Forum: Wirtschaft
Mietendeckel: Die Städte verstopfen, die Dörfer veröden
Paul Zinken/dpa

Wer die Mieten in den Metropolen künstlich niedrig hält, verschärft den Konflikt zwischen Stadt und Land. Es wäre ein Drama, sollte diese Art von Wirtschaftspolitik Schule machen.

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cobaea 23.06.2019, 11:21
110.

Zitat von banalitäter
Der Artikel beschreibt einen wichtigen Mechanismus - leider will dies keiner im Lande hören oder anerkennen. Lieber wird gejammert und für jede Klientel ein Zuckerl, eine Ausname gefordert.
Ja, der Artikel beschreibt einen wichtigen Preismechanismus. Nur glaubt da noch jemand an die reine Lehre und lässt eine Menge Aspekte ausser acht, die eben auch Auswirkungen sowohl auf die Preise als auch auf das Wohnverhalten haben. Zuerst einmal ziehen viele Menschen nicht in die Stadt, weil sie im hippen Viertel wohnen wollen, sondern weil sie dorthin müssen, wo sie Arbeitsplätze bekommen - in dei Stadt oder deren Speckgürtel. Jahrzehntelang hat man den ArbeitnehmerInnen erklärt, sie sollten mobiler sein und eben dort hin ziehen, wo es Arbeitsplätze gibt, statt in ihrem Dorf bleiben zu wollen. Nun folgen sie (gezwungernermassen) diesen Ratschlägen und nun sollen sie mit hohen Mieten dazu gebracht werden, auf dem Dorf bleiben. Nein, es arbeitet nicht jeder in einem Beruf, der es zulässt, im Bayrischen Wald oder in Vorpommern zu bleiben. Nicht jeder beackert einen Hof - schon allein deshalb nicht, weil die Landwirtschaftspolitik nicht auf Familienbetriebe, sondern auf Agro-Industrie setzt. Es gibt auch keine kleine Landzeitung mit kleiner Druckerei mehr, in der Drucker, Schriftsetzer oder TasterInnen, Metteure und Journalisten ein Auskommen finden. Auch ein Schuhmacher oder Schreiner muss mindestens in die nächste mittlere Stadt ziehen - das Angebot an Fertigwaren lässt ein Auskommen in Dörfern für solche Handwerker nicht mehr zu. Schulen wurden zentralisiert, ergo müssen auch die Lehrkräfte dort unterrichten, wo die Schulen sind. Von Universitäten und Fachhochschulen gar nicht zu reden. Der öffentliche Verkehr ist gleichzeitig ausserhalb von Ballungsräumen nicht geeignet, Berufspendlern vernünftige Fahrzeiten zu bieten. Also pendeln alle mit dem Auto - die Strassen verstopfen, woraufhin man den Leuten dann rät, doch lieber dorthin zu ziehen, wo sie auch arbeiten. Dort werden dann die bezahlbaren Wohnungen knapp, die (grossen) Wohneigentümer können Renditen erwirtschaften, die sie nicht mal mit Aktien erzielen und die Kommunen zahlen Wohngeld. Der Profit wird wieder einmal privatisiert, die Kosten sozialisiert. Und die Mieter machen's falsch, egal, was sie machen.

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6a18fb2be1063bfd460818c4f 23.06.2019, 11:21
111. Der Markt

funktioniert leider nur bedingt. Wohnraum ist keine Ware wie ein Auto oder ein Telefon. Menschen bilden soziale Netze und viele andere Dinge an einem Wohnort. Ein "umparken" bei zu hohen Stellplatz kosten ist nicht einfach möglich!

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bpauli 23.06.2019, 11:21
112. Bessere Infrastruktur und Arbeitsplätze für Dörfer

Was es braucht, um ausserhalb des Speckgürtels die Landflucht zu bremsen, sind bessere Infrastruktur und Arbeitsplätze für die ländlichen Regionen. Das Wohnen in der Stadt für die einkommensschwachen Schichten, welche die Stadt auch für ihre Arbeitsplätze braucht, durch zu teueres Wohnen auszuschliessen, wäre mit grossen Nachteilen für die Stadt wie auch für die ländlichen Regionen verbunden, weil dadurch hauptsächlich einkommensschwache Schichten von der Stadt in ländliche Regionen ausserhalb des Speckgürtels ziehen würden.

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erik93_de 23.06.2019, 11:22
113. Falsche Grundannahme - Kenntnisfreie "Experten", wie peinlich.

...Die Fläche stirbt aus, weil es keinen Nahverkehr gibt (könnte man von Scandinavien lernen bzw. I bewahre: von der DDR). Und weil es aufgrund der aberwitzigen, konzentrationsfördernden Gewerbesteuerpolitik und wegen des Wütens der Treuhand eben in der Fläche einfach keine Jobs gibt.

Herr Müller ist am Ende doch sehr viel kenntnisfreier, als man bislang hätte annehmen dürfen.

