Forum: Wirtschaft
Freiberufler im Altenheim: Phantome der Pflege

Sie springen ein, wenn das System versagt - und tauchen in kaum einer Statistik auf: Immer mehr hochqualifizierte Pfleger arbeiten freiberuflich. Der Job ist hart, häufige Wechsel normal, doch die Patienten profitieren. Die Geschichte von Frau B., die durch einen Selbständigen ins Leben zurückfand.

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Gman 09.09.2011, 10:17
1. Dauerpatient

Zitat von sysop
Sie springen ein, wenn das System versagt - und tauchen in kaum einer Statistik auf: Immer mehr hochqualifizierte Pfleger arbeiten freiberuflich. Der Job ist hart, häufige Wechsel normal, doch die Patienten profitieren. Die Geschichte von Frau B., die durch einen Selbständigen ins Leben zurückfand.
Altenpflege.

In der Regel decken die Heime max. nur die gesetzlich vorgeschriebene Fachkräftequote (50 %) ab.
Der Rest wird durch 400,00 € - Jobs abgedeckt oder Mitarbeiter über Jahre in Zeitverträgen in Geiselhaft gehalten. Alles u.a. aus dem Bekanntenkreis berichtet, der in dieser Branche tätig ist.

Bedenkt man, dass ein Heimplatz, je nach Pflegebedürftigkeit, leicht mehrere tausend € pro Monat kostet, ist die Bezahlung des Pflegepersonals teilweise ein
Witz.
Körperliche und seelische Dauerbelastung auf höchsten Niveau, Wochenendarbeit etc.

Leider ein grundsätzlich Problem, da Berufe im medizinisch- sozialen Bereich (siehe u.a. auch Krankenschwestern) schlichtweg zu Unrecht als zweitrangig betrachtet werden.
Die Quittung wird noch so mancher von uns erhalten, wenn er nicht das Glück hat, von Angehörigen gepflegt zu werden und in einer dieser Einrichtungen dahinsiecht, welche zunehmend durchökonomisiert werden und Mitarbeiter und Patienten vorrangig als Kostenfaktor betrachtet werden.

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gaga007 14.09.2011, 07:50
2. Ältere Menschen - von der Gesellschaft ausgegrenzt !

Hochachtung und tiefer Respekt für die, die alte und pflegebedürftige Menschen betreuen und dafür Sorge tragen, dass es auch im Alter möglich ist, menschenwürdig zu leben !

Es ist eine Schande, wie die Politik und Wirtschaft in diesem Lande mit alten Menschen umgeht und das Pflegepersonal behandelt.
Alte Menschen und ihre betreuenden Helfer haben leider keinen Stellenwert in unserer Gesellschaft. Ein Blick in nördliche Länder zeigt, wie es gehen sollte und kann.

Aber ältere Menschen haben einen Trost - die, die für die jetzige Situation der älteren Mitbürger verantwortlich sind, werden auch einmal spüren, wie es ist, abgeschoben zu werden.

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kontinuität 14.09.2011, 08:03
3. Pflegestufe

Zitat von sysop
Sollte der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) Kenntnis von ihrer Genesung bekommen, droht der Verlust ihrer Pflegestufe - und der Rauswurf aus dem Heim. Denn die Kosten für eine Unterbringung kann sie ohne den Zuschuss der Pflegekasse nicht zahlen.
Rein sachlich scheint mir hier eine Fehlinformation vorzuliegen. Ob man aus einem Heim rausgeworfen werden kann, wenn es einem besser geht, weiß ich nicht. Tatsache ist jedoch, dass mit jeder Erhöhung der Pflegestufe sich die eigene Zuzahlung zu den Heimkosten erhöhen. Das läuft also vollkommen gegensätzlich zu der Situation, in welcher jemand noch außerhalb eines Heimes wohnt, wo eine Heraufsetzung der Pflegestufe auch mehr finanzielle Unterstützung bedeutet. Das war für mich als unterstützender Angehöriger eine recht verwirrende Erfahrung. Noch einmal kurz: Wenn bei einem Heimaufenthalt die Pflegestufe herabgesetzt wird, werden die Heimkosten für den Heimbewohner geringer. Umgekehrt erhöhen sich die Heimkosten für Heimbewohner, sobald seine Pflegestufe erhöht wird. Aus diesem Grund haben viele Heime ein Interesse daran, über den Medizinischen Dienst die Pflegestufe ihrer Bewohner zu erhöhen. Aber das wäre wiederum eine andere Geschichte aus einem oft sehr elenden und furchterregenden Bereich unserer Gesellschaft - Pflegeheime! Ansonsten ein sehr guter Artikel.

