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Ex-St. Pauli-Profi Biermann: "Jetzt kann ich Robert Enke verstehen"

Hat Teresa Enke ihm das Leben gerettet? In seiner Biografie erinnert sich Andreas Biermann daran, wie ihn*die Witwe des Torhüters*dazu brachte,*eine Therapie gegen seine Depressionen*zu beginnen.*Die Jobsuche*gestaltet sich für den ehemaligen Profi des FC St. Pauli hingegen*mehr als schwierig.

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fpa 20.03.2011, 11:33
1. Nicht nur im Fußball, und nicht nur bei Depressionen

Zitat von sysop
Hat Teresa Enke ihm das Leben gerettet? In seiner Biografie erinnert sich Andreas Biermann daran, wie ihn*die Witwe des Torhüters*dazu brachte,*eine Therapie gegen seine Depressionen*zu beginnen.*Die Jobsuche*gestaltet sich für den ehemaligen Profi des FC St. Pauli hingegen*mehr als schwierig.
Sich mit einer psychischen Erkrankung zu outen bleibt höchst problematisch. Und zwar nicht nur im Fußball, im Grunde überall in der Gesellschaft. Und was für Depressionen gilt, gilt leider im gleichen Maße auch für ADHS und Bipolare Störungen, Promblemfelder bei denen ich viele Jahre in der Selbsthilfe tätig war. Mit einem solchen Label bekommt man nicht nur im Profi-Sport keinen Job mehr, in der Industrie genauso wenig.

Gerade im Feld des ADHS werde ich auf Grund jener persönlichen 20 Jahre Langzeiterfahrungen von Journalisten immer mal wieder angesprochen, ob ich nicht Kontakte zu Personen herstellen könnte, die gerade auch auf Grund ihrer Therapie erfolgreich durch Schule und Studium marschiert sind und heute auch erfolgreich damit umgehen können. Ich muss diese Wünsche leider grundsätzlich ablehnen, denn auch wenn man damit umgehen kann, etliche Grundeigenschaften, wie Stimmungslabilität, Schwierigkeiten sich in Gruppen einzufügen, alles auf den letzten Drücker machen, krasser Leistungsabfall bei Routine, usw. - das bleibt ja alles (im Grunde lebenslang) erhalten. Man kann die Arbeitgeber ja sogar ein wenig verstehen. "Heilen" kann man immer nur den grenzübertretenden Schritt von der Veranlagung zu Störung bzw. Krankheit, nicht aber die Veranlagung selbst.

Mit den beiden gesellschaftlichen Prämissen: "Der Mensch sei nur das, was er in jedem Augenblick ökonomisch leistet." und "Im Zweifel wird eine bedingungslose Anpassung erwartet, die notfalls auch gegen den Willen des Anzupassenden erzwungen werden muss.", kann man Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen nicht gesellschaftlich integrieren. Hier muss ein Umdenken stattfinden. Die Ursache der Stigmatisierung ist in den allermeisten Fällen ja nicht böswillig, sondern nur die eigene Schutzreaktion auf obige Prämissen.

Die, die es dennoch schaffen (vor allem in den Bereichen Musik, Kunst, Theater und Medien), haben es stets aus eigener Kraft geschafft. Diese Beispiele - öffentlich machen darf man sie leider immer erst nach deren Tod - machen mehr Hoffnung als jeder Wunsch nach besserer gesellschaftlicher Akzeptanz.

Outen und Aufklärung bewirkt leider eben nicht, dass die anderen sich dann auf die besonderen Fähigkeiten der betroffenen fokussieren, sondern im Gegenteil weiter stets auf die Schwächen. Selbst bei den gutwilligen entsteht meist eher Mitleid als Mitnahme. Schwierig. So glauben sich - wieder bei ADHS - auch gutwillige TV-Journalisten, die wirklich helfen wollen, das Off-Label-Problem (d.h. Medikation bei Erwachsenen wird von den Kassen oft nicht getragen, oder gar den verschreibenden Ärzten in Rechnung gestellt) öffentlich zu machen, zu unrecht mißtraut, wenn man sich weigert, ihnen die gewünschten Bilder zu liefern. Denn das Beispiel von Biermann zeigt, als Berater/Coach solcher Menschen darf man sie nicht zum öffentlichen Outing verlocken. Außer sie wollen sich persönlich bewußt und willentlich opfern für ihresgleichen. So etwas gibt es hin und wieder ja auch, nicht nur beim Reaktorunfall in Japan.

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aridion 20.03.2011, 11:47
2. Sind denn schon wieder 2 Wochen um?