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cave68 23.06.2019, 11:22
114.

Zitat von MisterD
Sie sehen das leider komplett falsch. Wer die Mieten in den Städten weiter nach Belieben der Vermieter und Investoren wuchern lässt, der spaltet die Gesellschaft. Die Jobs sind nunmal in Berlin und nicht in der Uckermark. Bei Ihnen und mir mag das ja möglich sein, mit dem aufs Land ziehen und trotzdem für die Firma mit Sitz in Berlin Zentrum arbeiten. Die Friseurin, der Streifenpolizist, der Müllmann, der Paketfahrer, die Kassiererin. All diese Leute und noch viele mehr, können aber eben nicht von zuhause arbeiten. Wollen Sie all diesen Menschen ernsthaft erzählen, sie sollen sich gefälligst 50 bis 100km entfernt von Berlin ansiedeln und täglich stundenlang nach Berlin pendeln? Das wäre der Rückschritt ins Mitelalter, wo der Pöbel vor den Burgmauern hausen musste und nur in die Burg durfte, um dem Bürgertum und dem hohen Adel als Arbeitskraft zu dienen. Und erlauben Sie mir den Vergleich: Wenn morgen Brot knapp wird, glauben Sie dann ernsthaft, es ist Sinn und Zweck der freien Marktwirtschaft die Preise so weit hoch zu treiben, bis ein Teil der Menschen verhungert? Das wäre Ihre These konsequent zu Ende gedacht, denn auch dort dürfte der Staat dann nicht eingreifen, indem er Wucher begrenzt.
ihr Posting ist stellvertretend für das völlige Fehldenken,welches hier im Forum und auch in Deutschland vorherrscht...
Warum nennen sie hier als ein Beispiel für eine ländliche Region die Uckermark und nicht irgendeine ländliche westliche Region.
Falls sie es nicht wissen:Die niedrigsten Arbeitslosenquoten sind genau dort zu finden und nicht in irgendwelchen Metropolen.
Dies heisst auch gleichzeitig,dass dort in diesen Regionen die allermeisten einen Job finden....also warum MUSS man da in die Stadt pendeln....
Natürlich sind hier in ländlichen Regionen weniger Arbeitsplätze für Uni-Absolventen zu finden und dafür mehr geringer bezahlte Industrie- und Handwerksjobs....aber eben diese Menschen,die in eher geringer bezahlten Jobs arbeiten haben hier die Möglichkeit besser mit ihrem Einkommen über die Runden zu kommen.
Mein Nachbarhaus wurde jetzt von einem LKW-Fahrer aus Rumänien gekauft der mit seiner Frau und Kind jetzt dort wohnt....in der Stadt wäre dies undenkbar.
Und komischerweise sieht man fast nur Menschen aus anderen EU-Staaten,die sich hier niederlassen...wann kommt so mancher Deutscher mal von seinem verwöhnten "Ich-Will"-Status herunter und legt mal seine völlig unberechtigten Vorurteile über ländliche Regionen ab...
Und nochmal:Es gibt natürlich hoffnungslose Regionen...aber eben auch andere....

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at.engel 23.06.2019, 11:23
115.

"Das Beste an der Marktwirtschaft ist der Preismechanismus"
Das Märchen der freien Marktwirtschaft erzählt man uns jetzt seit 40 Jahren - übrigens ungefähr so lange, wie man auch die Story vom "real exisitierenden Sozialismus" erzählt hat - nur ist es eben einfach Käse... beides!
Freie Maktwirschaft führt schlicht und einfach zu Konzentration von Reichtum und zu einer Art "déclassement" der Mittelschicht. Das sieht dann mittelfristig gesellschaftlich so ähnlich aus, wie in Lateinamerika: Schmaler Staat, konzentrierter Reichtum, breite Armut...
Würde die Theorie hier auch nur halbwegs stimmen, müsste man z.B. auf europäischer Ebene eine Bewegung von West nach Ost feststellen: Nirgends ist Boden und Wohnen so günstig wie in Osteuropa; nirgendwo sind Arbeitskräfte so günstig, nirgendwo die Steuern so niedrig... Und seltsamerweise verlieren Länder wie Bulgarien, Rumänien wie praktisch alles anderen Länder im Osten der EU an Bevölkerung. Würde das, was Herr Müller erzählt, auch nur ansatzweise stimmen, müssten eigentlich alle halbwegs vernünftig geführten Unternehmen fluchtartig Städte wie Paris, London, San Francisco oder in Deutschland z.B. München verlassen: Da müssen sie ja nur höhere Gehälter zahlen, um halbwegs die stratosphärischen Lebensunterhaltskosten zu kompensieren.
Nur zieht eben Geld Geld an, Vermögen Vermögen... weshalb es eben auch eben utopisch zu glauben, dass demnächt der Quadratmeterpreis in Sylt sinkt bzw. die Bobos plötzlich den Prenzlauer Berg aufgeben, weil Gelsenkirchen halt so viel günstiger ist.
Was langfristig stimmt - und da muss ich Herrn Müller rechtgeben - ist, dass die Armen wenigsten in arme Gegenden ziehen bzw. auch da gleich bleiben, während sich die Reichen auf bestimmte Städte une Viertel konzentrienen und da dann in Ruhe ihr Geld ausgeben können.
Die Story vom sich selbstregulierenden Markt... sorry, aber das zieht nicht mehr!

