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Gefühlte Wahrheiten beim BKA: Wer Angst hat, hat recht
DPA

BKA-Präsident Münch hat diese Woche etwas Bemerkenswertes gesagt: "Gefühle sind Fakten." Leider haben gefühlte Wahrheiten bei deutschen Sicherheitsbehörden Tradition.

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sigmarsoulbach 25.11.2018, 18:00
20. Die Regeln der Technik

Es gehört seit Jahrzehnten zur Gewissheit, dass man sensible Abläufe nicht ausschließlich tabellenauswertenden Steuergeräten überlässt. In Flugzeugen, Zügen und Schiffen vertraut man zur Vermeidung von Katastrophen auf eine letzte Instanz: Menschen und ihre gefühlsgelenkte Urteilskraft. Gefühle haben zum Beispiel den Piloten Sullenberger 2009 dazu veranlasst, gegen maschinelle Empfehlung eine Landung in den Hudson hinzulegen, die unzähliche Menschenleben rettete. Wenn man das Statistiken lesenden Journalisten überließe, würde vermutlich niemand mehr Reisen. Also bitte, Herr Stöcker, `runter vom hohen Ross der Tabellenkenner.

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spon-facebook-10000012354 25.11.2018, 18:01
21. Thomas-Theorem

Das Thomas-Theorem ist für das BKA durchaus relevant. Dies wird deutlich, wenn der Autor das Beispiel verwendet hätte, dass in den USA von den Professoren zur Erläuterung des Theorems verwendet wird: die berüchtigte Ermordung von Trayvon Martin im Jahr 2012. Trayvon Martin wurde in Florida von einem Koordinator für Nachbarschaftskontrollen (George Zimmerman) erschossen, weil er "verdächtig" aussah. Die Wahrheit war, dass Martin nach dem Kauf gerade aus dem nahe gelegenen Laden nach Hause kam und völlig unbewaffnet war. Zimmerman hatte bereits "erkannt", dass der 17-jährige Junge eine Bedrohung für die Nachbarschaft darstellte, und schoss auf ihn, ohne die Situation wirklich zu beurteilen, wie sie wirklich war. Er orientierte sich an seiner individuellen Wahrnehmung von Martin und nicht an der Realität. Er definierte diese Situation als bedrohlich und reagierte entsprechend, was schwerwiegende Folgen hatte.
Die These des Autors "Münchs Aufgabe besteht darin, reale Kriminalität zu bekämpfen und nicht gefühlte Bedrohungen. Wer gefühlte Bedrohungen bekämpft, betreibt Sicherheitstheater, schränkt dazu im Zweifel Bürgerrechte ein und verschwendet Steuergelder" ist also schlicht falsch, wie diese tragische Beispiel zeigt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Todesfall_Trayvon_Martin
https://psychologenie.com/the-thomas-theorem-of-sociology-explained-with-examples

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merkel123 25.11.2018, 18:04
22. Fakten:

Herr Muench ist als Praesident des BKA keineswegs der oberste Polizist der BRD. Aufgrund der foederalen Struktur der BRD ist das BKA eine der wenigen Behoerden des Bundes mit polizeilichen Aufgaben, die in der qualitativen und quantitativen Mehrzahl von den Polizeibehoerden der Laender wahrgenommen werden. Das BKA nimmt nur wenige Aufgaben in eigener Zustaendigkeit wahr, sondern ueberwiedend Querschnitts- und Serviceaufgaben fuer die Laenderbehoerden, mit denen im Rahmen der Amtshilfe auf Augenhoehe und keineswegs in einem Weisungs- oder Unterstellungsverhaeltnis zusammengearbeitet wird.
Im Uebrigen ist allgemein anerkannte Tatsache, dass die Kriminalstatistik als objektives Beurteilungskriterium fuer die objektive Sicherheitslage wenig geeignet ist, da sie lediglich die von der Polizei erfasste und als solche bewertete Kriminalitaet wiedergibt. Aus einem breiten Spektrum von Gruenden wird der Polizei nur ein Bruchteil der tatsaechlich begangenen Straftaten bekannt - je nach Deliktsfeld ist das sogenannte Dunkelfeld um ein Vielfaches groesser als das erfasste Hellfeld. Selbst bei Toetungsdelikten, bei denen man von einer vollstaendigen Erfassung aller Taten ausgehen sollte, kommen nach Auffassung renommierter Gerichtsmediziner auf einen erfassten Fall mindestens zwei nicht erkannte Delikte. Zudem fuehrt nur ein Bruchteil der von der Polizei erfassten und als geklaert verbuchten Taten auch zu einer gerichtlichen Ahndung, weil die weiteren Instanzen - Staatsanwaltschaft und Gerichte - keine Strafbarkeit feststellen.
Viele weitere Einfluesse verzerren das Bild: Setzen Grosskaufhaeuser weniger Detektive und Verkehrsunternehmen weniger Fahrkartenkontrolleure ein, wird es zu einem deutlichen Rueckgang derartiger Straftaten in der Statistik kommen - hat sich aber die Sicherheitslage veraendert? Und natuerlich gehoert auch das subjektive Sicherheitsgefuehl des Buergers zur Beurteilung der Sicherheitslage durch die zustaendigen Behoerden, weil dieses Gefuehl unter anderem die Lebensqualitaet des Buergers beeinflussen, aber im groesseren Rahmen auch ein Standortkriterium fuer Unternehmensansiedlungen usw. sein kann. Von daher ist das Gefuehl ein Fakt bei der Lagebeurteilung, und an der Aussage des SPD-Mitgliedes Muench nichts auszusetzen.

