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Erziehung: Lasst eure Kinder frei!
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Die Hälfte der deutschen Kinder ist noch nie auf einen Baum geklettert, und der "Economist" fordert kürzere Sommerferien. Da gibt es einen Zusammenhang.

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dröhnbüdel 19.08.2018, 15:06
110. Never Ending Summer

Wenn ich mir die Ödnis einer heutigen Kindheit anschaue, erscheinen meine Kindertage mir wie ein Paradies. Wir hatten keine Smartphones, keine Musikanlagen, keine PCs, nur ein sehr karges Taschengeld, wir mussten über eine halbe Stunde lang zu Fuß zur Schule gehen, aber die reale Welt stand uns weit offen. Die langen Sommertage wollten überhaupt nicht mehr aufhören. Wir saßen auf Bäumen und beobachteten vor dort die Rehe auf den Feldern, wir haben Kirschen und Äpfel geklaut, nach Gewitterregen haben wir auf den unbefestigten Feldwegen in unserem Dorf riesige Wasserbau-Kunstwerke errichtet und kamen abends von Kopf bis Fuß verdreckt nach Hause. Es gab keinen Ärger, weil unsere Eltern solche Spiele noch normal fanden. Und heute? Viele Kindertage sind minutengenau getaktet, überdies stellt die Schule viel höhere Anforderungen als früher. Diese Kinder stecken in von Erwachsenen geschneiderten Zwangsjacken. Wie sollen sie als Erwachsene dann ihre Arbeits- und Freizeit sinnvoll und kreativ gestalten können? Wo ihnen doch das schon in der Kindheit ausgetrieben wurde? Heute möchte ich kein Kind mehr sein, jedenfalls nicht unter solchen Bedingnungen.

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Supra Renin 19.08.2018, 15:16
111. Klettergerüst

Klettern dürfen sie auf dem Spielplatz. Aber nur, wenn Mama oder Papa hinterherklettern. Oben auf dem Kletternetz muss mein Kleiner sich dann den Weg zur Rutsche durch Erwachsene Bahnen.

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vwl_marlene 19.08.2018, 15:43
112. Ursachen

Zitat von Frida_Gold
Eine weitaus wahrscheinlichere Erklärung ist für mich, dass wir jetzt seit sehr vielen Jahrzehnten Frieden im Land haben und die Zahl an traumatisierten Soldaten, die ihre Frauen und Kinder misshandeln, gegen Null geht.
Das trifft fuer Europa sicher zusaetzlich zu! Und tatsaechlich sind Gewalterfahrungen in der Kindheit statistisch mit einer hoeheren Gewaltbereitschaft als Erwachsene verbunden. Guter Grund, seine Kinder nicht zu schlagen!
Die in der gesamten Welt rueckgehende Quote von schweren Straftaten ist zeitlich dennoch (auch) eng mit dem Verbot von verbleitem Benzin assoziiert.

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pethof 19.08.2018, 15:51
113. Allseitiges Umsorgtsein

Vor einiger Zeit habe ich begonnen, die Streiche und Erlebnisse meiner Kindheit und Jugend zusammenzuschreiben. Meine Enkel drängten mich Jahr für Jahr in den Ferien an der Ostsee: „Opa erzähl uns was!“ Mühsam kramte ich in meinem Gedächtnis, um schon längst verschüttete Erinnerungen ans Tageslicht zu fördern: Klettern auf hohe Bäume und Felsen, Hantieren mit scharfer Weltkriegsmunition, selbstgebaute Sprengkörper, Erforschung von Höhlen und alten Bergwerken, Äpfel klauen, Nachbarn einen Streich spielen… Alles Dinge, bei denen den heutigen Helikoptereltern der Atem stillstehen würde. Meinen eigenen Eltern wahrscheinlich auch, aber von alldem haben sie kaum etwas mitgekriegt. Wir waren damals selbst- und eigenständig. Mit fünf Jahre fuhr ich allein mit dem Zug in die Kreisstadt, um für meine Mutter Medikamente aus der Apotheke zu holen. Als meine jetzt 16-jährige Enkelin meine schriftstellerische Ergüsse gelesen hatte, rief sie ganz verzweifelt: „Opa, was Du als Kind alles erlebt hast!! Ich bin schon 16 und erlebt habe ich noch nichts, gar nichts!!“ Das übertriebene Behüten macht die Kindheit und Jugend offensichtlich langweilig und öde. Die meisten Eltern werden das nicht wahrhaben wollen, aber es ist so. Meine Enkelin hat es auf den Punkt gebracht.

