Forum: Wissenschaft
Merkel-Auftritt in Stralsund: Wie (und warum) man mit Fanatikern redet
Tobias SCHWARZ/ AFP

Angela Merkel hat diese Woche einen AfD-Politiker öffentlich über Meinungsfreiheit aufgeklärt. Unwahrscheinlich, dass sie ihn überzeugt hat. Dennoch ist der Austausch ein Lehrstück über den Umgang mit der AfD.

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syracusa 19.08.2019, 22:50
730.

Zitat von Berg-Wald
Sehr geehrter Herr Stöcker, Sie behaupten, dass das Völkische sich so definiert, dass ein Volk sich objektiv für höher bewertet als andere Völker. Ich finde das stimmt so nicht. Es gibt auch das subjektive völkische Interesse, das darin besteht, dass jemand den Wunsch hat, dass die anderen Mitbürger seines Volkes ihm in bestimmten Merkmalen ähnlich sein sollen (welche auch immer dies sein mögen). Er wünscht sich, dass die Mitglieder seines Volkes ihm gleichen – dass sie ‘seinesgleichen‘ sind. Und dabei stellt er seine eigenen Merkmale nicht objektiv höher als die der anderen, sondern er wünscht sich diese subjektiv. Er möchte mit seinen Merkmalen die Mehrheit des Volkes bilden. Ich erinnere daran, dass in einer Demokratie Mehrheiten Machtbesitz bedeuten.
Nun, in einer Demokratie kann niemand einen Anspruch darauf haben, bestimmte Eigenschaften seiner Mitbürger einzufordern. Dabei ist es egal, ob es sich um deren Hautfarbe handelt, oder um deren politische Meinung, oder deren Religion, oder deren Lieblingsspeise. Ein politisches System, das solche Gleichschaltung forciert, nennt man "faschistisch".

Das völkische-reine Ideal, das Sie hier als vermeintlichen Anspruch eines Angehörigen des Volks fordern, scheitert schon an einer hinreichenden Definition dessen, was "völkisch-rein" bedeuten soll. In einer Demokratie ist deshalb nicht ein völkisch definiertes Volk der Souverän, sondern das Staatsvolk. Und das definiert sich nicht nach ethnischen Kriterien, oder nach Musikgeschmack, oder nach Haarfarbe, sondern danach, was in der demokratischen Verfassung dazu steht.

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syracusa 19.08.2019, 22:55
731.

Zitat von Berg-Wald
Ich erinnere daran, dass in einer Demokratie Mehrheiten Machtbesitz bedeuten.
Und auch das gilt, wenn überhaupt, nur sehr eingeschränkt. In einer Demokratie darf keine noch so große Mehrheit antidemokratische Gesetze erlassen. In einer gut abgesicherten Demokratie sind die demokratischen Grundrechte und v.a. die Menschenrechte deshalb auch vor dem Zugriff jederzeit möglicher antidemokratischer Mehrheiten abgesichert. Demokratie ist nicht die Diktatur der Mehrheit, sondern ist v.a. die Begrenzung und teilung der staatlichen Macht. Eine Demokratie ohne Wahlen (und damit ohne Abfrage von Mehrheiten für Entscheidungen) ist problemlos denkbar, aber eine Demokratie ohne gesicherte demokratische Rechte ist undenkbar.

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iris b. 19.08.2019, 23:20
732. @ uwe.strebel / 715

