Forum: Wirtschaft
Modelleisenbahn - tolles Hobby oder Zeitvergeudung?

Der traditionsreiche Modelleisenbahn-Hersteller Märklin ist insolvent. Experten machen auch den gesellschaftlichen Wandel dafür verantwortlich. Was halten Sie vom Spiel mit der Miniaturwelt?

Seite 11 von 23
rolli 05.02.2009, 17:46
100.

Zitat von Dampflok
Das Thema Märklin ist schon sehr ernst, aber die Fragestellerin hat offenbar keinen Bezug zu diesem kreativen Hobby. Zeitvergeudung ist da wohl eher das Daddeln im Internet, tägliches RTL Asozialen-TV oder gar dieses Forum, als etwa der wochenlange Selbstbau einer Dampflok. Das Hobby Eisenbahn ist vielfältiger als es Außenseiter sich vorstellen können, allerdings leidet durch so banal klingende Dinge wie Mehdorn oder die fürchterlichen ästhetischen Aspekte heutiger Züge das Interesse. Eine Dampflok ist und bleibt faszinierender als zehn ICEs. Was Märklin betrifft, teurer sind sie nicht wirklich geworden, die Modelle: "1965 habe ich für die 44er 65 Mark bezahlt, heute kostet das neue Modell 400 Mark!" liegt mir noch aus dem Jahr 1999 oder 2000 in den Ohren; wie hoch der jeweilige Monatsverdienst war, wollte mir aber kein Jammerer dazu sagen. In Wahrheit sind die Modelle - sogar die Märklin-Modelle - billiger und besser geworden, aber das Anspruchsdenken ist ins Uferlose gestiegen. Der Märklinist von 1965 hatte seine Eisenbahn und fuhr mit dem Rad zur Arbeit, heute hat er daneben ein Haus, zwei Autos, PC, und glaubt, zweimal im Jahr eine Flugreise machen zu müssen. Wo es damals für eine Lok im Jahr reichte, meint er, daß er sich selbstverständlich alle 20 jährlichen Neuheiten leisten können müsse. Der Neuheitenprospekt der letzten Jahre war etwa so dick wie bei anderen Anbietern vor wenigen Jahren noch das Gesamtprogramm. Die obszöne Neuheitenflut bei "Ha-Oh" (wie der Märklinist zu sagen pflegt) hatte aber den Grund, die optisch und technisch überlegene Gleichstrom-Konkurrenz in Schach zu halten und der Blechschienenfraktion - wie sich selbst - keinen Grund zum Systemwechsel zu geben. Märklin ist also über den eigenen Mitelleiter gestolpert. .
Märklin ist über den Grössenwahn seiner früheren Eigentümer gestolpert. DIe haben alles Geld, und das war viel, aus dem Unternehmen herausgezogen und verprasst. Als nun Investitionen notwendig wurden hatte man kein Geld und die Banken gaben keine Kredite mehr, weil die grösser waren als der Wert des Unternehmens. Zuletzt blieb nur der Finanzinvestor, und der hat das Unternehmen vollends ganz geplündert.


rolli

Beitrag melden
Dampflok 05.02.2009, 18:12
101.

Zitat von schwaborigine
jaaaaaaaaaaa, aber das sind ausdrücklich Museumsbahnen; mit einer Modelleisenbahn spiel man(n) (oder Kind) aber eher Alltagsleben nach.
In keinster Weise.

Eine Modellbahn ist im Grunde ein kleines eigenes "Reich". Und der Besitzer bestimmt alleine, wie die Landschaft aussieht und welche Loks drauf fahren. Das kann manchmal, muß aber mit der Realität nicht immer etwas zu tun haben, selbst wenn die Fahrzeuge quasi kleine Minioriginale geworden sind.

Natürlich muß man erst mal etwas "liebgewinnen" um ein Hobby zu entwickeln. Wer sich einmal von einer lebendigen Dampflok hat faszinieren lassen, für den ist der ICE ein totes Stück Material.

Aber wie sollen heutige Kinder diese Erfahrung machen und ein sinnvolles Hobby ergreifen statt den Rest des Lebens vor dem Bildschirm zu hocken? Es gab einmal verantwortungsvolle männliche Lehrer, die uns die Faszination, auch Ästhetik, der Technik, auch in Schulausflügen nahebrachten. Für die heutige Mehrheit der Grundschullehrerinnen (87% Anteil) ist jegliches Stück "Männertechnik" grundsätzlich chauvinistisches Pfui und wird nicht gefördert. In Niedersachsen wurde jüngst im Physikunterricht der Elektromotor zur "black box" degradiert, deren technischen Aufbau man nicht mehr zu erklären habe (das hat den Jungen bislang Spaß gemacht und zu besseren Noten geführt). Jungenförderung tut Not. Dann klappts auch besser mit den technischen Hobbys.

