Forum: Wirtschaft
Schließungen von Bäckern und Metzgern: "Das soziale Miteinander ist in Gefahr"
DPA

Der Städte- und Gemeindebund fordert innovative Konzepte der Kommunen für die Ortsmitte. Die sinkende Zahl von Handwerksbetrieben wie Bäckereien und Fleischereien werde sich sonst auf die Lebensqualität auswirken.

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jjpreston 24.04.2019, 11:44
110. Eigentlich müsste ich mich über die vielen Kommentare wundern...

... die sich aufs Denken im Kleinen beschränken und "dem Verbraucher" fehlenden Anstand unterstellen - aber dann fällt mir wieder ein, dass die Foristen ja alle wählen dürfen und das auch tun. Liebe Forengemeinde, was glaubt Ihr denn, was passiert, wenn Ihr mehr als 30 Jahre lang Lohnsenkungen und Sozialabbau wählt? Schon Helmut Schmidt sagte (und ich zitiere wörtlich): "Das Grundübel in Deutschland ist die soziale Überversorgung". Wir haben seit über 30 Jahren sinkende Reallöhne. Rot/Grün hat durch Ausweitung der Leiharbeit die Löhne weiter gesenkt. Sie haben die Renten damals gekürzt und die zukünftigen per Riester dem Nullzinsmarkt zugeschlagen - sie also weiter gesenkt. Rot/Grün hat Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe gekürzt. Groko II, Schwarz/Gelb, Groko III und IV haben daran, wenn überhaupt, nur marginal etwas geändert. Union, spd, FDP und Grüne haben also seit über 30 Jahren die Einkommen des größten Teils der Bevölkerung gesenkt. Was, liebe wählende Foristen, habt Ihr denn erwartet, das dann passiert? NATÜRLICH leiden als erstes diejenigen darunter, die am wenigsten Spielräume für Kostensenkungen haben, und das sind nun mal die kleinen Betriebe wie Bäckereien und Metzgereien! Das müsste jedem, der auch nur einen Hauch von Wirtschaftspolitik versteht, sofort klar sein, wenn er auch nur eine Minute darüber nachdenkt. Selbstverständlich kann ein Metzger bei seinem kleinen Kundenkreis nicht die Mengenrabatte durchsetzen, die große Ketten bei Massenabnahme aufgrund ihrer Marktmacht kriegen können. Selbstverständlich entsteht bei Einkommenssenkungen für 75 Prozent der Haushalte ein Markt für Brötchen, die billiger sind als die in der Bäckerei. Natürlich kommt den Discountern da der Produktivitätsvorteil vor allem der für Herstellung, Portionierung und Verpackung vorgesehenen Maschinen entgehen, den die kleinen Betriebe angesichts der hohen Anschaffungs- und Betriebskosten bei ihren kleinen Umsätzen nicht haben können. Und letztendlich gibt es klare Grenzen für den Arbeitsplatzabbau in solchen Kleinbetrieben - selbst wenn nur noch der Metzger und seine Frau selbst arbeiten, brauchen beide noch Einkommen zum Überleben. Also war diese Entwicklung doch vorauszusehen! Das habt Ihr (und ich auch, ich habe leider zwei Mal bei Schröder mein Kruez gemacht) so gewählt, das ist so gekommen - also hört auf mit den Krokodilstränen und den Schuldzuweisungen! Fasst Euch lieber an die eigene Nase. Was Ihr bestellt, müsst Ihr auch essen!

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Loosa 24.04.2019, 11:44
111.

Zitat von thememleser
.... schon mal daran gedacht, dass es für viele Kunden schlichtweg zu teuer ist, 4€ für ein Laib Brot (Brot ist nun mal ein Grundnahrungsmittel) auszugeben? Sie gezwungenermaßen auf Discounter-Ware angewiesen sind?
Beim "Zwang zum Discounter" stellt sich aber auch die grundsätzliche Frage, was einem gute Lebensmittel wert sind. In Deutschland bekanntlich nicht viel. Hier wird nur etwa 10% des Einkommens für Lebensmittel aufgewendet.

