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Forscher über Gentechnik-Urteil: "Als würde man Schrotflinten erlauben, aber Skalpell
DPA

Der Europäische Gerichtshof hat Pflanzen als Genfood eingestuft, die Züchtungen gleichen. Hier erklärt der deutsche Biochemiker Holger Puchta, warum das ein Fehler war.

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noalk 26.07.2018, 16:56
1. Der EuGH hat weder verboten noch erlaubt

"Das Urteil klingt so, als wenn die Richter eine Schrotflinte erlauben, aber ein Skalpell verbieten wollen." - - - Der EuGH, die Judikative, hat festgestellt, dass das derzeitige Recht, gemacht von der Legislative, auf den Sachverhalt angewendet werden muss und dieses Urteil bedingt. Eine gegenteilige Entscheidung wäre dann wohl einer Rechtsbeugung gleichgekommen. Nicht der EuGH ist hier zu kritisieren, sondern die Legislative, im Prinzip also die Politik. So funktioniert nun mal die Rechtsstaatlichkeit.

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drehtuere 26.07.2018, 16:57
2. Die Rechtsprechung ist nicht das Problem

Es ist nicht das Problem des Gerichts, wenn die politische Debatte seit Jahren forschungsfeindlich geführt wurde. Selbstverständlich sind "klassische" Züchtungsmethoden - Pflanzen mit Radioaktivität zu bestrahlen oder mit Chemikalien zu malträtieren - am Ende gefährlicher als der gezielte Einsatz con Cripr/Cas. Aber es ist nicht Aufgabe des EuGH das aufzulösen, sondern es wäre seit Jahren Aufgabe der Politik gewesen. Wenn nun alle im Handel sich befindlichen Lebensmitteln als "kann GVO enthalten" gekennzeichnet werden müssen, schlicht weil analytisch das nicht anders nachgewiesen werden kann, dann hat die Anti-Gentechniklobby ihr Ziel erfolgreich verfehlt.
Zur juristischen Aufarbeitung sei im Übrigen der Kommentar von Felix Beck empfohlen: https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/eugh-c-528-16-genschere-crispr-mutagenese-freistzungsrichtlinie/

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strixaluco 26.07.2018, 17:04
3. Schnell und billig und zum Geldverdienen...

... Das sagt leider sehr viel darüber aus, wofür diese Technik wirklich so begehrt ist. Ich will nicht sagen, dass man damit nicht auch viel Sinnvolles tun kann - aber bei einem so mächtigen Werkzeug ist Kontrolle angesagt.
Es stimmt nicht, das CRISPR/CAS quasi nur Dinge macht, die natürlicherweise auch passieren. Man kann damit alles Mögliche einschleusen. Sonst wäre die Technik überhaupt nicht interessant. Natürliche Evolution hat Pfade, die durch die genetische Grundausstattung einer Art beschränkt sind, es gibt quasi Berge und Schlichten, die nicht einfach überschritten werden können. Mit dieser Methode kann man sie einfach überspringen oder wegsperren - und weil jede Art in der Natur bis zu tausende ökologische Interaktionspartner haben kann, sind die Konsequenzen bei allem, was in der Natur freigesetzt wird, sehr schwer absehbar. Eingeführte Tiere, Pflanzen und Pilze von anderen Kontinenten, die auch eine lokal untypische Genausstattung haben, richten oft schon genug Schaden an!
In der Landwirtschaft geht die Gentechnik ausserdem am Problem vorbei. Hier in Europa haben wir sinnlose, naturzerstörende Überproduktion, die zu einem ruinösen Preisverfall geführt hat.
In Entwicklungsländern sind die Hauptprobleme der Landwirtschaft politische Konflikte, wirtschaftliche Strukturen (schlechtes, zu kleinstückuges Land für Arme, riesige, fruchtbare Ackerflächen gekapert von Grossexporteuren von Tierfutter, Palmöl, Bananen, Kaffee, Kakao etc., deren Produktion und Gewinn in Industrieländer geht) und Bildunfsmängel (Anbautechnik, standortgerechte Sortenwahl, Grundlagen von Tierhaltung-und Zucht). An widrige Bedingungen angepasste Kulturpflanzen gibt es eigentlich reichlich, man muss eben wissen, was man wo wie am besten anbauen kann.
Armen Leuten "Superpflanzen" verkaufen zu wollen ist naiv und kontraproduktiv. Die Leute brauchen etwas, dass sie einfach selbst weiter ziehen können, keine Industrieprodukte und keine Bevormundung.

