Forum: Wirtschaft
Englands NHS-Gesundheitsdienst: Eine Grippewelle - und das System wankt
DPA

Überfüllte Betten, verschobene OPs: In englischen Kliniken herrscht Ausnahmezustand - die Rede ist von der schwersten Krise des Gesundheitsdienstes NHS seit Jahrzehnten. Der Brexit könnte ihm den Rest geben.

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JanW 15.01.2018, 20:28
180. An alle, die hier "Bürgerversicherung" schreien

An alle Spezialisten hier, die gleich "Bürgerversicherung" schreien:

1. Das britische System ist keine Versicherung, sondern steuerfinanziert.
2. Jedes System lässt sich mit der "richtigen" Politik kaputtsparen - egal ob steuer- oder beitragsfinanziert. Die Tories haben das konsequent getan und die Zustände in Großbritannien sind ein Ergebnis dieser Politik. Der Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP ("government/compulsory schemes", d.h. ohne "voluntary schemes/household out-of-pocket payments") lag 2016 in DE bei 9,5 %, in UK bei 7,7 % (OECD-Statistik). Sicherlich ist der NHS im Vergleich zum deutschen ganzen Krankenkassen- und Selbstverwaltungs-Wasserkopf relativ effizient, aber am Ende fehlt eben doch Geld für die Patientenversorgung.
3. Ich halte den Vorschlag einer Bürgerversicherung ohnehin für nicht radikal genug. Was wir brauchen ist eine echte Einkommensteuerreform, die diesen Namen verdient, d.h. Einkommen aus Vermögen, Vermietung und Verpachtung etc. müssen dem Einkommen aus Erwerbstätigkeit gleichstellt und hohe Einkommen wieder angemessen besteuert werden. Analog brauchen wir eine Unternehmenssteuerreform. Aus erhöhten Einkommen- und Unternehmenssteuern müsste ein Aufkommen generiert werden, das die Finanzierung eines universellen Gesundheitsfürsorgesystems für alle Einwohner auf heutigem Niveau ermöglicht. Dabei könnte die Unternehmensteuerreform bzgl. ihrer Belastung bezogen auf die Gesamtheit aller Unternehmen neutral gestaltet werden (Steuer ersetzt im Durchschnitt Arbeitgeberanteil). Dabei würde es Gewinner und Verlierer geben, aber das ist immer so. Man würde bei dieser Gelegenheit dafür sorgen, dass wenig personalintensive Unternehmen mit hohen Gewinnen (so sie denn in DE anfallen, aber das ist ein anderes Thema) stärker zur Finanzierung des Gemeinwesens beitragen, weil der Beitrag als Steuer vom Gewinn abhinge und nicht mehr vom Gehalt der Mitarbeiter. Die gesetzlichen Krankenkassen würden wegfallen; deren Personal könnte in das neue staatliche Gesundheitssystem überführt werden. Langfristig würde ein solches System mit deutlich weniger Verwaltungspersonal auskommen als die GKV, weil Doppelstrukturen wegfielen und der Pseudowettbewerb, bei dem sich die Kassen mit Werbung gegenseitig die Mitglieder abzuwerben versuchen, entfiele. Ein Konzept zur Abwicklung der PKV, bei dem die Konzerne nicht am Ende ihre ganzen schlechten Risiken (ältere Versicherte) los sind und trotzdem die Rückstellungen einstreichen ist juristisch wohl nicht trivial, aber wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Das Grundgesetz hält durchaus Artikel zum Thema Gemeinwohl und Eigentum bereit, die üblicherweise so behandelt werden, als existierten sie gar nicht.
4. Leider würde nicht mal die Linkspartei es wagen, sowas vorzuschlagen. Aber man wird doch wohl mal träumen dürfen ;-)

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steffen.ganzmann 15.01.2018, 20:30
181.

Zitat von flaviussilva
[...] Was bitteschön ist ein Biritisher [...]
Der freundliche Kosename der Amerikaner für die Briten. Man kann sie allerdings auch "Limeys" nennen ...

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Ökofred 15.01.2018, 20:45
182. Tatsächlich?

Zitat von mps58
So eine gerechte staatliche Ein-Klassen-Medizin wollen wir natürlich auch. Heißt hier Bürgerversicherung.
Lt. Statista werden in D 4000 Euro / Kopf ausgegeben, in GB nur 3000. Kommt fast zu gross vor die Diskrepanz, in anderen Quellen ist es nicht ganz so schlimm (aber immer noch 10% Unterschied) . Aber eins ist klar: Unabhängig vom System ist einfach auch der Kosteneinsatz relevant.

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steingärtner 15.01.2018, 21:11
183. Schön wärs

Zitat von stdout
Gesundheit ist eben genauso eine Ware, wie eine bequeme Unterhose oder ein schickes Auto. Entsprechend müssen Krankenhäuser, Arztpraxen usw. immer privatwirtschaftlich organisiert sein und gegeneinander konkurieren. Wer sich dann nicht um eine vernünftige Krankenversicherung bemüht, muss eben mit den Konsequenzen leben. Die Geschichte zeigt, dass alle sozialistischen Gesundheitssysteme mit zu den schlechtesten auf der Welt gehörten/gehören. Erst ein materieller Anreiz sorgt bei einem Arzt für die nötige Motivation 200% zu geben und sich die feinsten Gerätschaften anschaffen zu wollen/können. Nicht umsonst wurden in der Antike/Mittelalter Ärzte die schwerkranke Herrscher heilten mit immensem Reichtum belohnt.
Die Säuglingssterblichkeit in Kuba ist geringer als in den USA.

