Forum: Wirtschaft
Osteuropäer in Großbritannien: Warum der Brexit auch ein Polexit wird
Kristian Buus/Getty Images

Die Polen sind die größte ausländische Gruppe in Großbritannien. Nach der EU-Osterweiterung wurden sie als Fachkräfte angeworben - nun verändert der Brexit auch ihr Leben. Sind sie auf der Insel noch willkommen?

Seite 3 von 4
Sendungsverfolger 27.03.2019, 17:34
20. 2004

Zitat von alsterherr
Dann sind die meisten Polen außer Landes, die einheimischen Maurer, Poliere, Elektriker und Arbeiter bekommen annähernd Vollbeschäftigung und manche Arbeitslosen können sich umschulen lassen ... oder sie beantragen wie in Norwegen oder der Schweiz ein Visum. Wo ist das Problem?
Es dürfte das gleiche Problem sein wie vor 2004, weswegen die Briten damals auch unbedingt die Osteuropäer schnell ins Land holen wollten. Lesen Sie es nach, wenn es Sie _wirklich_ interessiert.

Beitrag melden
blumstajn 27.03.2019, 17:47
21. Ein potentieller Segen für Polen

Auch wenn nur ein Teil der Polen in GB nach Polen zurückkehrt wird es ein Segen für die polnische Wirtschaft bedeuten. Die polnische Wirtschaft hat das höchste Wachstum in Europa (über 5%) und sucht händeringend nach Arbeitskräften. Nahezu 2 Millionen Ukrainer arbeiten bereits in Polen. Wenn jetzt einige Hunderttausende von gut ausgebildeten Arbeitskräften, die noch dazu die Weltsprache #1 beherrschen, ins Land kommen, dann wird das einen weiteren kräftigen Schub der polnischen Wirtschaft gegeben.

Beitrag melden
ziehenimbein 27.03.2019, 18:26
22. Sie meinen Arbeitssklaven - nicht Schwarzarbeiter!

Zitat von gigi76
ist nie das Problem. Qualifizierte und gut verdienende Arbeitskräfte leisten einen positiven Deckungsbeitrag und finanzieren mit ihren Steuern das Gemeinwesen. Das kann man nicht behaupten von polnischen Tagelöhnern die in überbelegten Wohnungen oft jahrelang dahinvegetierten um ihr teilweise schwarz auf dem Bau verdientes Geld fast komplett an die polnische Familie nach Hause schickten. Integrationsleistung und Beitrag zum Gemeinwesen, gleich null oder kaum messbar. Daraus entstand letztendlich auch ein Teil der Brexitbewegung.
Diese Menschen gibt es auch massenhaft in der deutschen Landwirtschaft und wir profitieren sehr wohl davon. Für das, was diese Leute weniger an Lohn erhalten, kann man zwei Personen Transferleistungen zahlen. Die paar Euro, die sie nach Hause schicken sind uninteressant. Dafür kostet uns z.B. der Spargel gut zehn Euro weniger und bei den Erdbeeren sparen wir bestimmt auch 5 Euro pro Kilo, eher mehr. Würden die USA die ganzen Illegalen zurückschicken, würde fast nichts mehr funktioniern.

Beitrag melden
ziehenimbein 27.03.2019, 18:50
23. Die Heimkehrer werden sich freuen,

Zitat von blumstajn
Auch wenn nur ein Teil der Polen in GB nach Polen zurückkehrt wird es ein Segen für die polnische Wirtschaft bedeuten. Die polnische Wirtschaft hat das höchste Wachstum in Europa (über 5%) und sucht händeringend nach Arbeitskräften. Nahezu 2 Millionen Ukrainer arbeiten bereits in Polen. Wenn jetzt einige Hunderttausende von gut ausgebildeten Arbeitskräften, die noch dazu die Weltsprache #1 beherrschen, ins Land kommen, dann wird das einen weiteren kräftigen Schub der polnischen Wirtschaft gegeben.
nur noch für höchstens die Hälfte arbeiten zu dürfen, bei steigenden Kosten. Die Innenpolitik wird auch nicht jedermanns Sache sein. Heimkehren ist wohl kaum eine Option. Die Ukrainer dürften wohl auch eher wenig verdienen, deren Jobs will denen sicher niemand wegnehmen. Ein Deutscher, der in der Schweiz arbeitet, träumt bestimmt auch nicht von einem Leben in der Lausitz.

Beitrag melden
xcountzerox 27.03.2019, 19:19
24.

