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Großverlag Elsevier: Universität Konstanz kündigt wichtige Abos
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Die Preisvorstellungen seien weit über der Norm. Die Universität Konstanz hat Verhandlungen mit dem Großverlag Elsevier abgebrochen, Forscher sollen ab sofort über andere Wege auf Studien zugreifen. Nicht nur am Bodensee wächst der Protest gegen überteuerte Publikationsmodelle.

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willi2007 27.03.2014, 18:30
1. Richtiger Schritt

Es ist nach meiner Meinung der einzig richtige Schritt, den die Uni Konstanz nun geht. Dennoch wirft der Artikel nur ein spärliches Licht auf die unheilige Allianz von Rechteverwertern und Verlagen. In Deutschland spielt z. B. die GEMA ein ähnlich schäbiges Spiel mit allen den Künstlern, die so dumm und blöd waren, ihre Urheberrechte für ein Appel und ein Ei an die GEMA zu verkaufen. Neben den Künstlern sind vor allem die Käufer und Kunden die Dummen, die völlig überhöhte Preise zahlen müssen. Es ist ein kleiner Lichtblick, wenn jetzt wenigstens die Universitäten langsam aufwachen und sich gegen diese Abzockerei der Verlage zur Wehr setzen. Dennoch ist das Kind schon lange in den Brunnen gefallen, dank der Politik reibt sich die Mafia der Rechteverwerter genüsslich die Hände und streicht die Milliarden ein.

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differenzieren 27.03.2014, 18:55
2. Endlich wachen die Unis auf

Als Doktorand kann ich das nur gut heißen. Es ist schon unglaublich, wie sich die Unis da ausnehmen lassen.

Man muss wegen Publikationszwang quasi darum betteln, dass ein Artikel veröffentlicht wird. Im besten Fall ist zumindest das kostenlos, im schlimmsten kostet es mehrere hundert bis tausend Euro (Farbe kostet nochmal 300 Euro extra). Und dann darf man nochmal dafür bezahlen, wenn man das Ganze ansehen will.

Als Autor sollte man eigentlich Geld dafür verlangen, dass man die Journals mit Inhalten füllt.

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atech 27.03.2014, 19:01
3. redaktionelle Arbeit gleich Null

Das Argument, dass die großen wissenschaftlichen Zeitschriften "redaktionelle Arbeit" leisten müssten zieht nicht, da die Verlage an die Autoren ganz klare Anforderungen stellen, wie und in welchem Format die Autoren ihr Manuskript und die Abbildungen oder Graphiken einreichen sollen. Selbst der "Peer Review" wird nicht durch vom Verlag angestellte Kritiker geleistet, sondern zum Nulltarif durch Wissenschaftler-Kollegen. Eigentlich kassiert ein wissenschaftlicher Verlag sogar doppelt ab: zuerst bei den Autoren für das Manuskript und die gewünschten Farbabbildungen. Dann nochmal von der Leserschaft.

Aber es gibt Abhilfe. Viele Naturwissenschaftler publizieren seit langem nur noch bei "Open Access"-Journalen. Wenn sich das allgemein durchsetzt, dann werden die Abzocker-Verlage über kurz oder lang nichts von ihrer Knebelpolitik haben...sondern sowohl die Zulieferer (Autoren) wie ihre Lesenschaft verlieren.

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Whitejack 27.03.2014, 19:22
4.

Die Preispolitik insbesondere von Elsevier ist ohnehin niemandem mehr erklärlich. Die Fachartikel werden von Wissenschaftlern geschrieben, von Wissenschaftlern per Peer-Review korrigiert - alles unentgeltlich - und dann von Elsevier bzw. den angeschlossenen Verlagen online gestellt. Im Gegensatz zu einem regulären Verlag sind die Wissenschaftsverlage in mehrfacher Weise bevorzugt: Sie arbeiten größtenteils über das Internet, weswegen ein großer Teil der Druckkosten entfällt. Sie benötigen kaum Lektoren vom Fach, da dies größtenteils von Wissenschaftskollegen erledigt wird. Und sie haben eine enorme Reichweite sowie langfristige Abos, die Planungs- und Zahlungssicherheit garantieren, anders als z.B. beim schnelllebigen Büchermarkt.