Sollten Sie je eine so erstklassige Kolumne in einer Schülerzeitung finden, machen Sie das bitte bekannt. Dieser junge Mensch hätte eine für sein Alter erstaunliche Reife.
Sie wissen, dass eine Kolumne ein Meinungsbeitrag ist, also eine Form des Kommentars? Bezüglich der Menschenwürde: Da hat doch der AfD-Lokalpolitiker mit seinem unmöglichen Satz, man hätte in Deutschland die Menschenwürde verwirkt, wenn man sich zur AfD bekenne, die Steilvorlage geliefert. Etwas Absurderes habe ich selten gehört. Diesem Mann wäre zu raten, sich besser zu informieren, bevor er einen solchen Satz in ein Mikrofon spricht.
Und Sie beklagen, dass der Autor der Kolumne seinerseits auf das Verhältnis der AfD zur Menschenwürde eingeht? Kennen Sie einen Beschluss der AfD Sachsen zu deren "Regierungsprogramm"- demnach "die Menschenwürde auf ihren Kerngehalt beschränkt" und "restriktiv ausgelegt" werden soll? Erklären Sie hier doch mal, was genau damit gemeint ist. Vielleicht ergibt das ja so etwas wie die "AfD-Defintion der Menschenwürde".
Der Begriff "Definition" lässt ja auch mehrere Synonyme zu: Z.B. Auslegung, Selbsteinschätzung, Selbstverständnis (siehe Duden). Und ist es nicht richtig, dass die AfD es mit der Menschenwürde vereinbar hält, die Seenotrettung im Mittelmeer auszusetzen, private Seenotrettung zu untersagen und es dabei belassen möchte, evtl. vorbeikommenden Handelsschiffe die Rettung von Menschen in seeuntauglichen Booten, die zufällig ihren Weg kreuzen, zu überlassen. Und dass die AfD, wie Sie selbst schreiben, es für menschenwürdig hält, diese Menschen dann in irgendein afrikanisches Land zu bringen, da das ja in jedem Fall sicherer ist als auf einem seeuntauglichen Boot auf dem Mittelmeer unterwegs zu sein? Was mit den Menschen dort ggfs. passiert, ist egal, weil deren Menschenwürde uns ja nicht mehr interessiert, weil es Afrika ist? Auch wenn die Menschen, wären sie denn nach Europa gekommen, dort evtl. einen Anspruch auf Asyl oder auf Schutz gemäß der Genfer Konventionen gehabt hätten?

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iris b. 19.08.2019, 23:38
733. @ Bergwald / 722

Zitat von Berg-Wald
Sehr geehrter Herr Stöcker, Sie behaupten, dass das Völkische sich so definiert, dass ein Volk sich objektiv für höher bewertet als andere Völker. Ich finde das stimmt so nicht. Es gibt auch das subjektive völkische Interesse, das darin besteht, dass jemand den Wunsch hat, dass die anderen Mitbürger seines Volkes ihm in bestimmten Merkmalen ähnlich sein sollen (welche auch immer dies sein mögen). Er wünscht sich, dass die Mitglieder seines Volkes ihm gleichen – dass sie ‘seinesgleichen‘ sind. Und dabei stellt er seine eigenen Merkmale nicht objektiv höher als die der anderen, sondern er wünscht sich diese subjektiv. Er möchte mit seinen Merkmalen die Mehrheit des Volkes bilden. Ich erinnere daran, dass in einer Demokratie Mehrheiten Machtbesitz bedeuten.
Die faktische Unmöglichkeit Ihres "völkischen" Wunsches beschreiben Sie sehr gut selbst mit der Aussage "welche auch immer dies sein mögen". Und mit der Wendung "subjektiv völkisches Interesse", was ein Widerspruch in sich ist. Ein Subjekt ist immer ein Einzelwesen, mit eigenen Interessen. Wie soll aus einer Vielfalt von Einzelwesen mit jeweils spezifischen Merkmalen eine Mehrheit werden? Nein, nein "völkisch" bedeutet, dass sich die Subjekte einer Ideologie unterordnen, die die wünschenswerten Merkmale der Einzelwesen definiert und alle anderen Merkmale für unerwünscht erklärt. Die wünschenswerten Merkmale werden den Subjekten der Gemeinschaft aufoktroyiert, also aufgezwungen. Manches lässt sich nicht aufzwingen, z.B. die Hautfarbe. Solche werden aus der völkischen Gemeinschaft ausgesondert, ebenso wie diejenigen, die die von oben erwünschten Merkmale nicht für wünschenswert halten. So etwas gab es schon mal. Ich erinnere daran, dass es sehr schnell gehen kann, dass aus einer Demokratie eine Diktatur wird, wenn jemand die Demokratie nur nutzt, um sie abzuschaffen.

