Forum: Reise
"Anting German Town": Eine deutsche Geisterstadt in China

Fachwerk und Mittelalter-Kitsch wollten die Chinesen, doch ein Frankfurter Architekturbüro wusste es besser und*klotzte*eine typisch deutsche Neubausiedlung in einen Vorort von Shanghai. Jetzt will niemand hier wohnen - und sogar das jährliche Oktoberfest fällt aus.

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Umbriel 09.10.2011, 01:48
190. Das Elend der unverstandenen postmodernen Architektor

Klingt immer sehr intellektuell was diese Anti-Gemütsdesigner erzählen, ist aber nicht so wirklich toll.

In Deutschland hat man sich an diese merkwürdigen Ensemles irgendwie gewöhnt, d.h. diejenigen, die da wohnen, haben ihre Gründe, das ist meistens die Kombi aus relativ parktischer Lage, Preis und Gebäudequalität aus technischer Sicht.

Gibt ja hier Tausende von Stadtteilen die so aussehen.

Im Prinzip ist man da nur zum Pennen, zum Fernsehen oder Internetsurfen.

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Claudia_D 09.10.2011, 01:56
191. .

Zitat von SURE
Mein Gott, sieht das furchtbar aus. Das hier das Oktoberfest ausfällt kann man nachvollziehen. Solche Viertel erinnern mich dann doch sehr an die Hamburger Hafencity, welche von den Stadtplanern als planerische Meisterleistung verkauft wird.
In der Hafencity möchte ich auch nicht wohnen, für alles Geld der Welt nicht. Wer zieht denn da freiwillig hin?
So ein anonymes Gebilde, nee, wirklich nicht. Zumindest war das mein Eindruck bei meinem letzten HH-Besuch und einer Hafencity-Tour. Irgendwie total steril, unlebendig (außer Touristen wie mir war da wohl kein anderer).
Außerdem muss man ja auch mal die praktischen Dinge des Lebens berücksichtigen, z.B.: wo kann man bequem seinen Wocheneinkauf erledigen, ohne kilometerweit fahren zu müssen? Aber OK, die anvisierte Kundschaft kauft wohl eh nur beim Feinkosthändler, lässt sich liefern oder geht jeden Tag essen... (ja, ja, ich weiß, man will auch weniger gut betuchten Wohnraum bieten, aber trotzdem...).

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Umbriel 09.10.2011, 01:58
192. Falsch

Zitat von profdocnix
1919 starb das Kaiserreich und seit dem ist Schluss mit schönen Bauten in Deutschland. Jedesmal wenn ich staunend vor einem Haus stehen bleibe, steht irgendwo da eine Jahreszahl des Kaiserreichs oder vorher..
Das verstehe ich nicht und das stimmt so auch nicht. In den 30ern wurden sehr schöne Häuser gebaut.

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Claudia_D 09.10.2011, 02:35
193. .

Zitat von Blaue Fee
Ich verstehe nicht wie man Fachwerkhäuser oder Gebäude im Tudor-Stil kitschig empfinden kann. Wenn man die Romantische Strasse entlang fährt, dann entdeckt man zudem bayerischen Barock, Burgen und all das, was die Touristen nach Deutschland strömen lässt. Kitschig sind vielleicht die Outlets wie Wertheim-Village, aber selbst das hat mehr Charme und Seele als das, was Herr Speer da hingestellt hat. Lieber Fachwerk meets Art Nouveau (Jugendstil) als diese Bauklötzchen-Siedlung.
Ich finde diese Häuser auch wunderschön. Allerdings wollen auch in D die "Einheimischen" da nicht immer unbedingt drin wohnen.
Ich komme aus einer Stadt im Weserbergland an der "Märchenstraße" mit historischer Altstadt, alles alte Fachwerkhäuser (ab 1500 irgendwas aufwärts), entsprechend renoviert und auch restauriert, jedoch natürlich denkmalgeschützt. Wer verkaufen will, findet - trotz Zuschüssen für etwaige Renovierungen - keine Käufer oder erst nach ganz langer Zeit. Verkehrte Welt...

Wir selbst hatten ein altes Bauernhaus von 1756 (Elternhaus meiner Großmutter, bewohnt von meiner Großtante bis kurz vor ihrem Tod), allerdings nicht im Stadtkern, sondern etwas außerhalb (und an einer "befahrenen" Hauptstraße) und wirklich mehr als renovierungsbedürftig (keine Heizung, kein Badezimmer, nur Plumpsklo, jedoch gesunde Bausubstanz, Strom und fließend Wasser) und nur kleines Grundstück (allerdings auch nicht weniger als moderne Eigenheime heute). Wollte keiner haben, auch nicht zum symbolischen Preis von 1 Euro.

Ende vom Lied: wurde abgerissen und entsorgt. Wir hatten noch beim Museumsdorf Detmold nachgefragt, ob Interesse bestünde. Antwort: "wir haben noch genug davon 'im Lager'"

So viel also zum Thema, dass Altes begehrt ist... Mir tut es noch immer in der Seele weh, aber damals waren wir alle aus der Enkelgeneration noch zu jung, um es übernehmen zu können, und unsere Eltern hatten eigenes und kein Geld, um es in die Renovierung zu stecken.

