Forum: Wissenschaft
Qualität in der Wissenschaft: Liebe Leserin, lieber Leser,
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The Restless 18.05.2019, 11:24
1. Ist wie eine Pest

Ich erhalte jede Woche per Email 3-5 Aufforderungen von irgendwelchen Zeitschriften, doch bitte dort zu publizieren. Alles ginge sehr schnell, die Publikation sei frei verfügbar im Internet. Natürlich müsse ich dafür bezahlen. Zu den in meinem Fachbereich etablierten Zeitschriften gehören diese Journale nicht. Forscht man ein wenig im Internet, so findet man schnell, dass es sich dabei um solche Predatory-Journale handelt. Problematisch ist nur, wenn es sich um ein ganz neues Journal handelt, zu dem noch keine Beschwerden vorliegen. Daher lieber: Finger weg von unbekannten Journalen.

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Reg Schuh 18.05.2019, 12:59
2. Ökonomisierung

In dem Moment, wo Forschungsgemeinschaften, Chefs, Führungsetagen, Vorstände etc. sich darauf eingelassen hatten, ein "meßbares" System, wie den Impact factor, den Hirsch-Index, die Veröffentlichungszahlen an sich als Kriterium für Güte heranzuziehen, in dem Moment war eine fortschreitende Ökonomisierung in der Wissenschaft nicht mehr aufzuhalten. All die Anpassungen in den Zählweisen müssen ständig einen Rüstungswettlauf gegen Tricksereien kämpfen, weil wir Menschen so dumm sind, aus einer guten Sache immer weider die schlechtesten Verwendungen herauszufinden. Im Wissenschaftszeitschrifts-Gewerbe hat das Verlagswesen sich auf wenige Velage konzentriert, die dann - wie im Kapitalismus üblich - von allen immer mehr Geld wollten, von den Lesern, die ja was wissen wollen, und ebenso von den Autoren, die keine Honorare mehr bekommen, sondern stattdessen für Artikel, die die Autoren selbst schreiben und setzen, weil die Autoren ja auch "Nutzer der Zeitschrift sind, und dann was dazu beitragen sollen; und dann sollen die Autoren auch noch -vergütungsfrei- für den Verlag Artikel anderer Autoren prüfen und korrekturlesen ("Bitte innerhalb einer Woche!").
Dann kam die Open-Source-Idee - an sich eine exzellente Idee - die leider pervertiert wurde. Irgendwo müssen die Kosten für das Organisieren ja her kommen, und das führt dazu, daß nur reiche Institute bei den klassischen Zeitschriften/Verlagen schreiben können, und daß es als Geld-Einsack-Modell funktioniert, Autoren zum Veröffentlichen in scheinbar günstigeren Zeitschriften zu übertölpeln - man muß ja veröffentlichen, egal welchen Unfug, Hauptsache, man hat irgendwie veröffentlicht. Das Herausfiltern von betrügerischen Verlagen ist vermutlich auch eine Sysphus-Arbeit,, die die Frau eigentlich von staatlicher Seite bezahlt bekommen sollte. Denn man kann an so vielen Stellen sehen, zu welchen Perversionen fehlende Regulierung führt.

Ich frage mch allerdings tatsächlich, wenn Frau Bik ein Jahr "off from paid work" nimmt, wie sie sich das leisten kann, ein Jahr lang nichts zu verdienen.

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jjs 18.05.2019, 13:29
3. Es ist eigentlich noch viel schlimmer

