Forum: Stil
Produktgestaltung nach dem Mauerfall: "Design reflektiert, was in der Welt passiert"
IKEA/ Vitra Design Museum

Hat die Neugestaltung der Welt auch zu einer neuen Formensprache geführt? Ja, sagt die Kuratorin von "After the Wall. Design seit 1989". Erika Pinner erklärt, wie sich die Umbrüche seit dem Mauerfall in Dingen spiegeln.

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hegri 10.11.2019, 16:00
1. In der Welt der Normal-Verbraucher

kommt von dem was heutzutage entworfen wird ziemlich wenig an. Besonders sichtbar wird das im Bereich Inneneinrichtung, Kleidung, Auto. Leider wenig Innovation und statt dessen ödender Mainstream.

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at.engel 11.11.2019, 09:45
2.

Seltsamerweise hat vieles hier meinem Gefühl nach überhaupt nicht mehr mit Design zu tun. Design ist für mich erst einmal kühle Funktionalität, dann eine ästheitsche Absicht, industriell reproduzierbar. Ob das jetzt eine Glühbirne, ein Zimmermannshammer oder ein Braun-Taschenrechner ist, bestimmte Formen sind geradezu zu Ikonen ihrer Funktion geworden.
Vieles was hier im Artikel erwähnt wird, würde ich eigentlich eher zwischen dekorativer Kunst und politischem Statement einordnen. Da sind Dinge dabei, die praktisch direkt fürs Museum bzw. für ein Foto geschaffen wurden, und keinerlei Chance haben - ja nicht einmal mehr den Versuch unternehmen - in unseren Alltag einzudringen.
Anscheinend sind Designer der letzten dreißig Jahre, ähnlich wie viele Künstler auch, auf einem Rückzug aus der Gesellschaft - in irgendeinen selbstreferenziellen Elfenbeinturm.

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einervondenen 11.11.2019, 11:04
3. Zwischen den Welten

Bereits das Bauhaus war politisch, hier ging es darum Gestaltetes bezahlbar zu machen. Natürlich geht Design auf Lebenssituationen ein, weil sie Funktionalem eine Form gibt. Ob diese Form nach eigener Erfahrung teuer oder nicht ist, beschreibt nicht Design, denn das ist überall. Insofern geht Design auch auf den Mauerfall ein, allerdings auch auf Telefone, die 80er und Mutter Theresa – es ist ein Spiegel.

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syracusa 11.11.2019, 13:21
4. holt Euch legal gutes Design noch vor dem Brexit

Die Bauhaus-Designer waren hochpolitisch, und designten vor allem für eine bessere Welt. Gute, also hochfunktionale Gebrauchsgegenstände sollten das Leben für alle erleichtern, erheitern und verbessern. Sie sollten bezahlbar sein.

Dass Firmen wie Vitra heute noch Wahnsinnspreise für "lizenzierte" Bauhaus-Designs verlangen und dieses nur einer sehr kleinen, sehr vermögenden Schicht zugänglich machen, widerspricht der Bauhaus-Idee ganz fundamental. Alle heute gefertigten Bauhaus-Möbel sind Nachbauten, die allesamt auf die gleichen ENtwürfe und die gleichen Materialvorgaben zurück gehen. Dass der eine Stuhl dann 3000 Euro kostet, ein völlig baugleicher aber nur 300, wird von den Lizenznehmern gerne als Folge von Raubkopien dargestellt. Ob etwas eine Raubkopie ist oder nicht, hängt nur von den gesetzlichen Rahmenbedingungen ab, nicht aber vom Entwurf oder der Qualität des Nachbaus.

Bei uns erlischt das Urheberrecht 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Viele Bauhaus-Designs sind bei uns also noch urheberrechtlich geschützt, und deshalb dürfen bei uns Nachbauten nur durch lizenzierte Unternehmen angeboten werden.

In Großbritannien erlischt das Urheberrecht auf Möbeldesign aber schon 25 Jahre, nachdem das Möbelstück erstmals auf den Markt gelangt ist. Nachbauten bekannter Bauhaus-Designs sind in Großbritannien also keine ilelgalen Plagiate, sondern ganz normal wie die Nachbauten von Lizenzinhabern auch völlig legale Nachbauten.

Solange der Brexit nicht vollzogen ist, darf jeder Bürger der EU in Großbritannien ganz legal solche legalen Nachbauten erwerben und auch in sein Heimatland verbringen. Vorsicht: man muss den Transport selbst durchführen, denn ein Spediteur würde sich strafbar machen, denn der handelt gewerblich.

Holt Euch also das gute, legale Design, solange der Brexit noch nicht durch ist.