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Leser_01 25.11.2018, 18:06
23.

Und mal wieder fordert die Presse den Austausch eines hohen Sicherheitsbeamten. Warum nicht gleich die gesamte Polizei abschaffen? Dann gibt es auch keine polizeiliche Gewalt gegen unschuldige Verdächtige mehr.

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sigmarsoulbach 25.11.2018, 18:13
24. Dumme Verkehrsexperten

Herr Stöcker, ich brauche ihre Hilfe! Seit Jahren verhindern sogenannte Verkehrsexperten den Gigaliner, LKW mit einer Masse jenseits der 40 Tonnen, weil sie Gefahren "fürchten"! Und das, obwohl es dazu keine Statistiken gibt. Heerscharen von Bürgerinitiativen "fürchten" amerikanische Chlorhühnchen, obwohl es statistisch gesehen keine bedrohlichen Fälle gibt. Diese Verrückten haben offenbar die allmächtige Bedeutung von Statistiken nicht begriffen. Können Sie nicht helfen?

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milhousevanhouten 25.11.2018, 18:23
25. Gefährlich arrogant.

Wenn es keine gefühlte Bedrohung mehr gibt, dann wird es Zeit, das Google die exekutive Gewalt wird. Deren Algorirthmen haben Statistiken viel besser drauf. Wenn das alles ist...

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schniffel 25.11.2018, 18:30
26.

Zitat von Ökofred
Es ging weiter mit: "Kriminalität und Kriminalitätsfurcht hätten nur sehr bedingt miteinander zu tun, sagte Münch. "Vielmehr strahlen allgemeine wirtschaftliche oder gesellschaftliche Unsicherheiten auf das Sicherheitsgefühl aus." Dazu zähle auch die zunehmende Digitalisierung." Ich denke da ist der gute Herr Fricke etwas übers Ziel hinausgeschossen, auch wenn der Spruch mit den "gefühlten Fakten" Quark ist. Aber die Einordnung des Sicherheitsgefühls in die allgemeine Lebenslage (auch wirtschaftlich) ist nicht so ganz weit hergeholt. Nichts desto trotz: Die Kriminalitätsraten sinken seit Jahren, Mord und Totschlag hat sich in den letzten 20 Jahren halbiert! Warum wird da nicht öfter betont, dann fühlen die Leute sich auch sicherer. https://www.zdf.de/nachrichten/heute/bundeskriminalamt-verstaerkt-kampf-gegen-cyberkriminalitaet-100.html
Danke für den Link! Umso mehr frage ich mich jetzt in welche Richtung sich hier Herr Stöcker verrennt. Sein Kommentar hat mit den Aussagen des BKA-Chefs nichts mehr zu tun. Liebe Redaktion: was soll das? Das ist Bild-Niveau....

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hütterlin 25.11.2018, 18:50
27. Zu viel Interpretation

An für sich gut erkannt, dass es sich bei dieser Aussage um eine geisteswissenschaftliche Strömung handelt. Jedoch sollte klar sein, dass auch sein studierter Beruf einer geisteswissenschaftlicher Basis entspringt. Leider wurden die klugen Worte in diesem Artikel viel zu stark interpretiert. Hierbei handelt es sich nicht um eine Meinung sondern viel mehr um eine Hypothesenbildung.

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freigeistiger 25.11.2018, 18:55
28. Heuchlerischer Kommentar

Hier wird mit aller Gewalt ein vermeintliches Problem aufgemacht. Hier kommen wir in den Bereich von Texte verstehen, schlechte Ergebnisse in der IGLU-Studie, und Medienkompetenz. "Jeder hat Recht, aus seiner Sicht", Friedemann Schulz von Thun. "haben Sie sich mal nicht so!" zeigt das Niveau des Autors, von Empathie und Kommunikationsfähigkeit spreche ist erst gar nicht. So ist die übliche Patzigkeit von Polizisten ("Robuste Deeskalation"). Medien, und alle möglichen Interessenverbände rufen seit Jahren nach mehr Polizeipräsenz für mehr subjektives Sicherheitsgefühl. Dagegen, in der von der Polizei selber erstellten Anzeigenstatistik werden die angegebenen Zunahmen von „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“ als Fakt hingenommen, dank Presseinformationsdienst. Dabei ist schon Kritik an Fehlverhalten von Polizisten „Majestätsbeleidigung“. Polizisten sind geschult darin, Bürger zu Abwehrhandlungen gegen Übergrifflichkeiten zu provozieren, um dann Strafverfahren gegen sie einleiten zu können. Souveräner kompetenter Umgang sieht anders aus. __ Liebe SPON-Rdaktion, viel Spaß beim Löschen.

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jackberlin 25.11.2018, 19:03
29.

Natürlich führen gefühlte Bedrohungen zu realen Sicherheitsproblemen. Das ist gerade in der deutschen Geschichte mehr als deutlich zu erkennen. Das hat doch nichts damit zu tun, dass Sicherheitsbehörden die Fakten und Statistiken ignorieren. Gerade solche Durchgeknallten, wie die NSU Protagonisten zeigten doch, wozu die irrationale Furcht vor Überfremdung manche schwachen Geister bringen kann. Man kann den Satz des BKA-Chefs natürlich auch uminterpretieren, damit es wieder einen Grund zum Aufschreien bringt. Übrigens: Die Genderwissenschaften werden sich nicht über diese Kolumne freuen, immerhin wurden bereits Gesetze geändert aufgrund gefühlter Fakten aus diesem Bereich. Zum Beispiel die gefühlten Geschlechter im Gegensatz zu den realen biologisch definierbaren.

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