Übrigens - genau DAS hat Märklin mal versucht, eine "Papi komm Spielen-Aktion". Die Kampagne wurde wegen angeblicher "Frauenfeindlichkeit" abgebrochen, weil ja kein Mädchen angesprochen wurde. Mich würden die Hintergründe interessieren, wer sich damals wo und wie beschwert hat.


.

Beitrag melden
Rainer Eichberg 05.02.2009, 18:20
102.

Zitat von Dampflok
Eine Modellbahn ist im Grunde ein kleines eigenes "Reich". Und der Besitzer bestimmt alleine, wie die Landschaft aussieht und welche Loks drauf fahren. Das kann manchmal, muß aber mit der Realität nicht immer etwas zu tun haben, selbst wenn die Fahrzeuge quasi kleine Minioriginale geworden sind.
Aber wer will das schon?

Mir hat heute ein Kollege mit leuchtenden Augen berichtet, wie er mit einem Flug-Simulator in einer zweisitzigen Maschine über seinen nächsten Urlaubs-Ort geflogen ist. Die Brücken waren realistisch, die Landschaft war realistisch... Wer will sich denn nun wirklich noch ein wenig Plastik auf Schienen anschauen, das durch ein Wohnzimmer fährt?

Beitrag melden
Muffin Man 05.02.2009, 18:45
103.

Zitat von Daniel 1956
Wenn die 'Heuschrecken' erst wieder auf ihre Insel zurückgekehrt sind, wird's für Märklin auch eine neue Chance geben.
Der Witz ist, daß für "Die Heuschrecken" der traditionsreiche MARKENNAME Märklin großen Wert besitzt! Es existieren ein den Einzelhandel gängelndes Vertriebsnetz und eine stark markentreue Stammkundschaft, die jedoch auszusterben droht, und deren Nachlässe zudem, wenn Märklin nicht mehr mit der einstmaligen Durabilität verbunden wird, ebenfalls an Wert verlieren werden...

Zitat von Daniel 1956
Was mich brennend interessieren würde, wären einige Informationen zu der neuerlich ausgebrochenen Zinkpest. Welche Modelle sind davon betroffen ?
Hauptsächlich wohl die Köf.

Beitrag melden
Muffin Man 05.02.2009, 19:23
104. Die Modellbahnerei in Historie und Gesellschaft (1)

Zitat von Ralf Behnke
das Problem
...halte ich doch für komplexer...
Die klassische Modellbahnanlage ist ein Systemspielzeug, welches die Kindheit über einen langen Zeitraum hinweg begleitet hat: Im Vorschulalter mag ein erster Schienenkreis zusammengesteckt worden und auf dem Teppich aufgebaut worden sein; bevor ein Transformator und die erste elektrisch betriebene Lokomotive angeschafft wurden, fuhr darauf eben eine Uhrwerklok.
Als das Kind dann reif und verantwortungsbewußt genug war, mit der auch damals ja kostspieligen Ausrüstung versorgt zu werden, begann möglicherweise die ANLAGENPLANUNG: Eine Landschaft mußte gestaltet werden, die vielleicht auf dem Küchentisch nicht mehr Platz fand, und deren Gestaltung irgendwie das idealtypische Bild eines Dorfes mit Bahnanschluß vermitteln sollte - eine Urlaubserinnerung vielleicht...

Da DAMALS das Reisen selbst noch Vorfreude auf die Ankunft bedeutete, hat man der Reiseroute, dem Landschaftseindruck eine höhere Aufmerksamkeit gewidmet. Und um eine konventionelle Modellbahnanlage interessant genug zu gestalten, bedarf es einer verschlungeneren Gleisführung, verdeckten Streckenabschnitten, damit der Oval-Charakter des Bahnbetriebes nicht auf den ersten Blick sichtbar ist.
Deswegen hat die Zubehörindustrie auch hauptsächlich Mittel- und Hochgebirgsarchitektur im Sortiment, denn DEN Platz, eine Strecke, die ohne Tunnel ein Strandbad erreicht, um in weiter Ferne an eine Hauptbahn zu stoßen, bietet nicht einmal der Garten eines üblichen Eigenheims...