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ulijoergens 15.01.2018, 21:25
184. Nichts Neues..

Vor etwas mehr als einem Jahr hatte meine Schwiegermutter einen schweren Unfall. Glücklicherweise kam der Rettungswachen bereits nach etwas mehr als einer Stunde. Überlebt hat sie Dank des Nachbarn, der die Wartezeit durch excellente Notversorgung überbrückte.
Der Besuch im Krankenhaus war für mich schockierend (ich habe meinen Zivildienst im Rettungsdienst geleistet und so manche deutsche Kliniken von innen gesehen).
Die Hygienestandards in Shrewsbury war unterirdisch.
Mülleimer verfügten zum Beispiel nicht über ein funktionierendes Fusspedal. Falls vorhanden musste der Deckel von Hand geöffnet werden. Restaurantküchen würden dafür zu Recht geschlossen.
Blutspuren an der Wand zeugten davon, dass Badezimmer wohl eher selten gereinigt wurden. Einweghandschuhe waren wohl rationiert oder wurden aus anderen Gründen nur in Ausnahmefällen übergestreift oder zwischen zwei Patienten gewechselt.
In den großen Städten geht es vermutlich noch, auf dem Lande ist das englische Gesundheitswesen schon vor Jahren tot gespart worde. Das Resultat erinnert an die Dritte Welt...
Der Rest der Infrastruktur sieht leider nicht viel besser aus. Eine Nation betreibt den Suizid auf Raten.

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Freigeistig 15.01.2018, 21:30
185. Zum Thema Bürgerversicherung:

An alle, die hier immer wieder das „leuchtende“ Beispiel Schweiz nennen, wo die Bürgerversicherung ach so toll läuft. Warum gibt es dann eigentlich den mittlerweile schon extrem zu nennenden Ärztetourismus aus der Schweiz nach Deutschland um sich hier Implantate setzen zu lassen oder ähnliches?! Genau, weil sich das dort kein Mensch mehr leisten kann! Und mal ganz ehrlich: Glauben Sie ernsthaft, sie können einem spezialisierten Mediziner, der sich jahrelang weitergebildet hat und einfach besser ist als der Durchschnitt, vorschreiben, ab jetzt zum Einheitssatz zu arbeiten? Oder glauben sie, dem Patienten, der eben nicht nach Einheitskasse behandelt werden will, dieses vorschreiben zu können?! Und was folgt dann?? Echte Zweiklassenmedizin!!

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Freigeistig 15.01.2018, 21:30
186. Bürgerversicherung

An alle, die hier immer wieder das „leuchtende“ Beispiel Schweiz nennen, wo die Bürgerversicherung ach so toll läuft. Warum gibt es dann eigentlich den mittlerweile schon extrem zu nennenden Ärztetourismus aus der Schweiz nach Deutschland um sich hier Implantate setzen zu lassen oder ähnliches?! Genau, weil sich das dort kein Mensch mehr leisten kann! Und mal ganz ehrlich: Glauben Sie ernsthaft, sie können einem spezialisierten Mediziner, der sich jahrelang weitergebildet hat und einfach besser ist als der Durchschnitt, vorschreiben, ab jetzt zum Einheitssatz zu arbeiten? Oder glauben sie, dem Patienten, der eben nicht nach Einheitskasse behandelt werden will, dieses vorschreiben zu können?! Und was folgt dann?? Echte Zweiklassenmedizin!!

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flohego 15.01.2018, 22:30
187. Hochmut ist fehl am Platz

Gäbe es in Detschland nur das kassenfinanzierte Modell, würde es hier wohl genauso aussehen. Über bloße Kostendeckung hinaus gelangen Ärzte und Krankenhäuser erst mit den sogenannten Privatpatienten. Und richtig gut läufts trotzdem nicht: Jedes Jahr verrecken zehnmal mehr Menschen an einer in einem deutschen Krankenhaus erworbenen Infektion als im deutschen Straßenverkehr! Da ist es natürlich wichtiger Tempo 80 auf Landstraßen zu fordern, als eine bessere Hygiene bezahlen und organisieren zu wollen.
Doch bestehende Probleme werden von englischen wie von deutschen Politikern und anderen Entscheidungsträgern lieber ignoriert oder weggequatscht, wenn deren Lösung zu komplex und teuer wäre. Dann doch lieber ein zusätzliches Verbot (ohne neues Personal zu dessen Überwachung). Dann hat der Bürger wenigstens das Gefühl, die tun was. Bloß irgendwann rächt sich diese "Wurschtelei"...

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adal_ 15.01.2018, 22:41
188.

Zitat von flohego
Jedes Jahr verrecken zehnmal mehr Menschen an einer in einem deutschen Krankenhaus erworbenen Infektion als im deutschen Straßenverkehr!
Hat wenig mit Kostendeckung und viel mit Rückständigkeit beim Hygiene-Manegement zu tun.

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mkalus 15.01.2018, 23:22
189.

Zitat von cicatriz
Warum hilft man den Briten nicht? Das wäre europäische Solidarität und würde den Briten zeigen, dass die EU eben doch nicht so schlecht ist, wie sie von Rechtspopulisten gemacht wird.
Wie wollen Sie denn bitte helfen? Feldlazarette in Parks aufstellen?

Das Problem ist eine Fehlleistung der Britischen Politik, kein Naturunglück wo mal nur kurzfristig Engpässe passieren.

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