Forum: Wirtschaft
Hat die Politik noch Einfluss auf die Finanzmärkte?

Wirtschaftsmeldungen bestimmen derzeit die politische Agenda, Börsendaten machen Politik: Selten waren die Situation der internationalen Finanzen und der Unternehmen so bestimmend für die Erwartungen, die die Bürger an die Politik stellen. Aber hat die Politik überhaupt noch Einfluss auf die Finanzmärkte? Oder entscheiden ganz Andere?

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fegefeurer 23.11.2011, 17:01
820. Papier bedrucken erzeugt keinen Wohlstand

Zitat von rolli
Interessant am derzeitigen Spiegelforum ist, dass was die Politik und die Wirtschaft angeht, etwa 90% der Foristen den Mund halten. Insgesamt geschieht das deswegen, weil die Vielschreiber hier die Neoliberalisten waren, die ihre Religion durchsetzen wollten, egal was es kostet. Nun merken die aber, dass es zuviel kostet. Man raunzt sich allenthalben nur nich hinter vorgehaltener Hand die verkommenen Parolen zu
Zu erwarten, dass es gelingen könnte, durch das Bedrucken von Papier einen Jahrzehnte lang weltweit betriebenen Verschuldungsexzess zu einem guten Ende zu bringen – und zwar ohne kollektive Wohlstandsverluste – ist illusorisch. Entweder man hält seine Finanzen in Ordnung, kauft was man auch tatsächlich bezahlen kann und behält seine finanzielle Unabhängigkeit, oder man geht auf Teufel komm raus absurd hohe Verbindlichkeiten ein, liefert sich seinen Gläubigern aus und ist irgendwann pleite.

Die Vorstellung, dass Staaten aus geheimnisvoll im Dunkeln liegenden Gründen von dieser Gesetzmäßigkeit nicht betroffen sein könnten, da sie ja – anders als private Debitoren – über das Privileg zur Geldproduktion verfügen, ist historisch vielfach widerlegt. Ergo: Entweder man fasst sich in Geduld und übt Konsumverzicht, um begehrte Güter mit seinen Ersparnissen zu bezahlen, oder man will alles sofort, nimmt Kredite auf und zahlt ab. Die Wohlfahrtsstaaten dieser Welt haben sich vor Jahrzehnten allesamt gegen die Ansparvariante entschieden. Jetzt ist Zahltag!

Was die Apologeten einer Verlängerung der Schuldenpolitik durch Einsatz der Geldpressen allzu gerne verschweigen: Auch eine Aufhebung sämtlicher die Geldproduktion derzeit noch begrenzender Barrieren wäre nicht imstande, die aus der wirtschaftlichen Inhomogenität der Eurozone resultierenden Probleme zu lösen. Denn ebenso schnell wie das Geld aus den Druckerpressen läuft fließt es auch schon wieder an die produktivsten Standorte, wo es die besten Investitionsmöglichkeiten vorfindet. Strukturunterschiede sind mit monetären Mitteln nicht zu beheben.

Am Beispiel Griechenlands wird es deutlich: Nur ein Bruchteil der seitens der europäischen „Solidargemeinschaft“ dorthin transferierten Mittel bleibt tatsächlich im Lande. Der Großteil macht sich postwendend wieder auf den Weg zurück in starke und – zumindest relativ – gesunde Volkswirtschaften. Jene Sonntagsreden, in denen „Neuinvestitionen“ beschworen werden, um auf diese Weise maroden Staaten auf die Beine zu helfen, sind blanke Ironie. Kein bei Verstand befindlicher privater Investor sieht die geringste Veranlassung, in korrupten Balkanrepubliken oder in randständigen Ländern ohne ausreichend vorhandenes gut ausgebildetes Arbeitskräfteangebot zu investieren! Griechenland und Portugal werden daher auf absehbare Zeit die Armenhäuser Europas bleiben – auch dann, wenn die EZB demnächst auf den hochriskanten Kurs der Fed einschwenken sollte.

