Forum: Wirtschaft
Britische Pläne: Brexit könnte Steuerdumping in Europa befeuern
REUTERS

Als Reaktion auf den Brexit will Finanzminister Osborne die Steuern für Unternehmen deutlich senken. Mit solch einer Dumpingpolitik wären die Briten in Europa nicht allein - ein gefährliches Signal wäre sie dennoch.

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emo.alberich 05.07.2016, 08:06
120.

Zitat von masc74
Ich verstehe denn Sinn von Körperschaftssteuern sowieso nicht. Meiner Ansicht nach volkswirtschaftlich richtig ist, das private Einkommen und den Konsum zu besteuern, Firmen jedoch nicht. Firmen zu besteuern schwächt deren Wachstums- und Innovationskraft und ist meiner Meinung nach kontraproduktiv. Durch eine Senkung oder Abschaffung Körperschaftssteuern werden Investitionen belohnt und so z.B. auch neue Arbeitsplätze geschaffen, bzw. die vorhandenen gesichert. Sofern Gewinne dann entnommen werden, unterliegen sie eh der Einkommenssteuer.
Abgesehen davon, dass die Statistik so oder so nicht sehr plausibel ist, z.B. in der Schweiz die Steuern auch für Unternehmen progressiv sind, es Körperschaftfssteuern nicht gibt, wohl aber Vermögenssteuern, auch für Unternehmen, mutet ihre Sicht, die Unternehmen nicht zu besteuern, seltsam an. Da kann ja jeder seinen Immobilienbesitz oder was auch immer in AG einbringen - und schon ist er die Steuerpflicht los.
Genau solche Überlegungen sind es, die nach Markus Meinzer Deutschland gigantische Steuerreserven nicht ausschöpfen lässt und die Schere Arm / Reich sich immer weiter öffnen lässt und die den Binnenkonsum schwächt.
- Es gibt auch den Zugang von der anderen Seite: welche Steuern schrecken ein Unternehmen ab? Darauf verzichtet man.
Für Unternehmen gilt die Schweiz im Vergleich zu Deutschland als "Steuerhölle", was bisher nicht gross abschreckend war. Das Problem sind eher die internationalen Konzerne, die sich ganz legal zwischen den verschiedenen Anknüpfungspunkten der Steuerpflicht Hauptsitze Holding/Tochterfirmen und Betriebsstätten entlang hangeln. Die Frage steht seit bald 100 Jahren im Raum - nichts ist bisher geschehen - auch nicht im Rahmen der WTO.
So hat Google z.B. in Zürich einen Sitz, soll aber keine Steuer zahlen, berichten Zeitungen. Für den Bürger ist das nicht nachvollziehbar - er nimmt es einfach als "Globalisierungserscheinung" zur Kenntnis.

Viele Diskussionen im ö.r. Deutschland erstaunen immer wieder - da werden Standpunkte wie der Ihre mit der grössten Selbstverständlichkeit vertreten. Man bekommt den Eindruck, in Deutschland seien Unternehmen per se fragile Gebilde, die es von Steuern möglichst zu befreien gälte, damit sie überhaupt überleben könnten. Luxemburg und die Schweiz machen tatsächlich Ausnahmen bei ausländischen Unternehmen - weil sonst überhaupt keine kämen. Die einheimischen können ja nicht abwandern, also langt der Fiskus ensprechend zu. Zudem wird die Höhe der Steuern für die Anziehungskraft auf ausländische Unternehmen überschätzt. Andere Standortfaktoren sind wichtiger, z.B. Streikkultur, politische Stabilität, Arbeitskräfte und Infrastruktur.

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emo.alberich 05.07.2016, 08:54
121. Anderes Problem ....

Zitat von nofreemen
Eine Liste von ausgewählten OECD Ländern. Es gibt aber noch ein Land in der EU mit 10% Körperschsftssteuer und ohne zusätzlichen Abgaben und damit ist es das Land mit dem günstigsten Standort. Bulgarien. Hewlett Pakart hat den EU Hauptsitz dort.
Die EU-Länder sind so verschieden, dass es immer schwieriger wird, da einheitliches Steuerrecht zu schaffen.
Besser würde sich die EU da an den USA orientieren. Die sind sogar ein Staat im Gegensatz zur EU, und doch hat jeder Gliedstaat seine eigene Jurisdiktion, sein eigenes Steuerrecht. Inzwischen ist Delaware nicht mehr das einzige US-Steuerparadies, kein Wunder sind bei den Panama Papers kaum US-Namen aufgetaucht.

