Forum: Wirtschaft
Mindestlohn - sinnvoll oder Aktionismus?

Ein Gericht hat den Mindestlohn im Briefsektor für unrechtmäßig erklärt. Ist das Gesetz nur schlecht gemacht, aber sinnvoll - oder reiner Aktionismus, der jetzt ganz gestoppt gehört?

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Natas 08.09.2009, 17:53
3750. t

Zitat von Betonia
Ja, Deutschland ist wirklich ein Sozialstaat. Deswegen ist es auch so blöd, von keinem oder ganz wenig Einkommen ins "etwas mehr Einkommen" aufzusteigen, da dann so viele Vergünstigungen wegfallen. Mehr Mühe und Einsatz rechnen sich oft nicht.
Das ist aber ein Problem der 'Anreizsetzung'.
Ein Mindestlohn würde auf alle Fälle den Anreiz setzen, eine Arbeit aufzunehmen.
Für 1 Euro die Stunde geh ich für niemanden arbeiten, für 10 Euro die Stunde würde ich ungelernt auch sehr hart schuften.

Wir sind uns wohl alle einig, das man die Sozialhilfe/Arbeitslosengeld nicht abschaffen kann.
Aber um einen entsprechend großen Anreiz zu bieten, wieder eine Arbeit aufzunehmen, muss der entsprechend zugewinn ausreichend groß sein.
Der H4 Regelsatz liegt bei ~600-700 Euro, 350 Euro zum Leben, Rest Miete.
Um einen vernünftigen Anreiz zu schaffen, eine Vollzeitbeschäftigung aufzunehmen, brauch man da schon einen ML von 7,50€/h.
Das wären dann 1200 Euro Brutto, 1000 Netto, Mehrwert von 300 Euro gegenüber Hartz4.

Ein Mindestlohn wäre also ein stärkerer Anreiz, eine Vollzeitstelle anzunehmen, als jeglicher Aufstockungsmist, der in fünffacher Ausführung irgendwie an den H4 Satz angerechnet wird.

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raess2007 08.09.2009, 18:03
3751.

Zitat von peter09
Im Laufe der Zeit werden Sie...
Unfähig, können sie für den angebotenen Arbeitsplatz für den sie umziehen sollen ja nun a priori nicht sein und ich gehe sogar davon aus, dass ein kleiner Teil nicht arbeiten will und zu faul ist. Den gab es aber schon immer und den wird es auch immer geben.

Aber nun mal zu der Studie. Ist ja nicht so, als hätte sich der Forist auf den sie sich beziehen nur die Rosinen rausgepickt:

Zitat von SPON
In anderen Punkten sind die Arbeitslosengeld-II-Empfänger aber durchaus zu Zugeständnissen bereit: So würden mehr als zwei Drittel der Befragten für einen Job einen langen Arbeitsweg, ungünstige Arbeitszeiten und erhöhte Belastungen in Kauf nehmen. Viele würden auch eine Stelle unter ihrem Qualifikationsniveau annehmen, berichtet die Denkfabrik der Bundesagentur für Arbeit
Das mal aus dem SPON Artikel nur zum Einstimmen :)

Und hier das Original: http://doku.iab.de/kurzber/2009/kb1909.pdf

Zitat von IAB
In der ersten Welle des PASS gaben knapp 39 Prozent der Befragten mit ALGII Bezug an, auf gar keinen Fall umziehenzu wollen, in der zweiten Welle waren es sogar fast42 Prozent
Da wird es dann schon wieder dünn, nicht wahr. 42% würden für eine Arbeitsstelle auf gar keine Fall umziehen, dass sind weniger als die Hälfte.

Welchen Grund diese dafür haben, verschweigt man, bzw. man hat nicht einmal nachgefragt! Warum? Wäre gerade nicht das DIE Information, die man bräuchte?

Alle anderen Befragten rangieren in ihren Antworten von "eher nicht"(was bei weitem nicht nein bedeutet) bis zu " auf jeden Fall".