Darüber hinaus trifft es nicht einmal zu, dass neu geschaffenes Geld wenigstens in den wirtschaftlich starken Ländern positive Entwicklungen anstoßen würde. Es führt vielmehr zu überzogenen Investitionen in bestimmten Sektoren – zum Beispiel bei Immobilien. „Blasenbildungen“ sind typische Folgen inflationistischer Geldpolitik. Der anno 2000 zum Ende gekommene „Dot-Com-Boom“ oder die US-Subprimekrise des Jahres 2007 sind dafür symptomatisch.

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++arthur 23.11.2011, 17:25
821. Lesetipp

Es gibt Äußerungen, die so erhellend sind, dass man sie sich merken muss. Am 3.Februar 1996 erklärte der damalige Präsident der Deutschen Bundesbank Hans Tietmeyer in Davos, er habe bisweilen den Eindruck, „dass sich die meisten Politiker immer noch nicht darüber im Klaren sind, wie sehr sie bereits heute unter der Kontrolle der Finanzmärkte stehen und sogar von diesen beherrscht werden“. Dies sollte keine Kritik sein, Tietmeyer stellte das bestätigend fest. Wo blieben die Proteste der Politiker? Wo blieb der Aufschrei der Öffentlichkeit?
http://www.faz.net/aktuell/feuilleto...-11537333.html

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Patrik74 23.11.2011, 17:39
822. Sie sagen es!

Zitat von fegefeurer
Zu erwarten, dass es gelingen könnte, durch das Bedrucken von Papier einen Jahrzehnte lang weltweit betriebenen Verschuldungsexzess zu einem guten Ende zu bringen – und zwar ohne kollektive Wohlstandsverluste – ist illusorisch. ... Ergo: Entweder man fasst sich in Geduld und übt Konsumverzicht, um begehrte Güter mit seinen Ersparnissen zu bezahlen, oder man will alles sofort, nimmt Kredite auf und zahlt ab. Die Wohlfahrtsstaaten dieser Welt haben sich vor Jahrzehnten allesamt gegen die Ansparvariante entschieden. Jetzt ist Zahltag! ... Es führt vielmehr zu überzogenen Investitionen in bestimmten Sektoren – zum Beispiel bei Immobilien. „Blasenbildungen“ sind typische Folgen inflationistischer Geldpolitik. Der anno 2000 zum Ende gekommene „Dot-Com-Boom“ oder die US-Subprimekrise des Jahres 2007 sind dafür symptomatisch.
Ich stimme ihnen 100% zu, "mehr Geld" bedeutet nicht "mehr Wohlstand".

Ich befasse mich derzeit mit der "modern monetary theorie", die zwar einserseits besagt, dass der Staat heute in der Tat Geld drucken kann um sich zu finanzieren, dies aber dort seine Grenzen hat, wo es zu Inflation führt. Ist zuviel Geld im privaten Sektor, dann muss es über Steuern abgeschöpft werden.

Das klingt zwar im ersten Ansatz so, als stehe es im Widerspruch zu ihren Aussagen, ist es aber nicht, da wir heute eine massive Asset-Inflation haben, die es eigentlich erforderlich macht, eisern zu sparen, sprich staatliche Ausgaben zu begrenzen und Steuern zu erhöhen, um den Zufluss von Mitteln zu stoppen.

Gleichzeitig haben wir aber eine Arbeitslosigkeit, die aus Mangel an Ausgaben entsteht und durch das Sparen noch verstärkt wird. Was also tun?

Meiner Meinung müsste man massiv Steuern auf Geldvermögen und Zinseinkommen erheben, um die überbordende Geldmenge einerseits zu reduzieren und gleichzeitig die verbleibenden Mittel in Richtung der Realwirtschaft zu lenken. Dies könnte durch eine steuerliche Entlastung der Realwirtschaft weiter verstärkt werden.

Auf diese Weise wäre "Konsumverzicht" nicht nötig. Der Staat wäre finanziert, der überbordende Finanzsektor würde gesundgeschrumpft und die Realwirtschaft gesundgepäppelt.

