Forum: Wirtschaft
Ende der Hilfsprogramme: Unsere Lehren aus der Griechenlandkrise
DPA(3);NurPhoto via Getty Images;Kyriakos Athanasiadis;Rainer Langer;Alexandros Avramidis

Nach acht dramatischen Jahren laufen nächste Woche die Hilfsprogramme für Griechenland aus. Haben Sie gewirkt? Und ist die Krise jetzt vorbei? Der SPIEGEL hat verantwortliche Politiker und normale Bürger gefragt.

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Ashurnasirapli 14.08.2018, 10:54
10.

Ich hätte die Griechen 2015 aus der Währungsunion entlassen. Der dreistelliger Milliardenbetrag, um eine vergleichsweise kleine Wirtschaft drinzubehalten, ist ein zu hoher Preis. Zumal Varoufakis und andere anscheinend nicht den € behalten wollten. Und, ich halte die Einführung des € für einen Fehler. Sicher, D geht es gut, weil die D-Mark nicht aufwerten kann. Der Mechanismus des Aus- und Abwertens ist dennoch ein so wichtiger Mechanismus, um auf die Wirtschaft zu reagieren, diesen Mechanismus kann man der EU nicht abschalten, nicht ohne massive Schäden in den Ländern Südeuropas anrichten.

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newbie99 14.08.2018, 11:00
11. Starke Worte - ohne Konzept!

Ich habe bisher noch nicht verstanden, wie sich Varoufakis die Lösung der Krise vorgestellt hat. Die Ausganglsage war doch, dass Griechenland in den Jahren zuvor ein ernormens Wirtschaftswachstum hingelegt hat, aber nur, weil sich dafür zusehens weiter verschuldete. Die Volkswirtschaft hat weit mehr Wirtschaftskraft verbraucht, als sie produziert hat. Das ist in etwa so wie jemand, der 5.000 € verdient, aber stets 7.000 € ausgibt.

Was wäre nach einem Schuldenschnitt passiert? Griechenland wäre seine Schulden los gewesen (oder einen Teil). Nur hätte es dann natürlich keine weiteren Kredite mehr aufnehmen können. Um beim Beispiel zu bleiben, hätte es sich dennoch von Ausgaben von 7.000 € auf 5.000 € reduzieren müssen. Und genau das ist es, was in Griechenland für so viel Leid gesorgt hat, in Form von niedrigeren Gehältern, Arbeitslosigkeit usw. usw..

Nun, zu einem Schuldenschnitt ist es nicht gekommen. Vielmehr haben andere EU-Länder Griechenland mit eigenen Krediten über Wasser gehalten. Tilgungsleistungen von Griechenland gibt es effektiv nach wie vor nicht. Also bisher real gesehen kein Unterschied zu einem Schuldenschnitt. Griechenland leidet nicht unter der Last eines Kapitalsdienstes sondern unter der Last, sich von der steten Kapitalzufuhr zu lösen.

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zoon.politicon 14.08.2018, 11:03
12. Strukturelle Defizite

Das Thema Griechenland dürfte noch lange nicht abgeschlossen sein.
Im Grunde war Griechenland schon vor der Einführung des Euro ein "failed state".
Soweit ich noch erinnere, hatten vor der Krise gerade die herrschenden Parteien ihre Macht verloren und, bevor die jetzige (sozialistische?) Regierung die Regierungsarbeit aufgenommen hatte, waren z.B. viele Computer aus den Behörden verschwunden, es gab kein Kataster (gibts den jetzt?), die Reeder mußten praktisch keine Steuern zahlen und die öffentliche Verwaltung war (ist noch?) u.a. durch Vergabe von Beamtenposten für Anhänger der regierenden Parteien aufgebläht und vieles mehr.
Entscheidend ist jetzt doch, ob diese strukturellen Defizite überhaupt vernünftig angegangen worden sind.

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neue_mitte 14.08.2018, 11:15
13.

Hilfsprogramme. Wirkung. Griechenland. Diese drei Begriffe lassen einen schon etwas erschaudern. Das Thema ist nicht vorbei. Wird es in den nächsten Jahrzehnten auch niemals sein. Ein Land mit der Politik, Wirtschaftskraft und Infrastruktur vom Kern her eigentlich wie z.B. Marokko hat sich durch Kredite in Höhe von Hunderten Milliarden Euro oberflächlich nach Europa katapultiert. Ein aufgeblähter Öffentlicher Dienst mit aufgeblähten Gehältern / Pensionen / Leistungen hat das Land durchdrungen. Dann noch großzügige Rentenregelungen. Auf der anderen Seite aber kein Steuersystem und auch keine Steuermoral. Macht nichts, dafür gibt's ja die Kredite. Und neue Kredite. Und ganz neue Kredite.

Nun kommt eine weltweite Bankenkrise und die Banken wollen doch tatsächlich ihr Geld wiedersehen. Tja, nackten Mann in die Tasche greifen und so. Aber statt das Griechenland einsieht, dass sie eben in Politik, Wirtschaftskraft und Infrastruktur doch nur auf Niveau von Marokko hantieren, jammern und protestieren und... sie, um das Niveau auf Pump auch ohne Pump halten zu können. Und Europa steht ihnen mit Hilfsgeldern bei. Und halb Europa schimpft, dass diese Hilfsgelder bloß an die Banken gehen und nicht an die Bevölkerung. Dass die Bevölkerung das Geld ja in den Jahrzehnten davor von den Banken bekommen hat...