Auch hat man da ein selektiertes Grüppchen befragt:

Zitat von IAB
Die Analysen zum Reservationslohn beschränken sich auf die SGBIIStichprobe,die in der ersten Welle gut 6.800 Haushalte mit etwa 9.400 Befragtenumfasst. Zudem musste die Stichprobe auf die Befragten eingeschränkt werden,die hierzu sinnvolle und vergleichbare Angaben gemacht hatten. Betrachtet wurden diejenigen Personen zwischen 25 und 58, die schon einmal Arbeit gesucht haben und plausible Werte beim Reservationslohn angegeben hatten. Da Angaben zur früheren und gewünschten Arbeitszeit im PASS nicht vorhanden sind, wurde die Analyse zudem auf diejenigen beschränkt, die zuletzt Vollzeit gearbeitet hatten und die angaben, auch wieder einen Vollzeitjob zu suchen. So wurde sichergestellt, dass sich der genannte Reservationslohn vergleichen lässt. Dies reduzierte die Größe des Samples auf knapp 2.000 Personen.
Bleiben von 9600 Befragten mal gerade 2000 übrig. Vor allem die Beschränkung von 25-58 Jahre ist doch interessant oder? Ziehen die jungen H4ler nicht um? (Schauen sie in den Osten, die Antwort liegt auf der Hand).

Dazu kommt noch, dass sie nach einem Studium sofort in H4 fallen (wenn man keine Arbeit hat). Da ist man wie alt? Richtig 25+, tja leider hat man aber noch nie nach einer Arbeit gesucht und fällt damit raus.

Dann musste man wohl, um in die Stichprobe zu gelangen alle Fragen "plausibel" beantworten. Was hat aber meine Lohnvorstellung, bzw. mein Reservationslohn mit meinem Willen umzuziehen zu tun?

Ich lasse das einmal unkommentiert stehen und hoffe inständig auf eine angeregte Diskussion, denn in diesem Bericht stecken sogar noch sehr viel mehr Informationen und sogar ganz nah am Thema Mindestlohn!

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Linlithgow 08.09.2009, 18:23
3752.

Zitat von ElizIza
Sie waren von 4 Stunden pro Tag ausgegangen - da komme ich auf 12 pro Tag, 60 pro Woche, 250 im Monat.
Es waren zwei Kinder, Fr ElizIza. Ich beziehe mich immer noch auf das Rechenbeispiel, das die Foristin Sibylla eingestellt hat. Da ging es um eine Familie in denen beide Eltern 38 Stunden arbeiten und die zwei Kinder hat.

Zitat von ElizIza
Da sich das Gekld auf mehrere Eltern verteilt, ist es eher weniger. Hängt stalr davon ab, ob das Kind bei der Tagemsutter auch Essen bekommt. Dann sparen allerdings die Eltern Verpflegungskosten.
Ich glaube wir reden aneinander vorbei. Eine Tagesmutter muss mehr als E7.50 pro Stunde Arbeit in Rechnung stellen, da sie mit E7.50 ihre Kosten nicht decken kann. Wenn wir einmal E15 pro Stunde annehmen und ausserdem annehmen, dass sie fuenf Kinder versorgt, so kommt man auf E3 pro Stunde und Kind, also ca E500 fuer die Beispielfamilie.


Zitat von ElizIza
Schon klar - aber für die Frage, ob die Kinderbetreuungskosten die Differenz zu Hartz IV wieder aufzehren, ist deren Höhe ziemlich wichtig.
Eben. Und das war eigentlich mein Hauptkritikpunkt at Sibyllas Beispielrechnung, sie hat diese Kosten nicht beruecksichtigt.

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Knippi2006 08.09.2009, 18:24
3753.

Zitat von raess2007
42% würden für eine Arbeitsstelle auf gar keine Fall umziehen, dass sind weniger als die Hälfte. Welchen Grund diese dafür haben, verschweigt man...
Naja, wer würde denn auch für einen Zeitarbeits-Job umziehen wollen? Der wäre ja mit dem Klammerbeutel gepudert.

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**Kiki** 08.09.2009, 18:25
3754.