Die Besteuerung ist längst nicht der Faktor zur Wahl des Unternehmenssitzes. Was für HP geht, wird für andere nicht möglich sein.
Viel wichtiger wäre es, für die Konzerne EU-weit oder gar global einheitliche Anknüpfungspunkte für Besteuerung zu schaffen, dann könnten Grosskonzerne sich gar nicht erst durch diesen Dschungel hindurchhangeln. Eine einheitliches Steuerrecht in der EU wird sie insgesamt nur schwächen und die Ungleichheit vergrössern. Die reichen Staaten werden immer reicher, die armen immer ärmer.

"In Vielfalt geeint" heisst der Wahlspruch der EU - den sollte man sich wieder mal vergegenwärtigen. Gerade auch in Steuerrechtsfragen.

Es fehlt eine systemische Gesamtbetrachtung. Dieses rigorose Anwenden des egalitären Gleichheitsprinzips, die illiberale Ideologie der Unionisten, die die europäische Sozialdemokratie zu ihren besten Zeiten in der EU fix installiert haben, wird die EU eher an die Wand fahren als der Brexit.

Immer nur den Neo-Liberalismus geisseln und sich keinen einzigen Gedanken darüber machen, wohin dieser totale rein ideologische Unionismus über den ganzen Kontinent führen soll, wird kaum hilfreich sein bei der Lösung anstehender Fragen der EU.

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emo.alberich 05.07.2016, 09:02
122. Gleichschaltung in der EU

Zitat von Claudia_D
Das ist alles schön und gut, aber es gibt neben den Unternehmen auch noch andere "Markteilnehmer". Nämlich die Menschen, die für den Unternehmer arbeiten. Es ist sehr nett von dem Unternehmer, dass er diese Menschen beschäftigt. Allerdings möchten sie auch zumindest menschenwürdig leben. Und hier kommen die Sozialsysteme ins Spiel. Die irgendjemand bezahlen muss, denn das Geld wächst nicht auf Bäumen (gähn, ich wiederhole mich).
Steuer- und Sozialstaatsysteme sind Systeme, die aufeinander abgestimmt sind. Genau genommen, sind alle Steuersystem auf alle Wirtschaftsfelder eines Staates abgestimmt, ob privat oder staatlich.

Werden in der EU nun alle Steuern vereinheitlicht, wird das wegen der Bestandesgarantie zu einer allgemeinen Reduktion der Steuern führen, man wird auf den minimalen Standard kommen.
Entsprechend werden die Steuern angehoben werden müssen, die alle haben - und das sind eigentlich nur Mehrwertsteuern und Erwerbsarbeitseinkommenssteuern.

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Claudia_D 05.07.2016, 10:33
123.

Zitat von emo.alberich
Steuer- und Sozialstaatsysteme sind Systeme, die aufeinander abgestimmt sind. Genau genommen, sind alle Steuersystem auf alle Wirtschaftsfelder eines Staates abgestimmt, ob privat oder staatlich. Werden in der EU nun alle Steuern vereinheitlicht, wird das wegen der Bestandesgarantie zu einer allgemeinen Reduktion der Steuern führen, man wird auf den minimalen Standard kommen. Entsprechend werden die Steuern angehoben werden müssen, die alle haben - und das sind eigentlich nur Mehrwertsteuern und Erwerbsarbeitseinkommenssteuern.
Man könnte erst einmal damit anfangen, die Steuern auf Unternehmen zu vereinheitlichen, danach sieht man weiter.
Ich glaube auch nicht, dass z. B. Italiener (22%) oder Dänen (25%) etwas dagegen hätten, wenn die Mehrwert- bzw. Umsatzsteuer an den deutschen Satz von 19% angeglichen würde :-).

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hjoburg 05.07.2016, 10:47
124. Ist nicht Deutschland einer der größten Steuerdumper?

Leider wird im Text (natürlich) nicht einer der größten Steuerdumper benannt, nämlich Deutschland. In den letzten 20 Jahren ist der Körperschaftsteuersatz von über 45 auf gerade einmal 15 Prozent gesenkt worden. Die nominale Unternehmen Steuerlast (aus Körperschaft- und Gewerbesteuer) liegt inzwischen bei nur noch 30 Prozent, real zahlen aber die großen Kapitalgesellschaften eher 10 Prozent auf ihre Gewinne, und dabei sind die großzügigen Subventionen noch nicht einmal berücksichtigt. Bezahlen tun hier wie in Großbritannien immer die „kleinen Leute“, deren Sozialleistungen gekürzt und gestrichen und deren Steuerlast erhöht wird (z. B. über höhere Mehrwertsteuern). Nur weiter so, und die EU an ihren Widersprüchen zwischen Freihandel und niedrigste-möglichen Unternehmen Steuersätzen auf der einen Seite und weiter sinkendem Lebensstandard der breiten Bevölkerung auseinanderbrechen.