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mark.muc 20.08.2019, 00:18
734. Merkel Kult

Zitat von syracusa
Das Video mit Merkels Umgang mit dem Antidemokraten von der AfD sollte an allen Schulen allen Schülern gezeigt werden, der SpOn-Artikel darüber sollte Teil der darauf folgenden Unterrichtsstunde werden. Das ist beispielhafter Unterricht in Demokratie!
So, so und dann am besten noch Merkels Konterfei in die Schulen hängen. Bitte nicht: Wir sollten doch wirklich endlich alles tun, daß Niveau in den Schulen zu erhöhen und es nicht noch weiter senken. Keiner braucht Merkels schwammige Logik und ihre Plattitüden, um sich gegen den rechten Sumpf zu schützen. Niemand sollte eine Person,welche kontroverse Debatten vermeidet, Kritiker mundtot macht und Entscheidungen endlos so lange vor sich her schiebt, bis sich der persönliche Vorteil deutlich herauskristallisiert hat, als Hüterinder Demokrati verklären.

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meresi 20.08.2019, 04:28
735. Mach mir nicht lachen

Zitat von Geopolitik
Wirkliche Meinungsfreiheit herrscht in den USA. In Deutschland sind der Meinungsfreiheit Grenzen gesetzt, denn Hetze ist verboten. Das ist ja auch okay. Die Meinungsfreiheit hier ist jedoch die, sich ohne angefeindet zu werden von der politisch korrekten Position abzusetzen - und in den seltensten Fällen wird es da um Extrem-meinungen gehen die mit dem Gesetz kollidieren. Leider lebt heute jeder in seiner Social Media Blase und wird dann automatisch aufgrund früherer Artikelauswahl zielgerichtet beschallt. Dies gilt für Links und Rechts. Wenn es wirkliche Meinungsfreiheit ohne Angst sozialer Ausgrenzung gäbe, so würde es angeregte und respektvolle Debatten zu heißen Themen geben - im Freundeskreis, in der Familie, auf dem Marktplatz und in den Medien. Diese Kultur vermisse ich!
hatte gerade vor 2 Tagen ne heftige Diskussion mit 2 Patrioten...die mir weiß machen wollten dass die amis Europa befreiten ohne jeden Hintergedanken, nur aus Freundschaft sozusagen. Heute wissen wir alle, das geschah sicher nicht aus Mitgefühl sondern nur aus dem Grund um zu verhindern dass die Russen nicht plötzlich vor den Toren von Paris stehen und obendrein quasi für immer in ihrer Schuld stehen (zu müssen?) Wir diskutierten auch über Rassentrennung, da war klar ersichtlich auf welcher Seite sie stehen. Dann fragte ich sie ob sie echte Amerikaner sind, was natürlich bejaht wurde, gestanden auch das in der Schule vor Unterrichtsbegin die Flag so quasi angebetet wird. Dann kam ich mit der Frage nach den Ureinwohnern, den sogenannten Indianer, Zustände in den Reservaten, Segregation ehemaligen Sklaven usw...das war dann der Zeitpunkt wo ich mich zurück nahm, sie waren dabei mir an die Gurgel zu gehen. Soviel zur Meinungsfreiheit in den Staaten. Zusammengefasst: sinnlos mit jemanden zu diskutieren dessen Hirn nur eindimensional denken kann...patriotisch...

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meresi 20.08.2019, 04:55
736. Ja das gibt schwer zu denken

Zitat von The Independent
Gut auf den Punkt gebracht. Bis zur Machtergreifung fordert man Meinungsfreiheit, um dann die Meinungsfreiheit abzuschaffen. Eigentlich sollte man annehmen, dass alle Ostdeutschen, gerade nach der Erfahrung mit der DDR-Diktatur, alles versuchen, um die (durch die Wende gewonnene) Meinungs-,Reise- und Religionsfreiheit zu bewahren.
betreffend letzter Absatz. Sieht so aus als ob das Pendel von Zwangskommunismus zu stark nach rechts ausgeschlagen hätte u. irgendwo am höchsten Punkt hängen blieb. MMn brauchen die meisten dringend Hilfe. Ist nicht ohne in einer geschlossenen Anstalt einen Großteil seines Lebens zu verbringen ohne verrückt zu werden.

