Forum: Wirtschaft
Leitkultur-Debatte: Wir heimatlosen Gesellen
SUKI/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

"Heimat" als politische Kategorie: Sigmar Gabriel sorgt mit seinem SPIEGEL-Essay für Aufsehen - dabei greifen seine Ideen zu kurz. Drei Thesen zum Nachdenken.

Seite 1 von 10
HaioForler 24.12.2017, 14:49
1.

Die Masche ist bekannt: kaum sprach Gabriel von "Ordnung" und "Heimat", rückte ihn auch schon die altehrwürdige Zeit (ohne Not!) in eine Beziehung zu "1937".

So langsam wird die Nazikeule immer billiger, mit denen Abweichler an den Rand gedrängt werden sollen.
Auf die Idee, daß das aktuelle Unbehagen in der Kultur (nach einer Umfrage 2015 fühlten sich 45% der Bürger in NRW "entfremdet") auch handfeste Gründe hat, scheinen gewisse Probanden nicht zu kommen.

Da wird wohl entweder auf unsere Vergangenheit oder aber alternativ auf das vermeintlich bessere Morgen verwiesen, deren Segnungen der Normalbürger nur nicht zu verstehen imstand ist. Das Jetzt scheint gar nicht vorzukommen. Und so behalten die Ewig-Morgigen nur in der fiktiven Zukunft immer recht.

Reden wir uns doch einfach alles schön. Macht nur weiter so mit diesem Land. Alles in Ordnung, Und Jesus war ja Muslim, wie der Spiegel titelt.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
maturin001 24.12.2017, 14:51
2. Frohe Weihnachten!

Warum "Leitkultur"? Das ist kein definierbarer Begriff. Wir brauchen keine Kultur, nach der sich alle richten sollen, denn das ist willkürlich. Was für ein friedvolles Zusammenleben wichtig ist, sind Gesetze, zuzüglich eines grundsätzlichen gegeseiteigen Respektes. Eine "Leitkultur" gibt es nicht. Jeder, der dafür argumentiert, sollte genau beschreiben, was er damit meint und was genau die Konsequenzen sein sollen, wenn man die "Leitkultur" verletzt oder nicht beachtet. Ich bin sicher, bei so einer Diskussion finden wir uns alle schnell wieder auf dem Boden von Recht und Gesetz.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
syracusa 24.12.2017, 14:56
3. Danke

Danke, Herr Müller, für diesen Kommentar. Besonders das hier hat mir sehr gefallen:
"These 3: Heimat hat mit Staat wenig zu tun. Das Bedürfnis nach Verwurzelung und Herkunft bezieht sich auf kleine Räume, auf einzelne vertraute Orte und Regionen. Der Nationalstaat als ganzer taugt nicht als Heimat. Zu groß, zu unpersönlich."

Damit bringen Sie den Widerspruch zwischen rechtsautoritären Nationalisten und der Realität auf den Punkt! Wir Linksliberalen dürfen uns nicht den Heimat-Begriff rauben lassen, indem dieser völkisch-nationalistsich umgedeutet wird. Heimat ist ein Menschenrecht!

In Ihrem Heimatbegriff schwingt auch das mit, was mit einem Europa der Regionen gemein ist, auf das viele gerne zusteuern würden. Nationalstaaten sind von gestern, weil sie einerseits zu groß und unpersönlich sind, andererseits aber meistens zu klein, um in einer globalisierten Welt von Bedeutung zu sein. Durch Handel, Mobilität und durch Kommunikation ist die Welt kleiner geworden, und sie wird noch kleiner werden. Es ist nicht undenkbar, dass sich eines Tages der Heimatbegriff sogar von seiner territorialen Bindung lösen wird. Diese Entwicklung ist ein Prozess, den wir nicht aufhalten, sondern nur gestalten können.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
rolli 24.12.2017, 14:57
4.

Sie argumentieren hinterfotzig, denn nur wenn man genau nachliest kommt in den Punkten 1-3 Ihre neoliberale Heimat durch. Aber ganz ohne coming out geht's dann doch nicht, wenn Sie über ein"rational verfassten Gemeinwesen" fabulieren, als ob es so etwas grottenfalschen auch nur im Ansatz möglich wäre.

rolli

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Yoroshii 24.12.2017, 15:11
5. Gut herausgefiltert

