Forum: Wirtschaft
Müllers Memo: Der Mythos der Hartz-Reformen
dpa/dpaweb

Nur eiserner Reformwille hat Deutschland wirtschaftlich zurück auf die Erfolgsspur gebracht - so die Legende. Unter Ökonomen gelten die Hartz-Gesetze als eine Art Wundermittel. Zu unrecht, wie ein Blick auf die nackten Fakten zeigt.

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cato-der-ältere 14.09.2014, 08:33
1. Brain Games

Auf dem Kanal National Geographic läuft eine faszinierende Serie die dutzendfach nachweist wie beschränkt und manipulierbar unser Bewusstsein ist.
Es wurde unter anderem gezeigt wie die schiere Wiederholung einer Behauptung deren Wahrheitsgehalt für die Empfänger erhöht. Auch wenn sie rational wissen oder ahnen dass sie fragwürdig ist.
Genau so funktioniert das von Beginn mit HartzIV. Aber auch mit anderen Mythen. Dass angeblich die reichsten 10% schon fast alle Steuern zahlen, dass die Leistungsträger hier eben diese Vermögenden sind und nicht Altenpflegerinnen oder Techniker, schon gar nicht wenn sie arbeitslos wurden, dass man von den "Leistungsträgern" kein bisschen merh Steuern verlangen darf da sie sonst "demotiviert" sind (O-Ton Merkel) und dann auf magische Weise Deutschland den Bach runter geht. Auch dass man die Menschen die am meisten leiden, die Arbeitslosen, noch zusätzlich leiden lassen muss (was man "Anreize" nennt) damit sie wieder Arbeit aufnehmen. Ferner dass es keine Altrerative gibt zum Status Quo.
Das alles sind perfide Waffen in einer Mediendemokratie im Kampf oben gegen unten. Und die Mainstream-Medien transportieren diese immer wieder. Um "ausgewogen" zu sein muss man ja nur manchmal eine andere Position zu Worte kommen lassen, wie hier...

Leider musste ich diese Mythen nun selbst wiederholen...

Es gab übrigens schon zuvor Studien die HartzIV entzaubert haben. Das hindert offensichtlich niemanden daran dessen Loblied zu singen, gerne zitiert man auch ausländische Politiker, da das dann noch objektiver klingt. Dabei ist die machtvolle Riege der Marktradikalen HartzIV-Liebhaber natürlich eine internationale Bruder-/Schwesternschaft, die sich miteinander gegen ihre nationalen "Unterschichten" verbündet hat. So wie internationale Konzerne und Banken. Deswegen lieben sie auch die Globalisierung und TTIP (noch ein Mythos), denn die Normalbürger bilden keine globale Macht.

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missing-link 14.09.2014, 08:37
2. Übersetzt

In die Fußballer Sprache würde der Artikel circa wie folgt lauten:
Die deutsche Mannschaft hatte mehr vom Spiel, sie hatte die bessere Taktik und mehr Ballbesitz. Sie sind mehr gelaufen und hat einen besseren Überblick.
Dass der Ball im Tor landete, war am Ende aber pures Glück.
Die Zuschauer war trotzdem bereit, ein entsprechendes Eintrittsgeld zu zahlen.
Deshalb ist es auch möglich, die Leistung der Spieler entsprechend zu honorieren.
Soviel zur Bewertung dieses " wirtschaftswissenschaftlichen" Artikels.

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kimmberlie67 14.09.2014, 08:41
3. Seit der Agenda 2010

haben wir in Germany ein Niedriglohnland.
Deshalb kommen auch Firmen aus den angrenzenden Länder zu uns und beschäftigen Menschen zum Hungerlohn.
Im eigenen Land,z.B. Dänemark,wäre das nicht möglich
da sind die Gewerkschaften noch Gewerkschaften.

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whitemouse 14.09.2014, 08:41
4. Völliger Quark

Es hat mir gereicht, beim Querlesen folgenden Satz zu finden: "Die Mark ging mit reichlich hohem Kurs im Euro auf. " Das genaue Gegenteil des Satzes ist richtig, die DM war viel zu niedrig bewertet, was zu einem massiven Kaufkraftverlust der Arbeitseinkommen führte. Belgische Freunde haben uns diese Benachteiligung der deutschen Bevölkerung bestätigt.

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papayu 14.09.2014, 08:45
5. Aus Sicht der Unternehmen gesehen, stimmte es!!

In dem ganzen Artikel wurde nicht die Produktionssteigerung erwaehnt. Durch bessere Maschinen, Billiglohnlaender wurde aus Klasse Masse.
In Asien wurde fuer ein ZEHNTEL produziert und von deutschen Grosshandel vertrieben.
Es wurden immer mehr Arbeitslose, doch in der
Statistik tauchen die nie auf. Viele nahmen ein Billigarbeitsplatz in Kauf, der knapp ueber H4 liegt.

Eigentlich wollte ich auch Journlist werden, aber die
Schulnote reichte eben nicht,habe heute noch eine
Sauklaue, aber 187 Anschlaege auf der mechanischen
Schreibmaschine Bj 1950 hab ich erreicht.
Da habe ich immer zu viel TIPPEX verbraucht!!

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marthaimschnee 14.09.2014, 08:46
6.