Es wäre noch zu ergänzen, dass das Steuerdumping innerhalb der EU bisher keinen gestört hat, sondern politische geduldete Praxis war und ist. Irland und die Niederlande praktizieren dies schon seit langem. Eine der weltgrößten Steueroasen ist das EU-Mitglied Luxemburg, das bei der Verschleierung von Vermögensverhältnissen und der Beihilfe zur Steuerhinterziehung eine herausragende Rolle spielt.
Quelle Nachdenkseiten

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Sixpack, Joe 05.07.2016, 11:34
125. Irland und die Niederlande machen

für internazionale Konzerne was Deutschland für Stiftungen und Familienunternehmen macht. Wirtschaftspolitik durch niedrige Steuern! Hört doch bitte mal auf immer über die anderen Länder zu meckern! Fragt doch mal nach bei den Wissenschaftlern der Uni Tübingen in welchem Land es das meiste Schwarzgeld gibt in Europa. Die Antwort wird nicht gefallen!

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det5904 05.07.2016, 12:53
126. Liebe

"Die Entscheidung könnte in Europa einen neuen Wettbewerb um möglichst niedrige Steuersätze in Gang setzen."
Ist das eine Verblödungsattacke auf die Leser, oder seid Ihr wirklich so uninformiert, wie Ihr Euch hier präsentiert. Der zitierte Satz ist keine Resultante aus dem Brexit, sondern die Zustandsbeschreibung eines Europas, welches maßgeblich durch dessen Ratspräsidenten seit mindestens 10 Jahren systematisches Steuerdumping betreibt. Weis es die deutsch Journaillie wirklich nicht, daß Google, amazon, Starbucks etc. PP. auf Betreiben Junckers so gut wie gar keine Steuern auf Ihre Gewinne abführen?. Oder im nationalen Maßstab: Weis es die deutsch Journaillie wirklich nicht, daß die Körperschaftssteuer schon unter ROT-GRÜN drastisch gesenkt wurde? Man könnte die Reihe beliebig fortsetzen. Wenn man das Wort "Qualität" mit dem Wort "Journaillismus" irgendwie in einem Zusammenhang bringen will, geht das nur, wenn man annimmt, das Wort "Qualität" leite sich vom Wort "Qual" ab

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Drscgk 06.07.2016, 12:27
127. Die Vorhaben des britischen Finanzministers

Osborn und anderer Finanzminister, zumindest der Finanzminister der EU, zeigen ganz klar, dass es seit Jahrzehnten europäische Basisqualifikation von Finanzministern ist, auf moralischem, finanziellem und politischem Gebiet allerorten, jederzeit und jedenfalls voll die volksfeindliche Drecksau zu sein.

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werner-brösel 24.10.2016, 19:28
128. Nicht einknicken!

Die Briten haben überhaupt nicht die Substanz, um diesen Hungerstreik länger zu überleben. Das wissen auch potentielle Unternehmen. Der Preis, dann tatsächlich auf einer Insel gestrandet zu sein wäre durch die paar Prozentpunkte beileibe nicht aufzuwiegen.

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Fragen&Neugier 26.10.2016, 19:16
129. Seltsame Statistik ....

Wenn alle Unternehmenssteuern so aufgeführt sind, wie die der Schweiz, dann kann man die Statistik in der Pfeife rauchen.
Wie Meinzer festgehalten hat, kann man in Deutschland jenes Vermögen "im Unternehmen belassen", ohne dass es je besteuert würde.
In der Schweiz wird alles besteuert, entweder im Unternehmen oder als Einkommen und Vermögen der Eigentümer: Bezüge, Firmenwagen, "übertriebene stille Reserven". Der Hebel dazu ist der sogenannte "Durchgriff" auf die tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnisse unbesehen der Rechtsform. Man kann in der Schweiz seine drei Häuser in eine AG einbringen, kein Problem, da werden die Unternehmenssteuern fällig. Aber die Aktionäre werden besteuert, Vergütungen an Personal auch und, wenn Erbrecht, Ehegüterrecht, Gläubigerrechte etc. "umgangen" werden, wird das ignoriert steuerlich.
Deutschland schont die Unternehmen, wie sie richtig bemerken. Luxemburg und die Schweiz nicht, da langt der Fiscus zu, so kräftig es immer möglich ist, bis an die Schmerzgrenze zur Abwanderung. Stop ist erst, wenn Abwanderungsgefahr besteht. Die ausländischen Unternehmen werden mit Pauschalen besteuert, auch erwerbslose Reiche. Ebenso möglichts so hoch, dass sie gerade nicht verzichten um.
Streikkultur ist wichtig, aber da hat Grossbritannien nicht mehr zu bieten als Deutschland. Frankreich ist noch abgeschlagener. "Mangelnde Streikbereitschaft", wie die Gewerkschaften sagen, ist klar ein wichtiger Standortvorteil - da scheint in den letzten Jahren die Insel Fortschritte, oder eben aus Sicht der Gewerkschaften Rückschritte gemacht zu haben.

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