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Schach-Weltmeister Carlsen: Das Wunderkind ist müde geworden
AFP

Es war eine Titelverteidigung, ohne zu überzeugen. Erst im Tiebreak spielte Magnus Carlsen seine Qualitäten bei der Schach-WM aus. Der Norweger hat seinen Schwung aus früheren Jahren eingebüßt.

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aeckermann 29.11.2018, 20:45
10. Überlegenheit und "engines"

In der zwölften Partie bot Carlsen in überlegener Stellung seinem Gegner Remis an und dieser nahm an - was sonst? War das nicht eine kräftige Demütigung, die der Weltmeister damit seinem Herausforderer verpasste? Die folgenden drei Spiele im Schnellschach zeigten die Überlegenheit des Meisters, vor allem das dritte Spiel. Eine zweite Dame geholt bei einem fast gleichwertigen Gegner. Man glaubt nicht, dass so etwas auf diesem Niveau möglich ist. Ich bin ein Amateur und spiele gerne gegen "menschliche" Gegner. Meist werden unsere Spiele entschieden, wenn Fehler gemacht werden. Und das macht Spaß! Oft entscheidet die Tagesform und das augenblickliche Konzentrationsvermögen. Die "engines" spielen keine Rolle und Assistenten haben wir auch keine. Mir hat bei der Verbesserung meines Schachspiels Max Euwes Buch "Meister gegen Amateur" sehr geholfen. Hier lernt man Grundsätzliches. Den Sprachgebrauch von "engines" finde ich im Übrigen schlimm. Es ist einfach ein unschönes Wort.

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eltajin 29.11.2018, 21:36
11. Glanz und Elend der Computerkids

Zitat von Svenner80
Daher lief der Wettkampf vielleicht so, wie er lief. Kann auch sein, dass ich falsch liege. Aber warum ist der Wettkampf denn nach Meinung vieler trotzdem die stärkste je gespielte WM, auch wenn es zu einigen doch sehr groben Schnitzern kam?
Ich gebe Ihnen in Ihrer Analyse in fast allem Recht, nur der letzte Schritt, die Schlussfolgerung, dass es eben nicht eine der stärksten Weltmeisterschaften aller Zeiten gewesen ist, der könnte noch etwas klarer erfolgen. Und der Spiegel-Artikel von André Schulz legt genau das nahe. Was ich denke und Sie im Prinzip mit weiteren Anmerkungen bestätigen, ist der Glanz und das Elend der Spielergeneration Caruana. Vergessen Sie die Meinungen zum Beispiel von Daniel King (Kampf bis auf die Knochen). Daniel King war der Pressechef des Events. Und diese Rolle beinhaltet, das Produkt, sprich die Weltmeisterschaft für worldChess zu vermarkten. Seine Analysen waren früher auch schon mal weniger oberflächlich. Aber das nur am Rande. Um aber auch mal etwas zum Glanz zu sagen: Partie 9 war eine Glanzpartie als optimale Verteidigungsleistung von Caruana. Wie er ab Zug 24 (wieder dieser Zugnummer) seine Königsstellung flutete und die Königsbauern wie kleine Killertomaten in Richtung des gegnerischen Königs laufen ließ, das war schon großes Kino. In dieser Situation wohl die bestmöglichste Verquickung von Angriff und Verteidigung.

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Lamer_Exterminator 29.11.2018, 22:02
12. Der Modus ist das Problem

Es hat einen Grund, das Carlsen so vorsichtig bei den 12 Partien gespielt hat. Es sind und noch 12 Spiele zu spielen. Vor diesem Modus wurden 16, noch früher 24 Partien gespielt. Da konnte man auch eine verlorene Partie noch ausgleichen und das Ruder rum reissen. Bei nur 12 Partien ist das deutlich schwerer.
Daher geht man weniger Risiko ein.

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Svenner80 29.11.2018, 22:47
13. Stimmt vielleicht auch

Zitat von eltajin
Ich gebe Ihnen in Ihrer Analyse in fast allem Recht, nur der letzte Schritt, die Schlussfolgerung, dass es eben nicht eine der stärksten Weltmeisterschaften aller Zeiten gewesen ist, der könnte noch etwas klarer erfolgen.
Ja, vielleicht. Einem Kasparov oder eben Tal wäre das alles natürlich völlig egal gewesen und die wären ran gegangen. Selbst Anand mit 40+ hat gegen Carlsen in Höchstform (vor 4 Jahren, mit einem Carlsen in der Form, die er laut eigener Aussage heute gern hätte) eine Gewinnpartie rausgeleiert. Na gut, da war die WM praktisch schon gelaufen, trotzdem ...

