Forum: Wirtschaft
Zeitungssterben: Fair Trade für die Schreiberlinge
dapd

Die letzte Ausgabe der "Financial Times Deutschland" ist nicht nur für Verleger ein Warnsignal. Leser müssen sich klar machen, wie ihre Nachrichten entstehen - und entscheiden, was sie ihnen wert sind.

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grafkoks2002 07.12.2012, 11:50
160. Wenn ich die Kommentare lese Teil 1

Wir haben in unserer Branche, ich bin auch Journalist, eigentlich seit 20 Jahren Krise. Ich kenne es kaum anders. Ich bekomme heute für ein Foto von einem Gros der Zeitungen, für die ich schreibe, das gleiche Geld wie 1996. Wenn man einmal solche Kleinigkeiten einbezieht wie Inflation bedeutet das, dass ich heute kaum noch die Hälfte dessen erhalte, was ich von 16 Jahren erhalten habe. Da tröstet es mich nicht, dass ich heute eine Digitalkamera benutze und der Foto-Entwicklungsaufwand wegfällt.

Was mich aber mindestens ebenso anpisst wie die Gier vieler Verlage (nicht aller, es gibt auch gute, anständige Häuser, die anständiges Geld bezahlen), das ist die gequirlte Scheiße, die ich hier teilweise lese, diese vollkommene Missachtung unseren Berufsstandes. Klar habe ich im Laufe meiner Karriere Kollegen kennen gelernt, die Attila wie einen netten Kerl aussehen ließen - und die bei alledem leider keinen Funken Talent besaßen. Aber Himmel, diese Leute gibt es in jedem Beruf, das Gros der deutschen Journalisten macht ihren Job. Nicht mehr, nicht weniger.

Wenn ich dann hier lese, sie seien selbst Schuld an ihrer Misere, ist das eine Unverschämtheit. Dass Verlage Fehler gemacht haben, das ist eine Sache. Der Journalist aber hat auf diese Entscheidungen nur selten direkten Einfluss. Jeder der hier seine ***************** (ich schreibe nicht, was ich denke, dann würde ich hier rausgeworfen, aber es hat mit allerlei Fäkalausdrücken zu tun) zum Besten (oder Schlechtesten) gibt, sollte sich überlegen, was der Autor des hier kommentierten Artikels sagt: Gute Arbeit gibt es nicht zum Nulltarif.

Blogs beschäftigen sich selten mit Tagesgeschehen. Und wenn doch, dann mit ganz bestimmten Themen. Der Blogger lebt selten von seinem Blog, wenn er aber doch mit seinem Blog Geld verdienen MUSS, muss er auch kaufmännisch denken. Zeit, Aufwand, Relevanz. Was da möglicherweise nur ein paar Leute interessiert, sagen wir die Einwohner eines Gelsenkirchener Vorortes, nicht aber alle Bewohner der Stadt, findet dann nicht im Blog statt.

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abseitstor 07.12.2012, 11:50
161. Welche Sender sehen Sie denn?

Zitat von juerler@saxonia.net
Ja , so ist das Leben. Ich habe oft Talkrunden mit Journalisten, wie Sie sich als Haus- und Hofjournalisten betätigten und Regierungspolitik gelobt im politischen Sinne des Chefredakteurs geschrieben, Streiks verteufelt, ALG II Empfänger als Betrüger bezeichneten (NICHT ALLE). Ja und jetzt soll man Mitleid haben? Mit ihren eigenen Worten " hätten Sie einen guten Job gemacht", bräuchten Sie nicht zum AA. Gute Arbeit dann wird man nicht entlassen, dass liest man ja häufig.
Welche Sendungen sollen denn das gewesen sein?

Fakt ist doch, dass Journalisten grüner und linker sind als der Durchschnitt der Bevölkerung. In Talk-Rund drücken sie zusammen mit Moderatoren wir der unerträglichen Maybritt Illner eher zusätzlich auf die Tränendrüse als mit wirtschaftlichem Sachverstand zu argumentieren.
Wie überhaupt Themen wie "prekäre Beschäftigungsverhältniss" vor allem deshalb in der Berichterstattung so breiten Raum einnehmen, weil viele Journalisten selbst davon mittelbar oder unmittelbar betroffen sind.

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grafkoks2002 07.12.2012, 11:50
162. Wenn ich die Kommentare lese... Teil 2

Sie, die Sie hier rumbrüllen, Ihnen möchte ich mal ein einfaches Beispiel journalistischer Arbeit geben. Es geht nicht um die großen Zusammenhänge, um große Politik, es geht um etwas, das vor Ihrer Haustür, in Ihrem Stadtteil stattfindet und Sie möglicherweise direkt betrifft: Einen Kindergartenstreik, der, sagen wir an einem Donnerstag stattfinden soll.