Frankreich und Italien haben da deutlich höhere Anteile (war mal um die 20%, aber ich glaube das ging die letzten Jahre etwas runter). Rechnet man Restaurantbesuche hinzu, vergrößert sich der Abstand nochmal.

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TS_Alien 24.04.2019, 11:45
112.

Zitat von letztes_wort
Auch wenn wir hier noch Handwerksbäcker haben - nach deren Aussage - ist deren Qualität leider nicht berauschend. Das Brot schmeckt häufig am nächsten Tag schon nicht mehr. Die Frischhaltung ist auch nicht berauschend. Seit einem Jahr backe ich komplett alles Brot und Brötchen selbst. Mit frisch gemahlenem Vollkornmehl und sehr gerne mit ausgefallenen Getreidesorten (Khorasan, Einkorn, Emmer, Purpurweizen, Rotkornweizen, Champagnerroggen, Lichtkornroggen, Waldstaudenroggen, Gelbmehlweizen, Blue Velvet Dinkel) und ohne jegliche industriellen Zusätze. Alleine mit Sauerteigen der verschiedensten Arten und lange Teigführungen bis zu 72 Stunden. Der Lohn sind hervorragende Brote. Selbst die einfachsten Rezepte mit wenig Aufwand toppen alle Brote von den Handwerksbäckern. Selbst Brote von einem Brotsommelier sind nicht wirklich besser. Sobald eine größere Fertigung dahinter ist, wird es knapp. Dazu kommt der Preis. Wenn ich alleine den Wareneinsatz bei meinen Broten rechne, komme ich schnell auf 6€ pro Brot - ohne Arbeitszeit. Raumkosten, Gerätenutzung. Khorasan z.B. kosten 6€ das Kilo als ganzes Korn.
Man kann es - wie bei allem - auch übertreiben. Irgendwann ist dann die Stufe zur Esoterik überschritten. Ganze Industriezweige leben davon.

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touri 24.04.2019, 11:48
113.

Zitat von syracusa
In meiner Region gibt es keine handwerklich arbeitenden Bäcker mehr. Der nächste ist 25 km weit entfernt, und fristet ein kleines Nischendasein für die wohlhabenden Schichten in der Stadt. Ein handwerklich gemachtes Brötchen dürfte kaum unter 50 Cent zu haben sein, eher wird es um 1 Euro kosten. Und 1 kg handwerklich sehr gut gemachtes Brot braucht viel Zeit und teure Handarbeit und kann kaum weniger als 5 € kosten. Ich stehe auf gutes Brot, und so bleibt mir und vielen anderen Brotliebhabern nichts anderes übrig, als das Backen selbst zu erlernen und das Brot selbst zu backen. Ein guter Start ist hier: https://www.ploetzblog.de/
Das scheint zu stimmen, wobei ich mich Frage warum. Als Kind vor 30 Jahren gab es beim Dorfbäcker die Brötchen ab 20-25 Pfennige. Heute zahl ich für ein normales Brötchen beim Bäcker (einer Kette mit Großbäckerei hintendran wohlgemerkt) ab 40-50 cent. Das ist praktisch eine vervierfachung der Preise in 30 Jahren, deutlich über Inflation. Ich frage mich ob sich die Herstellungskosten wirklich so deutlich erhöht haben in der Zeit.

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misterknowitall2 24.04.2019, 11:52
114. Nee,...

Zitat von RalfBukowski
"Viele Menschen würden erwarten, dass noch handwerklich gefertigte Brötchen oder Brot angeboten würden und seien bei richtiger Vermarktung auch bereit, dafür einen höheren Preis zu bezahlen." Das halte ich schlicht für falsch. Es sind ein paar, aber nicht viele. Die meisten Leute wollen eben billigbillig. Sonst würden die Backshops in Tankstellen und Supermärkten nicht so erfolgreich sein. Und beim Schlachter sieht das genauso aus.
das glaube ich auch nicht. Die Leute nehmen das, was angeboten wird, und das sogar ziemlich kritiklos, oder haben Sie die Leute mal nach einem Brötchenpreis fragen hören? Eigentlich bestimmt man doch nur die Zahl der Brötchen. Außerdem sind die Brötchen aus den Backshops das Allerletzte vom Geschmack und Haltbarkeit. Ich war sicher seit 10 Jahren nicht mehr in so einem Laden.

