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Natur und Erkenntnis: Die Weltformel ist tot

Das Streben der Naturwissenschaft nach einfachen, universellen Gesetzen ist gescheitert, meint die US-Philosophin Sandra Mitchell. In einem Essay für SPIEGEL ONLINE fordert sie eine radikale Abkehr von bisherigen Denkmodellen und eine neue Erkenntnistheorie.

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arnostein 30.05.2008, 15:42
1. Die Weltformel

"Die Weltformel ist tot, es lebe die neue Erkenntnistheorie"

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Newspeak 30.05.2008, 15:48
2. ...

Oh weh, wenn Philosophen sich mit Naturwissenschaft beschäftigen...
Zitat SPON "Der neue erkenntnistheoretische Ansatz, der diese Tatsachen in sich einschließt, hat unter anderem folgende Merkmale:

Pluralismus: Einbeziehung zahlreicher Erklärungen und Modelle auf vielen Analyseebenen anstelle der Erwartung, es müsse immer auf der untersten Ebene eine einzige, reduktive Erklärung geben.
Pragmatismus anstelle des Absolutismus: Es wird anerkannt, dass es viele Wege gibt, um das Wesen der Natur zutreffend – allerdings auch nur teilweise – zu beschreiben. Darunter sind verschiedene Grade der Verallgemeinerung und verschiedene Abstraktionsebenen. Welche Darstellung am besten "funktioniert", hängt von unseren Interessen und Fähigkeiten ab.

Der im Wesentlichen dynamische, evolutionsorientierte, von Rückkopplung geprägte Charakter der Teilbereiche der Natur und unserer Kenntnisse über sie. Diese Merkmale erfordern, dass wir neue Mittel zur Erforschung der Natur finden und auf Grund des so gewonnenen Wissens handeln."

Das beschriebene ist längst nichts neues in der Naturwissenschaft.

Selbst die Newtonsche Physik basiert nicht nur auf einem Modell und einer einzigen reduktiven Erklärung. Das mag so scheinen, wenn man die Newtonsche Physik absolut auf die Newtonschen Gesetze reduziert. Die Newtonschen Gesetze sind aber für sich genommen so abstrakt wie sinnlos. Erst durch die Anwendung auf konkrete Fragestellungen, die Entwicklung von Modellen mit den Newtonschen Gesetzen als Ausgangspunkt, erhalten sie ihren unbestreitbar hohen Nutzen. Und damit werden sie durch Randbedingungen und Voraussetzungen ergänzt, die durchaus interpretations- und diskussionsbedürftig sind...pluralistisch sozusagen.

Was den Pragmatismus betrifft und die Erkenntnis, daß es viele äquivalente Wege gibt, die Natur zu beschreiben...ebenfalls ein alter Hut. Die Quantenmechanik existiert mindestens in einer Wellenbeschreibung (Schrödinger), einer Matrizenmechanik (Heisenberg), einer Transformationstheorie (Dirac) und einer Beschreibung auf Basis von Pfadintegralen (Feynman). Alle diese Formulierungen sind vor 1960 entwickelt worden. Bei der Entwicklung der Quantenmechanik hat man außerdem erkannt, daß die Hamiltonsche Formulierung der Newtonschen Mechanik in letzter Konsequenz zur Schrödinger-Gleichung führt. Mindestens hundert Jahre vor ihrer wirklichen Ableitung hätte man diese also beinahe erkannt. Die beschriebenen Theorien zeichnen sich durch unterschiedliche Grade der Verallgemeinerung aus, durch unterschiedliche Abstraktionsebenen, genau wie es uns die Autorin als "neu" verkaufen will.

Auch Dynamik und Rückkopplung sind keine neuen Erfindungen des 21. Jahrhunderts. Vielleicht sind es Begriffe, die mal wieder in Mode sind und vielleicht fällt mancher Geisteswissenschaftler darauf herein, zu glauben, daß es sich um etwas Neues handelt, wenn mal wieder solche Begriffe gehypt werden. Alles was z.B. derzeit in der Chemie unter dem Kürzel "nano" läuft, war in leicht veränderter Form unter dem Begriff "Kolloidchemie" schon mal da.