Und trotzdem sind die Preise weit höher als bei normalen Verlagen. Ein gewöhnlicher Artikel von vier bis sechs Seiten kostet typischerweise zehn Euro beim einmaligen Download. Nirgendwo sonst fallen solche horrenden Preise an, und nirgendwo sonst haben die betreffenden Verlage sowenig für das Erzeugnis des Produktes getan. Hier wird schlichtweg eine Monopolstellung gnadenlos ausgenutzt, verbunden mit der Tatsache, dass es ja nicht das Geld der Wissenschaftler, sondern das Steuergeld der Allgemeinheit ist, das dafür aufgewendet wird.

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butsu 27.03.2014, 19:30
5. Es wird Zeit...

Die traditionellen Verlage für wissenschaftliche Zeitschriften sind ein Relikt aus der Zeit, als Buch- und Zeitschriftendruck die günstigste und beste Möglichkeit war, Informationen zu verbreiten. Diese Zeit ist lange vorbei. Niemand geht in die Bibliothek um sich ein Paper zu kopieren. Stattdessen läd man sich das PDF herunter, für die eigene Literaturdatenbank. Und selbst das wird sich in den nächsten Jahren ändern, weil es jetzt effizient möglich ist, große Datenmengen wie z.B. Filmmaterial, Rohdaten etc. einfach bereitzustellen.

Früher haben die Verlage eine Leistung erbracht. Damals war Satz und Druck noch richtig Arbeit und teuer. Heute ist dies weitgehend automatisiert, vielfach machen den Satz gleich die Wissenschaftler selbst mit dem von der Zeitschrift zur Verfügung gestellten Template.

Fazit: Öffentlich finanzierte Forschung bringt Ergebnisse. Diese werde öffentlich finanziert aufbereitet. Im Peer Review Verfahren werden die Artikel in der Arbeitszeit von öffentlich finanzierten Forschern gegengelesen und korrigiert. Der Verlag macht noch ein bisschen Satz und verkauft dann das Ergebniss für horrende Preise an öffentliche Institutionen.

Alle machen mit, weil man als Foscher nur weiterkommt, wenn man in Journals mit hohem Impact Factor publiziert.

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-æ- 27.03.2014, 20:12
6. Ergänzung:

Ergänzend zu den benannten Argumenten: die Verlage haben die manuellen Teile ihre Textproduktion für den Satz in Länder mit relativ gesehen geringeren Kosten ausgelagert (z.B. Indien). Nichts gegen einzuwenden, aber dann von hohen Redaktionellen Kosten zu sprechen ist einfach unehrlich.

Nebenbei: Ein Word-Dokument in ein Satztemplate zu pressen (oder, schlimmer: ein LaTex-Dokument in ein Word-Dokument umzuwandeln, um dieses in eine Satztemplate zu pressen) ist echt keine Zauberei. Trotzdem kommt die Korrekturfahne _immer_ mit Fehlern zurück. Und DIE wollen ~2000 € für OpenAccess haben. Na, vielen dank auch. Schade, dass es so viele schwarze Schafe in der OpenAccess-Ecke gibt. Und das leider immer mal wieder Fehler bei den Vorzeige-OA-Journals passieren. Billig ist das bei denen auch nicht gerade - aber wenn ich die Wahl hätte zwischen Elsevier, Wiley, Cambridge und PLoS, würde ich PLoS wählen.

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liberale18 27.03.2014, 21:46
7. Alternativen sind möglich, aber....

Die Aussage der Bibliothek das sich Wissenschaftler die Artikel über Fernleihe oder aber individuell kaufen sollen ist eine typische Ignoranz. Fernleihe kostet Zeit, und individuelle Artikel sind definitiv überteuert. Elsvier und andere Verlage verlangen auch hohle Publikationsgebühren weil diese oft ein Quasimonopol besitzen. Man schaue sich nur einmal an wieviele Titel Macmillan verlegt.
Anzudenken wäre das Universitätsbibliotheken sich zusammenschliessen um gemeinsam eine Art Genossenschaft zu bilden. Zumeist verstauben die Printausgaben sowieso in den Regalen. Open Access ist auch eine Lösung, hier muss aber die Initiative von uns Forschern ausgehen. Viele Open Access Journals haben noch nicht den Standard hinsichtlich der Qualität der publizierten Forschung erreicht wie die klassischen Journals.
Als Alternative bietet sich an das Forschung welche aus öffentlichen Geldern gefördert wird nach etwa sechs Monaten kostenlos zu schalten, eine Praxis die in den USA bereits verbreitet ist.