Und ganz anders beim Schlachter Ein Schlachter kann eben nicht leben, wenn man ausschließlich Lende und Schnitzel.

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Bondurant 24.04.2019, 11:53
115. Fein gesehen

Zitat von dasfred
In den Fünfzigern hieß Haushalt ohne Auto und Kühlschrank täglich zum Metzger, dann ins Michgeschäft nebenan, zum Fischladen, zum Gemüsehändler und was noch so anlag. Damit war der halbe Vormittag weg. ... Zum einen ist die Zeit heute gar nicht mehr da, ... Alles aus einem Laden, man muss nicht mehr täglich Einkaufen und vieles ist küchenfertig vorbereitet.
der Bäcker nebenan und der Fleischer gegenüber - das sind im Grunde Relikte aus diesen Zeiten, als noch die Hausfrau einkaufte. Im Grunde genommen will das auch keiner mehr wirklich, jedenfalls dann, wenn man die Aufwände und Anstrengung dieser Lebensweise bedenkt. Ich bezweifle, dass es wirklich eine nennenswerte Anzahl von Leuten gibt, die sich morgens beim Bäcker für Brötchen eine Viertelstunde anstellen wollen, allenfalls sonnabends, und das auch nicht jedes Mal. Und was immer gern vergessen wird: als die Welt noch in Ordnung war und voller kleiner Geschäfte, da hat der Durchschnittsbürger einen viel größeren Anteil seines Einkommens für Lebensmittel ausgegeben als heute. Das will man sicher nicht zurückhaben, aber bei solchen Systemen kann man sich das nicht so aussuchen, dass man das eine hat und das andere nicht.

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latrodectus67 24.04.2019, 11:54
116. Na dann weint halt

es ist imho im Kern genauso wie die Betroffenene schreiben, Bürokratie, nicht zuletzt von der angeblich doch ach so subsidiären EU, vgl Vorschriften bezüglich Auslagen, es gibt keine Keramik beim Metzger mehr, EU-Verbot, nur Metall, das nur als augenfälliges Beispiel. Discounter, es braucht sich niemand zu wundern wenn Bürger billig Fleisch für 2 Euro/Kilo kauft, wobei man sich die Qualen der Tiere zu dem Preis nichtmal vorstellen möchte, aber danach jammern das es keine Metzger mehr gibt. Gleiches gilt auch für die Bäcker. Was den Fachkräftemangel betrifft, was wird denn gelehrt? Mach ein Studium oder dein Leben ist verloren und Du bist ein Looser. Das Mantra läuft seit Jahrzehnten und zeigt nun "Früchte".
Keines von diesen Problemen hat was mit den Kommunen zu tun, aber da wird es eben augenfällig wenn unkündbarer Beamter kein Frühstücksbrötchen vom Bäcker neben dem Rathaus mehr bekommt. Ist eben nicht so wie Feinkost-Reichmann's Lieferservice an den Bundestag.
Alle diese Probleme sind seit Jahrzehnten bekannt und niemand machte was. Warum also nun diese Krokodilstränen? Weil EU Wahlen anstehen und man sich mal wieder als "Interessen"-Vertreter gerieren will?

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TS_Alien 24.04.2019, 11:56
117.

Gute Lebensmittel müssen nicht teuer sein. In anderen Ländern Europas geben die Menschen mehr Geld für Lebensmittel aus. Sind sie deswegen gesünder? Nein.

Viele Menschen haben mittlerweile ein gutes Gefühl, wenn es um den Preis bestimmter Produkte geht. Es gibt angemessene Preise, es gibt überzogene Preise. Ich wette, bei Blindtests würden viele Menschen, die auf teure Lebensmittel stehen (und dies mit besserer Qualität gleichsetzen), öfters falsch liegen.