Nun ist es Aufgabe eines Redakteurs möglichst für die Ausgabe einer lokalen Tageszeitung am Mittwoch einen Artikel zu erstellen, der
1.) die Leser darauf hinweist: Morgen ist der Kindergarten dich. Dann stellt er die Fakten zusammen.
2.) Warum wird gestreikt?
3.) Er telefoniert mit dem Kindergarten.
4.) Er telefoniert mit der veratwortlichen Gewerkschaft.
5.) Er spricht mit dem Träger.
6.) Unter Umständen spricht er mit einem Elternvertreter.
7.) Er muss noch Daten und Fakten sammeln, die den Leser darüber entscheiden lassen, ob er den Streik für angemessen hält oder nicht. Dabei ist der Redakteur vor Ort in der Regel zur Neutralität verpflichtet. Er sammelt Fakten, Meinung gehört in den Kommentar.

Bis er all diese Informationen gesammelt hat, da vergeht Zeit. Da nicht jede relevante Person erreichbar ist, arbeitet er häppchenweise. Jetzt ein Anruf, einen in einer Stunde... Es ist schwer, den genauen Zeitaufwand zu fassen, aber solch ein Artikelchen, der vielleicht im Norden einer Stadt niemanden interessiert, da es den Kindergartenträger dort gar nicht gibt, da der nur im Süden einen oder zwei Kindergärten betreibt, dafür braucht man locker eine Stunde reine Arbeitszeit.
Natürlich geht es einfacher: Man übernimmt 1:1 eine Pressemeldung der Gewerkschaften und 1:1 eine des Trägers. Dann ist man in ein paar Minuten fertig.
Aber ist es das, was der Leser will? Und komme mir jetzt niemand mit dem Argument, so sehen Zeitungen heute schon aus. Ja, es gibt Blätter, die so aussehen, aber es ist letztlich noch nicht die Regel. Zum Glück.

Warum SPON funktioniert? Einmal hat man beim Spiegel frühzeitig richtige Entscheidungen getroffen. Gut gemacht. Und man hat frühzeitig viel Geld in die Hand genommen. Mein Respekt! SPON widmet sich aber auch den Themen, die jeden Menschen interessierren. In Flensburg und Oberammergau, in Chemnitz und Hattingen an der Ruhr. Es sind die großen Themen mit Zehntausenden, ja manchmal Hunderttausenden von Klicks.
Wen aber interessiert ein Kindergartenstreik in Gelsenkirchen-Buer?
Die Betroffenen in Gelsenkirchen-Buer! Die aber wollen letztlich auch umfassend informiert werden. Arbeitszeit aber kostet Geld.

Vielleicht aber sollten wir wirklich zu neuen Bezahlmodellen kommen. Solchen, die nur mehr das Zahlen lassen, was einem die Arbeit des anderen wert ist. Dumm nur, dass die hier versammelten Schreihälse in diesem Fall vermutlich die ersten wären, die sich dagegen aussprächen - denn wenn ich plötzlich für die Brötchen beim Bäcker nichts mehr zahlen will, weil ich mir meine Umsonstmentalität doch nicht von solch dämlichen Argumenten wie "für gute Arbeit gutes Geld" versauen lassen will, dann gucken diese Leute plötzlich ganz blöd aus der Wäsche.

Oder betrifft Ihre Argumentation immer nur andere, aber nie Sie selbst?

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spon-facebook-10000325765 07.12.2012, 11:53
163.

Zitat von george176
Eine Vielzahl der Kommentare zeigt das Dilemma. Der Tenor, die Journalisten sind ja selbst schuld, wenn es nicht funktioniert, sind weder neu noch originell. Ich arbeite als freier Journalist für eine Lokalredaktion. Die Bezahlung ist mittlerweile so, dass ich an sieben Tagen arbeite, in der Regel mit mehreren Aufträgen täglich, damit ich das Geld verdiene, das ich zum Leben benötige.[...] Gejammert wird erst, wenn der eigene Job in Gefahr ist, weil die Produktion ins Ausland verlegt wurde [...]
Da stehen Sie vor genau dem gleichen Problem, wie es vielen anderen Arbeitnehmern schon vor Jahren ergangen ist, aber "gejammert wird ja erst, wenn der eigene Job in Gefahr ist".

