Forum: Wirtschaft
Antikapitalismus-Film "System Error": Besuch bei den Wachstumsjüngern
Port au Prince Pictures

Vom argentinischen Sojabauern bis zum Trump-Berater: Manager und Politiker setzen auf ewiges Wirtschaftswachstum. Der Dokumentarfilm "System Error" erforscht ihren Glauben, ganz erklären kann er ihn nicht.

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Bernhard Reiter 10.05.2018, 14:43
1. Voll schwer

Ist ja auch voll schwer zu verstehen, liebe Flacherdler. Technischer Fortschritt erzeugt Wohlstand und Wachstum. Und man kann davon ausgehen, dass den Leuten immer was neues einfällt.

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moneysac123 10.05.2018, 14:48
2. Zum Wohle der Menschen

Die Ausrichtung wirtschaftlichen Handelns darf nur eine Maxime haben: Handeln zum Wohle der Menschen, nicht zum Wohle weniger oder gar aus Prinzip. Der Kapitalismus hat sich wie ein Krebsgeschwür unkontrolliert ausgebreitet, wir produzieren nicht mehr, um zu tauschen und unsere Bedürfnisse zu befriedigen, wir produzieren um Geld zu machen und pressen die Produkte mit aller Macht in den Markt, egal ob sinnvoll oder nützlich, oder überflüssig. Dabei basiert der gigantische Wohlstand auf der einen Seite auf einer gigantischen Ausbeutung auf der anderen Seite (Sklavenähnliche Verhältnisse in vielen Ländern, Zerstörung der Umwelt, Politiker die im Interesse von Einzelpersonen handeln, nicht dem Gemeinwohl verpflichtet. Globalisierung basiert auf einer sinnvollen Rahmenannahme, jedoch war zu Zeiten eines Adam Smith unvorstellbar, dass globale Riesen die Macht haben, mit Staaten zu verhandeln, Wissen zu privatisieren und automatisierten Finanzhandel zu betreiben. Die Menschen merken langsam, dass jeglicher Konsum nur von Unten nach Oben verteilt und sehnen sich nach mehr Regionalität: Lokale Währungen, lokaler, nachhaltiger Handel, Wohlstand der in der Region bleibt und nicht über Irland steuerfrei in die Hände von Milliardären wandert. Kapitalismus ist eine wunderbare Sache, aber nicht zügellos und unkontrolliert. Die Welt muss ein bißchen weniger global werden und die Zügel angezogen werden, denn sonst hebeln wenige Supperreiche mit ihrem Einfluss die Demokratie aus, in dem sie Entscheidungen beeinflussen, die ihnen dient, nicht der Bevölkerung. Wird die Ungleichheit stärker, nehmen die die Abgehängten irgendwann ihren Teil. Ein erster Schritt für jeden Einzelnen kann darin bestehen, den sinnlosen Konsumwahnsinn zu stoppen, nicht leichtfertig unnötige und auf Ausbeutung basierende Produkte zu kaufen. Dann zerstört HeidelbergCement vllt nicht Zentraljava durch eine neue Zementfabrik und Ureinwohner Indonesiens werden mit Gewalt vertrieben, um Palmölplantagen zu errichten, um die Nachfrage in europäischen Kosmetika und Nahrungsmitteln zu decken. Verbesserung fängt auch im Kleinen an!

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Stäffelesrutscher 10.05.2018, 14:49
3.

»Bei vielen Entscheidungsträgern aber dürfte die Lage komplexer sein: Sie sehen die Probleme mit dem Wachstum, ihnen fehlt aber ein konkrete Alternative. Das liegt, wie zum 200. Geburtstag gerade wieder fleißig diskutiert, auch an den gescheiterten Feldversuchen zu den Theorien von Karl Marx.«

»Mission accomplished« würden jetzt diejenigen sagen, die diese »Feldversuche« von Anfang an bekämpft haben. Mit Kartätschen (»Gegen Demokraten helfen nur Soldaten«, 1849), mit »Sozialistengesetzen«, mit der Ermordung ihrer Anführer (Liebknecht, Luxemburg, Lumumba, um nur mal den Buchstaben L herauszugreifen), durch Invasion (große Teile Sowjetrusslands wurden nach dem 1. Weltkrieg von feindlichen Staaten besetzt), Krieg (Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion ab 1941), Wirtschaftsboykott, terroristische Attentate, Staatsstreiche ... und natürlich eine permanente Gehirnwäsche in den kapitalistischen Staaten - damit der, der seinem Konkurrenten Zucker in den Tank schüttet, die Bremsseile durchschneidet und den Mechaniker entführt, triumphierend sagen kann, sein Gegner sei nicht so gut gefahren.