Wie diese Arbeitsmigration Mitte der 2000er aussah, kann man sich gut in einem sehr bekannten Dokumentarfilm ansehen ("Bar Na Victorii" auf yt mit Untertiteln). Die Realität war für die meisten dort ankommenden genauso, wie dort gezeigt. Vielfach wurden die Polen traurigerweise von den eigenen Landsleuten abgezockt. Haben monatelang auf Bahnhöfen und Absteigen gehaust und sich billigst ernährt, um irgendwann auf die Beine zu kommen. Viele sind gescheitert. Viele aber waren erfolgreich und haben sich in die Gesellschaft integriert. Durch die größere Entfernung zur Heimat und Familie wurden z.B. die Shops mit polnischen Spezialitäten zu bekannten Treffpunkten. diese kann man gerade in London regelmäßig sehen.

Im Prinzip nicht viel anders als bei uns in Deutschland. Die Einwandererwelle ab Mitte 1980 hat ja auch über eine Million Polen ins Land gebracht, davon auch viele als Aussiedler, die in den Statistiken als deutsche Staatsbürger eben nicht den Polen zugerechnet werden, obwohl sie auch die polnische Staatsbürgerschaft besitzen. Trotz dieser Zahlen werden gerade die Polnischstämmigen von den Bundesregierungen nicht als nationale Minderheit anerkannt.

Die Fremdenfeindlichkeit ist in UK nicht anders, als hier in Deutschland. In zweiter oder dritter Generation hier lebende Polnischstämmige werden auch immer wieder nach der Herkunft gefragt, um dann frech zu fragen, wann sie denn endlich in ihre Heimat zurück wollen. So etwas kommt immer wieder vor. Dass wir uns durch jahrtausende Nachbarschaft näher sind, als wir glauben, zeigt sich in der Sprache und vielen entlehnten Wörtern beider Sprachen.

Beitrag melden
fellmonster_betty 27.03.2019, 21:48
25. nicht nur polen

viele Ärzte aus Norddeutschland machen gut bezahlten und fast bürokratiefreien Notdienst auf dem flachen Land in England. Die Leute sind unglaublich dankbar, das Personal top ausgebildet und hilfsbereit. Von Anfeindungen bislang keine Spur. sind auch einige polnische Kollegen und andere Nationalitäten dabei. Bei ungeregelten Brexit fällt diese Dienstleistung vermutlich weg. Mit tun die Patienten leid. den Abmarsch der Handwerker haben sie schon hinter sich.

Beitrag melden
kumi-ori 28.03.2019, 03:09
26. Ich bevorzuge in Deutschland auch osteuropäische Handwerker

Ich bin feinmotorisch nicht besonders geschickt und deshalb darauf angewiesen, dass mir jemand bestimmte Arbeiten abnimmt. Deutsche Handwerker sind problemorientiert. Polnische handwerker sind lösungsorientiert. Deutsche Handwerker erklären einem erstmal, warum irgendwas so gar nicht geht, und dass man erstmal den Einbauschrank abbauen muss, bevor der Herr Handwerker das Ventil des Heizkörpers repariert. Man soll ja als Kunde auch was davon haben. Polnische Handwerker passen seltsamerweise immer in die Nische dazwischen und haben die Sache in Nullkommanix gelöst.

Ich hatte Anfangs auch ein bisschen Vorbehalte, als der eiserne Vorhang fiel. Aber vor 60 Jahren hatten die Leute auch Vorbehalte gegen Italiener und Spanier. Und diese Volksgruppen sind heute ja schon gar keine richtigen Ausländer mehr, und mit den Polen ist es inzwischen genauso. Nicht einmal der wütendste AFDler würde heute noch über Italiener schimpfen. Mit den Polen wird das auch bald kommen.

Ich möchte mal irgendwann auf Urlaub hinfahren. Ich weiß zwar nicht, was ich da sehen werde, aber ich erhoffe mir, dazu beizutragen, die Assymetrie zwischen Polen und Deutschland abzutragen. Wenn sich irgendwann der Lebensstandard angleicht, dann wird auch der religiöse Wahn verschwinden und in Danzig und Stettin wird man leben wie in München oder Frankfurt.

Beitrag melden
MatthiasPetersbach 28.03.2019, 11:14
27.

Zitat von kumi-ori
Ich hatte Anfangs auch ein bisschen Vorbehalte, als der eiserne Vorhang fiel. Aber vor 60 Jahren hatten die Leute auch Vorbehalte gegen Italiener und Spanier. Und diese Volksgruppen sind heute ja schon gar keine richtigen Ausländer mehr, und mit den Polen ist es inzwischen genauso. Nicht einmal der wütendste AFDler würde heute noch über Italiener schimpfen.....
So siehts aus. Wobei ich für den AfDler nicht unbedingt die Hand ins Feuer legen würde :)

Natürlich gibt es Millionen Leute mit fremdländischer Herkunft, die einfach hier mitleben, mitarbeiten, hier dazugehören. Die kann man im übrigen auch problemlos fragen, wo sie bzw. ihre Eltern/Großeltern herstammen.
Wer wirklich meint, ausgerechnet so Belangloses wie die HERKUNFT für irgendwie interessant und problematisch halten zu müssen, hat schlicht einen an der Klatsche.

