Forum: Reise
U-Bahn-Pendler in Tokio: Platt gemacht
Michael Wolf / laif

Gepresst, gequetscht, dem Schicksal ergeben - Pendler in Tokio machen bei jeder U-Bahn-Fahrt eine Extremerfahrung: die Enge. Der Fotograf Michael Wolf ist den Menschen hinter den Fensterscheiben ganz nah gekommen.

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Sebastian Mellmann 20.10.2014, 08:28
1.

Ich war Ende 2012 für ein paar Tage in Tokio und kann das nur bestätigen. Es war im September und noch sehr warm für die Jahreszeit und vor allem auch sehr feucht. Sich dann noch in eine überfüllte Bahn zu quetschen ist wirklich nicht das Gelbe vom Ei! Das einzig Gute daran war, dass ich 1.85m bin und somit über fast alle Leute hinwegschauen konnte.

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Korken 20.10.2014, 08:59
2. Unglaublich - der Fotograf

Erst einmal bedenklich, dass man für ein simples, alltägliches Bahnfoto über eine Situation, die man seit Jahrzehnten kennt, einen Preis erhalten kann.

Ebenso bedenklich, dass ein Fotograf höchstwahrscheinlich ungefragt femde Menschen nicht als Beiwerk sondern als Hauptwerk verwendet.

Genauso typsich bemitleidenswert sind die Bildunterschriften über die anscheinend so traurigen Fotos. Der Fotograf suchte sich dabei extra Regenwetter heraus, um alles noch dramatischer darzustellen.

Regenwetter bedeutet gerne auch mal kältere Luft außen, wobei sich Innen unwiderbringlich Kondenswasser an den Scheiben bildet. Die Klimaanalagen in den Zügen sind oft sehr stark eingestellt aber bringen dementsprechend trotzdem Erleichterung.

Es handelt sich bei den Zügen wahrscheinlich auch meist um Vorort-S-Bahn Expresszüge, welche so überfüllt sind. An den U-Bahnen in der Innenstadt ist diese Drückerei nicht mehr oft anzutreffen, auch weil es dort zur Sicherheit seit mehreren Jahren immer mehr doppelte Türen Zug-Bahnsteig gibt. Wenn einer in der Lichtschranke steht, geht sie nicht zu.

Außerdem könnten die Pendler größtenteils solchem Drücken entkommen, wenn sie sich mehr auf die Züge aufteilen würden. Die Lokalzüge sind meistens nur halb voll während an den Expresszughaltestellen alle in die Expresszüge umsteigen, um ein paar Minuten früher auf Arbeit zu sein. Gerne, je nach Linie, konzentriert sich der Pulk dann auf einen bestimmten Zugteil, der näher am Ausgang hält, während der andere Teil des Zuges halb leer bleibt.

Ja, es gibt noch die berühmten Einsteighelfer, muss man gar nicht leugnen, aber die Art und Weise wie hier krokodilstränenmäßig falsches Mitleid vorgetäuscht wird ist bedauerlich. Das Phänomen konzentriert sich auf wenige Linien und dort auf wenige Stationen, allerdings bis heute täglich. Der Zug ist für den Rest der Fahrt natürlich voll aber die unglaubliche Disziplin in Tokyo macht selbst dann das Aus- und Einsteigen in geordneter und schneller Weise möglich. Wer stattdessen auf den nächsten Zug wartet tut dies im Innenstadtbereich zur Hauptverkehrszeit dann auch nur 90 Sekunden. Selbst bei diesen Menschenmassen funktioniert der pünktliche Verkehr - man stelle sich dies mit der DB vor. Abwesend in sich gekehrt sind in den Bahnen in Tokyo, gerade zur Pendlerzeit fast alle, auch wenn der Zug leer sein sollte.

Immer wieder erstaunlich, oder besser "typisch erwartend", wie sich Westler als überlegen bemitleidend in asiatischen Megametropolen aufspielen. Aber dieser Fotograf ist nicht der einzige. Es gibt eine handvoll "Berichterstatter", die ihre boulevardmäßigen Artikel von dort an deutsche Zeitungen verhökern und ihren bemitleidenswerten Lebensunterhalt damit bestreiten versuchen.

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stauss4 20.10.2014, 09:08
3. Freiheit

Arbeitssklaven, die nicht begreifen, dass sie Sklaven sind und die ihre Lebensplanung einrichten, um Obersklaven zu werden.

Japan ist ein grosses Land und hat viele Regionen, in denn Menschen menschenwürdig leben können und nicht wie Ratten in einer Kanalisation. Dort verhungert auch keiner. Das wirklich erschreckende bei diesen Menschen ist, dass die noch nicht einmal für sich selbst ihre eigenen Prioritäten setzen können. Dass die stumm und dumpf das mit sich machen lassen.