Zitat von syracusa
Danke, Herr Müller, für diesen Kommentar. Besonders das hier hat mir sehr gefallen: "These 3: Heimat hat mit Staat wenig zu tun. Das Bedürfnis nach Verwurzelung und Herkunft bezieht sich auf kleine Räume, auf einzelne vertraute Orte und Regionen. Der Nationalstaat als ganzer taugt nicht als Heimat. Zu groß, zu unpersönlich." Damit bringen Sie den Widerspruch zwischen rechtsautoritären Nationalisten und der Realität auf den Punkt! Wir Linksliberalen dürfen uns nicht den Heimat-Begriff rauben lassen, indem dieser völkisch-nationalistsich umgedeutet wird. Heimat ist ein Menschenrecht! In Ihrem Heimatbegriff schwingt auch das mit, was mit einem Europa der Regionen gemein ist, auf das viele gerne zusteuern würden. Nationalstaaten sind von gestern, weil sie einerseits zu groß und unpersönlich sind, andererseits aber meistens zu klein, um in einer globalisierten Welt von Bedeutung zu sein. Durch Handel, Mobilität und durch Kommunikation ist die Welt kleiner geworden, und sie wird noch kleiner werden. Es ist nicht undenkbar, dass sich eines Tages der Heimatbegriff sogar von seiner territorialen Bindung lösen wird. Diese Entwicklung ist ein Prozess, den wir nicht aufhalten, sondern nur gestalten können.
Einverstanden! Bin nur mit der Definition "die Welt ist kleiner geworden" nicht einverstanden. Den Geographen bringt das ins Grübeln und den Historiker auch und den Mathematiker sowieso. Schon vor mehr als 2000 Jahren haben antike (gr.) Allroundwissenschaftler den Erdumfang nahezu korrekt berechnet!! Seither ist die Welt nicht kleiner geworden - eher größer. Tagtäglich umrunden unzählige Menschen die Kugel und essen und trinken und schlafen und lieben auch zuweilen in Umlaufbahnen. Oft bei Überschallspeed! Daher: Die Welt ist schneller geworden. Viel schneller - im übertragenen Sinn.
Nichts für ungut.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
HaioForler 24.12.2017, 15:14
6.

Zitat von syracusa
Staat wenig zu tun. Das Bedürfnis nach Verwurzelung und Herkunft bezieht sich auf kleine Räume, auf einzelne vertraute Orte und Regionen. Der Nationalstaat als ganzer taugt nicht als Heimat. Zu groß, zu unpersönlich."
Ja, es bezieht sich auf keine Räume (lassen wir das fürs erste einmal so stehen), korrekt. Und diese kleinen Räume (derer gibt es Tausende oder gar mehr) erfahren aktuell eine Wandlung, die viele Bürger nicht mit der Zunge schnalzen läßt.

Diskussion um den Begriff als solchen löst erst einmal keine Probleme.

Wie auch immer: die Gewinner sind nicht die "Normal"bürger. Diese können sich die Moralisierung eines globalisierten Heimatbegriffs nicht leisten.

Und diese eines besseren zu belehren, dürfte kaum funktionieren, wenn auch immer mehr rhetorische Volten und philosophische Interpretationen unternommen werden, es gut zu reden.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Actionscript 24.12.2017, 15:15
7. Was Heimat ist, versteht man erst,

wenn man wie ich lange Zeit im Ausland lebt und arbeitet. Herr Mueller hat da schon richtig angesetzt. Heimat heisst nicht, irgendwelche Fahnen zu schwingen, rückständige patriotische Reden zu halten oder alle Ausländer dahin zu wünschen, wo sie herkommen. Heimat bedeutet viel mehr, Erinnerungen aufzuarbeiten, die niemals verschwinden, da sie tief im Hinterkopf sitzen. Heimat hat auch mit Sprache zu tun, dass man gerne die Sprache spricht und hört, mit der man aufgewachsen ist. Daher kann ich auch viele Migranten verstehen, die sich gerne in ihrer Muttersprache unterhalten, wenn sie unter sich sind. Wer als Deutscher von den Migranten anderes verlangt, hat von Heimat keine Ahnung. Heimat hat natürlich mit Essenkultur zu tun. Und wenn es zum Ende des Lebens geht, so möchte man als Deutscher als letzte Mahlzeit vielleicht eine Currywurst mit Pommes und Mayo essen.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
muckusch 24.12.2017, 15:19
8. Leistungsfähige Leute ...

... zu halten ist wegen der hiesigen Dumpinglöhne nicht gelungen, Leistungsfähige anzulocken ihretwegen schon mit der Greencard nicht, doch seit „wir Menschen geschenkt“ bekommen Dank der Flüchtlingskrise, laut Ex-Kanzleramtsminister Altmeier „fast alles Ärzte und Ingenieure, die morgen anfangen können zu arbeiten“ (selbst aller Bürokratie zum Trotz), mindestens Facharbeiter (als wenn Deutschland davon nicht schon genügend in Kapovaz, Leiharbeit, dem größten Niedriglohnsektor ganz Europas, Minijobs, ALG II und Hartz IV und Wohnungsnot hätte), ist ja endlich alles gut, hat bis auf Frau Merkel („nicht mehr mein Deutschland“) niemand seine Heimat verloren.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
kyon 24.12.2017, 15:19
9. Abschottung als Selbstschutz

Herr Müller beklagt, dass der Nationalismus weltweit auf dem Vormarsch sei, also eine bestimmte politische Weltanschauung. Kein Wort aber verliert er darüber, dass die religiös-politische Weltanschauung Islam in Europa auf dem Vormarsch ist und die westlichen Gesellschaften destabilisiert und gefährdet. Hier ist eine etwaige Abschottung keine rechts motivierte Fremdenfeindlichkeit, sondern sie ist ein notwendiger gesellschaftlicher Selbstschutz.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Seite 1 von 10