Eine FLUGREISE indes vermittelt ganz andere Eindrücke, und das Modell eines Flugzeugs (selbst in den Farben DER Airline, die einen schnell und sicher zum "Ballermann" gebracht hat) bietet eben nicht denselben Spielwert wie ein Karton voller Gleismaterial, Weichen, Grasmatten, Kühen und Stecktannen...

Da also ein Kind kaum je eine echte Bahnreise erlebt hat, sondern bloß die Aufregung der Eltern (und auf Klassenreisen der Lehrerinnen, Lehrer und Mitschüler), beim Umsteigemanöver auch rechtzeitig am richtigen Bahnsteig bereitzustehen, wird die Bahn im Modell kaum dazu einladen, jahrelang den passenden Bahnhof zu entwerfen und zu bauen, in dem man schließlich seine Zugzusammenstellungen auf Augenhöhe betrachten wird, als wolle man tatsächlich einsteigen...

Nein, viel entscheidender noch ist das Problem, daß die Kinder gar nicht die Zeit haben, sich jahrelang mit denselben Dingen zu beschäftigen: Spielzeug, das ist heutzutage vor allem ein Träger für WARNHINWEISE, man solle es nicht verschlucken etc.
Ist man endlich soweit herangewachsen, groß genug vielleicht für einen handkurbelbetriebenen Bagger zu sein, der seinerseits zu schade ist, in die Sandkiste mitgenommen zu werden, staunt man womöglich erst einmal über diese Großmodelle; aber bald schon ist man daraus "herausgewachsen", und Straßenbau oder Landwirtschaft genießen auch nicht das Renommée, als daß Eltern ihre Söhne mit sowas lange Zeit spielen sähen...

Beitrag melden
Muffin Man 05.02.2009, 19:24
105. Modellbahn in Historie und Gesellschaft (2)

Und während noch ein ziemlicher Prozentsatz meiner Altersgenossen bis weit in die Pubertät hinein das vorhandene Arsenal an Spielzeugen weiter nutzte, um die Hausaufgaben noch ein Stündchen aufzuschieben, hetzen die Kids von heute vom Schulbesuch zum Klavier- oder Reitlehrer, zum Tennis-Training, Sprachkurs oder Dealer...

Mädchen, die mit 14 Jahren an Brustvergrößerungen denken, spielen nicht mit Puppen, und Jungs, die in Gangs durch die verrufenen Gassen gewisser Wohnviertel ziehen, bevorzugen Butterfly-Messer, Baseballschläger oder Nunchakos...

Die Modellbahn ist dagegen ein Hobby für sehr häusliche Menschen: Die Loser in den Augen ihrer Mitwelt.

Beitrag melden
Muffin Man 05.02.2009, 19:36
106.

Zitat von Andreas Heil
Ich tendiere mehr zu Playmobil.
Ja, das ist ein gutes Erkennungszeichen für den Generationswechsel zwischen uns älteren (Metallbaukasten, Modelleisenbahn) und den jüngeren:
Denn Playmobil ist doch das idealtypische Beispiel eines Systemspielzeugs, das den Menschen in seiner Erfahrungswelt stark schematisiert zeigt, was schließlich auch Lego zu kopieren versuchte.

Der Metallbaukasten war das Spielzeug einer Generation, die Brückenbaumeister oder Ingenieur werden sollte - man schuf eine Art Fachwerk aus Bandeisen und Winkelprofilen; oder Getriebe nach Anleitung für allerlei verschiedene Verwendungszwecke.

Playmobil war von vornherein darauf ausgelegt, MASSENSZENEN nachzustellen: Begonnen hatte das alles wohl mit einer Baustelle, nicht lange dauerte es, bis Unfallrettungen/Krankentransport thematisiert wurden, JETZT ist Playmobil soweit, den hausfraulichen Einkauf als Spiel-Topos entdeckt zu haben: Es gibt eine Schlachterei, eine Bäckerei, am Geldautomaten gerät man in einen Banküberfall, aus der Polizeiwache klettert ein Häftling durch's Fenster hinaus in die Freiheit, ein Friseurbesuch läßt sich nachspielen etc.

De facto bietet Playmobil exakt dieselben Möglichkeiten, die Accessoires zu zerlegen, wie Holzspielzeug, darüber hinaus aber ein raffiniertes Corporate Design: Und so werden immer neue Großmodelle benötigt, um "weiterspielen" zu können... (Man könnte einen kompletten Lebenslauf mit dem, was auf dem Markt ist, nachgestalten, und irgendwann werden Spielsets wie "Geriatrische Klinik", "Bestattungsfachgeschäft" und "Beerdigung" dazukommen!)

