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Hartz IV und Geringverdiener: Wie der Staat die Fleißigen bestraft
DPA

Der Sozialstaat hat ein Gerechtigkeitsproblem: Für Geringverdiener lohnt es sich oft kaum, mehr zu arbeiten. Manchmal werden sie sogar bestraft. Es gäbe Lösungen - doch die lohnen sich für die Politik kaum.

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Spiegelpfau 22.03.2019, 13:12
60. Nettoaufbesserung

Ich hatte mich 2001 mit 3000€ brutto = 1500€ netto nicht getraut, eine Familie zu gründen. Mir kam das zu wenig Geld vor. Dementsprechend lief ich als TU-Ingenieur immer mit gesenktem Kopf herum. Ich ging nie davon aus, dass mein Gehalt im öff. Dienst aufgebessert worden wäre. Heute allerdings muss man nur noch 2250€ brutto haben, um auf 1500€ netto zu kommen. Da hat der Staat massiv nachgebessert. Ich hatte lieber den Job gekündigt und liege jetzt bei ca. 5100€brutto. Problem: Gesetzliche Krankenkassenbeiträge von bald 800€/Monat

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passionsblume 22.03.2019, 13:12
61. Zweifelhaft

"Aus 1100 Euro mehr Bruttolohn wurden 35 Euro weniger verfügbares Einkommen."
Es mag durchaus sein, dass sich im monatlichen Nettoeinkommen sehr große Unterschiede ergeben können. Aber wie wirkt sich dann die Steuererklärung aus? Wird die in diesem Artikel überhaupt berücksichtigt? Und sollte die dann nicht bereinigende Effekte nach sich ziehen?

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ds10 22.03.2019, 13:13
62.

Zitat von Crom
Eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes bestraft genau so die Fleißigen. Wenn man von jeder Gehaltserhöhung nicht einmal mehr die Hälfte im Portmonee sieht, ist dies ebenfalls sehr demotivierend.
Um die sollte es aber bei einer Erhöhung des Spitzensteuersatzes gar nicht gehen, sondern um die bei denen das Geld gar nicht mehr im Portmonee landet, weil sie sowieso so viel haben, dass sie nicht wissen wohin damit. Das wären z.B. Susanne Klatten und Stefan Quandt, die 2018 eine Dividende von gut 1,1 Mrd. Euro bezogen haben, ohne dafür jemals eine Leistung erbracht zu haben, außer die Kinder von Herbert Quandt zu sein. Die würden kaum am Hungertuch nagen, selbst wenn der Spitzensteuersatz 70% betragen würde (wie in den USA in den 1970er-Jahren, zwischen 1940 und 1960 lag dieser zeitweise sogar über 90%).

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sebschm 22.03.2019, 13:14
63. Einstellung einer Reinigungshilfe - was ich erfahren durfte

Ich habe vor einigen Tagen eine Reinigungskraft auf 450€-Basis eingestellt. Dabei ist es mir wichtig, einen fairen Arbeitslohn zu zahlen, und mich an alle Gesetze und Regeln zu halten: Sozialabgaben, Urlaub für die Reinigungskraft, Unfallversicherung.
Nach dem Kontakt zu ca. 40 Interessenten muss ich sagen: Ca. 80% der Interessenten wollten ausschließlich "schwarz" arbeiten, in fast allen Fällen, weil sie die staatlichen Unterstützungen nicht verlieren wollten, alle kannten sich sehr gut mit den Regeln aus.
Fazit ist also: Der Staat verhindert durch die sehr rigiden Regeln zum Zuverdienst nicht nur legale Arbeit, er treibt die Arbeitskräfte auch aktiv in die Schwarzarbeit.
Was ich aber auch lernen durfte: Mehrere der Interessenten haben durch staatliche Transfers und geschickte Schwarzarbeit ca. 1200-1500€ Netto im Monat, bei zwei Vormittagen Schwarzarbeit pro Woche. Den Rest der Woche haben die Damen und Herren (ok, hier waren es tatsächlich ausschließlich Damen) frei! Ich bin etwas fassungslos, wie nett sich wohl mittlerweile viele mit der staatlichen Unterstützung eingerichtet haben. Ich bin seit dieser Erfahrung der Meinung, dass Kontrolle und Druck des Staates auf Transferleistungsempfänger nicht wirklich abgeschafft werden können, leider. Und man sollte jene, die Schwarzarbeit als Arbeitgeber anbieten, wohl noch härter bestrafen. Eigentlich müssten sie dem Staat Schadenersatz leisten für die Beihilfe zum Transferleistungsbezugs-Betrug (schönes Wort...). Eine Interessentin, die nur schwarz arbeiten wollte, nannte uns als Referenz-Arbeitgeber sogar den Leiter der örtlichen AOK, besonders cool.