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chrisotm 10.05.2018, 15:00
4. Bereits der Anfang ist widersprüchlich

Zitat am Anfang: "Die Natur kennt kein unendliches Wachstum; für eine Art von Wachstum scheint dies aber außer Kraft gesetzt zu sein"
Die Aussage ist meiner Meinung nach so in zweierlei Hinsicht nicht richtig:

1. Die Natur hat sehr wohl unendliches Wachstum, bspw. die Evolution: Würde man den Mensch bspw. anhand bestimmter Kriterien bewerten (z.B. die Verarbeitungsgeschwindigkeit und Kombinationsmöglichkeit externer Reize) und blickt zurück sowie in die Zukunft - so ist wohl auch dieses Wachstum aus bisheriger Sicht unendlich.

2. Gleiches gilt auch für den im Film angestrebten Vergleich zum Kapitalismus. Wenn man die Produktionsfaktoren für den Wachstum betrachtet, so stellt man fest:
- Geld und Schulden sind nur nominell exponentiell wachsend und zudem eine reine Verrechnungseinheit. Das im Trailer angebrachte Argument mit den Schulden verstehe wer will - die Zentralbank kann auch allen Menschen bzw. dem Staat einfach Geld schenken anstatt den Staat Schulden bei sich im Buch zu führen.
- die Weltbevölkerung wächst nicht mehr exponentiell - sofern die Aussage darauf abzielt
- das einzige was exponentiell wächst ist der technologische Fortschritt. Hier gilt aus meiner Sicht sehr wohl der Vergleich zur Natur.

Ich empfehle eher Hans Rosling's Dokumentationen, dass es uns immer besser geht als zuvor - wo ist der System Error?

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jj2005 10.05.2018, 15:22
5. Limits to Growth

Seit der Club of Rome 1972 "Die Grenzen des Wachstums" veröffentlicht hat, kann kein intelligenter Mensch ernsthaft behaupten, es gäbe solche Grenzen nicht. Dennoch stieren Politiker und Journalisten gleichermassen auf die Bruttosozialproduktswachstumsrate, und brechen in Panik aus, wenn sie mal unter 2% bleibt.

Und wenn sie dann mal bei 3% liegt, bricht Jubel aus, weil wir ja reicher geworden sind. Wobei "wir" in den letzten beiden Jahrzehnten hauptsächlich die Reichen waren (also ab 10 Mio Jahreseinkommen aufwärts, liebe Mittelständler). Die ärmere Mehrheit guckt schon seit langem in die Röhre.

Warum die Wachstumsrate Unsinn ist, kann man mittlerweile in zahlreichen Büchern nachlesen. Aber ein überaus wichtiger Grund wird selten thematisiert: Der Missbrauch des Wachstumindikators als Arbeitsmarktindikator. 1% heisst wachsende Arbeitslosigkeit, 4% heisst Vollbeschäftigung - das ist die gängige urban legend, und sie ist FALSCH. Denn der Zusammenhang stimmt nur kurzfristig, im Rahmen von Konjunkturzyklen.

Logisch, dass die Firmen Arbeitskräfte suchen, wenn's im Boom brummt und alle Kapazitäten ausgelastet sind; aber ein, zwei Jahre später kommt der Abschwung, und die Arbeitslosigkeit kehrt zum vorigen Stand zurück. Ein einfacher, klarer Zusammenhang, der aber selbst von manchen Ökonomen geleugnet wird, und von Journalisten selten verstanden wird.

Richtig ist, dass es langfristig KEINEN Zusammenhang zwischen Wachstumsrate und Arbeitslosigkeit gibt. Es wäre also schon viel gewonnen, wenn Journalisten endlich aufhören würden, die Wachstumsrate als Arbeitsmarktindikator zu missbrauchen. Vielleicht könnten Politiker dann anfangen, sich mal auszumalen, wie man Vollbeschäftigung, "Stagnation" und gerechtere Einkommensverteilung harmonisch vereinen kann. Es geht, man muss es nur wollen, und an geeigneten Stellschrauben drehen (Lohnnebenkosten, bedingungsloses Grundeinkommen, Energiesteuern, ...).