Man muss die im Überfluss vorhandenen Mittel einfach nur wieder "aktivieren". Wir haben es im Kern mit einer massiven Fehlallokation von Mitteln zu tun.

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rolli 24.11.2011, 09:48
823.

[..................aus den Druckerpressen läuft fließt es auch schon wieder an die produktivsten Standorte, wo es die besten Investitionsmöglichkeiten vorfindet. Strukturunterschiede sind mit monetären Mitteln nicht zu beheben.

Am Beispiel Griechenlands wird es deutlich: Nur ein Bruchteil der seitens der europäischen „Solidargemeinschaft“ dorthin transferierten Mittel bleibt tatsächlich im Lande. Der Großteil macht sich postwendend wieder auf den Weg zurück in starke und – zumindest relativ – gesunde Volkswirtschaften. Jene Sonntagsreden, in denen „Neuinvestitionen“ beschworen werden, um auf diese Weise maroden Staaten auf die Beine zu helfen, sind blanke Ironie. Kein bei Verstand befindlicher privater Investor sieht die geringste Veranlassung, in korrupten Balkanrepubliken oder in randständigen Ländern ohne ausreichend vorhandenes gut ausgebildetes Arbeitskräfteangebot zu investieren! Griechenland und Portugal werden daher auf absehbare Zeit die Armenhäuser Europas bleiben – auch dann, wenn die EZB demnächst auf den hochriskanten Kurs der Fed einschwenken sollte.

Darüber hinaus trifft es nicht einmal zu, dass neu geschaffenes Geld wenigstens in den wirtschaftlich starken Ländern positive Entwicklungen anstoßen würde. Es führt vielmehr zu überzogenen Investitionen in bestimmten Sektoren – zum Beispiel bei Immobilien. „Blasenbildungen“ sind typische Folgen inflationistischer Geldpolitik. Der anno 2000 zum Ende gekommene „Dot-Com-Boom“ oder die US-Subprimekrise des Jahres 2007 sind dafür symptomatisch.[/QUOTE]

Eine etwas einfache Sicht der Welt.
Wenn wir die "Schuldenstaaten" ansehen, so haben sich viele von denen an die Maastrichtkriterien gehalten. Spanien und Italien oder Portugal und Irland sogar besser und verlässlicher als Deutschland. Die Schulden der Staaten waren innerhalb der Grenzen, und die Staaten als solche waren gesund.
Der Grund der Verschuldung die plötzlich aus dem Nichts auftauchte war nicht die hohe Staatsverschuldung, sondern die hohe Privatverschuldung, die die STaaten dann übernommen haben, manche sagen, übernehmen mussten. Die Banken haben sich - in volliger Sicherheit, dass ihnen geholfen würde, wenn es hart auf hart käme - in Situationen ( freiwillig und bewusst ) manövriert, in denen normalerweise der Bankrott am Ende steht. Diese ( vorsätzlich, freiwillig und bewussten ) Schulden mssten und haben die Staaten übernommen und stehen nun selbst als Schuldner da. Die Wirtschaftskraft ist oft nicht ausreichend um da rauszukommen, und die, die das Ganze inszeniert haben, die Banken, machen solange weiter, solange noch Geld ins System geschleusst wird. Erst wenn Staaten und das System nichts mehr hergeben, wird sich etwas ändern, denn die Banken wissen genau:

Das System wird sich nie ändern, denn die Eliten ziehen daraus ihre Gewinne oder sie leben direkt davon.
Der Wohlfahrtsstaat - eine beliebte Verklausulierung der Unwissenden - hat an garnichts schuld. Die neoliberalistische Idee des Geldstocks ist längs schon ad absurdum geführt. Der "Wohlfahrtsstaat" bringt den Staaten Geld und kostet sie nichts. Er bringt Steuern und wiederum Sozialabgaben, spart Sozialausgaben und er bringt - zumindest in D. - jedes Jahr rund 30 Mrd. Euro direkt aus den Sozialkassen in den Haushalt.

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Internetnutzer 24.11.2011, 16:34
824.