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Reziprozität 27.03.2014, 23:03
8.

Zitat von atech
Das Argument, dass die großen wissenschaftlichen Zeitschriften "redaktionelle Arbeit" leisten müssten zieht nicht, da die Verlage an die Autoren ganz klare Anforderungen stellen, wie und in welchem Format die Autoren ihr Manuskript und die Abbildungen oder Graphiken einreichen sollen. Selbst der "Peer Review" wird nicht durch vom Verlag angestellte Kritiker geleistet, sondern zum Nulltarif durch Wissenschaftler-Kollegen. Eigentlich kassiert ein wissenschaftlicher Verlag sogar doppelt ab: zuerst bei den Autoren für das Manuskript und die gewünschten Farbabbildungen. Dann nochmal von der Leserschaft.
Das stimmt.
Zitat von atech
Aber es gibt Abhilfe. Viele Naturwissenschaftler publizieren seit langem nur noch bei "Open Access"-Journalen. Wenn sich das allgemein durchsetzt, dann werden die Abzocker-Verlage über kurz oder lang nichts von ihrer Knebelpolitik haben...sondern sowohl die Zulieferer (Autoren) wie ihre Lesenschaft verlieren.
Diese Auffassung kann ich hingegen nicht teilen. Viele OpenAccess Journale geniessen keine oder nur eine geringe Reputation, das Peer Reviewing klappt oft nur schlecht, Impact-Faktoren sind minimst oder gar nicht erst vorhanden, und es ist teuer, seeehr teuer, denn da bezahlt nicht die Uni oder die Bibliothek für die Publikation sondern das Autorenteam! Saftig, vierstellig und das Ganze in Dollars oder Euros.

Ungeachtet dessen - und da stimme ich mit Ihnen wieder überein - muss die Gier der grossen Verlage in die Schranken gewiesen werden. Auf Dauer gelingt dies m.E. nur, wenn das existierende System der Evaluierung von Wissenschaftlern anhand von zweifelhaften bibliometrischen Methoden durch Universitäten und Forschungsinstitute endlich beendet würde. DA könnte die Uni Konstanz mal richtig punkten, Anzeichen dafür sehe ich allerdings keine.

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bj68 28.03.2014, 08:35
9. Gespalten.....

Als TA/Labormanager und Mädchen für Alles bekomme ich es schön mit was mein Chef und andere Wissenschaftler in der Peer Review so an Arbeitszeit praktisch für Lau in so Verlage reinstecken und wie die mit Verlaub zum Teil auch mal "kotzen" weil sich auf ihrem Tisch die Paper stapeln die sie begutachten dürfen, daher fange ich bei so Aussagen wie "Die redaktionelle Arbeit sichere eine hohe Qualität, und die habe eben ihren Preis." etwas zu lachen an....LOL.
Zudem wenn ich richtig informiert bin, dann wollen so Verlage die Artikel mehr oder weniger druckfertig aufbereitet haben... Lektorat/Übersetzung usw. Fehlanzeige....

Andererseits da ich weniger an den Ergebnissen von so Paper interessiert bin, sondern mehr an der Methodik wie z.B. xyz synthetisiert oder gemacht oder gemessen wurde habe bei so Kündigungen die dann zu Fernleihe oder über die Einzelbezahlung pro Artikel führen ein kleines Problem, denn oft ist es so, dass man den Paper eben nicht ansieht ob von der Methodik her es eine Lösung für ein Problem beinhaltet und man es "brauchen" kann und 10 Artikel kaufen um vielleicht einen zu bekommen, wo ich die Methodik brauchen kann....ist bei den Einzelpreisen ein teuerer Spaß, außer ich aktiviere mein Netzwerk (was ja wieder nicht unbedingt legal ist).
Daher bin ich eher Fan von "Open Access" nur die Übergangszeit bereitet da dann Probleme.......

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