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meresi 20.08.2019, 05:07
737. Ich bin der Meinung

solche Gruppierungen und ihre Absonderungen könnte die Presse relativ leicht ersticken. Einfach ignorieren...keine wie immer gearteten Berichte über irgendwelche Äußerungen. Mit anderen Worten: totschweigen

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medium07 20.08.2019, 07:04
738.

Leider unterlässt es Herr Stöcker auch auf den Teil von Merkels Antwort einzugehen, indem sie die Fluchtursachen des Jahres 2015 darauf zurückführt „...dass die Menschen in Jordanien und im Libanon, wohin sie geflüchtet waren, nichts zu essen hatten, weniger als ein Dollar am Tag, ihre Kinder keine Bildung bekommen haben und dann konnten sich Schleuser und Schlepper auch anbieten, die diesen Menschen eine Perspektive geboten haben“. Durch Verschweigen der entscheidenden Tatsachen wird die historische Wahrheit in geradezu grotesker Weise verzerrt, denn nach den Zahlen des UNHCR (Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen) hatte die Bundesregierung unter Frau Merkel zuvor die Hilfszahlungen für die Lager in den besagten Ländern von 301 Millionen auf 143 Millionen gekürzt (wie die meisten europäischen Länder übrigens in vergleichbarem Umfang auch). Dies erst löste die katastrophalen Zustände in den Lagern aus: Menschen hungerten, Frauen mussten sich prostituieren, Diebstähle und Gewalt waren an der Tagesordnung. Wieso dies geschah bleibt bis heute das ungelöste weil auch hier wieder verschwiegene Rätsel der Bundeskanzlerin. Jedenfalls fällt dieser „Trick“ wohl auch in die Kategorie „Propaganda“.

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fördeanwohnerin 20.08.2019, 07:29
739.

Zitat von medium07
Leider unterlässt es Herr Stöcker auch auf den Teil von Merkels Antwort einzugehen, indem sie die Fluchtursachen des Jahres 2015 darauf zurückführt „...dass die Menschen in Jordanien und im Libanon, wohin sie geflüchtet waren, nichts zu essen hatten, weniger als ein Dollar am Tag, ihre Kinder keine Bildung bekommen haben und dann konnten sich Schleuser und Schlepper auch anbieten, die diesen Menschen eine Perspektive geboten haben“. Durch Verschweigen der entscheidenden Tatsachen wird die historische Wahrheit in geradezu grotesker Weise verzerrt, denn nach den Zahlen des UNHCR (Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen) hatte die Bundesregierung unter Frau Merkel zuvor die Hilfszahlungen für die Lager in den besagten Ländern von 301 Millionen auf 143 Millionen gekürzt (wie die meisten europäischen Länder übrigens in vergleichbarem Umfang auch). Dies erst löste die katastrophalen Zustände in den Lagern aus: Menschen hungerten, Frauen mussten sich prostituieren, Diebstähle und Gewalt waren an der Tagesordnung. Wieso dies geschah bleibt bis heute das ungelöste weil auch hier wieder verschwiegene Rätsel der Bundeskanzlerin. Jedenfalls fällt dieser „Trick“ wohl auch in die Kategorie „Propaganda“.
Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Staaten, die ihre Gelder ja in vergleichbarem Umfang gekürzt hatte, hat Deutschland seinen Fehler aber versucht, auszugleichen, indem so entscheiden wurde, dass man Menschen viele aufgenommen hat.
Ich erwarte sogar, dass so gehandelt wird.
Und: Hinterher ist man immer schlauer.

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