Zitat von Betonia
Was ist eigentlich mit der guten alten Sichtweise: "Ich bin ein erwachsener Mensch und kann meine Kinder ernähren. Bevor ich welche bekomme" geschehen?
Raten Sie mal, warum das durchschnittliche Alter der Erstgebärenden immer weiter ansteigt und die Zahl derer, die dauerhaft kinderlos bleiben, ebenfalls. Dem liegt höchstwahrscheinlich genau diese Sichtweise zugrunde: Kinder erst dann, wenn man sie sich auch leisten kann.

Das bedeutet, eine steigende Zahl potentieller Eltern, von denen viele sich eigentlich auch Kinder wünschen, verzichtet sehr lange oder gar dauerhaft darauf, diesen Wunsch umzusetzen. Und am Ende zetern alle wegen des demographischen Problems.

Dabei stimme ich Ihrem Grundgedanken eigentlich sogar zu. Aber der stammt noch aus der Zeit, als die unweigerlich Folge sexueller Beziehungen das Kinderkriegen gewesen ist, womit man automatisch gezwungen war, sich dieser Verantwortung zu stellen. Diese Zeiten werden ganz bestimmt nicht wiederkommen.

Heutzutage KANN und DARF man sich auch gegens Kinderkriegen entscheiden, und das hatte, nehme ich an, zunehmend auch Einfluß auf die Erwartungen des Arbeitgebers (Stichworte: Mobilität und Flexibilität), die im Leben ihres "Humankapitals" ja auch nicht so gerne andere Götter neben sich haben wollen.

Jetzt bleibt einfach die Frage: Kann man es sich leisten, "den Markt" weiter über diese Dinge entscheiden zu lassen, oder wäre es besser, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, daß möglichst wenig die potentiellen Eltern am Kinderkriegen hindert?

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marks & spencer 08.09.2009, 18:35
3755.

Zitat von Natas
Dieses Opfer wird durch die 'Freuden' der Elternschaft durchaus ausgeglichen, ABER immer mehr Deutsche verzichten eben aus (runtergebrochen auf) finanziellen Gründen auf die Elternschaft. Wenn man diesem Problem entgegenwirken will, kann man natürlich Ausländer reinholen ... oder eben die finanziellen Belastungen für künftige Eltern abmildern.
Meine These ist, dass die Geburtenrate dann steigt, wenn die Leute optimistisch in die Zukunft sehen. Das ist in D zurzeit nicht der Fall und wird auch in naher Zukunft nicht der Fall sein. Das könnte man mit einem bedingungslosen Grundeinkommen erreichen. Heute haben zu viele Leute Angst, arbeitslos zu werden und ins Nichts abzurutschen, so dass sie - lapidar gesagt - impotent werden.
Man könnte einwenden, dass es in den USA keine sonderliche soziale Absicherung gibt und die Leute sich trotzdem vermehren, aber dort ist auch die Mentalität ganz anders (eine Mentalität, die mir persönlich näher liegt). Man kann zwar abstürzen, aber die Chancen aufzusteigen sind ungleich höher. Das macht die Sache für willige und kreative Leute interessanter. Die BRD selbst ist für mich eine Mischung aus Sozialstaat und ein bisschen Kapitalismus. Ein Mix, der einen krank oder impotent machen kann.
Deshalb halte ich das bedingungslose Grundeinkommen für die einzige Möglichkeit, einen Kinderboom zu erzeugen (falls man das will). Eine Erhöhung des Kindergeldes z.B. wird es nicht bringen.

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Linlithgow 08.09.2009, 18:37
3756.

Zitat von richie
Der Wegfall der Vergünstigungen/Sozialleistungen darf eben nicht schlagartig wegfallen, sondern muss mit höherem Einkommen nach und nach weniger werden.
Das nennt sich bei uns 'taper' und davon habe ich schon oft geschrieben. Ich weiss nicht, wie oft ich schon geschrieben habe, dass die Anrechnungsregeln geaendert werden muessen.