Es sind nicht nur die predatory journals, die Probleme machen sondern auch die Standard-Journale. So werden auch dort viel zu viele Publikationen durchgewunken, die nur unzureichend geprüft sind, was man als Leser eigentlich erst dann so richtig merkt, wenn man versucht, diese Ergebnisse nachzuvollziehen, und dann sieht, dass entweder Angaben zu wichtigen Parametern komplett fehlen oder dass die Autoren, wenn sie nachweisen wollten, dass ihr neues Verfahren besser als ein bisheriges Standardverfahren ist, oftmals das Standardverfahren möglichst schlecht implementiert haben, so dass der Vergleich natürlich zu ihren Gunsten ausfallen musste. Manchmal werden Ergebnisse auch schlicht getürkt, aber wenn man dann eine entsprechende Veröffentlichung dazu schreibt, dann interessiert das die Editoren eines Journals überhaupt nicht mehr, wie ich selbst schon erlebt habe. Da fällt dann die Aussage, "ach, die Veröffentlichung ist eh schon über ein Jahr alt". Letztlich müssten die Referees gezwungen werden, alles genauestens nachzuvollziehen, und für diese Zeit auch bezahlt werden. Und der Referee-Bericht sollte gewichtet werden wie ein paar Veröffentlichungen auf einmal, denn ansonsten hat ein Referee nur einen Nachteil, wenn er sich wirklich die Zeit nimmt und eine zu begutachtende Veröffentlichung genau liest, denn diese Zeit geht ihm von seiner eigenen Forschung ab, und auch er muss ja die Zahl seiner eigenen Publikationen maximieren.

Hinzu kommt noch ein Punkt, den ich anmerken will: Bei guten Journalen, bei denen noch etwas besser referiert wird, kam es in der Vergangenheit auch schon öfter vor, dass manche Referees eine zu begutachtende Arbeit in ihrer Akzeptanz verzögerten, schnell selbst was dazu machten und dann in einer niederwertigeren Zeitschrift dann unterbrachten, damit sie die ersten waren, die eine Veröffentlichung dazu hatten. Deshalb ist es zum Beispiel in der Physik so, dass bislang noch keine Arbeit, die schließlich zu einem Nobelpreis führte, zunächst bei Nature oder Science oder Physical Review Letters publiziert wurde, sondern dass die Autoren die erste Arbeit dazu stets in einer niedrigrangigen Zeitschrift veröffentlichten, damit ihnen die Ergebnisse nicht auf diese Art gestohlen werden konnten. So haben beispielsweise Bednorz und Müller ihre erste Arbeit zur Hochtemperatursupraleitung bei der Zeitschrift für Physik untergebracht, weil sie befürchteten, dass ihnen ansonsten auf diese Weise ihre Ergebnisse gestohlen werden könnten.

Und schließlich noch als letzten Punkt will ich auf die Affäre um Jan Hendrik Schön verweisen, der vor Jahren mit wunderbaren aber gefälschten Ergebnissen auf sich aufmerksam machte, den Nature- und Science-Editoren anschrieben, er möge doch so schnell wie möglich wieder Papers bei ihnen zur Publikation einreichen. Tja, das ist eine Ausuferung von einem allgemeineren Effekt: Wenn man zum ersten Mal in einer dieser Zeitschriften eine Veröffentlichung unterbringen will, hat man so gut wie keine Chance, es sei denn, man tut einen Koautoren drauf, der schon mal dort Veröffentlichungen hatte. Hat man dagegen das schon mal geschafft, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man es wieder schafft.

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realist4 18.05.2019, 13:58
4. Höchste Zeit einzuschreiten

Erst vor Kurzem habe ich in Arte einen Beitrag zu diesem Thema gesehen, interessant fand ich, dass auch renomierte deutsche Forschungsinstitute diese fake Peer Reviews nutzen. Aber man muss eigentlich kein Wissenschaftler sein, um zu bemerken wieviel Schindluder getrieben wird, es reicht aufmerksam die Artikel in der Presse zu lesen, welche über irgendwelche tolle Studien berichten. Wer nicht gerade auf den Kopf gefallen ist, bemerkt sofort die mangelnde Qualität.

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markus333 18.05.2019, 14:31
5. Schlimmes Durcheinander - lenkt von den Problemen ab

Ich wäre dafür, dass Journalisten erst mal nicht über "Raubtier-Journale" berichten sollten. Diese sind zwar eine Plage, wie Spam in der E-Mail, hat aber mit Qualitätsproblemen der Wissenschaft fast überhaupt nichts zu tun - wenn, dann höchstens als Indiz.