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Nadadora 14.09.2011, 08:28
4. Selbständigkeit

Ich denke, dass sich dieser Trend zur Selbständigkeit auch auf weitere Berufsfelder ausweiten wird. Die Flexibiliät steigt für beide Seiten. Festanstellungen lohnen sich für Arbeitgeber immer weniger.

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Sebastian_Deppe 14.09.2011, 08:29
5. Polemik

Freiberufler kosten den Heimbetreiber rund das Doppelte, und das ist im Pflegesatz kalkulatorisch beim besten Willen nicht drin. Es ist immer nur eine Notlösung, z.B. bei Expansion oder Spitzen beim Krankenstand.

- Die Agentur bzw. Zeitarbeitsfirma verdient mit, bis zu 25%
- Die Mehrwehrtsteuer kommt oben drauf. Ein Heim ist qua Gesetz umsatzsteuerbefreit, kann also keine Vorsteuer ziehen.
- Der Stundenlohn an sich ist natürlich höher, weil der Freiberufler seine Sozialabgaben selber zahlt, und je nach empfundener eigener Wertigkeit..

Am Ende des Tages (bzw. Jahres) kann es aber für den Freiberufler ein böses Erwachen geben, wenn das vereinnahmte Geld versteuert werden soll und es schon verbraten ist. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gibt es auch nicht; bei einem derart schweren Beruf etwas gefährlich. Auch 40jährige verheben sich schon mal..

Ein Heim arbeitet außerdem im Dreischichtbetrieb und ist deswegen so teuer: Früh-, Spät- und Nachtschicht. In einem komplizierten Verfahren wird für jedes Heim ein Personalschlüssel verhandelt, z.B. 1 Krankenschwester auf 4 Bewohner mit Pflegestufe 1. Dazu kommen Hygiene- und Qualitätsanforderungen wie im Krankenhaus.

Wer meint, bei den Heimen bleibe viel Geld hängen, der irrt gewaltig oder ist bewusst polemisch...

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axel2302 14.09.2011, 08:39
6. permanenter Pflegenotstand

Pflege im Minutentakt, keine Zeit für zwischenmenschliche Kommunikation, das ist Pflege in einem der reichsten Ländern der Welt! Permanent wird dieser Notstand von den Lobbyverbänden verharmlost - die Pflegebedürftigen bezahlen diesen Umstand mit ihrer Gesundheit, manchmal auch mit einem allzu frühen Ableben. Mit diesem System wird auch noch Geld verdient - in erster Linie aber nur auf Seiten der Betreiber der Pflegeheime. Wen sollte es wundern, wenn engagierte Pflegekräfte nun auf eigene Rechnung arbeiten? Mittelfristig wird gute Pflege natürlich teuerer, denn gute Leute werden sich für ihre guten Arbeit nicht mehr mit 10-12 Euro Nettostundenlohn abspeisen lassen! Weiter so!

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Michael Giertz 14.09.2011, 08:41
7. Die falsche Ethik

Zitat von gaga007
Hochachtung und tiefer Respekt für die, die alte und pflegebedürftige Menschen betreuen und dafür Sorge tragen, dass es auch im Alter möglich ist, menschenwürdig zu leben !
Stimmt. Allerdings sollte auch dem pflegenden Personal ein menschenwürdiges Leben vergönnt sein. 400-Euro-Existenzen gehören auf den Müllhaufen der Geschichte, die Löhne für die z.T. körperlich sehr anspruchsvolle und psysisch belastendende Arbeit gehören deutlich erhöht.

