Forum: Wirtschaft
Griechenland: Massenstreik gegen Tsipras' Sparpolitik
REUTERS

Tausende gehen in Griechenland auf die Straßen. Sie protestieren gegen Arbeitslosigkeit, Armut und immer mehr Steuern. Premier Tsipras zieht sein Sparprogramm trotzdem knallhart durch.

Phildemos 14.12.2017, 15:46
1. schmerzhafte innere Abwertung

Das ist die äußerst schmerzhafte sogenannte innere Abwertung vor der bei einigen so unbeliebte Prof. Hans-Werner Sinn immer gewarnt hat. Ein Austritt aus dem € wäre auch nach meiner Meinung reibungsloser vonstatten gegangen, wenn er auch mit erheblichen Schmerzen verbunden gewesen wäre. Eine äußere Abwertung hätte bis auf die Importpreise das innere Preisgefüge einigermaßen bewahren können.

Und um gleich einem Einwand zu entgegnen: Die Schulden können mit einer abgewerteten Währung genauso schlecht bedient werden - wenn sie denn je bedient werden - wie mit einer durch innere Abwertung geschwächten Wirtschaft.

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Knackeule 14.12.2017, 16:20
2. Hoffnungsloser Fall

Das Problem "Griechenland" ist vielschichtig. Die Proteste gegen das von SPON geschilderte Gesetz, nachdem ein Streik nur mehr dann legal sein soll, wenn 50 Prozent plus eine Stimme der Gewerkschaftsmitglieder dem zugestimmt haben, ist mir unverständlich. Ähnliche Regelungen gibt es bei uns auch und dies ist auch nachvollziehbar. Wenn es zutrifft, dass die griechischen Arbeitnehmer in den vergangenen sieben Jahren mehr als ein Viertel ihres Einkommens verloren haben, so ist dies absolut unsozial und eigentlich kriminell. Aber Schuld ist daran weniger die EU sondern die diversen griechischen Regierungen, die es immer noch nicht geschafft haben, bei den reichen Griechen endlich angemessene Steuern einzuziehen. Auch nicht der Salon-Sozialist Tsipras, ein Sprücheklopfer vor dem Herrn. Im übrigen ist Griechenland wohl ein hoffnungsloser Fall, da es so gut wie keine Industrie vorweisen kann (laut Aussage eines griechischen Wirtschaftsprofessors "nicht mal eine Fahrrad-Fabrik") und ausser dem Tourismus keine andere profitablen Dienstleistungen vorhanden sind und ausser der Agrarwirtschaft (Olivenöl etc.) so gut wie keine Exporte möglich sind. Dafür sind aber angeblich ca. 50 % der Beschäftigten im öffentlichen Dienst tatig. Wie soll so ein Land im knallharten weltweiten Wettbewerb jemals auf die Füsse kommen ?

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juested 14.12.2017, 16:44
3. Mitsprache

Was mir waehrend meiner ca.19jaehrigen Taetigkeit im oeffentlichen Dienst des Landes (ESY) missfiel,war die fehlende Mitsprachemoeglichkeit der Nichtgewerkschaftsmitglieder vor einem Streik.In unsere Krankenhausabteilung,bzw.Gesundheitszentrum kam jeweils nur ein Fax,das zum Streik aufforderte,hier Firmani genannt,etwas wie ein Ukas.Ich sagte zu einem Kollegen,dass in deutschen Krankenhaeusern immer vor Streiks eine Urne der oetv aufgestellt wurde zwecks Urabstimmung.Ein bitteres Lachen war die Antwort:Die wollen doch alle bloss Minister werden.Mit einem Patienten,ehemaligem Vorabeiter auf der Werft in Elefsina sprach ich ueber schwere Unfaelle auf den Werften vor Jahren,als morgens Schweissarbeiten in ungeluefteten Abteilungen von Schiffsneubauten mehrmals zu schweren Explosionen mit vielen Toten fuehrten.Die Erlaubnis fuer den Arbeitsbeginn war telefonisch ohne Gasspuergeraete gegeben worden.Ich sagte ihm,ich haette einen groesseren Streik erwartet.Antwort:"die sind doch alle gekauft.Und die Polen wurden noch nicht mal mitgezaehlt."

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mostly_harmless 14.12.2017, 16:48
4.