Betragen z.B. halte ich für deutlich wichtiger.

Und da gibt es durchaus noch Luft nach oben. Und zwar bei Fremd- und bei Inländern. Bei MANCHEN.

Gottseidank sind die IN REALO (nicht in Medien und am Stammtisch) ne verschwindend geringen Minderheit. Aber solange die Vernünftigen aller Fraktionen, Nationen und Menschen zusammenhalten, haben die anderen verloren. Wir dürfen uns nur nicht anstecken und auseinanderdividieren lassen.

Die Engländer sind da zur Zeit ziemlich gefährdet.

Beitrag melden
MatthiasPetersbach 28.03.2019, 13:49
28.

Zitat von gigi76
Qualifizierte und gut verdienende Arbeitskräfte leisten einen positiven Deckungsbeitrag und finanzieren mit ihren Steuern das Gemeinwesen. Das kann man nicht behaupten von polnischen Tagelöhnern die in überbelegten Wohnungen oft jahrelang dahinvegetierten um ihr teilweise schwarz auf dem Bau verdientes Geld fast komplett an die polnische Familie nach Hause schickten. Integrationsleistung und Beitrag zum Gemeinwesen, gleich null oder kaum messbar. Daraus entstand letztendlich auch ein Teil der Brexitbewegung.
Das hat wenig mit Polen zu tun, sondern mit dem Problem der Schwarzarbeit. Und Mietwucher. Und und und.

Das sind alles Dinge, die verbesserungswürdig sind, aber bei uns MASSIV bekämpft werden. Eventuell oft an der falschen Stelle - z.B. täte es den öffentlichen Auftraggebern gut, mal vor ihrere eigenen Haustür aka Riesenbaustellen zu kehren.

Aber es ist verboten, wird bekämpft und geahndet.

Und wenn diese Dinge die Ursache von Zorn - und Brexit - sind - sollte man dann nicht besser diese Dinge bekämpfen, als irgendein Nationalistengedöns anzuzetteln? Nein, das ist ein künstlicher Sündenbock und ein Feigenblatt für Fremdenhaß.

Denn diese Misstände sind eben NICHT überproportional. Im Beruf habe ich mit hunderten (Bau)menschen mit fremder Herkunft zu tun, die ganz normal leben, arbeiten, Steuer zahlen. Mal ganz davon abgesehen, daß die Ansicht, ob jemand einen "positiven Deckungsbeitrag" leistet aka "sich lohnt" eher fragwürdig ist.

Und wenn es in Frankreich für die halbe Arbeit den dreifachen Lohn gäbe, wäre auch Deutschland so gut wie leer.

Beitrag melden
MatthiasPetersbach 28.03.2019, 14:01
29.

Zitat von Fritz.A.Brause
Fragen sie zum Vergleich mal einen Spargebauern im Badischen: Die polnischen Erntehelfer machen ihre Arbeit. Gut und mit wenig Ausschuss. Die Leute, die das Arbeitsamt schickt, sind am 2. Tag krank und produzieren bis dahin aus lauter Trotz, dass sie "abkommandiert" wurden jede Menge Bruch.
Und die Landarbeiter werden - zumindest bei uns - mit Tagesessen aus der örtlichen Metzgerei versorgt, kaufen beim Aldi ein und an der Tanke und sind ein Gewinn für uns alle hier. Nicht zuletzt der Kunden. Aber nicht nur.

Aber diese ganze "Wanderung" rührt ja nur aus dem Grund der Wechselkurse und des Preisniveaus usw. her. Wenn eine Arbeitsstunde in Litauen oder Litauen genauso bezahlt würde wie bei uns, käme niemand.

Und wenn bei uns 3 Monate Spargelernte bedeuten würde, man wäre für den Rest des Jahres versorgt, dann würden sich hunderttausende DEUTSCHE um den Job drängeln. Und wenn man mit einem Tag Arbeit gerade den Tag finanziert hätte (wie eben bei uns mit Mindestlohnarbeiter) dann würde da auch kein Pole kommen.

So gesehen verstehe ich "den vom Arbeitsamt" - und die Frage, warum es keine Deutschen gibt, die den Spargel-Job machen, hat sich aus dieser Sichtweise schnell erledigt. Wenn es auch endlose Talkshow-Runden drüber gibt: DAS ist der ziemlich einfache Knackpunkt: Es lohnt sich nicht für Deutsche (und nicht, weil H4 zu hoch ist - es deckt nicht die Kosten) . Für Polen schon.

Beitrag melden
Seite 3 von 4
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!