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krautrockfreak 22.03.2019, 13:16
64. Der Mindestlohn MUSS hoch und zwar deutlich! Mit allen Konsequenzen,

dann kostet der Haarschnitt halt 3 Euro mehr und das Kilo Möhren 20 Cent mehr und mancher kann nur noch 2x in Urlaub fahren. Aber wir müssen in 20 Jahren dann nicht noch mehr von unserer Rente an die abgeben, die mit ein paar hundert Euro dahin vegetieren werden (und das werden Millionen sein!).
Und dann muss der Soli weg - und zwar sofort! Eine Frechheit, dass uns der noch abgeknöpft wird...

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jallajalla 22.03.2019, 13:16
65.

Zitat von xees-ss
Rechenfehler? Wie kann bei einem Bruttogehalt von 1400 auf dem Lohnzettel ein Netto von 2100 stehen? Bei 2500 Brutto ein Netto von 2064 ist doch schön, da zahlt der Staat und alle Kinderlosen kräftig mit.
Im Artikel wird das neue Netto mit dem vorher verfügbaren Einkommen verglichen. Letzteres beinhaltete aber die weggefallenen Sozialleistungen.

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Soziopathenland 22.03.2019, 13:16
66. Es gäbe Lösungen - doch die lohnen sich für die Politik kaum...

Das Problem ist, dass der normale Arbeiter nur das Existenzminimum verdient. Man kann nicht dem Arbeiter und dem Arbeitslosen das Gleiche geben.

Entweder streicht man Sozialleistungen und riskiert ein riesiges Heer Obdachloser und die Bildung von Slums mit entsprechenden Folgen
oder
man erhöht massiv die Löhne, aber das lohnt sich für die Oligarchen nicht.

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pittiken 22.03.2019, 13:19
67.

Zitat von holtadipolta
"m Fall Sandra D. hatten vor der Gehaltserhöhung außer dem Kindergeld zwei weitere Sozialleistungen ihr Einkommen von 1400 brutto auf 2100 Euro gesteigert: Kinderzuschlag und Wohngeld"
Kinderzuschlag hat der Journalist hinzugedichtet.

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frankge 22.03.2019, 13:19
68. Berechnung

Hartz 4 für 1 Erwachsenen = ca. EUR 420, Hartz 4 pro Kind = ca. EUR 320 (je nach Alter zwischen 245 und 339). Miete für eine 70qm-Wohnung = ca. EUR 700.
Damit erhalten wir: Ew+Kind+Kind = EUR 1060 + EUR 700 = zusammen ca. EUR 1800 (weniger bei weniger Miete, mehr bei mehr Miete). Dies nennt sich der "Grund(sicherungs)betrag".

Hinzuverdienst: Die ersten 100 EUR sind abzugsfrei (Pauschalbetrag für Werbungskosten, Versicherungen, etc.), von jeden weiteren verdienten Euro (netto), werden 80% abgezogen, man bekommt also pro 1 Verdienst-Euro 20 Cent mehr. Ab 1200 Euro beträgt der Abzug sogar 90%.

Verdient also der oben genannte Erwachsene 800 Euro NETTO, so bleiben ihm davon 100+(20% von 700=140) = zusammen 240 Euro, verdient er 500 Euro, so bleiben ihm 180 Euro und verdient er 1200 Euro NETTO, dann bleiben ihm davon 320. Arbeitet er noch mehr, dann darf er sogar nur noch 10 Cent pro Euro behalten, es werden dann also 90% des Zusatzverdienstes abgezogen.
Und jetzt kommt das Beste, denn ab 1500 Euro wird dann sogar JEDER hinzuverdiente Cent abgezogen, was zu dem Effekt führt: Ob jemand 1500 (netto!) oder 1800 (netto!) verdient, macht für ihn keinerlei Unterschied.

Erst dann, wenn er mehr als den gnaz oben genannten Hartz4-"Grundbetrag" verdient, also mehr als 1800 EUR netto, erst ab dann gehört jeder zusätzlich verdiente Euro ihm selbst.

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frankge 22.03.2019, 13:26
69. Berechnung

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wollen sie jemanden, der 2.500 brutto hat, noch Wohngeld oder andere Sozialhilfe zahlen? Die Frage ist doch eher, welche Rahmenbedingungen kann denn die Politiik tatsächlich schaffen, damit die Frau von Anfang an 30h arbeiten kann und nicht auf Almosen angewiesen ist.

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