Wenn der Lohn nicht mehr zum Leben reicht, würde ich überlegen, ob ich nicht vielleicht die Arbeitsstelle wechseln sollte.

Die Alternative Aufstocker zu werden (wie es ja wiederum viele Arbeitnehmer heute schon machen müssen), scheint keine Option zu sein? Naja, das Problem der Scheinselbstständigkeit hat auch nicht die Zeitschriftenbranche erfunden.

Ich würde übrigens auch liebend gerne als Küfer arbeiten, aber so richtig entlohnen will man mich dafür leider auch nicht, und dabei gibt es sehr wohl noch Menschen, die dies als ihren Beruf ausüben!

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jboerner 07.12.2012, 11:53
164. Jammern

Entschuldigung, aber das Gejammere ist wirklich unerträglich. Bei allem Verständnis ist der Vergleich mit Textilarbeitern in Bangladesch, die ob der Gier ihrer Vorgesetzten verbrennen,einfach nur eine Frechheit. Hier geht es um zwei Printmagazine in eines der reichsten und sozial abgesichertsten Länder der Erde, auf einem nun wahrhaftig nicht dünn besiedelten Markt! Wenn diese auf Grund eigener Fehler- und nur diese sind es, wenn eine Firma pleitegeht- dicchtmachen, dann ist das einfach der Lauf der Dinge. Einfach bessermachen.
Fairrade? Wieder der Vergleich mit der Situation, diesmal lateinamerikanischer Bauern, die sonst nicht genug Geld verdienen, und dafür Koka anbauen. Sagt mal, geht es noch?
Und dann "Google News hat noch keinen Minister gestützt".
Wo soll ich da anfangen? Spiegel auch nicht. Die Financial Times auh net. Die Frankfurter Rundschau auch nicht. Überhaupt- was ist bitte erstrebenswert daran "einen Minister zu stürzen"? Es wäre erstmal diskutabel, ob Medien überhaupt die Macht dazu haben sollten, geschweige denn, ob es nicht pauschal eine Anmaßung ist, das zu behaupten, und wenn, dann wäre das noch maximal in einem Land mit massivsten politischen bzw. staatlichen Defiziten diskutabel, sprich, wenn ein Organ der Bevölkerung dabei hilft(!!) eine defizitäre Regierung zu kippen. Aber erstens ist weder das oft der Fall, noch sind wir in so einem Land. Und in den Ländern, in denen die Äusserung der Bevölkerung über die Medien etwas bewirkt oder bewirken sollte, stellt sich das beschworene Problem garnicht- da werden sie gekauft. Weil es dort eine völlig andere Situation gibt, weswegen ein Vergleich wiederrum Mist ist.
Insgesamt ist der Artikel beredtes Zeugnis dafür, *warum* Zeitungen sterben. Weil die Qualität oft lange nicht so toll ist, wie deren Mitarbeiter sich einbilden.
Guter Journalismus, das ist heute Mangelware. Wenn ich alle Artikel hier auf Spiegel online- oder im Printmedium, das ist egal- auf Fehler prüfen müsste, würde es verdammt dünn werden, einen ohne massive Fehler zu finden. Und je boulevardresker die Themen sind, umso schlimmer wird es.

Für gute Arbeit bzw. ein gutes Angebot wird Geld gezahlt. Schlechte Angebote aber verschwinden nunmal.

Übrigens kaufe ich durchweg Fairtradekaffee, der, jenseits des sozialen Aspektes, schlicht besser schmeckt, als die 08/15 Sorten.

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Krakz 07.12.2012, 11:53
165. Es wird weniger werden

In dem Artikel stimmt vieles nicht, reichlich absurd ist ua der Hinweis auf Google-News. Grundsätzlich wird es weniger verschiedene Inhalte geben, zwangsläufig. Nur ein Beispiel: Wenn ein Film im Herbst im Hollywood Reporter, in Variety und der New York Times vorgestellt wird, wer freut sich da auf die Besprechung im Sommer auf spiegel.de oder im Lübecker Tageblatt?

Diejenigen die sich nicht besonders für Filme interessieren oder denen Englisch zu nervig ist. Das gilt nicht für alle Themen, aber für verdammt viele und ist für viele Schreiber, die ein Thema zum 100sten Mal geschrieben haben, auf Dauer tödlich.

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eine-Meinung-unter-Vielen 07.12.2012, 11:54
166. Sie sagen es ...

Zitat von george176
Journalismus ist Arbeit. Und Arbeit sollte dazu dienen, dass derjenige, der sie verrichtet, davon leben kann.
Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Guter Journalismus kostet Zeit und Engagement, das wiederum kostet Geld, das ich gerne bereit bin zu bezahlen. Das macht den Inhalt der Nachrichten aus.