Wenn der Staat reguliert, ist es kein Markt mehr.
Deutschland und Marktwirtschaft.. zum totlachen. Was ist denn nicht geregelt?

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++arthur 24.11.2011, 17:10
825.

Zitat von Internetnutzer
Wenn der Staat reguliert, ist es kein Markt mehr.
Ach so ist das ...

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Holzauge 27.11.2011, 10:38
826.

Zitat von Internetnutzer
Wenn der Staat reguliert, ist es kein Markt mehr. Deutschland und Marktwirtschaft.. zum totlachen. Was ist denn nicht geregelt?
Markt ist es erst, wenn es Regeln hat.
Einen "freien Markt" gibts nicht. So ein Ding hat auch nicht ohne Grund keinen Begriff in der Sprache bekommen. Höchstens noch als Gemetzel könnte man das beschreiben.

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the.church.of.money 29.11.2011, 22:18
827.

Ich empfinde den Kapitalismus als Religion – als eine fundamentalistische Staatsreligion. Diese gibt den politischen Entscheidungsspielraum vor und prägt das gesellschaftliche Leben bis ins Privateste hinein.

Das Symbol dieser Religion ist das goldene Prozentzeichen, denn Zins, Rendite, Wachstum etc. werden in Prozent bemessen.

Diese Religion hat zwei in Stein gemeißelte Gebote:
1. Wenn du nimmst, dann sei gierig!
2. Wenn du gibst, dann sei geizig!

Für mich sind Geiz und Gier Antikultur, weil sie den Menschen auf seine niedrigsten Beweggründe reduzieren. Weniger Geiz und weniger Gier bedeuten mir mehr Menschlichkeit – und ermöglichen erst Kultur!

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Tolotos 01.12.2011, 18:21
828. Haben Puppen Einfluss auf die Puppenspieler?

Zitat von sysop
Wirtschaftsmeldungen bestimmen derzeit die politische Agenda, Börsendaten machen Politik: Selten waren die Situation der internationalen Finanzen und der Unternehmen so bestimmend für die Erwartungen, die die Bürger an die Politik stellen. Aber hat die Politik überhaupt noch Einfluss auf die Finanzmärkte? Oder entscheiden ganz Andere?
Die modernen repräsentativen sogenannten Demokratien ähneln immer mehr einem Puppentheater wie z. B. der Augsburger Puppenkiste. Die unmündig gehaltenen Wähler werden immer mehr in die Rolle der kindlichen Zuschauer gedrängt, denen auf der Bühne von ihren Politikern als Marionetten des Geldadels ein Schauspiel vorgeführt wird.

Der Sinn dieses Schauspiels ist es, vor den Zuschauern zu verbergen, dass die sichtbaren Aktivitäten der Puppen von versteckten Puppenspielern, der in diesem Fall der Lobby, gesteuert werden. Solange wie die Wähler sich täuschen lassen, können problemlos Wahlen durchgeführt werden, ohne dass dies den Handlungsspielraum der tatsächlich Regierenden einschränkt.

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bono1 01.12.2011, 18:52
829.

Zitat von ++arthur
Es gibt Äußerungen, die so erhellend sind, dass man sie sich merken muss. Am 3.Februar 1996 erklärte der damalige Präsident der Deutschen Bundesbank Hans Tietmeyer in Davos, er habe bisweilen den Eindruck, „dass sich die meisten Politiker immer noch nicht darüber im Klaren sind, wie sehr sie bereits heute unter der Kontrolle der Finanzmärkte stehen und sogar von diesen beherrscht werden“.
Man muss allerdings sagen, dass die grössten deutschen Verluste durch sub-intellektuelle Politiker wie Schröder(SPD) und Fischer(Grüne)durch Lockerung der Kreditvergaberegeln der Banken hervorgerufen wurden, durch Besetzung der Landesbanken mit Parteipolitikern (alle Parteien), durch Einführung des Euro gegen den Rat der Wirtschaftsprofessoren (Es geht auch ohne, wie Grossbritannien zeigt), durch Aufnahme von Griechenland i. d. Euro usw. usw.

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