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zylinderkopf 19.08.2018, 16:02
114. Ursache?

Haben die Foristen hier einmal eigentlich schon nach der Ursache gefragt? Ich sehe den im gesellschaftlichen Wandel in den 70ern zeitgleich mit der 68er Bewegung und der sozial-liberalen Koalition unter Brandt. Unter dem Motto „mehr Demokratie wagen“ wurde klammheimlich in guter alter sozialistischer Lehrtradition die Selbstverantwortung des Individuums beschränkt und gleichzeitig die überall und immer mehr zur Verfügung stehenden Begleitung, Überwachung und Hilfe des Staats gefördert. Daraus entstehen dann gesellschaftliche Entwicklungen wie heute, die keinerlei eigene Entwicklung und Selbstverantwortung mehr vorgeben, sondern alles und jedes auf einen diffusen unbekannten Dritten verschieben. Klettern Kinder heute auf einen Baum, werden diese bzw. die Eltern sofort von BUND und Konsorten wegen Umweltfrevel verklagt; verletzt sich ein Kind auf dem Spielplatz, wird die Kommune wegen fehlender Verkehrssicherungspflicht verklagt. Und das Schlimme ist – man gibt den Klagen recht. Daraus entstehen dann unselbständige und gesellschaftlich „asoziale“ Individuen, die mit 20 nicht mal alleine Bahn fahren können und Elternabende in der Uni brauchen (ich hätte mich in Grund und Boden geschämt bei sowas). Wir haben einen Anschiss oder auch mehr gekriegt; und wussten auch warum - nämlich weil wir etwas verbotenes getan haben bzw. nicht aufgepasst haben und somit den Eltern ungeplanten Mehraufwand produziert haben. Ich frage mich allen Ernstes, wie solche Weichspüler den zukünftigen Anforderungen eines selbständigen Erwachsenenlebens mit all seinen Verantwortungen gerecht werden wollen.

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mens 19.08.2018, 16:03
115. streetwise

Wer als Kind nicht dafür gesorgt hat, dass die lokale Zoohandlung von Anwohnern und Eltern gebeten wurde an einer gewisse Grundschüler-Bande keine Vogelsitzstangen mehr zu verkaufen hat was verpasst. Was hatten wir für einen Spaß mit unseren Blasrohren! Und ständig der Geschmack der Trockenerbsen im Mund. Ob uns der Quatsch beim Trödeln auf dem Schulweg ohne Mama und Papa eingefallen ist? Vermutlich. Dem Lebensweg hat’s nicht geschadet.

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fräulein_w_aus_d 19.08.2018, 16:11
116. Je weniger desto Sorge

Es ist doch ganz einfach: Je weniger Kinder, desto größer die Sorge um sie - that's it. Alle Eltern mit mehr als einem Kind wissen, wie sich die Sorge mit den später geborenen abmildert. Außerdem hat man bei mehreren Kindern einfach nicht mehr die Zeit, sich um alles zu kümmern. Und je mehr Kinder es im Verhältnis zu Erwachsenen gibt, desto mehr Räume erobern sie sich.