So langsam bekommt diese Biermann Geschichte hier den Touch eines Starschnittes....alle 2 Wochen kommt ein neues Kapitel aus diesem "Besteller" und wenn man lange genug sich mit diesen Artikeln rumquält, braucht man dieses "Meisterwerk" auch nicht mehr kaufen.

Ein Mensch hatte Probleme, weil er spielsüchtig war. OK, das ist tragisch, kommt aber in Deutschland öfter vor. Das dieser Mensch bei St. Pauli versucht hat Fussball zu spielen, macht das Schicksal dieses speziellen Menschen allerdings nicht erwähnenswerter als jenes all derer, die zu Hause sitzen und nciht wissen, wie sie aus der Problematik herauskommen sollen, eher das Gegenteil ist der Fall...

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Yves73 20.03.2011, 12:09
3. Was ist richtig ?

Kurz vorab - ich bin selbst betroffen und habe jetzt auch durch die Krankheit meinen Job verloren. Nach 8 Monaten Krankheitsausfall habe ich in der Bank bei der ich arbeite keine Chance mehr einen neuen Job zu finden. Natürlich darf mir deswegen nicht gekündigt werden. Aber es geht trotzdem ganz einfach. Kurze interne Reorganisation, man selbst ist nicht dabei und hat dann "alle Zeit, die man braucht". In der Reintegrationsphase wurden mir Aufgaben zugeteilt, die dermassen unter meinem Niveau waren. Ich musste zum Teil Aufgaben erledigen, die ich selbst Studenten nicht übergeben hätte. Ein Jahr lang. Immer wieder habe ich darum gebeten, etwas anspruchsvolleres tun zu dürfen. Keine Chance. Am Ende des Jahres gab es eine katastrophale Beurteilung, weil ich mein Potential nicht ausschöpfen konnte. ???
Interne Bewerbungen waren zu Anfang immer begeistert aufgenommen worden. Nach einem Blick in die Personalakte waren die Jobs dann seltsamerweise immer schon vergeben, wurden nicht mehr besetzt oder man hat mich einfach nicht mehr informiert, geschweige denn eine Absage geschickt. Und das in einem global agierenden Unternehmen mit knapp 70.000 Mitarbeitern.
Es scheint leider eher die Regel, als die Ausnahme zu sein, dass das Thema in der Arbeitswelt ein Tabu-Thema ist. Mein ehemaliger Vorgesetzter hatte mir insgeheim erzählt, dass er selbst auch Jahre lang darunter gelitten hatte. Er hat es aber immer verschwiegen, weil er sonst das gleiche Schicksal erfahren hätte wie ich.
Wie auch immer - ich kann nur jedem raten, sich behandeln zu lassen. Arbeitsplatz hin oder her. Einen neuen Job zu finden ist leichter, als mit dem Verlust der Familie, oder dem Verlust des sozialen Umfeldes zurecht zu kommen. Geschweige denn, den finalen Schritt zu tun, der zwar als einfacher Ausweg vor einem liegt.
Nach der Behandlung geht es mir wieder wesentlich besser. Ein neuer Job ist in Aussicht, die Familie steht nach wie vor hinter mir. Glück gehabt, oder alles richtig gemacht?

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Kains Abel 20.03.2011, 12:29
4. Öh?

Zitat von aridion
So langsam bekommt diese Biermann Geschichte hier den Touch eines Starschnittes....alle 2 Wochen kommt ein neues Kapitel aus diesem "Besteller" und wenn man lange genug sich mit diesen Artikeln rumquält, braucht man dieses "Meisterwerk" auch nicht mehr kaufen. Ein Mensch hatte Probleme, weil er spielsüchtig war...
Öh, habe ich einen anderen Artikel gelesen oder bringen Sie da irgendwas durcheinander?

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schna´sel 20.03.2011, 12:35
5. All Along the Watchtower