Nein, die Pakete haben nicht gewirkt. Sie haben nur geholfen, das Unvermeidliche zu verschleiern und hinauszuzögern. Die Grunddaten von Griechenland haben sich nicht geändert. Die Einstellung / Moral ebenfalls nicht. Die nächsten Rettungspakete warten schon im Lager.

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nic 14.08.2018, 11:17
14.

Zitat von GungaDin
War und ist (teilweise) finanztechnisch eine Art Wild West. Neben den bekannten Ausreissern wie im Artikel beschrieben bekamen Staatsbedienstete ein 13. und 14. Monatsgehalt, konnten mit 50 bzw. 40 Jahren (Frauen) in Rente gehen, wobei es üblich war vor ......
Mag alles sein, aber zum endgültigen "Absturz" hat die Überschuldung der Banken (Finanzkrise) geführt. In Deutschland werden die Reichen auch äusserst mild behandelt, Misswirtschaft gibt es auch an allen Ecken genauso wie Korruption.

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schraubenzieher 14.08.2018, 11:18
15. Ch - eu

Die Schweiz ist gut beraten, wenn sie sich mit Händen und Füssen gegen einen Beitritt zum Geld vernichtenden Moloch EU wehrt.

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sophosma 14.08.2018, 11:22
16. Nichts...

...ist vorbei, gar nichts. Noch immer sind alle Missstände vorhanden, blüht die Vetternwirtschaft, Steuerhinterziehung und ein Kataster gibt es bis heute nicht. Griechenland hat schon immer auf Pump gelebt, der Staat ist seit seiner Gründung praktisch ständig bankrott. Und wer sich fragt, wie ein Land mit gerade mal 2% der europäischen Wirtschaftskraft die Europäer derart belasten kann, dann muss man das jährlich betrachten, denn auch Schulden summieren sich auf. Und dann ist es eben nicht mehr nur 2%, sondern 4, 6, 8...X%

Die Griechen müssen lernen, mit ihrer eigenen Wirtschaftskraft zu leben und das wird immer noch für sehr viele sehr schmerzhaft werden.

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wasistlosnix 14.08.2018, 11:25
17.

Es waren die Banken die Griechenland das viele Geld geliehen haben und ein griechischer Staatsbankrott hätte die eine oder andere Bank wieder in die Krise gestürzt. Es war mal wieder eine Bankenrettung auf Kosten von Steuerzahlern. Das Geld das Deutschland Griechenland geliehen hat wirft mehr Rendite ab als der freie Markt. Am Ende verdienen die anderen europäischen Länder daran. Schäuble und Konsorten haben mit den Sparprogramen nur gerade gebogen was die Banken all die Jahre vergessen haben.
Die Banken wussten das die Kredite faul sind haben aber fleißig weiter ausgezahlt.

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CommonSense2006 14.08.2018, 11:26
18. Grundproblem

Es gibt ein grundsätzliches Problem und das ist die Konstruktion der Gemeinschaftswährung, des Euros. Verschiedene Länder mit sehr unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen und Finanzpolitiken können unmöglich mit einer gemeinsamen Währung glücklich werden, weil die Währung auch immer ein Mechanismus der Wirtschafts- und Finanzpolitik ist, der in einer Währungsunion völlig lahmgelegt ist.
Wenn eine Wirtschaft wegen Ineffizienz, Bürokratie und Vetternwirtschaft schwächelt, dann wird sie normalerweise über die Abwertung der Währung billiger exportieren können und Importe werden teurer, was die Substitution durch einheimische Produkte anregt und damit wieder Arbeitsplätze schafft.

Ohne diesen Mechanismus kann man eben nur noch die Löhne real kürzen, was dann zu den in GR gesehenen Krisen führt.

Und trotz aller Schmerzen hat sich in GR nicht wirklich etwas an der Mentalität geändert, den Staat zur Beute zu machen, die Syriza ist in dieser Hinsicht nicht besser als eine der Vorgängerregierungen.

Es wäre besser gewesen, die Griechen aus dem Euro zu entlassen und lieber etwas Geld zur Hand zu nehmen, um die schlimmsten Folgen sozial abzufedern, das wäre wirtschaftlich besser und humaner gewesen.

Aber es hätte gleichzeitig die Frage gestellt: Wenn die Grundproblematik gilt, gilt sie dann nicht für alle? Spanien, Italien, Frankreich, warum nicht auch für Belgien oder Deutschland?

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tinnytim 14.08.2018, 11:27
19.

Ich kann die positiven Äußerungen aus Sicht des ESM und der Europäischen Kommission nicht nachvollziehen. Sogar der IWF als drittes Mitglied der Troika sagt mittlerweile, dass man einen teilweisen Schuldenschnitt hätte wagen müssen, um das Land nicht in eine Rezession zu drücken, wahrscheinlich wäre es für Resteuropa sogar ein volkswirtschaftlicher Gewinn gewesen.
Nun ist es zu spät, die Krise hat die Wirtschaft dauerhaft geschädigt, der Brain-Drain ist längst im vollen Gange und Wachstumsimpulse haben es ähnlich schwer, wie zarte Pflänzchen in einer rauen Umgebung. Ein Schuldenschnitt zum jetzigen Zeitpunkt wäre nur noch Symptom-Behandlung. Was nicht heißt, dass er mit vernünftigem Maß nicht immer noch positive Effekte haben kann.

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