Es ist vermessen zu glauben, die Wissenschaftler vor zweihundert Jahren hätten nicht zum Teil schon die Grundzüge der heute aktuellen Forschungen erkannt. Vieles, bereits bekanntes wird heute "neu" entdeckt, weil es vielleicht in einer ungewohnten, unvollständigen Sprache formuliert wurde, oder von einem unbekannten Autor und daher in den Archiven bis heute verstaubt. Es ist leider nicht modern, alte Literatur zu lesen...

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Dr. Klopek 30.05.2008, 15:51
3. t

Zitat von arnostein
"Die Weltformel ist tot, es lebe die neue Erkenntnistheorie"
Hauptsache, was g'sagt.

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Wintermute 30.05.2008, 15:53
4. Eitles, wachsweiches Blabla.

"Beim heutigen Stand der Naturwissenschaft können wir erkennen, wie und warum der traditionelle erkenntnistheoretische Rahmen unvollständig ist. Dabei versagt der traditionelle Rahmen nicht immer"

... schreibt Frau Mitchell.
Das ist aber mächtig nett von ihr.

"Aber große Teile der Welt entziehen sich seinen Konzepten und Methoden."
Wie bitte? "Große Teile?"
Ich konnte diese zwei unglaublich ärgerlichen Seiten philosophisch ondulierten Eigenlobs kaum zu Ende lesen. Frau Mitchell preist da unter anderem "eine erweitere (sic!) Methode zum Erkenntnisgewinn", die sie als "integrativen Pluralismus" bezeichnet.

Gefordert wird da unter anderem "Pragmatismus an die Stelle des Absolutismus." (Gesetze muss man locker nehmen), da ja "die Aussagen in der Wissenschaft [...] von begrenzter Geltung und von Ausnahmen geprägt sind."

Alles klar. Anwendungsbeispiel:

"Ey du, ich finde das jetzt irgendwie nicht so gut, dass du den Absturz unseres Orbiters mit der Gravitation erklärst, du. Ich finde, da müssen wir ganz pragmatisch auch mal andere Strukturen und Ansätze zu lassen, weißt du?"
Die iterative Suche der Wissenschaft nach validen, allgemein gültigen Gesetzen ist also trotz aller Erfolge der vergangenen Jahrhunderte zum Scheitern verurteilt; stattdessen nimmt man eben die Theorie, Idee oder Befindlichkeit, die gerade passt. Jeder darf mal ran, der Rest ist Komplexität (ein Wort, das die Autorin vielleicht nicht in derart geschwätziger Bewunderung erstarren ließe, wenn sie sich zum Beispiel mit den Arbeiten über zelluläre Automaten von Stephen Wolfram und anderen befassen würde).

Klingt nach gefühlig-unscharfem "Alles geht", alles riecht nach Gras, Räucherstäbchen und relativistischem Ich-OK-du-OK; da draußen ist Geheimnis, die Wissenschaft braucht sich um die verbliebenen Themen (dunkle Materie/dunkle Energie) gar nicht mehr zu kümmern (böser, böser Reduktionismus!), gefragt ist stattdessen das (wer hätte es gedacht) bauchig-alleszulassende Bedenken der Welt im Philosophenstübchen.

Na fein. Mit dieser Attitüde können wir uns doch auch gleich die Feng-Shui/Steinaufleger-/Wünschelrutenfraktion als esoterische Boyscouts für die Welt der Quantenmechanik an Bord holen.

Ich habe die Schnauze schon voll genug von der fundamentalistisch-christlichen Wissenschaftsfeindlichkeit der Amerikaner; nun muss uns nicht auch noch diese Frau mit ihrer eitlen, schwammigen Versuch nerven, die Deutungshoheit über die materielle Welt wieder unter das Dach ansonsten nicht ausgelasteter PhilosophInnen zu holen.

Fazit: Ein dreist als Artikel verkleideter Waschzettel über ein Buch, das offensichtlich mit bemerkenswerter Frechheit der wissenschaftlichen Methode - der vitalsten Kraft der Moderne - die Existenzberechtigung zugunsten eines wachsweichen Herumgeeiers abspricht.