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frau_m_aus_d_an_der_e 10.05.2018, 16:07
6. Wachstum ist nicht böse

Dass man Wachstum verbietet, geht erst recht nicht. Man kann doch einfach sagen, was man will und was nicht, unter der Berücksichtigung der Antwort auf die Frage, was langfristig geht und was nicht. Denn Wachstum an sich ist neutral und nicht automatisch schädlich.

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multi_io 10.05.2018, 16:22
7.

So'n Film kann ja nur aus Deutschland kommen. Ich glaube, diese Anti-Wachstums-Besessenheit geht auch schon als Religion durch. Jetzt soll jeder ein Sünder sein, der bessere Produkte an mehr Menschen verkaufen will, weil wir ja nur eine Erde haben. Als ob letzteres je einer bestritten hätte. Im Gegensatz zu Bedenkenträgern wie Herrn Opitz kapieren die Amis nicht, wo beispielsweise der Zusammenhang sein soll zwischen der Endlichkeit des Planeten und der Möglichkeit, mehr Apps oder bessere KIs für mehr und smartere Endgeräte zu bauen. Deswegen wurde das iPhone halt nicht in Deutschland von Siemens entwickelt -- Telefone gab's ja schließlich schon, Wachstum also unrealistisch. Bestimmt hat Opitz auch ein Smartphone.

Der Ex-Allianz-Chefinvestor Gruber hat übrigens vollkommen recht: Wachstum und Ökologie stehen nicht im Widerspruch. Sie bedingen sich sogar. Wer die ganze Menschheit komfortabel mit Energie versorgen will, der sollte dafür wohl keine Kohle und kein (fossiles) Öl nehmen -- die sind nämlich endlich. Die globalisierte Wirtschaft hat in Asien eine Milliarde Menschen aus tiefster Armut herausgeführt, ohne dass deswegen irgendwo anders jemand ärmer geworden wäre. Wenn schon Opitz in seinem heimeligen Kreuzberger Kiez das nicht so richtig sieht, hätte der Rezensent hier ja wenistens mal in der eigenen Redaktion bei Guido Mingels ("Früher war alles schlechter: Warum es uns trotz Kriegen, Krankheiten und Katastrophen immer besser geht - Ein SPIEGEL-Buch") nachhaken können. Einfach nur meckern kann nämlich jeder.

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curiosus_ 10.05.2018, 16:31
8. Das hätte Einstein...

Zitat von krautrockfreak
Man muss nicht Einstein sein, um zu kapieren, dass permanentes Wachstum zum Chaos, Ende, Tod etc. führt. Das ist eine universelle Regel, die aber bei Vielen noch nicht angekommen ist.
...sicher so pauschal nicht unterschrieben. Das mag vielleicht für quantitatives Wachstum gelten - also immer mehr vom selben - aber sicher nicht für qualitatives.

Schließlich macht es uns die Natur seit Milliarden von Jahren vor, es gibt wohl nichts erfolgreicheres und Nachhaltigeres wie evolutionsbiologisches Wachstum. Beginnend mit Einzellern vor ca. 4 Milliarden Jahren bis hin zum homo sapiens heute. Ein gigantisches und stetiges qualitatives Wachstum.

Und wer sagt, dass das Wirtschaftswachstum mit der Zeit immer mehr auf diesen Pfad einschwenkt? Zumal das schon immer auch ein Aspekt desselben war.

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curiosus_ 10.05.2018, 16:41
9. Das hätte Einstein...

Zitat von krautrockfreak
Man muss nicht Einstein sein, um zu kapieren, dass permanentes Wachstum zum Chaos, Ende, Tod etc. führt. Das ist eine universelle Regel, die aber bei Vielen noch nicht angekommen ist.
...sicher so pauschal nicht unterschrieben. Das mag vielleicht für quantitatives Wachstum gelten - also immer mehr vom selben - aber sicher nicht für qualitatives.

Schließlich macht es uns die Natur seit Milliarden von Jahren vor, es gibt wohl nichts erfolgreicheres und Nachhaltigeres wie evolutionsbiologisches Wachstum. Beginnend mit Einzellern vor ca. 4 Milliarden Jahren bis hin zum homo sapiens heute. Ein gigantisches und stetiges qualitatives Wachstum.

Und wer sagt, dass das Wirtschaftswachstum mit der Zeit immer mehr auf diesen Pfad einschwenkt? Zumal das schon immer auch ein Aspekt desselben war.

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