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calinda.b 23.06.2019, 11:23
116. Der Leerstand wird noch grösser

Besser wäre eine Leerstandsabgabe gewesen, die teuer ist und jedes Jahr verdoppelt wird, bis vermietet, verkauft oder bebaut ist.
Das funktioniert im Ausland prima.

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Oberleerer 23.06.2019, 11:23
117.

Ein Stadt hat viele Vorteile. Auch die geringen Lebenshaltungskosten. In einem Plattenbau teilen sich z.B. hunderte Wohnungen ein Dach, einen Abwasseranschluß einen Internetanschluß, ein Kabel vom Stromversorger, eine Zufahrtsstraße.
Teuer macht es in der Tat nur die Marktwirtschaft, die Spekulation.

Aber egal, wie hip die Stadt oder wie schön die Ruhe auf dem Land sind, am Ende muß ich dort hinziehen, wo ich vom Einkommen leben kann. Und das ist der Punkt. Die Städte mußten freiwillig ihre Attraktivität für die Wirtschaft absenken, zugunsten kleinerer Gemeinden. Das ist sehr, sehr unwahrscheinlich.

Übergeordnete Instanzen, also das Land oder der Bund müssen diese Maßnahmen lenken und bestimmern, wer wachsen soll und wer schrumpfen soll.
Als Werkzeuge sehe ich da eine Pflicht zu Homeoffice und exorbitante Steuern auf Büroarbeitsplätze. Werden Büros teuer, verkleinern die Firmen diese Legebatterien hoffentlich und es wird Platz frei für Wohnhäuser.

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RainerW 23.06.2019, 11:23
118. Aufruf zur Vernunft

Sehr gut Herr Müller! Es ärgert mich schon lange, dass die Politik den zutreffend beschriebenen Zusammenhang nicht kapiert! Es macht doch viel mehr Sinn, die Industrie mit Anreizen und Ausbau der Infrastruktur zu motivieren, sich im ländlichen Raum niederzulassen! Ich konnte und wollte mir die hohen Mieten in der Stadt noch nie leisten! Mein Arbeitgeber ist auf dem Land und von meiner Wohnung in 10 Minuten zu erreichen! Bei uns im Dorf gibt es Kindergarten, Schule, Metzger Bäcker und Ärzte! So sollte es überall möglich sein zu leben! Dann hätten wir auch keine AFD oder Linksextreme St

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bluebill 23.06.2019, 11:23
119. Huh.

Das ist ja Gedankengut wie aus der Zeit der Fürstentümer. Als es noch eine scharfe soziale Abgrenzung zwischen verschiedenen Ständen gab und dies als gottgegeben galt. Wer als Bauer geboren wird, gehört eben aufs Land, wer als Arbeiter zur Welt kommt, muss in den Armutsghettos bleiben. Nur wer aus höherem Stand stammt, hat ein Anrecht auf den Komfort der inneren Stadt. - Heutzutage tritt an die Stelle der göttlichen Ordnung eben Der Markt. - Der Autor übersieht dabei, dass die Menschheit heute doch etwas aufgeklärter ist. Die Ursachen der Landflucht sind selbst gemacht, genau durch dieses neoliberale, wirtschaftshörige Gedankengut. Die Infrastruktur in der Fläche ist nicht schwieriger zu erhalten als in der Stadt, nur rentiert es sich nicht so, wenn man sie in die Hände privater Unternehmen legt. Die kleinen Städte könnten durchaus Arbeitgeber anziehen, durch Steuererleichterungen und ähnliche Mechanismen, aber ohne Infrastruktur ist das halt unmöglich. Niemand zieht freiwillig einfach so in die Stadt, aber auf dem Dorf gibt es oft nicht mal mehr einen Lebensmittelladen, geschweige denn Begegnungsorte, besonders für junge Menschen. Weil es sich nicht rentiert. Als Ursache der Verödung kann man also eindeutig die rein gewinnorientierte Ausrichtung der Gesellschaft machen, Den Markt. - Mal ganz davon abgesehen, ist es überhaupt wünschenswert, das ganze Land dicht bei dicht zu besiedeln? Auch die Natur braucht Raum. Es müssen nicht immer noch mehr Neubaugebiete sein. Vielleicht kann man aufgegebene Ortskerne wieder herstellen. Auch wenn das sich nicht so rentiert.

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