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Stararchitekt Santiago Calatrava verurteilt: Venedigs Problembrücke

Viel zu rutschig und viel zu teuer: Die Glasbrücke über den Canal Grande empört die Venezianer seit Jahren. Ihr Macher, Stararchitekt Santiago Calatrava, wurde nun zu einer Geldstrafe verurteilt.

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könig dickbauch 23.08.2019, 19:02
20. Verantwortung der Auftraggeber

In Bilbao ist dasselbe passiert. Die Fußgängerbrücke ist mit Glasplatten gepflastert, die zwar einen interessanten Blick auf das Wasser darunter erlaubten, sich aber bei Regen in eine glitschige Rutschbahn verwandelten. Jedes Glasbauteil hat einen eigenen Zuschnitt und es wäre entsprechend teuer gewesen, sie alle gegen rutschfestere Platten auszutauschen. Man behalf sich mit aufgeklebtem Antirutschbelag, der sich in kurzer Zeit und unter Wettereinwirkung in einen unansehnlichen Dreckteppich verwandelte. Der von Calatrava bevorzugte weiße Beton bekommt in feuchteren Gegenden wie Bilbao (Küstenwetter) schnell einen grün-gräulichen Belag, wo er dem Regen ausgesetzt ist. Der auch von ihm verantwortete Flughafen der Stadt hat das gleiche Problem, von architektonischen Mängeln abgesehen.
Natürlich sollte Calatrava wissen, dass seine Baumaterialien und Entwürfe eher für semiaride Gegenden wie Valencia oder Sevilla taugen, aber wenn eine Stadt das so in Auftrag gibt und abnickt, dann kann man nur sagen: selber Schuld. Im Falle Bilbao hat das zuständige Gericht übrigens damals eine ähnliche Klage wie in Venedig mit ebendieser Begründung zurückgewiesen.

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brachtendorf 23.08.2019, 19:12
21. Endlich wird mal ein Planer für grobe Fahrlässigkeit belangt!

Dasselbe sollte tunlichst mit Herzog De Meuron Ebenfalls geschehen, die bei der Elbphilharmonie versagt haben! Diese sollte kostenneutral (Wohnungen, Hotel) gebaut werden und verschlang dann fast eine Milliarde.
Das sollten bitte die Architekten stemmen.

Der Flughafen Berlin, der Bahnhof in Stuttgart. Auch hier sollten die Mehrkosten durch die mangelhafte Planung den Planern angelastet werden.

Nur durch solche Verantwortlichkeit würden diese Ingenieurdienstleistungen wieder qualitativ hochwertig ausgeführt werden.
Und Wowereits und Mehdorns und andere Manager erkennen, sich besser aus solchen Projekten herauszuhalten.

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darthmax 23.08.2019, 19:53
22. Rutschig

Zitat von mayazi
Rollstühle, Kinderwagen, Rollatoren zu ignorieren finde ich schon ein ziemliches Stück. Und dass eine glatte Oberfläche bei Feuchtigkeit rutschig wird sollte ein Architekt wissen.
Als in Hamburg der Jungfernstieg neu designed wurde, war den Archtitekten weder bekannt das Marmor bei Regen eine Rutsche ist, noch das Es ein Kaugummiprobem gibt, die Radfahrstreifen sind eine Beleidigung für sicheren Strassenverkehr.
Sah im Neuzustand aber hübsch aus , dann werden die Fotos gemacht und wen interessiert das Nachher. Leider können Architekten als Künstler immer wieder direkt mit den Bürgermeistern alles absprechen und die verantwortlichen Techniker werden schlichtweg ignoriert.
Auch Die Elbphili war wohl nicht für Publikum gebaut.

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at.engel 23.08.2019, 20:18
23.