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aliof 26.07.2018, 17:05
4. Genau !

Das Urteil ist ja kein Verbot (.. wie Sie Ihre 2. Frage einleiten..)

Nähers wird der gesellschaftliche Diskurs der kommenden Jahre ergeben, und gesetzliche Präzisierungen. - Nutzen wir die kleine Bremse , zum Nach- und Vordenken !!!

Denn die anstehenden Umwälzungen werden das , was wir mit dem Internet erleben , noch in den Schatten stellen. Von witzigem Konsum über hilfreiche Entwicklungen bis hin zu sehr gefährlichen Anwendungen.
Leider gibt es das so nirgendwo sonst auf der Welt . Ganz im Gegenteil .

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DrStrang3love 26.07.2018, 17:09
5.

Das Urteil des EuGH ist eine Katastrophe, weil es nicht auf Fakten basiert, sondern auf gefühlten Wahrheiten, die einer kritischen Betrachtung keine Sekunde lang standhalten.

Die Gentechnikkritiker haben die Richter und die Verbraucher mit panikmachenden Halbwahrheiten geblendet, die uns weismachen wollen, dass die mit gezielten gentechnischen Verfahren erzeugten Pflanzen in irgendeiner Form unsicherer sind, als die auf herkömmliche Weise – nämlich mittels Radioaktivität und krebserregender Chemikalien – zur wahllosen Mutation gebrachten "gezüchteten" Sorten.

Das Postfaktische hat wieder einmal gewonnen.

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muellerthomas 26.07.2018, 17:17
6.

Zitat von strixaluco
Natürliche Evolution hat Pfade, die durch die genetische Grundausstattung einer Art beschränkt sind,
Aber "unnatürliche" Evolution in Form von Züchtungen ist doch nicht verboten, ganz im Gegenteil. Und selbst die Erhöhung von Mutationsraten über Chemie oder Radioaktivität ist erlaubt und muss auch nicht gekennzeichnet werden.

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kritischerdenker2 26.07.2018, 17:20
7.

Die Wissenschaft hat überhaupt keine Ahnung zu was sie da tun. Sie GLAUBEN sie würden Teile der Baupläne in andere Zellen kopieren, aber sie verstehen nicht wie diese Baupläne wirklich funktionieren. Nur weil man A C G T unterscheiden kann bedeutet das nicht das wirklich erklärbar ist wie diese Bauplan funktionieren. Man könnte also auch Laien verschiedene Baupläne für Wolkenkratzer in die Hand drücken und die machen daraus mit einem Fotokopierer ein neues Gebäude.

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aliof 26.07.2018, 17:26
8. was mir im Artikel fehlt

.. welche persönlichen Interessen Ihr Interviewpartner (geschäftsführender Direktor des Botanischen Instituts am Karlsruhe Institute of Technology (KIT)) hat, bzw. welcher Klientel er verpflichtet ist. - Kurz angedeutet wird , daß die neuen Methoden schnell, billig, innovativ und gut für kleine Saatgutfirmen und junge Startups geeignet seien. - Das sollte ggf. ausgeführt werden.
Und damit könnte dem Eindruck eines bestehenden Interessenkonfliktes begegnet werden.

Im Großen (Industrien , Staaten) wäre eine Klärung dieser Frage noch viel interessanter.

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syracusa 26.07.2018, 17:44
9. Weiter so, EuGH!

Es ist keine Aufgabe des Gerichts, neue Klassifizierungen einzuführen. Das ist Sache der Politik. Das Gericht hat weder verboten noch erlaubt, sondern hat im Rahmen der bestehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen Transparenz für die Verbraucher geschaffen. Wenn die Agrarlobby eine Unterscheidung zwischen den verschiedenen Arten der Genmanipulation für sinnvoll hält, kann sie ja versuchen, diese durchzusetzen.

Der EuGH hat im Interesse der Verbraucher entschieden! Dass das einigen Lobbyisten nicht gefällt, liegt in der Natur der Sache. Weiter so, EuGH!

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