Forum: Wissenschaft
Gefühlte Wahrheiten beim BKA: Wer Angst hat, hat recht
DPA

BKA-Präsident Münch hat diese Woche etwas Bemerkenswertes gesagt: "Gefühle sind Fakten." Leider haben gefühlte Wahrheiten bei deutschen Sicherheitsbehörden Tradition.

Seite 1 von 8
hofra 25.11.2018, 15:46
1. Missverständnis?

Diese Äußerung von Hrn. Münch klingt tatsächlich befremdlich aber sie passt auch überhaupt nicht zu ihm und so könnte ich mir vorstellen, dass er hier missverstanden wird bzw. sich unglücklich ausgedrückt hat.
Hr. Münch hat in seiner Zeit als Bremer Polizeichef bewiesen, dass er kein Scharfmacher und im Gegensatz zu Maassen auf dem rechten Auge auch nicht blind ist. So hat er sich z.B. maßgeblich für die Aufarbeitung der Beteiligung Bremer Polizeibataillone an Judenerschiessungen eingesetzt.
Er ist hier auch nie durch populistische Äußerungen aufgefallen, sondern im Gegenteil immer sehr ausgewogen aufgetreten. Ich war seinerzeit überrascht, dass ein solch differenzierter Mann BKA- Chef wird. Ich hoffe, bei dieser Einschätzung bleiben zu können.

Beitrag melden
schniffel 25.11.2018, 16:08
2. Was soll das denn jetzt?

Habe gerade erst einmal heftig im Netz gesucht, um die Aussage im Gesamtkontext zu lesen. Ist mir leider nicht gelungen. Schade! So kann ich die Aussage des BKA Chefs nicht einordnen und das wird durch diesen Artikel ja nicht gerade leichter. "Ja, er hat schon recht, ABER...." was soll das? Jeder der sich mit Kriminologie auseinandersetzt, der weiß wie schwierig die Subjektivität von Menschen zu beherrschen ist. Und damit müssen sich die Ermittler beschäftigen, Jeder Zeuge ist subjektiv, die Bewertung von Tatsachen ist subjektiv und vieles mehr. Und wenn nun das BKA auch erkennt, dass das Sicherheitsgefühl von Menschen wichtig ist und anzuerkennen, dass man als Strafverfolgungsbehörde damit umgehen muss, dann ist das wichtig auch für die Akzeptanz einer Behörde. In dem Kontext nun die Idiotien eines Herrn Maaßen zu spielen und die alten Parolen "auf dem rechten Auge sind sie blind" gehört in ein Schmierenblatt aber nicht zu SPON

Beitrag melden
Mertrager 25.11.2018, 16:21
3. Dieser Kommentar zeigt,

... wie richtig es ist, das einmal zu sagen. Denn der Schreiber dieses Kommetars hat das Ding wirklich nicht zu Ende gedacht. Doch will ich mich jetzt gar nicht in die Tiefen der Psychologie begeben. Es gibt da noch viel vordergründige Anlässe: Es stimmt doch gar nicht, mit der sog. „hohen Sicherheit“. Hier in Brandenburg schönt man die Statistik ganz einfach: Wird die Polizei gerufen und es kann ein Versuch des Eindringens eines Einbrechers nachgewiesen werden, dieser wird aber verschreckt, bevor er deutliche Einbruchsspuren durch deutliche Sachbeschädigung hinterlässt, dann, ja jetzt kommt‘s. Dann zahlt der Bürger aufgrund eines Erlasses des Innenmisters (von BB) Euro 100,- an die Staatskasse, weil er einen Fehlalarm hatte. Auch Video-Aufnahmen, die ganz klar zeigen, dasz ein Fremder (in dem Fall vermutlich ein bekannter „Beschaffungskrimineller“) beim versuchten Eindringen in das Haus nur durch eine Störung verschreckt wurde, sind die 100,- zu zahlen, weil ja nix passiert ist. Ergebnis: Weniger („Fehlalarm-„) Einsätze, mehr Geld in der Staatskasse und weniger „gefühlte Sicherheit“, mehr Selbstjustiz, mehr Waffen usw. - Ach ja, es erfolgt natürlich KEINE Spurensicherug, denn es ist ja nix passiert. Bei uns sind Einbrüche ein großes, steigendes Problem, in der Statistik sind sie rückläufig.