In welcher Realität lebt jemand, der hier eine "Kehrtwende zum Besseren" zu erkennen glaubt? Die durch die Hartz Reformen herbeigeführten positiven Effekte für die Wirtschaft waren nicht nachhaltig, die Wirtschaft hat sich den durch die Lohnzurückhaltung einbehaltenen Verteilungsspielraum als Gewinn in die Tasche gestopft, aber nicht investiert. Und das "Jobwunder" besteht im wesentlichen aus weggerechneten Arbeitslosen und Jobs die so mies bezahlt werden, daß man davon nicht leben kann. Alles in allen fallen die Hartz Reformen in das Kapitel "Wie saniere ich mich auf Kosten anderer" - und ein Punkt ist völlig korrekt: Wirkungslos waren sie mitnichten. Es gibt eine stattliche Zahl Ökonomen, die die derzeitigen Probleme Europas als direkte Folge dieser Entwicklung sehen. Und Fakt ist auch eins: ohne die katastrophale Fehlkonstruktion der Währungsunion wäre diese Entwicklung überhaupt nicht möglich gerwesen!

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curiosus_ 14.09.2014, 08:51
7. Womit wir wieder beim € und der deutschen Exportüberschussweltmeisterschaft wären

Denn das ist der eigentliche Kern unserer derzeitigen Lage.

Der € (Einführung am 1.1.1999, Bargeldeinführung am 1.1.2002) war die Conditio-sine-qua-non. Ohne die dadurch wegfallende Aufwertungsmöglichkeit der deutschen Währung wäre der ganze Rest erst gar nicht möglich gewesen.

Erst dann konnten die Löhne effektiv gesenkt werden (ob mithilfe von Hartz 4 oder mithilfe der Gewerkschaften - im Endergebnis ist das egal). Die DM hätte jetzt aufgewertet (und somit die Realeinkommen der abhängig Beschäftigten erhöht -> Sozialdividende).

Folge jetzt: Der € (seinAusenwert hängt ja an einem viel größeren Währungsraum) bleibt "stabil", Deutschland wird konkurrenzlos billig, wir werden Exportüberschussweltmeister und sammeln so von 2002 bis 2013 1,6 Bio. € Exportüberschüsse an (die dann zwangsweise zu ähnlich hohen Kapitalexporten in Höhe von 1,8 Bio. € führen).

Und heute jammern wir über Investitionsstau in Deutschland. Wie soll das denn laufen, wenn das Geld zum Investieren zwangsweise, aufgrund unserer Exportüberschüsse (s. die Definition der Zahlungsbilanz), ins Ausland wandert?

Allerdings ist der Handlungsspielraum noch nicht annähernd ausgeschöpft. Die Einführung der Sklaverei und Leibeigenschaft steht noch aus. Damit erst wäre der vom € zur Verfügung gestellte Rahmen effektiv genützt. Die Exportüberschüsse würden durch die Decke gehen und Arbeitslosigkeit würde zum Fremdwort.

Herr Müller, das ist schon seit langem jedem einigermaßen denkfähigen Ökonomen klar. Schön, wenn auch SPON drauf kommt. Wobei der Zusammenhang

€ Lohndumping Exportüberschüsse Kapitalexport Investitionsstau

hier noch zu thematisieren wäre.

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zzyzzx 14.09.2014, 08:54
8. Es bleibt die Frage,

ob das wirklich alles auf Dauer akzeptiert bleiben wird. Psychologisch hat das vor allem einen Zustand größter Unsicherheit geschaffen, bei dem der eigene Wohlstand innerhalb kürzester Zeit verschwunden sein kann und langfristige Entscheidungen wie Kinder eher nicht angegangen werden. Das alles ist die Brutstätte für die neue Rechte, die, ausgestattet mit den passenden Feindbildern, hier wunderbar wachsen kann. Bei dem Gedanken wird mir unwohl.

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silverhair 14.09.2014, 08:58
9. Zustimmung

Dirk Müllers Analyse ist ziemlich zutreffend , obwohl es noch einige weitere Faktoren gibt , die aber allesamt diese Analyse letztlich noch untermauern!

Es war die Massen-Computerisierung - die in den 90'ern startet , und die ab 2000 einen Weltweiten Boom , aber auch eine vollkommen Veränderte Produktions/Dienstleistungsgesellschaft erzeugte - ein Vorgang der ähnlich nur mit der Zeit der Erfindung der Dampfmaschine vergleichbar ist!

Die Dampfmaschine (und elektr) Strom veränderten die Welt grundlegend .. alle vorherige "physikalischen Kraftanstrengungen" des Menschen wurden überflüssig , aus den knapp 300 Berufen die man bis dahin kannte wurden über 50.000 weltweit .. Ein Goldrun der mit oder ohne Geld, der egal welche Poliitik man betrieben hätte ein Zug war der nur nach oben gehen konnte!

Und der Computer und die Netzwerke erzeugten das selbe nur in noch viel viel Grösserem Umfange ab 2000.

Letztlich wäre es egal gewesen ob man H4 eingeführt hätte oder nicht .. Es wurden durch diese Grundlegende Voraussetzung der Technologie, der Umstellung auf diese gewaltige Resourcen neu benötigt .. das Jobwunder wäre so oder so eingetreten bei den Technologischen Voraussetzungen die Deutschland da hatte!

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