Zitat von richie
Das hat aber nicht das Geringste mit Sozialstaatlichkeit sondern mit einer übertriebenen, volkswirtschaftsfeindlichen Interpretation des Subsidiaritätsprinzips zu tun.
Die Erklaerung sehe ich aber eher weniger in 'Subsidiaritaetsprinzip' und dessen Interpretation, sondern eher in der handwerklichen Schludrigkeit des Gesetzgebers, als er die H4-Regeln verabschiedet hat. Da war mehr an den Regeln fuer arbeitslose Menschen interessiert und hat sich die Konsequenzen fuer arbeitende Menschen nicht gruendlich genug durchdacht.

Zitat von richie
Das Existenzminimum für Kinder sollte aber in jedem Fall gewährleistet werden, denn von den Kindern hängt unsere Zukunft ab.
Wenn Sie damit meinen, dass man das Kindergeld auf E500 oder noch mehr erhoehen sollte, dann stimme ich dort nicht unbedingt zu. Giesskannenmaessig Wohltaten auf beduerftige und wohlhabende zu verteilen scheint mir kein allzu geeigneter Weg zu sein, armen Menschen zu helfen.

Zitat von richie
Deswegen bin ich für ein BGE.
Die Missstaende, die Sie mit einem BGE beseitigen wollen, koennte man auch einfacher aendern. Das BGE ist in diesem Fall eine Wasserstoffbombe abgeworfen wenn eine Flinte auch gereicht haette, einen Spatzen zu erschiessen.

PS Die Rechnung sieht aber nur so aus, wenn es sich um einen alleinlebenden Vollzeitarbeiter handelt!
Zitat von Natas
Wir sind uns wohl alle einig, das man die Sozialhilfe/Arbeitslosengeld nicht abschaffen kann. Aber um einen entsprechend großen Anreiz zu bieten, wieder eine Arbeit aufzunehmen, muss der entsprechend zugewinn ausreichend groß sein. Der H4 Regelsatz liegt bei ~600-700 Euro, 350 Euro zum Leben, Rest Miete. Um einen vernünftigen Anreiz zu schaffen, eine Vollzeitbeschäftigung aufzunehmen, brauch man da schon einen ML von 7,50€/h. Das wären dann 1200 Euro Brutto, 1000 Netto, Mehrwert von 300 Euro gegenüber Hartz4.

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marks & spencer 08.09.2009, 18:49
3757.

Zitat von raess2007
Da wird es dann schon wieder dünn, nicht wahr. 42% würden für eine Arbeitsstelle auf gar keine Fall umziehen, dass sind weniger als die Hälfte. Welchen Grund diese dafür haben, verschweigt man, bzw. man hat nicht einmal nachgefragt! Warum? Wäre gerade nicht das Information, die man bräuchte?
Na ja, die Antwort ist doch klar: Es ist zu unsicher. Ich als Selbstständiger würde auch nur umziehen, wenn es etwas bringt. Für ein befristetes Projekt zieht kein Mensch um; das müsste schon ein Jahr laufen, um den Gedanken zu erwägen, eine Mietwohnung zu beziehen. Sonst würde man in einer Pension wohnen (mit Frühstück). Allerdings dürfte auch diese Variante ausscheiden, wenn der Lohn unterirdisch ist; unter 25 Euro netto die Stunde läuft da schon mal gar nichts.

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klaus meucht 08.09.2009, 19:09
3758.

Zitat von kathrin_erlenbacher
Soweit waren wir doch schon. Sie gehen von der utopischen Annahme aus, dass beide arbeiten. Die Realität sieht anders aus.
Dass beide arbeiten ist heutzutage nicht unrealistisch. Zumindestens würde die Zahl der Aufstocker deutlich verringert.

Die Frage ist muss Kindergeld bzw. unterstützung bedarfsorientiert und vom Lohn abhängig sein? Wenn für jedes Kind einen Beitrag gezahlt wird, der dem Regelsatz des Kindes entspricht, geht dies sehr unbürokratisch.

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klaus meucht 08.09.2009, 19:13
3759. Vernünftig?

Zitat von peter09
Vernünftige Menschen interessieren sich nicht für das Leben anderer.
Und warum engagieren Sie sich dann in der Mindestlohndebatte?

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