Werden wir diesen Advertorial-Stil (Tausche zwei Seiten pseudoprovokatives Gemähre gegen gut platzierten Buchtitel) jetzt öfter bei SpOn erleben dürfen? Dann reiche ich demnächst auch mal so etwas ein.

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kykeon 30.05.2008, 15:53
5. Postmoderne Wissenschaft?

Verwunderlich, dass das Wort Postmodernismus kein einziges Mal faellt, denn eigentlich ist die hier vorgetragene Hypothese nichts anderes als die Projektion postmoderner Ideen auf die Naturwissenschaft.

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hikage 30.05.2008, 15:59
6. Philosophie und Physik

Es wäre sicherlich sinnvoll, wenn sich die Autorin mit einigen grundlegenden Lehrbüchern der Physik auseinandergesetzt hätte, bevor sie ihr Buch und diesen Essay auf den Weg brachte.

Mit Ausnahme der (mikroskopischen) Deterministik gilt die Newton'sche Physik bis heute.

Es besteht kein Grund anzunehmen, dass sich die aktuelle Physik nicht ebenso nahtlos in noch zu findende genauere Theorien einbinden lassen sollte - genaugenommen wäre ebendiese Einbindbarkeit ein grundlegendes Kriterium für die Gültigkeit einer neuen Theorie.

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dehnübung 30.05.2008, 16:43
7. fällt mir nix ein

Mal wieder so ein Werk, welches die immer gleichbleibende Aussage so lange variiert und umstellt bis am Ende ein Buch daraus geworden ist.
Dabei immer schwammig bleibt, zumindest in dem SPON Ausschnitt, keine konkreten Anwendungsbeispiele liefert und sich im Kreis dreht.

Newton soll gesagt haben:
"Die Lösung des Problems muss immer einfach sein".
Damit kann ich etwas anfangen.

Zum Beispiel kann ich sofort erkennen, das für den effizienten Transport eines Menschen über asphaltierte Straßen, insbesondere Autobahnen und Stop and Go Verkehr in der Stadt, ein über 2 Tonnen schweres "Geländecoupe" keine einfache Lösung ist und diesen Ansatz somit, als durch Marketing verursachte Gehirnwäsche entlarven, auf die ich nicht herein falle.

Klar soweit!?

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ArbeitsloserMathematiker 30.05.2008, 17:24
8. Was bleibt

- eine weitere Zersplitterung des Wissens
- Wissen wird immer diffuser
- Die Beliebigkeit nimmt zu
- Forschung wird immer mehr zum Selbstzweck
- Hinwendung zur Religion, Spiritualität

- als finale Wissenschaft bleibt die Mathematik übrig. Der Rest ist schmückendes Beiwerk für die Ahnungslosen.

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ignorant89 30.05.2008, 17:29
9. nix neues, und auch noch inkonsequent

wenn die autoren solcher theorien mit kommunikationsmitteln ausgestattet waeren, die auf Grundlage ihres gepriesenen pluralismus konstruiert waeren, muesste man sich nur halbsooft aufregen. Noch drastischer waere es, wenn sie sich auch bei der Wahl des Verkehersmittels (zB Flugzeug) von solchem nix-genaues-weiss-man nicht Tiefsinn leiten liesen. Machen sie zum Glueck nicht, muss ja auch nicht sein. Aber beim Schreiben koennte man es ja auch zunaechst mal mit Lernen, dann Denken und falls einem mal was einfaellt dann sagen probieren. Computer koennen das Denken der Wissenschaftler nicht ersetzen, sie wurden und werden von Leuten entwickelt die sehr genau verstehen muessen was sie tun und dabei gut ohne die neuen Erkenntnistheorien auskommen.
Dass die Leute, die auf Grund des rasanten wissenschaftlichen Fortschritts lange Zeit wenig zu sagen hatten, nun mal die Gelegenheit nutzen wollen, um auf der Welle neuer Erkenntnisse zu eiten, bis diese wieder systematisiert sind, ist menschlich verstaendlich. Wieso der SPON ihnen dazu PLatz geben muss, bleibt unklar.

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