Forum: Wissenschaft
Arzt-Patient-Kommunikation: Liebe Leserin, lieber Leser,
Peter Haygarth/ Wildlife Photographer of the Year

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zwieback1 21.09.2019, 10:54
1. Ansprüche auch bitte mal runterfahren

Meine PatientInnen erfahren mich im Kassenärztlichen Notdienst, den ich für viele KollegInnen aufgrund deren Überlastung und des hier besonders dramatischen ÄrztInnenmangels durchführe und auch im Rettungsdienst als freundlich und auch zugewandt. Aber alles jedem erklären geht schon aufgrund des oft sehr niedrigen Kenntnisstandes nicht. Wenn in der australischen Studie 57% angeben, ihr Krankheitsbild nicht vollständig verstanden zu haben liegt das unter anderem auch daran, dass sie eben kein Medizinstudium mit anschließenden Weiterbildungen absolviert haben. Das geht mir nicht anders, wenn mir fachärztliche KollegInnen versuchten, innerhalb von 30 Minuten ein hochkomplexes Krankheitsbild aus der Immunologie zu erklären, weil das nunmal nicht mein Metier ist. Und ich bin sicher, dass diese PatientInnen Fachkenntnisse haben, die sich mir auch nicht mal schnell erklären könnten, zum Beispiel aus der Computerei.
Ich bemühe mich, mich verständlich auszudrucken, aber das geht halt nur bis zu einem bestimmten Level, was nicht nur an den unterschiedlich gestreuten kognitiven Fähigkeiten.
Das tritt in meinen Augen auch gerade in der australischen Befragung zu Tage: "Fracture" ist im englischen Sprachraum deutlich geläufiger als Fraktur im Deutschen. "bone breakage" ist nicht gerade häufig, auch nicht umgangssprachlich. Und trotzdem stoße ich oft auf ausgesprochen gut informierte PatientInnen, die sich mittels Internet genauso weitergebildet haben, wie ich selbst es bezüglich der Krankheiten meins Rechners versuche.
Unsere (nicht nur zeitlichen) Ressourcen sind leider begrenzt und irgendwann muss ich auch einen Punkt machen. Das hat nichts mit Arroganz zu tun, sondern kommt dann den anderen Kranken zugute.

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spon_8351230 21.09.2019, 11:07
2. Der mündige Patient bzw. die mündigen Patienten-Eltern

"Deshalb: Haben Sie als Patient keine Angst, immer wieder nachzufragen, bis Sie wirklich verstanden haben, was Ihr Arzt Ihnen sagen will." -> Wir waren mal mit unserer kleinen Tochter, die einen sehr schweren Herzfehler hat, in der Reha, und es gab einen Vortrag von einer durchaus engagierten Ärztin zum Thema "Mündige Patienten-Eltern". Wir wurden dazu aufgefordert, in jedem Arzt-Gespräch nachzufragen, bis wir alles verstanden hätten. Nicht nur die Fachbegriffe, sondern natürlich auch die notwendigen Maßnahmen. Zwei Tage später wurde unserer Tochter (nach dem ersten) ein erneutes Dauer-EKG verordnet. Im Gespräch fragten wir bei derselben Ärztin nach dem Grund, ob etwas nicht in Ordnung gewesen sei. Antwort:" Warum fragen sie das jetzt, sind Sie skeptisch, vertrauen Sie mir etwa nicht?" Nach meinem Hinweis auf das Credo ihres eigenen Vortrags war ihr ihre Antwort mehr als peinlich und sie entschuldigte sich. Die nochmalige Recherche ergab übrigens, dass ein anderes Kind das erneute EKG brauchte, nicht unsere Tochter - bei der war soweit alles ok gewesen. Im Endeffekt nicht schlimm, aber es hätte auch eine Verwechslung mit gravierenderen Auswirkungen gewesen sein können. Wie man sieht: So einfach ist das mit dem Nachfragen nicht immer, nicht einmal bei Ärzten, die sich das explizit auf die Fahne schreiben...

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sgrettche 21.09.2019, 11:16
3. Arzt-Patient-Kommunikation

Bei aller Liebe, durch den Biologieunterricht in (je)der Schule und die heutigen Print- und Digital-Medien sollte ein gewisses Grundwissen vorhanden sein. In Zeitschriften und TV-Programmen finden sich zahlreiche Beiträge zur Gesundheit. Ich muss mich allerdings auch dafür (für mich und meinen Körper) interessieren. Bei der genannten Studie hätte der Bildungsgrad mit abgefragt werden sollen. Und 300 Probanden sind m.E. nicht aussagekräftig.

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wenger.weine 21.09.2019, 12:51
4. Erklären, wenn Hopfen&Malz verloren sind?

Bin berentete Ärztin. In der Psychiatrie gearbeitet. Habe es gut wie immer verstanden, meinen Patienten zu erklären, was Sache ist. habe es auch von meiner Mutter (Landärztin) gelernt, "dem Volk aufs Maul zu schauen". Unabdingbar, wenn man an der "Basis" arbeitet.
Aber manchmal sind wirklich Hopfen&Malz verloren. Da kann man sich den Mund fusselig reden.
Wäre schön, wenn es in der Schule ein entsprechendes Fach gäbe (zB. Gesundheit&Ernährung, oder wie man es nennen möchte) um ein Elementarwissen zu vermitteln.