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ulrich.schlagwein 19.08.2018, 16:13
117. Nachdenken

Was wuerde geschehen? Kinder als "junge Erwachsene" zu behandeln, mit ueberschaubaren Freiheiten und viel eigener Verantwortung, anstatt die kleinen Prinzen und Prinzessinnen wie Trophaen in Watte einzupacken, zu chauffieren und ihnen jegliche Verantwortung abzunehmen, bzw. immer "andere" als Schuldige zu finden, wenn eine Beule entstanden ist. Oder liegt das am gesellschaftlichen Stress, jedes freund- und nachbarlich geforderte V rhalten und Unterfangen mitzumachen?

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willi_der_letzte 19.08.2018, 16:14
118.

"Das alles durften wir, obwohl die Welt für Kinder damals viel gefährlicher war als heute. In den Siebzigern gab es noch 16 bis 18 Sexualmorde an Kindern pro Jahr, heute sind es zwei bis vier. 1980, als ich zu Fuß zur Schule und nach Hause ging, starben 1159 Kinder unter 15 im Straßenverkehr. 2016 waren es 66."

Das wird die: nie-war-es-so-schrecklich-wie-heute Fraktion nie begreifen. Meine Kinder gehen seit der ersten Klasse alleine zur Schule und nach Hause. Das sorgt für viel Unverständnis und Kritik von manchen Eltern. Die bringen ihren Nachwus auch in der 5ten Klasse noch bis zur Klassentür. Entsprechend "selbständig" sind die auch.

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Streifenzottel 19.08.2018, 16:15
119. Stimmt, es ist ein no Go.

Zitat von karlo1952
Mittlerweile selbst Großvater, sehe ich wie meine knapp einjährige Enkelin aufwächst, was sicher noch nicht diesem Trend entspricht. Aber als ich meiner Tochter erzählte, dass wir, ihre Eltern, als sie 2- 3 Jahre alte war, abends mal öfter eine Stunde auf ein Bier weggegangen sind oder spazieren gingen, als sie und ihre Schwester schliefen, war sie entsetzt, dass wir so fahrlässig handeln könnten. Da halfen auch keine Argumente mehr, dass sie immer tief geschlafen haben und zuverlässig die ganze Nacht durchgeschlafen haben. Es war für sie uns ihren Mann ein absolutes No-Go. So sind eben die jungen Eltern heute. Ich hoffe nur, dass meine Enkelin später mal auf einen Baum klettern darf.
Kleine Kinder wachen schneller auf als Sie "Hast du Bauchweh?" sagen können. Meine Nichte hat im Alter von 3 Jahren ihren Koffer gepackt und sich auf den Weg zu den Großeltern gemacht. Als die Polizei sie mitten in der Nacht aufgriff, sagte sie, sie hätte die Nase voll davon, nachts alleine zu sein. Die Eltern waren auch nur "mal eben schnell ein Bier trinken".

Bei meinen eigenen Kindern habe ich gelernt, dass die Kids selbstständig ihren Radius erweitern. Je älter sie werden, je mehr sie sich zutrauen, je sicherer sie sich im Straßenverkehr bewegen, desto weiter entfernen sie sich vom Haus.
Etwas erschrocken war ich, als mein 8-Jähriger nach Hause kam und erzählte, dass er 7 Kilometer in die Stadt und wieder zurück geradelt war. Aber er war mit Freunden zusammen dort, die den Weg schon öfter zurückgelegt hatten. Wahrscheinlich hat er an dem Nachmittag mehr von seinen Freunden gelernt als von mir.
Wenn Mama vorneweg fährt, verlässt man sich darauf, dass sie schon weiß, was sie tut, und fährt ihr blindlings nach.
Unterwegs mit Gleichaltrigen trägt man selber Verantwortung und achtet eher auf den Verkehr, auf Ampeln, Fußgänger, Seitenstraßen ... und man muss sich die Strecke einprägen, um nicht verloren zu gehen.
Hätte er vor seinem Abenteuer angerufen, ich hätte nein gesagt. Wie gut, dass es noch keine Handys gab.

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