Zitat von
Es ist eine Schande, wie die Politik und Wirtschaft in diesem Lande mit alten Menschen umgeht und das Pflegepersonal behandelt. Alte Menschen und ihre betreuenden Helfer haben leider keinen Stellenwert in unserer Gesellschaft. Ein Blick in nördliche Länder zeigt, wie es gehen sollte und kann. Aber ältere Menschen haben einen Trost - die, die für die jetzige Situation der älteren Mitbürger verantwortlich sind, werden auch einmal spüren, wie es ist, abgeschoben zu werden.
Vielleicht sollte die menschliche Ethik mal auf den Prüfstand: was nützt es, die menschliche Lebenserwartung weiter hochzuschrauben, wenn man am Ende 30, 40 Jahre schlichtweg "alt" ist? Manche sind mit 90 noch mobil, andere sind mit 50 schon verbrannt. Warum soll man dem "verbrannten 50-Jährigen" noch weitere 40 Jahre Leben aufbürden, in dem er unnötig am Leben erhalten wird, statt ihm zu erlauben, zur richtigen Zeit sterben zu dürfen?

Ich kann nur für mich sprechen, aber wenn ich irgendwann in dem Alter bin, wo's nur noch überall zwackt und ich zu schlapp für irgendwas bin, dann will ich nicht auch noch "alt" werden - dann bin ich schon "alt". Auch wenn das eventuell mit 60 schon der Fall sein könnte.

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pettermaennchen 14.09.2011, 09:20
8. selbstständigkeit

ich bin krankenpfleger und wollte mich letztes jahr selbstständig machen, nur um festzustellen,dass in berlin die krankenkassen dies verwehren- pflegeeinrichtungen dürfen nur festangestellte und leasing/zeitarbeitfirmen einsetzen !
die qualität und zuverlässigkeit von zeitarbeitfirmen ist mau meiner erfahrung nach, und der stundenlohn (ich glaube 8-9 eu hab ich ja vor 20 jahren in den sommerferien schon gehabt..)

warum geht es in berlin nicht ? frage ich mich, was bezwecken die kassen ?

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blue0711 14.09.2011, 09:26
9. ..

Zitat von kontinuität
Tatsache ist jedoch, dass mit jeder Erhöhung der Pflegestufe sich die eigene Zuzahlung zu den Heimkosten erhöhen. Das läuft also vollkommen gegensätzlich zu der Situation, in welcher jemand noch außerhalb eines Heimes wohnt, wo eine Heraufsetzung der Pflegestufe auch mehr finanzielle Unterstützung bedeutet.
Die Fehlinformation liegt offenbar auf Ihrer Seite.
Natürlich kann sich die Zuzahlung bei Erhöhing der Pflegestufe auch erhöhen.
Der Zuschuss durch die Pflegekasse deckt ja nicht die ganzen Mehrkosten. Schliesslich verlangt das Heim bei höherer Pflegestufe mehr Geld - es muss ja auch mehr Leistung erbringen.
Zur Selbstständigkeit:
Da bin ich gespalten.
Zum einen wird mal wieder ein Ausbeuterjob völlig ins haltlose gestossen und Unternehmerrisiken werden auf Einzelpersonen verlagert. Auch rechtlich ist das Ganze höchst fragwürdig, da die Arbeit im Grunde nachwievor abhängig und nicht selbstständig erfolgt (oder bringt der Pfleger die Pflegemittel selbst mit und gestaltet seine Arbeitszeit selbst?)

Zum anderen ist das vielleicht die einzige Chance seitens der Pflegekräfte, eine adäquate Entlohnung zu erreichen.
Denn die Nachfrage übersteigt in jedem Fall das Angebot.

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