Zitat von fpa
Mit den beiden gesellschaftlichen Prämissen: "Der Mensch sei nur das, was er in jedem Augenblick ökonomisch leistet." und "Im Zweifel wird eine bedingungslose Anpassung erwartet, die notfalls auch gegen den Willen des Anzupassenden erzwungen werden muss.", kann man Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen nicht gesellschaftlich integrieren. Hier muss ein Umdenken stattfinden. Die Ursache der Stigmatisierung ist in den allermeisten Fällen ja nicht böswillig, sondern nur die eigene Schutzreaktion auf obige Prämissen.
Natürlich ist das in den meisten Fällen nicht bösartig. Es gibt dennoch keinerlei Hoffnung dafür, dass ich an diesen Prämissen jemals auch nur das Geringste verändern ließe. Schauen Sie sich die Schlagzeilen an: Interessant sind immer nur die Meldungen, in denen es um die Bestätigung eben jener Bedingungen geht. Krieg, Gewalt, lecker Katastrophen. Oder News und Unterhaltungsware. Für Konsumenten, den Markt aufbereitet und für die Massen mundgerecht verpackt. Klitschko, Gaddafi, Fukushima - so ist die Welt und nichts anderes verkauft sich. Auch der Sport ist ja auch nicht mehr als gezähmte, ritualisierte Aggression.
Und die Wenigen, die erfolgreich durch die Hölle der Haifischbecken von Musik, Kunst, Theater und Medien gegangen sind, wiegen die Vielen, die dort auf der Strecke bleiben und dann doch unerkannt und ausgemustert in der Sozialhilfe landen nicht auf. Gerade in den Bereichen geht doch nur noch um Erfolg. Oder um die Seilschaften subventionierter Kultur. Und damit verbunden Anpassung an Interessengruppen, Lobbys und Macht. Das sind dieselben Strukturen. Erfolg, im klassischen Sinne. Und der taugt nicht viel als Vorbild für einen Depressiven. Weil die Erfolgreichen immer nur die sind, die sich ihre Empfindsamkeit abtrainiert haben. No Way Out of here...

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fpa 20.03.2011, 13:34
6. Selbstbestimmtheit ist das Entscheidende

Zitat von schna´sel
Und die Wenigen, die erfolgreich durch die Hölle der Haifischbecken von Musik, Kunst, Theater und Medien gegangen sind, wiegen die Vielen, die dort auf der Strecke bleiben und dann doch unerkannt und ausgemustert in der Sozialhilfe landen nicht auf. Gerade in den Bereichen geht doch nur noch um Erfolg. Oder um die Seilschaften subventionierter Kultur. Und damit verbunden Anpassung an Interessengruppen, Lobbys und Macht. Das sind dieselben Strukturen. Erfolg, im klassischen Sinne. Und der taugt nicht viel als Vorbild für einen Depressiven. Weil die Erfolgreichen immer nur die sind, die sich ihre Empfindsamkeit abtrainiert haben. No Way Out of here...
Was die Statistik anbelangt, haben Sie sicherlich Recht. Auch muss man etwas vorsichtig sein, generell nur von "Depression" zu sprechen. Der Weg dorthin ist bei Major Depression sicher nicht der gleiche wie z.B. über manische Depressionen oder ADHS.

Aber das "Haifischbecken" an sich ist nicht das Problem, ja selbst die "Anpassung" ist nicht das Problem, sondern der Zwang zur Anpassung und die Fremdbestimmung. Und in jenen Kultur- und Medienbereichen setzt sie, verglichen mit anderen gesellschaftlichen Feldern, relativ spät ein. Und diese bieten darüber hinaus noch Möglichkeiten, die eigenen, über die Norm herausragenden, kreativen Fähigkeiten auch ausleben und anwenden zu können. Und selbst die zeitliche Hetze von einem Thema aufs nächte kommt Menschen entgegen, die von ihrer biologischen Natur her in Ruhe und Routine immer wieder von krassen und quälenden Unterreizungszuständen (Langeweile, innere Unruhe, innere Leere) geplagt werden, wie eben bei Bipolar oder ADHS. Diese Menschen stabilisieren sich und ihre Psyche eben nicht durch das "Erreichen von Zielen" sondern durch das "Jagen nach Zielen". Erfolg schützt nicht vor Depressionen.

Entscheidend bleibt aber, das die Selbstbestimmtheit nicht in Frage gestellt oder gar unterbunden wird. Übrigens, es geht noch krasser, kriminell: Mir ist jemand bekannt, der als Kind die gesamte Schulzeit über nicht beschulbar war. Wegen seiner Verhaltensprobleme flog er selbst von Spezialinternaten. Heute nennt er sich "von und zu" und benimmt sich so charmant, höflich und edel, wie die echten reichen Adligen, sodass er unter jenen nicht mal Argwohn erweckt. Also eine 180° Wandlung von komplett nicht anpassungsfähig zu über alle Maßen anpassungsfähig. Der einzige Unterschied ist, dass ersteres andere von ihm verlangt haben, letzteres er sich aber selbst ausgesucht hat.