Da die Publikationskultur in der Wissenschaft so komplex ist, eignet sie sich schlecht für eine öffentliche Diskussion. Das endet meist in einer Empörungsdebatte, die selbst schon an Fake-News grenzt.
Nur ein paar Aspekte zum Nachdenken:
1. 99,9% aller echten Wissenschaftsskandale passieren auf normalen oder sogar "High-Impact"-Journalen. Was das mit Raubtierjournalen zu tun haben soll, ist mir schleierhaft.
2. Die Raubtier-Journal-Skandale werden von Journalisten selbst fabriziert, indem sie Müll-Artikel an diese schicken und abdrucken lassen. Das ist so skandalös, wie sich über einen Copy-Shop zu beschweren, der sich nicht weigert, Mist zu kopieren.
3. Echte Wissenschaftler stoßen in Ihrer täglichen Arbeit praktisch nie auf Raubtierjournal-Artikel, da diese in den Profi-Datenbanken nicht gelistet werden. Nur ahnungslose Journalisten wittern da Skandale, wo keine sind.
4. Die Angebote von Raubtierjournalen sind sicherlich nicht seriös, wie die Mail vom Nigerianischen Prinzen, der mir 10 Mio Dollar auf mein Konto überweisen will. Aufklärung für Wissenschafts-Neulinge ist aber sicherlich nicht schlecht.
5. Die Argumente über die erschlichenen Vorteile, in einem Raubtierjournal zu veröffentlichen, sind frei erfunden. Da - siehe oben - die Journale nicht in den Datenbanken auftauchen und auch durch die Bank null mal zitiert werden, haben sie auch keinerlei Einfluss auf die Karriere eines Wissenschaftlers. Sie sind schlichtweg unsichtbar und daher nutzlos.
6. Es darf sich ja jeder aufregen, dass z.B. der scheinwisssenschaftliche Artikel in der Apothekenumschau über Schlankheitspillen ein Skandal ist, ein wissenschaftliches Thema ist es nicht. Ich halte diese Art der Diskussion für extrem wissenschaftsschädlich, da es auf der einen Seite die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft in Frage stellt, und auf der anderen Seite von den zweifellos zahllosen Defiziten in der Wissenschaft ablenkt und Pseudolösungen für Populisten anbietet.
7. Kurz: Die normalen Journals sind das gefährliche Problem, nicht die Raubtierjournale! Wem das zu komplex ist, sollte es mit Dieter Nuhr halten: "Wenn man keine Ahnung hat, ..."

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Newspeak 18.05.2019, 15:24
6. ....

Sorry, im Beitrag wird Unsinn beschrieben.

Zum einen, warum macht ein Forscher erst beim Journal Druck, sagt, dass es schnell gehen soll, und wenn man ihm entgegenkommt, dann lehnt er ab, weil angeblich die Qualität nicht stimmt?

Zum anderen. Ich bin Reviewer. Und natürlich kann man einen Artikel auch innerhalb einer Woche begutachten. Es geht sogar, sehr intensiv, an einem Tag. Es geht beim peer review darum, dass man die gröbsten Fehler und Auslassungen findet. Es geht nicht darum, dass Experiment zu wiederholen, das geht heute meistens doch gar nicht, schon gar nicht bei den qualitativ hochwertigsten Experimenten. Man korrigiert Tippfehler, Sprache, Ungenauigkeiten, sagt, ob die Studie logisch Sinn macht, ob die Schlussfolgerungen durch die Daten gedeckt sind, ob wissenschaftliche Konventionen eingehalten wurden, SI Einheiten, Zitierungen, usw. Ausnahmen sind mathematische Abhandlungen, da kann der Review lange dauern, weil der Reviewer dort nachrechnen kann, was man dann oft auch tut. Oder sehr lange Artikel, auch gerne in der Mathematik, die über dutzende Seiten gehen. Nochmal, einen 0815 mit einem halben bis einem dutzend gedruckten Seiten kann man ohne Probleme in einer Woche begutachten. Wer das nicht schafft, ist vielleicht als Reviewer nicht geeignet. Man muss als Wissenschaftler nämlich auch mal forschen, und nicht nur begutachten, und die Begutachtung erfolgt freiwillig und unbezahlt, da muss man einfach effektiv sein und kann sich damit nicht ewig aufhalten. Wer das System verbessern will, sollte Gutachter vielleicht bezahlen.