Zitat von Knackeule
[....]wenn 50 Prozent plus eine Stimme der Gewerkschaftsmitglieder dem zugestimmt haben, ist mir unverständlich. Ähnliche Regelungen gibt es bei uns auch und dies ist auch nachvollziehbar. Wenn es zutrifft, dass die griechischen Arbeitnehmer in den vergangenen sieben Jahren mehr als ein Viertel ihres Einkommens verloren haben, so ist dies absolut unsozial und eigentlich kriminell. Aber Schuld ist daran weniger die EU sondern die diversen griechischen Regierungen, die es immer noch nicht geschafft haben, bei den reichen Griechen endlich angemessene Steuern einzuziehen. Auch nicht der Salon-Sozialist Tsipras, ein Sprücheklopfer vor dem Herrn. Im übrigen ist Griechenland wohl ein hoffnungsloser Fall, da es so gut wie keine Industrie vorweisen kann (laut Aussage eines griechischen Wirtschaftsprofessors "nicht mal eine Fahrrad-Fabrik") und ausser dem Tourismus keine andere profitablen Dienstleistungen vorhanden sind und ausser der Agrarwirtschaft (Olivenöl etc.) so gut wie keine Exporte möglich sind. Dafür sind aber angeblich ca. 50 % der Beschäftigten im öffentlichen Dienst tatig. Wie soll so ein Land im knallharten weltweiten Wettbewerb jemals auf die Füsse kommen ?
Nene, hierzulande gibt es keineswegs "ähnliche Regelungen". Hierzulande muss nicht Ein definierter Teil der Mitglieder einer Gewerkschaft dem Streik zustimmen, sondern ein deinierter Teil der Wähler der Urwahl. Das ist etwas völlig anderes. Bei der IGM müssten vor jedem Streik über 1.2 Millionen Mitglieder der Sache zustimmen. ODer anders gesagt: Es handelt sich real um ein Streikverbot

Und die hier genannten Zahlen zum Einkommen der Griechen sind vermutlich die Nominallöhne. Die Reallöhne sind in GR weit über 40% gesunken. Und was nun die "Schuld" angeht, entgegen dem, was hier gerne kolportiert wird, diktiert die Troika (oder wie immmer sich das gerade nennt) die Griechen die "Reformen".
Achja, und was den "knallharten weltweiten Wettbewerb" angeht: Es besteht kein Zwang, einen relevanten Exportsektor zu haben. Und Griechenland besitzt, wie Sie richtig anmerken auch keinen. Womit sich zwangsläufig die Frage stellt, wozu man das Land "international konkurrenzfähig" machen will.

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lathea 14.12.2017, 20:20
5. In Griechenland besitzen noch immer mehr....

......Menschen eine Immobilie als bei uns und bei uns kann sich niemand derartige Streikwellen, die insgesamt der Wirtschaft schaden, leisten. Die Griechen sollten sich lieber für mehr Massnahmen gegen Steuersünder engagieren, damit mehr Geld in die Staatskassen rein kommt. Mit derartigen Streiks steigern sie das Bruttosozialprodukt ganz sicher nicht und höhere Löhne müssen schließlich von irgendetwas bezahlt werden - von neuen Schulden hoffentlich nicht.

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Leto13 15.01.2018, 11:21
6. hm

Ein sehr guter griechischer Fahrradhersteller ist die Firma IDEAL, im Jahr 1926 gegründet. Diese Firma exportiert ihre Produkte in 25 Länder. Im Privatsektor in Griechenland kann sich übrigens niemand leisten zu streiken, denn dann ist der Job weg. Griechenland ist, verstärkt durch das Spardiktaturprojekt der letzten Jahre, an einem Punkt angekommen, wo man nicht nur froh ist, wenn man einen Job hat, sondern besonders froh ist, wenn man jeden Monat pünktlich bezahlt wird, und zwar den vollen Betrag. Was die fehlende Industrie in Griechenland betrifft, so war das eine Entscheidung, die im Rahmen der Wiederaufbauhilfe nach dem 2. WK seitens der USA getroffen wurde. Griechenland sollte keine Schwerindustrie bekommen. Seit 1981, dem Beitritt zur EG, ist die Situation schlechter geworden, Unternehmen schlossen oder wurden von ausländischen Kolossen aufgekauft. Was die Wirtschaftszweige betrifft, so ist die Landwirtschaft in der Krise von 3,14% (2009) auf 4,02% (2016) des BIP gestiegen, die Industrie von 17,13% auf 15,77% gefallen und die Dienstleistungen von 79,74% auf 80,21% gestiegen. Diese Daten finden sich hier: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/204321/umfrage/anteile-der-wirtschaftssektoren-am-bruttoinlandsprodukt-griechenlands/. Der Anteil am BIP des Tourismus- und Reisesektors stieg im gleichen Zeitraum von 16,7% auf 18,6%. Was sieht man da? Der Tourismus- und Reisesektor hat erst in den Jahren der Austerität den Industriesektor als Anteil des BIP überholt.

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