Zitat von george176
Sicher machen gerade die Tageszeitungen einige Fehler. Der Wechsel von Papier auf Internet scheint einige vor riesige Probleme zu stellen und wird nur halbherzig unternommen.
Hier liegt wahrscheinlich der Hase im Pfeffer. Es geht eigentlich um die "Verpackung" der Nachrichten, die IMHO unflexibel gehandhabt wird und das seit Jahren. Die "riesigen Probleme vom Papier auf Digital umzustellen" kenne ich zwar nicht, aber ich vermute, sie sind nicht unüberwindbar, wenn man das vernünftig anpackt - branchenübergreifend. Mit den digitalen Musikmedien scheint ja auch langsam ein Durchbruch geschafft worden zu sein.

Ich glaube, dass die Leser, die guten Journalismus wünschen, verstehen und akzeptieren, dass dies nicht gratis sein kann und bereit sind, dafür auch zu bezahlen.

Die Verpackung - und das ist die Aufgabe der Verlage - muß auch stimmen und zeitgemäß präsentiert werden. Das sollte den Marketing-Abteilungen der Verlage zumindest nicht ganz fremd sein.

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sachmawas 07.12.2012, 11:54
167. Ganz dünn ...

"Google News hat noch keinen Minister gestürzt"
Was ist denn das für ein schräger Vergleich? Google-News ist ein News-Aggregator und kein journalistisches Produkt. Hat also gar nicht den Anspruch "Minister zu stürzen". Es ist schon beschämend, so etwas hier zu lesen!

Ich schließe mich den vielen vielen anderen Stimmen an, die sich in den Foren zu diesem Thema tummeln: Die Journalisten müssen ein gutes Produkt liefern, was die Leser überzeugt. Nicht die Leser müssen ein Vorleistung erbringen...

Und wenn es nach Fair Write ginge, dann müssten viele großen Medienhäuser boykottiert werden, da diese Ihren Mitarbeiter, Freien und Volontären einfach nur frech niedrige Löhne zahlen.

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beobachter999 07.12.2012, 11:55
168. Das Gejammere

Zitat von sysop
Die letzte Ausgabe der "Financial Times Deutschland" ist nicht nur für Verleger ein Warnsignal. Leser müssen sich klar machen, wie ihre Nachrichten entstehen - und entscheiden, was sie ihnen wert sind.
geht mir auf die Nerven und das Gerede vom Qualitätsjournalismus auch.

Ich entschuldige mich gerne bei ihnen das ich kein Geld dafür habe 10 Zeitungen täglich zu kaufen, sorry, bin einfach zu faul mehr dafür zu arbeiten.

Aber ich lese gerne in bis zu 10 verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften online. Und wenn die Werbung dort normal ist schalte ich auch keinen Werbeblocker ein. Aber wenn der Text von Geflimmer umgeben ist und ständig beim Scrollen an der Seite ne Hupfdohle mitscrollt, dann war es das.

Machen sie doch mal ein funktionierendes Micropaymentsystem und nicht 1 Euro pro Artikel!

Dann reden wir weiter.

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caecilia_metella 07.12.2012, 11:56
169. Qualität ist der Retter,

das denke ich ebenso wie Sie.

Die aktuellen Probleme sind nicht nur die von Journalisten, es geht doch vielen Bereichen so. Es ist ja auch nicht sinnvoll, sich so viel Arbeit wie möglich zu machen und dabei nicht mehr darauf zu achten, ob das, was man da tut, denn noch einen Sinn hat. Wenn ein Geschäft schon 400 unterschiedliche Stühle mit 4 Beinen anbietet, ist es keine sensationelle Idee, jetzt noch 400 Stühle mit 5, 6 oder 7 Beinen anzubieten in der Hoffnung, die die werden auch noch gekauft.
Früher beseitigten die Herren der Schöpfung derartige Müllberge durch Vernichtung, wir wissen es noch ...
Heute geht das nicht mehr so einfach, und dabei spielen Medien natürlich auch eine Rolle.

Dass einige Angebote verschwinden, ist doch eigentlich gut, eben weil zu viel angeboten wird. Wer wirbt für Dinge, die im Grunde keiner haben will? Die da wären: Krieg, Waffen, Prostitution, Isolierung von Menschengruppen ...

Soweit einige grundsätzliche Gedanken. Wie Sie das Geld retten, das wird Ihnen wohl noch selbst einfallen, weil Geld doch das ist, wofür die meisten Menschen arbeiten.

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