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Papazaca 11.11.2019, 15:20
5. Der Überblick vermittelt das ZU VIEL und das ZUWENIG

Erstmal ist eine Mammutaufgabe, interessantes DESIGN aus der Zeit von Mauerfall bis jetzt herauszufiltern., zumal wenn man an die unterschiedlichen Bereiche wie Autos, Möbel, Gebrauchsgegenstände, politische
Designkonzepte, etc. Viel Holz!

Was mir klar wurde: Auf der einen Seite haben wir alle fast zu volle Wohnungen und müßten ausmisten. Auf der anderen Seite wird die Diskussion von Sanktionen gegen Hartz4 und Grundrente bestimmt. Überfluss versus Notwendigkeiten.

Verrückte Zeiten.

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hegri 11.11.2019, 21:23
6. at.angel

Nagel voll auf den Kopf!! Ich habe auch das Gefühl, dass es mehr egozentrische, verkopfte Konzept-Theoretiker als Hands-on-Gestalter gibt. (Man verzeihe mir das Denglisch).

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Papazaca 12.11.2019, 10:11
7. Wir sind von Design förmlich umzingelt

@ hegri @ at.engel
Das sehe ich etwas anderes: Es gibt viel - nennen wir es - Alltagsdesign. Von Haribo-Tüten über Rasenmäher bis zu Schulranzen. Wir nehmen das alles nur nicht als Design wahr. In Erinnerung bleiben eher die Zitronenpresse von Staeck und das Schubladenbündel. Aber praktisch jedes "Teil" ist Design, selbst das Euro-Zeichen. Oder die Typo, in der dieser Kommentar geschrieben wird.

Ich empfinde es interessant, zu sehen, wie sich das Design seit dem Mauerfall entwickelt hat, es gibt ja soviel unterschiedliche Bereiche. Seit früheren Besuchen des MoMa in NYC ist mir auch klar geworden, das wir von einer Unmenge von Produkten bzw. Design nur so umzingelt sind. Ob es immer überzeugend ist, ist eine andere Sache.

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hegri 12.11.2019, 14:10
8. An Papazaca

Das ist schon richtig. Selbst über das Erscheinungsbild einer Fußmatte muss sich jemand Gedanken machen. Im Bereich hochpreisiger Konsumgüter passiert gestalterisch so einiges. Das Ergebnis muss man nicht immer als gelungen betrachten aber fällt meistens individueller aus als bei Otto-Normalprodukten. Kleidung bzw. Mode ist hierfür sicherlich eins der besten Beispiele. Darauf bezieht sich mein Wehklagen: Mainstream-Ramsch, der noch halbwegs bezahlbar ist aber kaum ästhetischen Wert hat. Hinzu kommt, dass viele Verbraucher genau das mittlerweile garnicht mehr erkennen.

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MDen 13.11.2019, 09:21
9. Gemischte Bilanz

Die politische Dimension des Designs der letzten drei Jahrzehnte sehe ich nur in seinem weitgehenden Einsatz für den Kapitalismus. Bemerkenswert ist doch, dass auch das Discounter-Segment sehr stark auf das puristische Design der 60er-Jahre zurückgreift: IKEA, die Elektronikartikel der Discount-Supermärkte und -marken oder derzeit die puristischen grauen Stoffsofas und Kunstoffschalensitzstühle mit Holzbeinen à la Eames, die jeder Möbeldiscounter anbietet.

Verschwunden sind Eiche Rustikal und Gelsenkirchener Barock und das Bergbauernhof-Kierfernholz-Design von IKEA. Das kann man eigentlich gutheißen.

Was hier etwas ziemlich untergeht, ist das Form-verhindert-Funktion-Design wie bei der Alessi-Zitruspresse von Starck und das Infantlisierungsdesign à la Alessi und Koziol, aber auch IKEA, das auch dem letzten Gebrauchsgegenstand noch das Aussehen von Comicfiguren mit Kindchenschema verpasst.

Hier ist der Ansatz offensichtlich, Gebrauchsgegenstände als Designobjekte zu inszenieren, weil die Käufer dann über den Bedarf hinaus weitere Geräte bzw. Werkzeuge anschaffen, die sie weder brauchen noch wirklich gebrauchen. Diese Gegenstände erfüllen den Zweck von Massenproduktions-Skulpturen, deren Funktion den Kauf begründen bzw. entschuldigen.

Das Ganze gipfelt dann in der Gestaltung solcher Geräte und Werkzeuge in Farben der Saison, denen so das Unpassend-sein schon eindesignt ist, was den Bedarf an weiteren Gegenständen mit demselben Zweck erst erzeugt.

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