Wenn man den ganzen Tag gegen Rechner spielt, verliert man wohl irgendwann das Gefühl für die psychologische Komponente des Schachs.

Weniger denken, mehr spielen?!?! Schaun wer mal!

War übrigens trotzdem ein schöner Kampf.

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aliof 30.11.2018, 08:43
14. Zwei Gegenthesen und eine Frage

1. Diese WM hat alles gebracht, was man nur erwarten konnte.
2. Und, es war eine überzeugende Titelverteidigung.

Nachdem nämlich der Herausforderer zu keinem Zeitpunkt einen Impuls zu setzen in der Lage war, spielte Magnus Carlsen seine Qualitäten im Tiebreak bei der Schach-WM gnadenlos aus.
Das haben eigentlich alle Schachbegeisterten gesehen, und auch solche wie ich, der sich nur sporadisch mit diesem Sport beschäftigt, dank anderweitig ausreichender strukturierter geistiger Auslastung.

Erst mit Auftauchen solcher Schachcharaktere wie Carlsson, Caruana, und einigen herausragenden Kommentatoren (z.B. King) kam bei mir tatsächlich so was wie Begeisterung für Schach dazu. - Eher demotivierend finde ich solch dröge überhebliche Artikel und vergleichbare Besprechungen.

By the way : parallel lief die WM der Frauen im russischen Khanty-Mansiysk , wo die bewundernswerte Chinesin Ju Wenjun ihren Titel ebenfalls verteidigte. - Nun aber, warum wird hier darüber so gar nicht berichtet?

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marenghi 30.11.2018, 09:53
15.

Zitat von aliof
By the way : parallel lief die WM der Frauen im russischen Khanty-Mansiysk , wo die bewundernswerte Chinesin Ju Wenjun ihren Titel ebenfalls verteidigte. - Nun aber, warum wird hier darüber so gar nicht berichtet?
Einerseits weil auch die überwältigende Mehrheit der Fans männlich sind (ich wette, dass unter den bisherigen Kommentatoren hier ausschließlich Männer waren). Die sich eher für Herrenschach interessieren. Zum zweiten, weil oft auch einfach die absolute Leistung interessiert. Gerade in einem Gebiet, in dem die Geschlechter prinzipiell recht ähnlich sein sollten. Wenn aber - v.a. durch sportdemographische und kulturelle Gründe - die WM der Damen ein Niveau von knapp 2600 hat, und die der Herren 2800 - dann wäre die Forderung, auch vom Damen-Kampf prominent weltweit zu berichten ungefähr so, als ob man auch forderte, weltweit besonders von einem Drittliga-Fußballspiel zu berichten. Weiter ausgeholt finde ich es deshalb auch in punkto Gerechtigkeit problematisch, wenn es gleich hohe Preisgelder für die Geschlechter gibt. Weil meistens die Herrensparte den Löwenanteil der Sponsoren-, Eintritts- und Fernsehgelder, also die Einnahmen, generiert. Gerecht ist also eine Gleichbezahlung, wie zB beim Tennis durchgesetzt, nicht.

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mostly_harmless 30.11.2018, 11:42
16.

Zitat von marenghi
Einerseits weil auch die überwältigende Mehrheit der Fans männlich sind (ich wette, dass unter den bisherigen Kommentatoren hier ausschließlich Männer waren). Die sich eher für Herrenschach interessieren. Zum zweiten, weil oft auch einfach die absolute Leistung interessiert. Gerade in einem Gebiet, in dem die Geschlechter prinzipiell recht ähnlich sein sollten. Wenn aber - v.a. durch sportdemographische und kulturelle Gründe - die WM der Damen ein Niveau von knapp 2600 hat, und die der Herren 2800 - dann wäre die Forderung, auch vom Damen-Kampf prominent weltweit zu berichten ungefähr so, als ob man auch forderte, weltweit besonders von einem Drittliga-Fußballspiel zu berichten. [...]
Ganz spannend, die Argumente. Und man fragt sich spontan, warum über die Frauen-Fussball-WM berichtet wird. Schliesslich gilt da EXAKT dasselbe, wie für Schach. Nur ist der Unterschied da deutlich ausgeprägter. Die Frauen-Fussball-NM hätte nämlich gegen einem einem Drittligisten des Männerfussballs keine Chance.