Beitrag melden
ThorstenKoch 25.11.2018, 16:25
4. Gefühlte Fakten

Der Beitrag ist ebenfalls ein Beispiel für "gefühlte Fakten": Eine Äußerung des BKA-Chefs wird so lange interpretiert, bis sie einen bestimmten Sinn ergibt, und dann wird dieser zum Anlass für Kritik genommen. Tatsächlich ist die in Rede stehende Äußerung zunächst einmal schlicht und ergreifend richtig: Wenn viele Menschen eine irreale Bedrohung wahrnehmen, ist diese Wahrnehmung real, selbst wenn sie keine reale Grundlage hat. Es ist daher auch falsch, eine real existierende Fehlvorstellung zu ignorieren, nur weil sie falsch ist, denn sie kann auch zu einem Fehlverhalten führen, wenn etwa ein Nichtangreifer für einen Räuber oder Terroristen gehalten wird oder weil jemand aufgrund einer gefühlten Bedrohung durch Migranten die AfD wählt. Es ist zudem zu bezweifeln, dass derartige Fehlvorstellungen allein dadurch bekämpft werden können, dass man die Menschen mit Statistiken über reale Gefahren konfrontiert. Es nehmen immer noch jede Menge Menschen jede Woche am Lotto teil, obwohl sie statistisch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gewinnen werden.

Beitrag melden
dasfred 25.11.2018, 16:40
5. Bedenkliche Überschrift

Ich habe hier den Artikel, sowie das erste Posting zu Herrn Münch gelesen. Sehr widersprüchlich. Ich hätte allerdings von einem BKA Chef auch lieber gehört, dass gefühlte Bedrohungen in der Polizeiarbeit nichts zu suchen haben. Im Gegenteil, es sollte das Bestreben vorherrschen, falschen Gefühlen die realen Tatsachen entgegenzustellen. Täglich werden mehr Menschen durch das Netz verunsichert. Da sind verlässliche Quellen wichtiger, denn je.

Beitrag melden
kratzdistel 25.11.2018, 16:43
6. Der subjektiven Wahrnehmung wird oft mehr vertraut als der Wirklichkei

das hat er wohl gemeint, da das sind neu Erkenntnisse der neurobiologie.
angst ist ein gefühl und Gefühle können unsere Wahrnehmung
beeinflussen. sehen heißt wirklich glauben. die bilder entstehen erst über die Sehnerven des auges im Gehirn und können durch gefühle verfälscht werden. wir neigen z.b. als zeuge bei einem unfall zur ganzheitsaussage und füllen oft unbewusst lücken in unserer Wahrnehmung. den bürger interessiert auch nicht, wie niedrig die Kriminalität in seinem wohnumfeld ist, sondern mehr das verkehrswidrig abgestellte Auto seines bösen Nachbarn.
https://idw-online.de/de/news675596

Beitrag melden
hegoat 25.11.2018, 17:06
7.

Das Spiel mit der Angst ist ein alltägliches für die Polizei. Zwar verweisen die Innenminister gerne auf Kriminalitätsrückgänge, wenn es um ihre eigene Politikbilanz geht (obwohl Zusammenhänge zweifelhaft sind). Geht es aber um Steuermittel oder medienwirksame Auftritte, zieht man gerne die Angstkarte. Beispiel gefällig? Die Polizei betreibt seit Jahren Kampagnen gegen Wohnungseinbruch. Es gibt Fernsehspots, Radiospots, Poster, Flyer, Aktionswochen, etc. Durch diese Dauerbeschallung glaubt der Bürger laut einer jüngeren WDR-Umfrage, dass die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Einbruchs zu werden, bei 50% liegt. Tatsächlich liegt sie aber bei 2,50%. Die Sicherheitsindustrie wie Abus freut sich natürlich über die kostenlose Werbung. Ein Millionengeschäft.