Beitrag melden
Muffin Man 05.02.2009, 19:42
107.

Zitat von Beduine
Als Eisenbahnfan hänge ich immer noch an den Lackierungen der 70er und 80er, als die Personenwaggons noch "Silberlinge" hießen, die Intercities von der 103 gezogen wurden und einen wunderschönen beige - roten Anstrich hatten. Und die D-Züge-Waggons der ersten Klasse waren blau, die der zweiten Klasse grün...
DAS Farbeschema galt eher in den 60er Jahren...
Damals wurde schon in Oceanblau/Beige umlackiert, und aber 1979 fuhren die IC zwar lokbespannt, aber in zwei Farbschemata: Türkis/beige war die 2. Klasse, rot/beige die 1.Klasse (wie vordem die TEE-Luxuszüge!)

Tatsächlich ist das "DB-Neurot" nicht jedermanns Sache, aber gerade die Mitteleinstiegswagen ("Silberlinge") bedurften eines schlichten Anstrichs, um nicht völlig unansehnlich zu werden.
Ein KIND wird aber ohnehin immer seine eigene Erfahrungswelt nachspielen wollen, und da bieten sich dann die aktuellen Lackierungen an.
Mit den bunten Waggons der Länderbahnzeit kann schließlich auch nur etwas anfangen, der die Frühzeit des Bahnwesens bevorzugt. Und die "Epoche 3" kennt halt nur, wer die 40 deutlich überschritten hat. Oder gut bestückte Fotoalben aus dieser Zeit besitzt...

Beitrag melden
Muffin Man 05.02.2009, 20:02
108.

Zitat von dklausing
Im Gegensatz zu früheren Jahren, in denen sich die Modellbahnhersteller ihren Nachwuchs "selbst herangezüchtet" haben und gezielt und gekonnt Kinder und auch Jugendliche ansprachen (wie sonst ist die Zahl der Erwachsenen Modellbahnfreaks heute zu erklären?) kümmerte man sich, so jedenfalls mein Eindruck, fast ausschließlich um Sammler und andere Erwachsene.
Neee, neee, ganz so ist es wohl nicht.
Zwar zeig(t)en auch die Modellbahnfirmen in ihren Katalogen schon früh glücklich strahlende Söhne und stolze Väter, aber das Sortiment war damals keineswegs "zielgruppengerecht" gestaltet - "Spielzeug" war zunächst einmal ein Wirtschaftszweig, in dem relativ WENIG investiert wurde, weil die Ansprüche der Kundschaft gering waren und auch der Produktpreis niedrig bleiben mußte.
DESWEGEN war ja z.B. Schucos Modell der Alwegbahn ein Flop: Zu teuer, zu wenig Variationsmöglichkeiten. Es fehlte an Zubehör, und dann war's auch noch Blechspielzeug...

Die Modellbahnsortimente der großen Hersteller umfasste einige Schnellzuglokomotiven, Reisezugwagen, Güterwaggons boten teilweise bewegliche Teile, für enge Gleisradien gab's dann auch Verschublokomotiven... und sofern die Vorbildproportionen glaubwürdig getroffen waren, war die Kundschaft auch zufrieden.
Gerade Märklin hatte lange Zeit sehr grob spielzeughafte Fahrzeuge im Sortiment und mutete daher schon in den späten 1960er Jahren altmodisch an. Im Grunde hatte Märklin nicht das Vorbild miniaturisiert, sondern die eigenen Vorkriegs-Eisenbahnen...
So störte sich der treue Märklin-Kunde nicht an sichtbaren Schraubenköpfen oder Glühbirnen, nicht am Mittelschleifer und nicht einmal daran, daß die Fensterzahl in den D-Zug-Wagen gegenüber der des Vorbildes erheblich reduziert war...

Märklin war sicher einst Pionier der Spielbahnerei und mochte den Schritt zur Modellbahn, nie so recht vollziehen. Um so erstaunlicher ist, daß die Marke stets Marktführer blieb!

Beitrag melden
DJ Doena 05.02.2009, 20:04
109.

Also Muffin Man, wenn man sich das so durchliest, fühlt man sich an ultra-kitschige Rosamunde Pilcher-Filme erinnert, da trieft die Nostalgie ja aus jedem Satz heraus. Heimatfilm pur, was sie da beschrieben.

Beitrag melden
Seite 11 von 23
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!