Architekten machen Vorschläge, die Entscheidung eine Brücke mit Glastreppen zu bauen - meiner bescheidenen Meinung nach sowohl ästhetisch als auch praktisch kompletter Schwachsinn - und ich mag den Architekten sonst ganz gern - die Entscheidung hat sicher die Stadt getroffen. Wenn die sich nur einen "Namen" kaufen bzw. es nicht schaffen, einem Archtiketen zu sagen, "die Brücke ist ja ganz schön, aber das mit den Glasstufen geht gar nicht, dann sind sie schon selbst schuld.
Abgesehen davon ist mir die letzten zwanzig Jahre immer wieder aufgefallen, dass es Architekten - auch durchaus gute - nicht schaffen, die klimatischen Gegebenheiten zu berücksichtigen. Da wird dann z.B. in der Mittelmeergegend an der Südseite eines Gebäudes eine über zwei Etagegen gehende Glasfront eingebaut, hinter der es dann ab Mai tropische Arbeitsbedingungen hat. Oder eine Busendstation, an der dann Mittags die Busfahrer zwanzig Minuten lang unter einem durchsichtigen Glasdach stehen - Schatten gleich null. Dass es in Venedig ab und zu schneit und regnet, hätte man eigentlich auch herausfinden können... Aber irgendwie verlieren Architekten dann bei solchen Projekten jegliche Bodenhaftung. Vielleicht hätte irgendjemand Calatrava darin erinnern sollen, dass über seine Brücke auch wirklich Leute sollen...

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Dicke_Berta 23.08.2019, 20:21
24. In unserer Stadt hat ein Architekt

einen Marktplatz und Durchgangsstraße mit großquadrigem, indischen Marmor pflastern lassen. Eine Zumutung für alle Verkehrsteilnehmer. Mit anderen Worten ; der letzte Dreck. Holprig ud gefährlich. Nun hat die Stadt versucht einen anderen Belag verlegen zu lassen,aber nicht bedacht,daß der Architekt das Urheberrecht auf die Platzgestaltung hat. Für 80 Jahre geht nur was mit seiner Genehmigung. Will der alte gnatterige Sack aber nicht so richtig. Architekten? Was soll man dazu sagen? Alleine eine Brücke mit Glasstufen belegen zu lassen. Was für eine Idiotie. Schlimmer ist es aber,daß davon offensichtlich die Chinesen auch nichts gelernt haben und irgendwo doch auch so einen Glasbodenkram gelegt haben, der gleich repariert werden mußte

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PriseSalz 23.08.2019, 20:21
25. Kostenunterschätzungen?

Kostenunter'schätzungen' bei Bauvorhaben sind keineswegs Fehler, sondern Systembedingt. Jedes halbwegs begabte Architekt/Ökonom-Team kann die echten Kosten lange vor Baubeginn nennen. Für das Angebot oder die Planung werden die Kosten klein gerechnet um den Auftrag zu bekommen bzw., bei öffentlichen Vorhaben, das Ganze dem Bürger schmackhaft zu machen. Erst wenn der Point of No Return erreicht ist, werden die echten Kosten peu a peu offengelegt. Ich gratuliere den italienischen Richtern dass sie mal dagegen vorgehen.
Das zweite Problem ist aber, vor allem bei öffentlichen Bauvorhaben, eine erschreckende Nachlässigkeit oder Unvermögen der Auftraggeber. Das Glas eine Flüssigkeit ist und als solche nicht für die Beanspruchung durch ständige Begehung geeignet, sollte man im Bauamt schon wissen, genauso wie die Tatsache das Glas bei Nässe rutschig wird. Entscheidungsträger die so etwas abnicken sollten niemals mehr Entscheidungen treffen dürfen. Machte ein privater Bauträger so etwas, würde er sich beim ersten Unfall mit saftigen Schadensersatzforderung konfrontiert sehen.

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bartsuisse 23.08.2019, 20:35
26. völlig normale Brücke

und am Beginn des Canal Grande. Wer da drüber will kommt nach 200 m an die nächste Brücke mit Stufen, danach an die nächste mit Stufen etc.....Venedig ist per Definition nicht Rollstuhlgängig. Das Glas mag ein Problem sein....wie vieles andere in Venedig.....darum ist die Busse auch nicht sehr hoch im Vergleich zum Wert. Calatrava ist übrigens auch Schweizer, sein Atelier in Zürich

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The Independent 23.08.2019, 21:00
27.