Eine Nachbarin nervt mich, weil Sie mir (mit einem geschätzten) BMI von 40 (!) und strake Raucherin, immer vorjammert, dass die Ärzte nichts taugen, der Diabetes sei schlecht einstellbar, der Blutdruck eh, die Knie ruiniert, bekäme kaum Luft Ekzeme in sämtlichen Körperfalten, so viele Tabletten, sie nehme nur die Hälfte, wolle ihrer Gesundheit ja nicht schaden.etc. Mein Hinweis auf Zusammenhang Gewicht/Beschwerden/lTabalreduktion/längere Kur wird mit Unverständnis/ärger/Drüsen/schwere Knochen, etc. quittiert...

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Frida_Gold 21.09.2019, 12:57
5.

Zitat von sgrettche
Bei aller Liebe, durch den Biologieunterricht in (je)der Schule und die heutigen Print- und Digital-Medien sollte ein gewisses Grundwissen vorhanden sein. In Zeitschriften und TV-Programmen finden sich zahlreiche Beiträge zur Gesundheit. Ich muss mich allerdings auch dafür (für mich und meinen Körper) interessieren. Bei der genannten Studie hätte der Bildungsgrad mit abgefragt werden sollen. Und 300 Probanden sind m.E. nicht aussagekräftig.
Meinen Sie den Biologieunterricht, der so oft ausfällt und zunehmend fachfremd von Quereinsteigern unterrichtet wird ...?
Bei mir war das noch anders. Und trotzdem hatten wir sehr wenig über Bänder, Muskeln und Sehnen. Beziehungweise wohl fast nichts, denn ich erinnere mich nur noch an Skelett und Verdauung, ansonsten in der Oberstufe noch viel Biochemie, Evolution etc.
Und auch nicht gebildete Menschen haben ein Recht darauf zu verstehen, gegen was sie behanelt werden.

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Freidenker10 21.09.2019, 13:09
6.

Naja genau diese Sprache hebt die Halbgötter in weiß ja gerade vom Fußvolk ab. Wenn man merkt das der Arzt gegenüber auch nur ne normale Socke ist und oft genug selber keine Ahnung hat wieso sollte man ihn/sie dann noch bewundern und respektieren?

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Peer Pfeffer 21.09.2019, 13:42
7. Mündiger Patient

So sehr das Googlen von Krankheitssymptomen einen zum Hypochonder machen kann, so sehr hilft das Googlen von Wörtern in Arztbriefen und Befunden, die Sprache und sein gesundheitl. Problem zu verstehen. Allerdings ist meine Erfahrung, dass viele Ärzte keine informierten Patienten mögen.

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aliof 21.09.2019, 13:52
8. Hopfen und Malz verloren,

Zitat von wenger.weine
Bin berentete Ärztin. In der Psychiatrie gearbeitet. Habe es gut wie immer verstanden, meinen Patienten zu erklären, was Sache ist. habe es auch von meiner Mutter (Landärztin) gelernt, "dem Volk aufs Maul zu schauen". Unabdingbar, wenn man an der "Basis" arbeitet. Aber manchmal sind wirklich Hopfen&Malz verloren. Da kann man sich den Mund fusselig reden. ... ...
.. gutes Stichwort! ::
:: Die Autorin meint also, wenn ich das mal mit einer Reparatur meines Autos vergleiche,

.. daß mir erstens ein-e studierte-r Werkstattfachmann-frau hinterher , wenn die Kiste wieder läuft, noch haarklein erklären müsste, welche Radaufhängung, welches Schmiermittel, welches Werkzeug, Draht, Kleber, Kabel warum und wann und wohin verlegt wurde.?. .. und zwar so lange und ausführlich, bis ich es verstehe .. ?

(.. erinnert mich an kleine Kinder, wenn sie die Wirkung des Wortes ‚warum‘ auf Erwachsene gelernt haben)
____

Auch wenn ich mich überhaupt nie dafür interessiert habe, grad mal Benzin und Wasser reingekippt hatte, und die Karosserie gepflegt.?.
Nie und Nimmer, bei keiner Dienstleistung kriegen Sie so etwas!
Warum wollen, oder verlangen Sie das dann gerade Ärzten,
.. auch noch gratis, zusätzlich zur fachlichen Arbeit.?.
____

Und wie sollte das überhaupt gehen, daß jemand Anderer (hier Automechaniker, bzw. Arzt) dafür verantwortlich sein sollte, daß der Kunde seinen Körper bzw. sein Auto besser versteht ??

Sorry, werte Autorin, Sie konterkarieren sich und Ihr jahrelanges Studium selbst, wenn Sie annehmen, dieselben Inhalte einem Laien mal eben so in Ihrer Sprechstunde klarmachen zu können.

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Peer Pfeffer 21.09.2019, 14:23
9. Basics

Wäre schon viel gewonnen, wenn Ärzte im Patientengespräch grundlegende Begriffe wie zb lateral/dorsal einfach in normalem Deutsch präsentiere würden, dann wüsste auch meine nicht des Googlens fähige 90jährige Mutter, was gemeint ist.

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