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schorsch_kluni 09.10.2011, 05:04
194. Naja

Ich bin vorgestern in Shanghai gelandet und bin nach Anting gefahren. Sooo schlecht sieht das nicht aus.

Ausserdem muss man wissen, dass in China, besonders in Ballungszentren, sehr oft einfach drauf los gebaut wird. Obwohl in dem entsprechenden Bereich noch garnichts los ist. So ist es wahrscheinlich auch hier.

Das die Buden nicht bewohnt sind hat mit der Kultur erstmal garnix zu tun. Ich denke die Kollegen der Städteplanung haben sich durch die Ansiedlung der Autohersteller in dieser Gegend mehr erhofft.

ich denke das die Buden über kurz oder lang vermietet werden.

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albert schulz 09.10.2011, 13:41
195. Hintergründe

Zitat von Umbriel
Das verstehe ich nicht und das stimmt so auch nicht. In den 30ern wurden sehr schöne Häuser gebaut.
Aber nicht in Deutschland.In den Dreißigern wurden Bunker gebaut und Kasernen und öffentliche Gebäude, das Material wurde zugeteilt. Gut und engagiert und auch teuer gebaut wurde nur bis Mitte der Zwanziger, hernach ging es bergab. In Wuppertal , damals noch reichste Stadt im Lande, wurden in den Zwanzigern nicht nur die ersten großen Kaufhäuser aus Beton, sondern reihenweise Wohnanlagen errichtet, durchdachte Konzeptionen, die auch noch eine Formensprache hatten (außer Dachüberstand und Fallrohr).

Aber mal was zu Thema und den Hintergründen:

ARD-Weltspiegel - Chinas lukrative Geisterstadt
http://www.tagesschau.de/ausland/wel...lchina108.html

Im Dritten Reich wurde ganz ähnlich in Infrastruktur und Rüstung investiert, ohne einen Gegenwert, nur damit etwas passiert. Das Rezept wir heute noch und hier im Lande angewandt, gerade bei Infrastrukturprojekten. S21 etwa.

Wenn man sich umtut, kann man übrigens Bilder im Netz entdecken, die architektonisch keineswegs so banal daherkommen wie hier im Artikel. Da gibt es durchaus Anklänge an die Postmoderne. Wie die Dinger innerlich aussehen, kann man natürlich nicht sehen.

Wenn man genau ist, sind die Photos hier nicht aussagekräftig, geradezu nichtssagend, eigentlich Antireklame. Städteplanerisch scheint Anting allerdings wirklich nicht der große Wurf zu sein, verdammt konventionell, ein bißchen Grün nach Vorschrift und fette Straßen.

Und hier noch was Schönes, was man nur über Google bekommt, aber nicht über SPON:

Autostadt in Schanghai - Fünf Quadratkilometer Deutschland
http://www.google.de/imgres?imgurl=h...9QEwCQ&dur=145

Beim Gesamtmodell fällt auf, daß die Ähnlichkeiten mit dem aktuellen Stand verschwindend gering sind, egal wie herum man dreht. Das einzige was gleich ist, ist die Unschärfe des Photos. Das braucht moderne Architektur.

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Aufwindkraftwerk 09.10.2011, 17:46
196. Der Kunde ist König

Typisch, die Chinesen wollen Fachwerk und Torbögen, eine deutsche Märchenstadt mit engen Gassen wie Wernigerode, Rotenburg, Alsfeld, Melsungen oder Schmalkalden, und was gibt man Ihnen?
Klobige langweilige Beton-Bauhausklötze, geometrisch langweilig wie ein Lego-Baukasten.
Aber ökologisch!
Na toll!
Jeder Kiosk- oder Flohmarktverkäufer weiß, dass man dem Kunden geben soll, was ER will, nicht was der VERKÄUFER will, aber nein, die Herren Architekten wissen es besser und schulmeistern die Chinesen!
Dann blamieren sie noch Deutschland mit dem Edel-Plattenbau.
Peinlich!

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Snoozel 10.10.2011, 23:07
197. x

Der Hauptgrund warum alte Häuser nicht gekauft werden ist doch einfach die Angst vor den Folgekosten.
Versteckte Mängel, Heizkosten, Denkmalschutz etc., da ziehen viele lieber in irgendwelche sterilen Neubausiedlungen, dicht gefercht wie Hühner in der Eierfarm, ohne Privatsphäre weil das Nachbarsfenster gleich 3m weiter ist, aber Energiesparend.
Gerade bei alten Häusern sollte man auch viel selbst machen, Handwerker sind ja kaum noch bezahlbar, da sind auch viele zu faul zu. Hängen lieber vor dem TV und gucken sich verblödenden Schrott an.

