Forum: Wirtschaft
Referendum in Griechenland: Tsipras' gefährliches Kalkül
REUTERS

Mit einem Referendum will sich Griechenlands Ministerpräsident Tsipras aus den festgefahrenen Verhandlungen mit den Geldgebern befreien. Doch darauf dürften sich die Gläubiger kaum einlassen. Griechenland droht ein ökonomisches Chaos.

Seite 59 von 59
andre_sokolew 27.06.2015, 18:44
580. Was erlaubt sich der Herr Tsipras?

In Griechenland, das die "Demokratie" erfunden hat, müsste man es doch wissen: Das geht mit Abgeordneten, die nur ihrem Fraktionsvorsitzenden verpflichtet sind, weil sie wieder gewählt werden wollen. Die Idee, das Volk zu befragen, ist dagegen endlich ein glaubwürdiger Grund für den Rest der EU, alle "Verhandlungen" zu beenden. Herr Tsipras, Sie sind endgültig gescheitert!
Aber das weiß Herr Tsipras schon seit Wochen. Er kann nur scheitern oder scheitern, die Frage war bisher nur: wie?
Man darf nicht vergessen: Die Schulden Griechenlands sind nicht unter der Regierung Tsipras entstanden, sondern bei den Vorgängern. Als das Ausmaß des Dilemmas nicht mehr unter den Tisch gekehrt werden konnte (so um 2010), kam ein Grexit nicht in Frage, der Euro hatte gerade die Lehmann-Pleite zu reparieren. Für die "Bankenrettung" wurden Steuergelder in einer Höhe eingesetzt, in der Griechenland nicht einmal ansatzweise verschuldet ist. Inzwischen ist der größte Teil der griechischen Kredite bei privaten Banken zurückgezahlt bzw. umgeschuldet, d.h. "sozialisiert". Jetzt ist ein Grexit die geringere Gefahr.
Nach dem die Vorgänger-Regierungen alles (schuldhaft!) vermasselt haben, wählten die Griechen eine linke Regierung. Die will eine Chance für das Land. Um die Schulden irgendwie irgendwann zurückzahlen zu können, muss es einen wirtschaftlichen Aufschwung geben. Und ja, alle, wirklich alle, auch alle Griechen wissen: Es muss Reformen geben. Aber solche, die einen wirtschaftlichen Aufschwung ermöglichen und die Ärmsten nicht völlig verkommen lassen.
Es gibt ein Problem: Die jetzige Regierung ist eine linke Regierung. Nein, die darf das Problem nicht lösen. In der EU musste man abwägen: Darf eine linke Regierung Erfolg haben oder ist es klüger, für immer auf die Rückzahlung der Kredite - die nun dem Steuerzahler überschrieben wurden - zu verzichten? Die Entscheidung ist vor Monaten gefallen, unmittelbar nach der Wahl von Herrn Tsipras. Die "Verhandlungen" waren nur ein Spiel auf Zeit. Inzwischen hat die veröffentlichte Meinung die öffentliche Meinung hinreichend korrumpiert. Es werden seit Jahren "Reformen" beschlossen zu Lasten der einfachen Leute und solche, die eine Wiederbelebung der griechischen Wirtschaft verhindern, und genau so muss es weiter gehen. Denn das ist klar: Herr Tsipras muss scheitern, koste es, was es wolle!
Wenn Herr Tsipras jetzt ein Plebiszit plant und Europa dies geschlossen als Grund für den Abbruch aller Verhandlungen ansieht, hat Europa inzwischen andere Vorstellungen entwickelt, was "Demokratie" bedeutet, als die demokratisch gewählten Regierenden in dem Land, das die "Demokratie" erfunden hat.
Übrigens könnte das auch ein Anlass sein, zu hinterfragen, wie viele Formen der "Demokratie" es auf der Welt gibt und welche davon tatsächlich demokratisch sind.

Beitrag melden
Seite 59 von 59
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!