Auch der hat sich seine Hochstapelei als quasi Nische genommen. Im Grunde als eine Art unspezifische Selbstmedikation für seine biologische Veranlagung, wie so mancher Künstler eben auch (bezeichnender Spruch von Gerard Depardieu: "Wenn ich nicht Schauspieler geworden wäre, wäre ich kriminell geworden"). Weil es unmöglich ist, jene Allergie auf bereits kleinste Anzeichen von Fremdbestimmtheit, aus jenen Menschen herauszubekommen, müssen wir es zwangsläufig umgekehrt machen. Nämlich ihnen gesellschaftskonforme Möglichkeiten totaler Selbstbestimmtheit bieten. Irgendwo hat die Gesellschaft schon die Wahl, ob man diese Menschen durch unnötigen Anpassungszwang lieber so psychisch krank machen will, dass sie ein Fall für den Psychiater werden, früh verrenten, usw. - und wir sie (und uns als Gesellschaft!) damit auch ihrer produktiven Chancen berauben, oder ob wir uns deren z.T. außergewöhnlichgen Fähigkeiten zunutze machen möchten.

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langenscheidt 20.03.2011, 13:58
7. Mitleid ist fehl am Platz

Depressionen verursachen wochen- oder monatelange Arbeitspausen (im Plural!) per Krankenschein.
Das tut sich kein Arbeitgeber auf der ganzen Welt an. Der muß den Laden am Leben halten. Auch Kollegen leiden unter Depressiven. Sie müssen deren Arbeit wochen- und monatelang mitmachen.

Nicht der Arbeitgeber ist voll verantwortlich, den Depressiven zu heilen oder dessen Krankheit weitestgehend zu stoppen und dessen Krankheit weiter latent im Arbeitsprozess zu dulden. Er kann höchstens motivierend begleiten und einwirken.
Der Betroffene muß was für sich tun, Maßnahmen ergreifen, Hilfe annehmen, um sein Leben in den Griff zu bekommen.

Beste Beispiele für Sportler, die selbst aktiv wurden, nicht zu jammern sondern sich selbst nüchtern zu betrachten und Eigenverantwortung zu übernehmen sind Sebastian Deisler und Sven Hannawald.

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pmjarosch 20.03.2011, 15:12
8. Depressive

@Langenscheidt

Ich kann Ihre grundsätzlichen Gedankengänge was das angeht nicht verstehen. Allerdings liegt dies in diesem Fall nur an der "Krankheit" Depression.

Wenn es hier um Krebskranke gehen würde, würde die Unterstützung weitesgehend in Ihrer beschreibung anders aussehen. Ganz zu schweigen davon, das eine Entlassung eines Krebskranken Probleme mit sich ziehen, was Diskriminierung angeht.

Da das Thema Depressionen in unserer Gesellschaft aber Totgeschwiegen wird gibt es hier grundsätzlich 2 Lager:

- Die einen, die Depressiv sind oder waren und volles Verständnis für solche Leute aufbringen, weil sie wissen was sie durchmachen/durchgemacht haben.

- Die Menschen die es nicht erlebt haben und sich auch gar nicht vorstellen können was es überhaupt zu bedeuten hat Depressiv zu sein. Ein Depressiver fällt nicht automatisch Wochen- oder Monatelang aus nur weil er Depressiv ist.

Ich selber leider unter Depressionen und konnte trotzdem eine Ausbildung machen und mein Abitur und das ganze nebenbei. Es kommt immer darauf an ob man sich helfen lässt, und Freunde und Familie hat die einen unterstützen.

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de.nada 20.03.2011, 15:34
9. ~

Zitat von pmjarosch
Da das Thema Depressionen in unserer Gesellschaft aber Totgeschwiegen wird gibt es hier grundsätzlich 2 Lager: - Die einen, die Depressiv sind oder waren und volles Verständnis für solche Leute aufbringen,..... - Die Menschen die es nicht erlebt haben und sich auch gar nicht vorstellen können .......
Da kann ich Ihnen vom Dritten Lager berichten, von denen die depressive Menschen kennen die keinerlei Hilfe suchen oder wollen. Was selbstverständlich ein direktes Symptom der Depression ist.
Mir fehlt da mittlerweile jegliches Verständnis.
Mir wäre, ganz ehrlich, ein Familienmitglied mit Alzheimer wesentlich lieber.

Aber weil's vorhin nicht erschien, was hat denn jemand zu erwarten, der mit unter 20 Jahren schon mehrfach die immer wiederkehrende Verletzung an Bändern des selben Fußgelenks hatte. Der ist doch bei der Jobsuche in Profifußball auch nicht besser gestellt.

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