In Nineteen Eighty-Four hat George Orwell 1948 genau das beschrieben. Dahin hat sich die Welt entwickelt.

Die Welt ist die Innenansicht einer Irrenanstalt.

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tororosoba 20.10.2014, 09:23
4. Pendeln in Tokyo

Tokio ist eben nicht ganz so klein, die Arbeitsplätze sind im Zentrum, die Häuser gerne 50 oder 80 Kilometer weg, weil im Zentrum unbezahlbar.

Bis zu zwei Stunden Fahrtzeit werden im allgemeinen akzeptiert. So lange zu stehen, ist schon übel; schlimmer noch, wenn ein Teil der Fahrt oder die gesamte Strecke in solch drangvoller Enge erlitten werden muss. Man ist schon müde, wenn man am Arbeitsplatz ankommt.

Besonders schön wird's dann im Sommer bei 35 schwülen Grad. Erst völlig verschwitzt, dann wegen der brutalen Klimaanlage erkältet. Man lernt Stoizismus, und genau das ist es, was die Gesichter in den Photos ausdrücken.

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muellerthomas 20.10.2014, 09:57
5.

Als ich in Tokio war, hab ich sowas (leider) nicht erlebt. Ich hatte eigentlich gehofft, solche Szenen fotografieren zu können, aber die Bahnen waren nicht voller als europäischen Großstädten auch.

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Svenako 20.10.2014, 11:28
6. Ein falscher Eindruck

Mit insgesamt 10 Tagen Tokio-Erfahrung kann ich das, was aus Artikel und Bildern vermittelt werden soll, nämlich dass dies der Alltag in Tokioer U-Bahn sei, überhaupt nicht bestätigen. Zur Rush-hour ist es dort natürlich voll, aber nicht voller als in Berlin, Hamburg oder London auch.
Im übrigen ist die Tokioer U-Bahn pünktlicher und sauberer und fährt mit kürzerer Frequenz als ich das aus irgendeiner europäischen Großstadt kenne und die Japaner sind dabei, wie auch sonst im Alltag, außerordentlich diszipliniert.

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AlexMoritz 20.10.2014, 11:40
7. Da braucht man nur nach London gehen...

Ich habe jahrelang in London gelebt und durfte den allmorgendlichen Verkehr zusammen mit Millionen anderer Menschen ertragen, das unterscheidet sich kein Stück von Tokio.

Züge sind brechend voll, teilweise muss man 3-4 U-Bahnen fahren lassen, da diese so voll sind, dass man schlichtweg nicht mehr rein passt, an den Gates zum Bahnhof staut es sich gerne mal 10-15 Minuten und/oder die Bahnhöfe werden wegen Überfüllung für 10 Minuten geschlossen, bis die Leute aus dem Bahnhof abgeflossen sind.

Dazu kommt, dass die U-Bahn bislang nur auf ganz wenigen Linien klimatisiert ist, was bei diesen Menschenmengen und der relativ tiefen Lage der Linien bedeutet, dass es im Sommer gerne mal 50 Grad in den Zügen wird. Bislang ist die einzige Gegenmaßnahme eine Kampagne, Wasser einzupacken - allerdings hat Boris versprochen (der Bürgermeister), alle U-Bahnen mit Klimaanlagen nachzurüsten.

Unterm Strich gibt es keine großen Unterschiede mehr. Selbst die U-Bahnen in Berlin sind in den letzten 10 Jahren zunehmend voller geworden, früher gab es immer Sitzplätze, inzwischen muss zum Hauptverkehr auch gestanden werden, allerdings ist da noch Luft durch höhere Frequenzen (was die BVG wohl jetzt auch tun wird), in London sind teilweise die Züge im 60-Sekunden-Takt unterwegs, wenn die noch mehr Züge einsetzen, könnte man von einem Zug zum nächsten nahtlos laufen ;)

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oli h 20.10.2014, 11:46
8. Models wider willen

Bei den Bildern frage ich mich auch, wie's so mit dem Recht am eigenen Bild steht. Ist in Japan vielleicht anders. Aber das ist das generelle Problem der Street-Fotografie. Es werden irgendwelche Leute fotografiert die das vielleicht gar nicht wollen. Fragt man sie vorher um Erlaubnis bekommt man aber keine ungekünstelten Bilder mehr. Ich finde es trotzdem generell nicht ok, jemand ungefragt abzulichten, insbesondere wenn das dann noch veröffentlicht wird.

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diskantus 20.10.2014, 13:04
9.

Da sind großartige Bilder drunter.

Es ist faszinierend zu sehen, wie die Menschen mit dieser Situation umgehen. Die einen verwenden Mudras und meditieren, die anderen hören Musik, denken irgendwas - und hoffen, dass die Zeit rasch vergeht.

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