Forum: Wirtschaft
Katalonien-Konflikt: Die Schuld der Euro-Krisenmanager
REUTERS

Was gerade in Katalonien passiert, wirkt wie ein rein innerspanischer Streit um Sprache und Geld. Tatsächlich ist der Konflikt auch eine Folge der globalen Finanzkrise - und des deutschen Euro-Krisenmanagements.

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jjcamera 13.10.2017, 15:36
40. Wir sind die Schuldigen

Mit ein bisschen Anstrengung lässt sich zu praktisch jedem Thema auf dieser Welt, von Finanzkrisen über Fluchtursachen bis zu Klimawandel, eine "deutsche Schuld" ableiten. Wenn man sich daran gewöhnt hat, ein Prügelknabe zu sein, tut es gar nicht mehr weh.

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Larnaveux 13.10.2017, 15:37
41.

Es ist wahrlich recht praktisch, immer einen Sündenbock zur Hand zu haben. Zu jeder Zeit gab es das in der Menschheit. Mal waren es - nur um einige Beispiele zu nennen - die Juden (die ja Christus umgebracht haben und deshalb per se ja sowieso jeden umbringen, mit Vorliebe kleine Kinder, wie man insbesondere im Mittelalter genau wusste), dann waren es die Kräuterfrauen und Hebammen (weil es natürlich bedrohlich ist, dass diese Frauen Wissen hatten, das andere nicht besaßen, und so etwas ist immer bedrohlich), dann waren es natürlich mal die Polen, die Franzosen, die Russen und so weiter und so fort. Beliebig könnten es auch Rothaarige sein oder mittelgroße Männer mit nur einem Bein oder wer auch immer.

Und nun sind es also Frau Merkel und Herr Schäuble. Wenn es irgendwo auf der Welt etwas gibt, was nicht rund läuft, dann ist es wirklich praktisch, auf diese beiden verweisen zu können. Man kann es auch überaus geschickt (so glaubt der Schreiber jedenfalls) begründen, denn die beiden setzen ja immer brutal ihren Willen durch, und alle anderen Menschen auf der Welt sind vollkommen wehrlos und haben auch nie, nein, niemals(!) etwas Falsches gemacht. Kaum aber greifen Frau Merkel und Herr Schäuble ein, beginnt das Chaos. Selbst in weit entfernten Ländern. Und vollkommen harmlose Menschen, die pure Güte alleine bis dahin im Herzen trugen und sich nichts vorwerfen können, werden zu reinen Opfern. Ich vermute, dass auch Trumps Wahl in irgendeiner Weise nur zustande gekommen ist, weil Frau Merkel und Herr Schäuble irgendetwas gemacht haben. Bestimmt wird man auch das noch herausfinden und begründen.

Die Welt ist doch wirklich einfach, wenn man Sündenböcke hat. Man muss nämlich selbst dann aus den eigenen Fehlern keine Lehren ziehen, sondern kann vor sich hin klagen, wie böse, böse Frau Merkel und Herr Schäuble sind. Eine prima Sache, denn so ist man nicht gefordert, an sich selbst zu arbeiten. Hat schon früher funktioniert, in der Antike, im Mittelalter, in der Neuzeit. Funktioniert auch jetzt.

Danke für diese "erhellende" Kolumne.

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Europa-Realist 13.10.2017, 15:38
42. Fehlkonstruierte Begründung

Was und wer alles mitverantwortlich sein soll an den Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens, das ist schon abenteuerlich.

Wenn der Autor hier einfordert, das die Katalanen den Grundsatz „pacta sunt servanda“ einhalten müssen, dann fragt man sich schon, warum soll das für Spanien und die gesamte EU nicht gelten?

Wenn sich die EU gerade im Hinblick auf den EURO und die Einhaltung der Konvergenzkriterien an diesen hehren Grundsatz gehalten hätten und wenigstens in Zukunft halten würden, dann hätten wir ganz andere und viel größere Probleme nicht. Es ist leider noch nichts ausgestanden, wir haben noch alles vor uns. „Danke“ insbesondere an Mario dafür!