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eltajin 30.11.2018, 12:31
17. Auferstehung der Maroczy-Zange

Zitat von Svenner80
Wenn man den ganzen Tag gegen Rechner spielt, verliert man wohl irgendwann das Gefühl für die psychologische Komponente des Schachs. Weniger denken, mehr spielen?!?! Schaun wer mal!
Sehe ich auch so. Ein weiteres Argument: Wie kann es sein, dass Carlsen mit der englischen Maroczy-Zange Caruana in der ersten Schnellpartie schlägt? Die Maroczy-Bauern sind seit vielen Jahren quasi aus der Großmeisterpraxis verschwunden, weil die Struktur zu wenig hergibt, um auf hohem Niveau auf Gewinn zu spielen. Da helfen dann auch keine Computer. Carlsen packt sie trotzdem aus und überspielt Caruana bis zu einem einfach gewonnenen Turmendspiel. Dies zeigt zum wiederholten Mal, dass Caruana zwar ein autistisch anmutendes Speichergenie ist, aber mit relativ einfachen, intuitiv spielbaren Strukturen so seine Schwierigkeiten hat. Genau mit dieser Herangehensweise hat Carlsen in den letzten Jahren die Schachwelt beeindruckt. Caruana wird es schwer haben, sich von dem Schock zu erholen (die fast mutwillig herbeigeführten Selbstverstümmelungen in den beiden anderen Schnellpartien lassen wir mal beiseite). Er müsste sich quasi selbst neu erfinden, um die besprochenen Schwächen nachhaltig zu überwinden.

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aliof 30.11.2018, 13:30
18. .. zu drei Schach-Co-Kommentatoren

.. aeckermann (10) .. genau meine Meinung. Max Euwe, notiert. Er hatte lt. Wiki übrigens ein Peak-ranking von 2530. – Mein Glückwunsch Ihnen und Ihren Freunden! Vielleicht geht es beim Zuschauen auch darum, das Gesehene in das eigene Leben umzusetzen, wenn es denn gefällt.

.. marenghi (15) .. die 28-jährige Ju Wenjun hat lt. https://en.chessbase.com/post/womens-world-ch-2018-6-5 eine highest-ever mark of 2604. – Das wären dann 1000 mehr ich auf diese Waage bringe. – Im weiteren stimme ich Ihnen zu, eine ausgewogene Berichterstattung wäre eigentlich zu fordern.

.. mostly_harmless (16) .. ich weiß wirklich nicht, ob Frauen ggf., und wenn wie, anders Schach spielen als Männer. – Vielleicht gibt es dazu ja Ideen?

.. Bei der WM der von Ihnen zum Vergleich angesprochenen Frauschaftssportart habe ich bei einigen Spielen auch gern zugesehen .. die Ladies aus NL und DK performten engagiert , taktisch und technisch versiert, und vor allem mit unbändiger Spielfreude. Die Damen aus D dagegen (für mein Empfinden) verbissen, kalt, und ohne jede Freude, zum Abschalten.

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marenghi 30.11.2018, 16:43
19.

Zitat von mostly_harmless
Ganz spannend, die Argumente. Und man fragt sich spontan, warum über die Frauen-Fussball-WM berichtet wird. Schliesslich gilt da EXAKT dasselbe, wie für Schach. Nur ist der Unterschied da deutlich ausgeprägter. Die Frauen-Fussball-NM hätte nämlich gegen einem einem Drittligisten des Männerfussballs keine Chance.
Ja, "absolute Leistung" ist ja nur ein Faktor, der Interesse erzeugt. Beim Frauenfußball war es mMn eine Kombination aus Fußball als populärster Sport in Dt allgemein, plus die WM 2006 mit noch mehr Begeisterung und die vorhergehenden Titel der Frauen bei der WM 2003 und EM 2005. Es kann auch andere Faktoren geben als nur Leistung: Spannung, optische Reize (Beachvolleyball). Deswegen wird in einem relativ freien Angebot-Nachfrage-Mechanismus darüber berichtet, was interessiert. Würden Männer wie Frauen auf einmal in die Stadien strömen bei Frauenfußball, würde er ebenfalls mehr Gelder generieren. Deshalb ist eine vorgeschriebene Gleichberichterstattung sowie Gleichentlohnung bei marktkapitalistischen Sportarten ungerecht. Das gilt natürlich auch im umgekehrten Fall, wenn Frauen mehr Interesse und Gelder generieren - kein Verband fordert richtigerweise für die männlichen Models die gleichen Gagen wie für die weiblichen.

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