Das man in den neuen Häusern kaum noch leben kann verbreitet sich zum Glück aber immer mehr.
Völlig überdämmt, immer zu warm, ständiges Lüften nötig (alle 2 Stunden empfohlen ... die armen Leute die Arbeiten, Schlafen oder mal im Urlaub sind) und dann zwangsläufig Schimmel wenn man das Lüften verpasst.
Hellhörig sind die Kisten meist auch noch, dank Betonbauweise.
Die Lebensdauer ist auch beschränkt, sobald irgendwo Risse auftauchen ist es vorbei mit dem Energiesparwunder in Luftdichter bauweise.

Ich Orakel jetzt schon das unsere Häuser in 10-20 Jahren ganz anders aufgebaut werden, wieder hin zum Leben im Haus, die jetzige Energiesparwelle mit ihrem Schimmel wird auch wieder vorbei gehen.
Es könnte sogar wieder der Trend zum Holzhaus kommen, Fachwerk, fein mit Lehm ... Holzfaser- oder Zellulosedämmung ... Wandheizung. Zurück zum Ursprung, nur besser.

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joachim_m. 10.10.2011, 11:26
198. Einseitige Schuldzuweisung fehl am Platz

Zitat von blondini
Der Artikel ist ein Genuß. Wie überheblich und dämlich muss einer sein, der nicht hinhört, was sein Kunde will. Der Kunde will etwas bestimmtes. Der Architekt quatscht ihm was anderes auf. Na super. Tiefer in die Vergangenheit wollen wir gar nicht einsteigen, sonst...
Zum Aufquatschen gehören immer zwei, einer der quatscht und einer der quatschen lässt. Und die chinesische Seite waren garantiert keine Leute, die geschäftlich ungewandt sind, solche Leute sind gar nicht in der Position, um über solche Baumaßnahmen zu entscheiden. Wenn so etwas passiert, dann zeigen alle Beteiligten eine gewisse Inkompetenz, die Deutschen haben nicht begriffen, dass es nicht um etwas geht, was vielleicht in Deutschland funktioniert, die Chinesen habe nicht begriffen, dass man eine deutsche Stadt chinesisch bauen muss und dies auch gegenüber dem Architekten vertreten muss. Anders ausgedrückt, etwas, was in Hamburg oder München funktioniert, muss noch lange nicht auf einer nordfriesischen Insel oder in einem bayrischen Dorf funktionieren. Nicht deshalb, weil die Menschen dort hinterm Mond leben, sondern schlicht deshalb, weil die Strukturen unterschiedlich sind. Simples Beispiel: In einem städtischen Umfeld, in dem kaum Grün und Balkone vorhanden sind, sind große Terrassen ein Plus an Lebensqualität, in einer Gegend, in der große Gärten Standard sind, sind noch so große Terrassen ein Minus an Lebensqualität.

Und der Bauherr eines solchen Großvorhabens muss wissen, was in dem konkreten Umfeld geht und was nicht. Natürlich war auf Seiten der Architekten, die letztlich ihre eigenen Träume verwirklicht haben statt für die zukünftigen Nutzer zu bauen, ein gehöriges Stück Ignoranz vorhanden, aber auch die chinesische Seite hat statt kritisch die Vorschläge zu hinterfragen und aus eigener Kompetenz die richtigen Entscheidungen zu treffen und gegenüber den Architekten durchzusetzen, notfalls auch andere Architekten zu beauftragen, einfach mal das übernommen, was diese meinten, was gut wäre. Zudem wurden, wie aus dem SPON-Bericht hervorgeht, wichtige Infrastruktur nicht gebaut. Mich wundert insoweit gar nicht, dass das Projekt nicht nur nicht funktioniert, sondern geradezu in einem Desaster endet. Aber einseitige Schuldzuweisungen sind hier fehl am Platz, erst das einvernehmliche Zusammenwirken von Architekten und Bauherrn am chinesischen Wohnungsmarkt vorbei hat zu diesem Ergebnis geführt.

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Umbriel 10.10.2011, 13:31
199. ?

Zitat von albert schulz
Aber nicht in Deutschland.In den Dreißigern wurden Bunker gebaut und Kasernen und öffentliche Gebäude, das Material wurde zugeteilt..
Ich weiß nicht wie Sie darauf kommen, mein ehemaliges Elternhaus (freistehend, Garten, Nähe Rosenhöhe) steht in Darmstadt, ist erwiesenermaßen höchst erfreulich anzusehen und zu besiedeln, perfekt proportioniert und baulich tadellos ausgeführt im Baujahr 1938.

Bekanntlich erkennt man gute Architektur auch daran, daß dem Bauwerk weder Innen noch Außen irgendwelches Schmuckwerk zugefügt werden muß, um einladend zu wirken.

Die Räume sind auch ohne Dekorationsklimbim perfekt.
Es steht nicht von vorneherein proportionale fest, wo genau welche Möbel hingehören, genug Platz für verschiedene Arrangements ist trotzdem vorhanden.

*

Nicht nur ich finde das Haus super, sondern alle möglichen Leute, die es kennen und es ist nicht das Einzige aus den 30ern.

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