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boanerges 13.10.2017, 15:45
43. Guter Artikel

Stimmt alles, ausser der Schlussfolgerung. Schuld sind die katalanischen Politiker die sich, um gewählt zu werden, gegenseitig hochgeschaukelt haben, wer jetzt noch katalanischer ist. Die Büchse der Pandora wurde von der CIU geöffnet, lange Jahre unter Pujol haben sie Madrid sanft erpresst und den "vernünftigen Katalanismus" gepflegt, bis sie links und rechts von den Separatisten überholt wurden und sich schliesslich alle überschlagen haben, wer noch katalanistischer sei. Dazu zwanzig Jahre Hardcore-Indoktrination an den Schulen und das Ergebnis sehen wir jetzt.
Zur Wirtschaftspolitik: Austritt schadet Deutschland, ziemlich verantwortungslos von der Regierung, das sagen alle Wirtschaftsexperten. Für Südeuropa liegt das Problem offensichtlich im Euro. Wenn alle abwerten könnten, währen sie wettbewerbsfähig. Eigentlich könnten nur zehn Länder in der Eurozone bleiben. In zwanzig Jahren könnte man dann sie Situation neu bewerten.

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jjcamera 13.10.2017, 15:50
44.

Zitat von calimero2015
Die Begründung, dass Schäuble+Merkel mitverantwortlich sein sollen, ist wirklich abenteuerlich. Das ist ein rein spanisches Problem, die Wirtschaftskrise mag ihren Teil beigetragen haben, aber auch dafür sind die Spanier selbst verantwortlich. Der Autor gehört zu den Leuten mit linker Prägung, die wirklich alles was schief läuft einer konservativen deutschen Politik anlasten. Deutschland ist nicht schuld daran, wenn sich Länder überschulden, nicht sinnvoll investieren, nach mehr Geld rufen, aber nicht bereit für Reformen sind. Die Foristen, die die Austeritätspolitik kritisieren, könne ja gerne spanische oder griechische Staatsanleihen kaufen und bestehende Misstände einfach weiter finanzieren, denn darauf würde es im Endeffekt hinauslaufen.
Die Wurzeln dieser Feindschaft liegen im spanischen Erbfolgekrieg am Anfang des 18. Jahrhunderts. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde Katalonien mehrfach die Autonomie zugesprochen und kurz darauf wieder entzogen. Zuletzt unter Franco, bzw. jetzt unter Rajoy.
Wen wundert es da, dass die Katalanen es satt haben, sich von Madrid alles diktieren zu lassen. Ein Entgegenkommen der spanischen Regierung und des Königs hätte ja gereicht, um den Konflikt beizulegen. Aber da schickt man lieber die Guardia Civil. Sehr unklug.

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mrmink 13.10.2017, 15:54
45. radikal

ich habe von 1996 bis 2007 in Barcelona gelebt und kann sagen das die Nationalisten dort immer schon sehr radikal waren und nur wenige haben sich getraut ihnen zu widersprechen. vom Schachclub über Restaurants mit katalanischer Speisekarte bis zur Schule wo Spanisch (Kastellisch) als Fremdsprache gelehrt wurde. Und wehe man hat dagegen etwas gesagt. Beschimpfungen und sogar Androhung von Gewalt waren die Folge. Die schweigende Mehrheit ist in den letzten Jahren immer mehr verunglimpft worden und es wird endlich Zeit das sich dies ändert. Nationalisten sind in allen Ländern gleich schlecht, ob in Frankreich Le Pen oder Wilders in Holland und auch Katalonien soll diese Extremisten endlich bekämpfe.

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karl-ecker 13.10.2017, 15:57
46.

Boombremsen und Rezessionsspritzen gab es mal zu Zeiten nationaler Währungen. Vergessene Instrumente. Booms bremsen, hat keiner Lust, Rezessionen zu beheben, durch Spargebote von Hausfrauenwirtschaftsministern und kanzlern keine Chance. Wirkungen bremsender und fördernder Art durcdh Devisenentwicklungen gibts auch nicht mehr. Die Gelddruckerei und Shcöpferrei wird letzuendlich die Währung in eine Inflationäre verwandeln. Lediglich durch den Bargeldentzug werden dann hat die Schubkarren nicht mehr benötigt, um die 1,8975 Milliarden Euro für ein 2 Pfünder Brotz zu zahlen. Geht dann mit dem Handy vom Konto.