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inverts 18.05.2019, 15:30
7. Selbstbewertung

Wer bei unseriösen "journals" als "Wissenschaftler" publiziert hat sich selbst disqualifiziert. Leider gibt es keinen Malus/negativ IF für schlechte Arbeiten. Oft werden Paradebeispiele von Unsinn sogar noch oft zitiert, und bekommen einen guten citation index obendrauf. Sci/Nat/PNAS sind sicherlich die schlimmsten; wie das Sprichwort sagt "Nur weil es in Sci/Nat/PNAS veröffentlicht wurde, heisst nicht unbedingt, dass es falsch ist." Leider all zu wahr.
Aber es gibt auch andere "predatory" journals: bei Springer, Taylor & Francis und anderen kommerziellen Verlagen. Die verdienen wohl nicht an den Wissenschaftlern, aber an den Bibliotheken oder Lesern, wobei die Review als pro-bono Arbeit verstanden wird. Nein Danke. Ich publiziere nur noch in Society journals. Zum Glück können mir die ganzen indices egal sein. Das ist wahrer Luxus.

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ManRai 18.05.2019, 17:37
8. #6 Richtig

Daten/Ergebnisse kann man nicht "mal so" ueberpruefen, dazu müsste man die Experimente wiederholen. Was in der kurzen Zeit oder im Umfeld einfach nicht moeglich ist. Also schaut man auf Widersprüche/offensichtliche Fehler/Fehler im Design der Studie/falsche Interpretation usw. Als Reviewer (bin ich) ist das manchmal ein harter Job, kostet Zeit und Ausdauer. Eine Woche fuer ein Review ist schon hart, ich bin mehr bei zwei Wochen und dann kommt die Erinnerung :-). Als Executive Editor (bin ich auch) wird es schon schwerer, man muss kompetente Reviewer identifizieren, bekommt jede Menge Absagen, völlig verständlich, und sucht weiter.
Ich will wissenschaftliche Ergebnisse zur Veröffentlichung bringen mit dem Hintergedanken, dass sie mal die Menschheit weiter bringen, in Erkenntnissen, in der Medizin und auch sonstwo.
Die Fake Journals gehören dabei ausgerottet solange sie falsche Ergebnisse verbreiten, in Seminaren und Vorträgen kämpfe ich gegen diesen Muell

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buffbuff 18.05.2019, 21:15
9. haha...

peer review dauert in meinem fachbereich nur mehrere monate, wenn die armen herausgeber keine gutachter finden.
ansonsten sind selbstbrenommierte zeitschriften bei 15 tagen.
die gesamtdauer kann natürlich trotzdem hochgehen, wenn den autoren eine revision erlaubt wird, wobei die neue version erneut begutachtet wird.
dann gibt es bertächtliche unterschiede zwischen den disziplinen...
ich habe gelernt, dass man pro selbst eingereichtem manuskript zwei bis drei gutachten schreiben soll. das lernen die nachwuchswissenschaftler heutzutage nicht mehr. und sie verweigern sich teilweise tital, denn das gibt ihnen ja mehr zeit, selbst was zu schreiben.
das system ist inzwischen pervertiert. ich hatte schon manuskripte vor mir, die zuvor in einer anderen zeitschrift abgelehnt hat. die autoren hatten nichts geändert. auf einer dienstreise mit einem kollegen lasen wir ein identisches manuskript als gutachter. für zwei verschiedene zeitschriften. das kommt natürlich nur zufällig raus.
also mich wundert nichts mehr. qualität ist leider kein kriterium mehr. für die meisten wissenschaftler, insbesondere die jungen, zählt nur die anzahl und der impact factor, und dann der h-index, der natürlich mit der anzahl hochgeht. das karrieresystem will es so und generiert damit die auswüchse. es gibt absprachen und plots zwischen gruppen, was begutachtung und zitate angeht.
ich fürchte, es ist wie an der börse. die bösen werden den guten immer einen schritt voraus sein. wenn diese leute nur ihre kreativität in der art für ihre forschung einsetzen würden...

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