staatssekretären informiert, aber es interessierte ihn nicht; er konnte kein politisches Kapital daraus schlagen: "Ach das Mädchen."

Er hat Käsmann hängen lassen, obwohl es ein Leichtes gewesen wäre, sie frei zu bekommen. Das haben Hamm-Brücher und Dohnany ausgesagt.

Genscher freilich war bis zu seinem letzten Atemzug zu feige, seine Mitschuld am grausamen Foltertod Elisabeth Käsmanns einzugestehen.

Er ruhe in Frieden?

Wer denkt dabei an die Familie Käsmann? - Steinmeier?

Steinmeier ist viel zu sehr Sozialdemokrat und Politprofi, um an diese Leiche im Keller seines AA heute noch einmal zu rühren.

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