Beitrag melden
Ein Stein! 25.11.2018, 17:06
8. Das mag in Ihrem Umfeld und Elfenbeinturm so sein!

[Zitat]
[...]
Wenn der BKA-Chef meint, dass Deutschlands Bürger sich über Gebühr fürchten, dann sollte er an seiner Kommunikation und an der der Polizeibehörden arbeiten. Meinetwegen soll er sich jede zweite Woche in eine Talkshow setzen und dort wieder und wieder erklären, dass das Leben in Deutschland nicht gefährlicher, sondern immer ungefährlicher wird. Es ist nicht Aufgabe des BKA, Fiktionen zu validieren.
[...]
[/Zitat]

Tatsächlich ist die Zahl angezeigter Straftaten vielleicht rückläufig, die erlebten (zumindest regional) nicht.
Sicherheitsdienste in Supermärkten und Krankenhäusern sprechen eine andere Sprache.
Sie sollten mal Beschäftigte mit Kundenkontakt befragen, das sind neben Polizei und Security so banale Berufe wie Verkäufer, Kassierer, Personal des ÖPNV, medizinisches Personal in Krankenhäusern, insbesondere der Notaufnahme, ...
die Liste lässt sich mit Sicherheit verlängern, Bedroffene werden um Ergänzung gebeten.
(Tätliche) Beleidigungen und sogar Sachbeschädigungen oder Kellereinbrüche werden gar nicht mehr angezeigt, der Aufwand lohnt sich nicht.
Selbst eine Verkehrsunfallflucht, bei dem so viele Spuren des Unfallfahrzeugs am Ort gefunden werden, dass bei Personenschaden ein Fahndungserfolg binnen 24 Stunden zu verzeichnen wäre, wird nach wenigen Wochen eingestellt, wenn "nur" Sachschaden zu verzeichnen ist, auch wenn es sich um mehrere Tausen Erro handelt! Man teilt Ihnen dann höflich mit, dass eine Verfolgung fortgesetzt wird, wenn SIE weitere Erkenntnisse erlangen,
Und die Anzeigen würden noch weiter zurück gehen, wenn eine solche nicht zwingend erforderlich wäre um eine Versicherung, so vorhanden, in Anspruch zu nehmen.
Aber reden Sie sich Ihre Statistiken weiter schön.
Der viel zitierte Eindruck ist ja, man solle keiner Statistik trauen, die man nicht selbst gefälscht habe.
Ich habe eine Ergänzung dazu: Traue auch keiner Statistik, die Du nicht selbst interpretiert hast.

Beitrag melden
dieter-ploetze 25.11.2018, 17:07
9. gefuehlte fakten werden zu harten fakten

gefuehlte fakten sind fuer den , der sie fuehlt, fakten und koennen in reaktion zu harten fakten mutieren.
die offizielle statistik zeigt sinkende kriminalitaet. das kann, wenn die messdaten gleich waeren,korrekt sein.
da aber die messdaten geaendert wurden, ist das ergebnis mit vorsicht zu geniessen. man kann also statistiken von heute nicht mit denen von vor 3,4 jahren vergleichen. ohne auf aenderungen jetzt einzeln einzugehen, kann man sagen, dass die kriminalitaet eben in gewissen dingen, separat fuer sich gemessen, zugenommen hat, trotzdem im ganzen moeglicherweise geringer wurde. dagegen sagt noch nicht mal mehr der kriminologe pfeiffer etwas. also koennen die gefuehlten fakten sogar mehr realitaet sein, als die
offiziellen fakten. denn diese werden, zur beruhigung (oder einschlaeferung?) der bevoekerung, gewichtet.
das heisst die rohdaten werden veraendert um plausibilitaet herzustellen. und das leider meist im sinne der auftraggeber, manchmal der regierung.
ausserdem koennen gefuehlte fakten schnell zu harten fakten werden, wenn auf die (gefuehlten) fakten reagiert wird. es ist durchaus verantwortlich darauf einzugehen, ansonsten waeren nur noch handlungen
nach statistiken vorzunehmen. von der regierung und den aemtern. waere das ein gutes ergebnis?

Beitrag melden
Seite 1 von 8
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!