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karlsiegfried 24.04.2019, 12:00
118. Des Bäckers Gold war das Brötchen und die Steuervermeidung

Bis weit in die Siebziger verdienten sich Bäcker. und auch Metzger, krumm und dumm. Wenn der Brötchenumsatz stimmte, stimmte auch das Geschäft. Ein Brötchen enthält Wasser, Mehl und Hefe. Es wog rund 40 Gramm mit Wasser. Das Handling, sprich auch der Backvorgang, war überschaubar und Konkurrenz war nur der nächste Bäcker, Auch mit den Steuern nahmen es die Bäcker und Metzger nicht so genau. Wer wollte und konnte denn wirklich kontrollieren, das tatasächlich gebacken und verkauft worden ist. So wie es in den kleinen Pizzerien und Kneipen heute auch noch guter Brauch ist. Fakt ist jedoch, in den goldenen Zeiten der Bäcker und Fleischer hatten dies in der Regel einen Bilanzgewinn von rund 25 % vom Umsatz. Plus schwarz Gebackenes natürlich. Wenn ich bei Netto oder anderswo einen Kunden sehe, welcher 20 Kilogramm Mehl kauft und aus den Laden schleppt frage ich mich immer wieder, wie riesig muss denn dieser Geburtstagkuchen sein. Zurück zum Brötchen. Ein wirklich gutes Bäckerbrötchen, wobei es auch Bäckerbrötchen gibt, welche den Namen Bäckerbrötchen nicht verdienen, kostet 40 Cent plus. Mit Mohn rund 50 Cent plus. Das Stück natürlich. Das sind rund 80 Pfennig. Wie viel Prozent der Brötchenverzehrer können das denn das bezahlen, wenn eine dreiköpfige Familie allein zum Frühstück 10 Stück plus, also rund 5 Euro benötigt? Es gäbe noch viel zu Bäckern Konditoren (die sind schon lange ausgestorben) zu sagen, aber das haben viele Foristen schon zum Ausdruck gebracht. Und nun zum Städte- und Gemeindetag, welcher bekanntlcih aus Parteien und Politikern besteht. Die sollen mal schön die Klappe halten. Sie diese doch die Verursacher der von ihnen angeprangerten Misere. Und nun wollen diese das deutsche Handwerk und die Innenstädte retten? Die sie haben durch Vorschriften, hohe Steuern, Gewerbesteuern und Mieten in die Bedeutungslosigkeit und Pleite getrieben haben? Und den Genehmigungen für riesige Verbrauchermärkten um das Stadtsäckel mit satten Gewerbesteuern zu füllen. Das ist doch wohl ein Witz. Dieser Verein lebt noch im Mittelalter und der Zeit der Zünfte. Zum Schluss noch dieses erbärmliche Zitat: 'Viele Menschen würden erwarten, dass noch handwerklich gefertigte Brötchen oder Brot angeboten würden und seien bei richtiger Vermarktung auch bereit, dafür einen höheren Preis zu bezahlen.' das mag der einen oder anderen Stelle noch stimmen. Wenn man den höheren Preis auch bezahlen kann. Frage dazu: 'Wie viel Prozent der Gesamtbevölkerung können das denn sein?' Na bitte, die retten die duetschen Innenstädte auch nicht mehr.

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Hajojunge 24.04.2019, 12:04
119. Völlig vergessen werden die horrenden Energiekosten

Dank der famosen Merkelschen Energiewende, die noch kein Gramm CO 2 erspart hat, zahlen wir europaweit fast die höchsten Strompreise. Auch wenn der Bäcker in der glücklichen Lage ist, seine Öfen mit Gas zu beheizen, das ganze Drumherum ist teuer, was für alle Bereiche des Handels gilt. Energieintensive Betriebe wandern längst ins Ausland ab oder verzichten auf Zubau von Kapazitäten. Die Strompreise in D sind mittlerweile ein erheblicher Standortnachteil. Auch für den Privatmann.

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