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DerBlicker 13.10.2017, 15:58
47. Verdrehung der Tatsachen

Zitat von gluecklich_woanders
Endlich mal ein Artikel zur Katalonien-Krise, dem ich vorbehaltlos zustimmen kann! Dass der Autor Recht hat, zeigt schon ein Blick in Spaniens Nachbarland Portugal. Seit man dort die Austeritätspolitik zurückgefahren hat, hat sich die wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Lage deutlich stabilisiert. Populistische Parteien gibt es so gut wie überhaupt nicht, und Euro-Skeptiker und andere radikale Stimmen wurden bei den letzten Regionalwahlen empfindlich abgestraft. Natürlich ist Portugal ein Miniaturstaat und nicht wirklich mit Spanien vergleichbar, die Lage dort zeigt aber sehr deutlich, dass es sehr wohl Alternativen zur Austeritätspolitik gegeben hätte - die in weiten Teilen nicht zur wirtschaftlichen Erholung beigetragen hat, sondern wohl vielmehr als Strafmaßnahme gegen vermeintlich faule Südländer verstanden werden wollte. Und jetzt haben wir eben den Salat ...
Spanien hat eindeutig über seine Verhältnisse gelebt, sonst hätte es keine Finanzkrise in Spanien gegeben. Deutschland ist nicht für finanzielle Probleme in Spanien verantwortlich. Deutschland kam erst ins Spiel, als Spanien 2008 schon tief im Schlamassel steckte und dringend Geld brauchte, was ihm woanders (an den Märkten) niemand mehr geben wollte. Dass Spanien dann aber die Vorgaben des Gläubigers akzeptieren musste, ist ja wohl selbstverständlich, es bestimmt immer der Gläubiger die regeln, nie der Schuldner.

Selbstverständlich achtet Deutschland darauf, dass seine Schuldner mit dem geliehenen Geld sparsam umgeben. Am katalanischen Separatismus ist nur der katalonische Nationalismus schuld.

Katalonien wird niemals Mitglied der EU werden und wird auch kein Geld von Deutschland bekommen, aus Deutschland wird es niemals Unterstützung für Separatisten geben.

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DerBlicker 13.10.2017, 16:06
48. doch ist sie

Zitat von alodi
...außer eine Quellenangabe des DIW: https://www.diw.de/de/diw_01.c.553175.de/themen_nachrichten/die_austeritaetspolitik_in_spanien_portugal_und_it alien_war_kontraproduktiv.html Natürlich sind solche Vorgänge nie monokausal, aber die deutsche Rolle ist nicht von der Hand zu weisen.
Denn für die finanziellen Probleme eines Landes ist immer nur und allein das Land selbst als Schuldner verantwortlich, niemals der Gläubiger. Wer sich verschuldet, ist für alle Konsequenzen allein verantwortlich, alles andere ist Kindergarten.

Es ist eine Krankheit unserer Zeit, dass die Leute die Verantwortung für ihr Tun nicht mehr übernehmen wollen und andere Schuldige suchen, daher auch das Anwachsen des Nationalismus und Populismus, beides ein Zeichen von Verantwortungsflucht.

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gelegentlicher_spon_leser 13.10.2017, 16:07
49.

Selbstverständlich wäre nichts passiert, wenn man sofort nach dem unsinnigen Bauboom in Spanien (denn viel was anderes geschah da nicht) weiter Geld reingepumpt hätte, egal, wie verschuldet Staat und Banken waren. Wir hätten vielleicht eine Verdoppelung der Schulden und (anders als in Japan) die absolute Gewissheit, dass Spanien das nie zurückzahlen kann - außer über eine Euro-Entwertung oder (andere) Transferzahlungen.
Katalonien zahlt netto 8% des BIP an die Zentralregierung, wobei mir nicht klar ist, was netto bedeutet: tatsächlich nach hin und her aller staatlichen Leistungen? Es wäre damit nicht vergleichbar mit dem deutschen Länderfinanzausgleich (Bayern max 0,8 % BIP). Die 11% der Madrider Region sind mit dem höheren BIP erklärbar (dem höchsten pro Kopf in Spanien, 120 Katalonien gegenüber 136 Madrid), was ja vielleicht mit der Ansiedlung der Firmenzentralen in Madrid zu tun hat, die Loslösung Madrids von Spanien würde da wohl wenig Sinn machen.

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