Zitat von brachtendorf
Der Flughafen Berlin, ... Auch hier sollten die Mehrkosten durch die mangelhafte Planung den Planern angelastet werden. Nur durch solche Verantwortlichkeit würden diese Ingenieurdienstleistungen wieder qualitativ hochwertig ausgeführt werden. Und Wowereits und Mehdorns und andere Manager erkennen, sich besser aus solchen Projekten herauszuhalten.
Es arbeiten nicht nur klassische Architekten in diesem Bereich. Je nach Wahl des Ausbildungsweges, und nach Wahl der Ausbildungsstätte (Universität - da oft TU oder TH, FH, Kunstakademie, Berufsakademie, techn. Mittelschule), liegt der Schwerpunkt entweder bei der klassichen Baukunst (vom Architekten, über den Tiefbauingenieur bis zum technischen Zeichner), oder bei der angewandten Technik (gerade hier sind auch oft Ingenieure am Start), oder sogar nur auf dem gestalterischen Aspekt.

Statikberechnungen werden z.B. in Architektenbüros oft von Tiefbauingenieuren ausgeführt, damit sich der Architekt der künstlerischen Planung widmen kann. Auch die Brandschutzeinrichtungen (die Anlage im BER war ja bekanntermaßen mangelhaft) + die klimatechnischen Anlagen werden oft von Ingenieuren der entsprechenden Fachrichtungen, und nicht vom Architekten selbst geplant bzw. betreut.
Ist das der Fall, dann hat der Architekt zwar die Gesamtaufsicht (und Verantwortung), aber nicht zwingend die einzelnen Anlagen auch "verbrochen".
Beim BER gingen wohl außerdem einige der ausführenden Firmen hins. der Brandschutzanlage bzw. Verkabelung u. Rohrverlegung wohl nicht wirklich fachgerecht vor. Wenn ich mich recht erinnere, ging eine der Firmen sogar Konkurs.

Zu Wowereit und später Platzeck (Handelsblatt-Schlagzeile bei Mehdorns Antritt: "Kontrollverlust der Kontolleure"): Die Aufsichtsratsvorsitzenden hätten so führen müssen, dass Fehlentwicklungen und Fehler der Ingenieure/Bauleiter, aber auch der ausführenden Firma, früher auffallen, um dann ein schnelleres Gegensteuern einleiten zu können. Dort hat man auf die Fachleute bzw. untergeordneten Instanzen vertraut.
Mehdorn hat zwar angeblich das Chaos während seines zweijährigen Vorsitzes halbwegs geordnet, er hat aber wohl dann versucht solche Unsummen durch den Aufsichtsrat zu winken (um die Fehler schnell - aber mit sehr hohen Kosten - zu beheben), dass er sich aufgrund der dortigen Differenzen in den Ruhestand verabschiedete.

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gwyar 23.08.2019, 21:09
28. Verständnisfrage

Wenn ich hier einige Kommentare lese, frage ich mich, weshalb es eigentlich eines Architekten bedarf... Scheinbar bin ich der irrigen Annahme, dass ich - als Laie - einen Architekten beauftragen, welcher mir eine Lösung für mein Vorhaben liefert. Dafür bekommt er (eine Menge) Geld. Einige Kommentatoren sehen es scheinbar anders; wie sonst soll ich es interpretieren, wenn ich lese "irgendwer muss es ja auch abgenickt haben". Wenn ich als Auftraggeber Zeit, Qualifikation und Wissen besitze, alle Erfordernisse und Unwägbarkeiten zu erkennen - wofür brauche ich dann noch einen Architekten? Dann reichte auch ein Leserwettbewerb um des Designs und den Rest könnte ich ja gleich selbst nebenbei erledigen. Nein, genau deshalb braucht es einen Architekten: um in einem ästhetischen Entwurf die Anforderungen zu berücksichtigen. Meine laienhafte Meinung dazu.

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brotzeitholer 23.08.2019, 21:23
29. stimmt schon, aber

Zitat von gwyar
Wenn ich hier einige Kommentare lese, frage ich mich, weshalb es eigentlich eines Architekten bedarf... Scheinbar bin ich der irrigen Annahme, dass ich - als Laie - einen Architekten beauftragen, welcher mir eine Lösung für mein Vorhaben liefert. ...
Da haben Sie schon grundsätzlich recht, allerdings sind bei öffentlichen Bauaufträgen, auf der Auftraggeberseite normalerweise auch Architekten involviert. Daher ist die Kritik schon berechtigt.

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