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Schreibzwang: Wie Konkurrenzdruck die Forschung gefährdet

In der Forschung gilt: Erfolgreich ist, wer viele Fachartikel veröffentlicht. Der Konkurrenzdruck hat aber teils bizarre Folgen, wie eine Studie jetzt nahelegt: An besonders produktiven Standorten kommen Wissenschaftler demnach fast nur noch zu positiven Befunden.

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hallorenkugel 22.04.2010, 15:28
10. Titel

Zitat von Ernst Wurscht
Wie man sich als intelligenter Mensch eine Karriere in Forschungsbetrieb antun kann werde ich nie verstehen.
ja, man merkt's manchmal zu spät, daß Bäckereifachverkäuferin vieleicht auch glücklich gemacht hätte :-)

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BartSimpson 22.04.2010, 17:20
11. Statistik

Zitat von hallorenkugel
Das Problem mit den positiven Frioschungsergebnissen betrifft fast ausschließlich Mediziner. Die denken, ein Ergebnis ist nur etwas wert, wenn es "positiv" ist. Der Artikel schreibt richtig, daß auch "negative" Ergebnisse relevant für das Fortkommen der Forschung ist. Naturwissenschaftler kennen diese Einteilung nicht, jedes Ergebnis ist wichtig. z.B. Frage des Naturwissenschaftlers: Warum wandert Zelle B Richtung Knochenmark ? - Anwort z.B.: Gradient von Molekül x ist zuständig: wird publiziert. - Anwort z.B.: Gradient von Molekül x wurde getestet, spielt aber keine Rolle: wird publiziert (auch interessant, da x sonst eine große Rolle bei solchen Wanderprozessen spielt) - Nun der Mediziner: Lockt ein Gradient von Molekül x die Zellen B ins Knochenmark ? - Bei Antwort ja: wird publiziert - Bei Antwort nein: wird nicht publiziert (für manche Mediziner existiert hier nicht nur ein "negatives" Forschungsergebnis, sondern gar keines, sie denken dann, es wäre nichts rausgekommen, alles war umsonst) Lächerlich, Mediziner lernen es einfach nicht, obwohl Naturwissenschaftler mit ihrer Art des Umgehens mit Daten bzw. Egebnissen eigentlich so besser und häufiger in der Lage sind, zu publizieren, da es für sie einfach nur Ergebnisse gibt, für den Mediziner aber nur die "positiven" und er daher mehr Probleme hat, Daten zusammenzubekommen. Das erklärt wohl auch den teilweise sehr hohen Druck, die Mediziner ihren Mitarbeitern eineseits machen und die Nachlässigkeit in Korrektheit und Statistik, mit der sie publizieren.
Nee, nee, so funktioniert das nicht. Mediziner werten ihre Ergebnisse in der Regel mittels statistischer Test aus, und die sind von vornherein so konzipiert, dass man eine These entweder nachgewiesen hat (bis auf eine kontrollierte Irtumswahrscheinlichkeit) oder eben gar nichts nachgewiesen hat. Der Rückschluss, wenn die These nicht nachgewiesen würde, dann muss halt das Gegenteil richtig sein ist ungültig, auch wenn es vielleicht Ihrer Intuition widerspricht. Diese Problematik versteht man besser, wenn man sich ein wenig mit sogenannten 'Äquivalenztests' auseinandersetzt.

Diese Vorgehensweise gilt übrigens auch für den Naturwissenschaftler, sobald dieser statistische Tests verwendet.

"Negative Ergebnisse" bedeuten hierbei tatsächlich keine Ergebnisse! Aber auch die sogenannte Graue Literatur sollte mit einer entsprechenden Kennzeichnung unbedingt den Weg in die Journals schaffen. Das wäre aus verschiedenen Gründen für die Forschung wichtig. Frage mich, ob der SPON-Autor das hier verstanden hat?

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dr_tone 22.04.2010, 18:37
12. Erstaunlich

Ohne die Studie bei PLoS noch gelesen zu haben (http://www.plosone.org/article/info:....pone.0010271), halte ich das Ergebnis für erstaunlich: Konkurrenz, sagt der Autor, verschlechtert das Ergebnis. Das muss man sich ersteinmal auf der Zunge zergehen lassen. Konkurrenz führt nicht zu einer tatsächlichen Verbesserung des Outputs, sondern lediglich zu seiner positiveren Darstellung.

Irgendwie klingt das vertraut. Kritiker der freien Marktwirtschaft sagen ähnliches. Wenn ein Produkt schlecht ist, wird nicht der Preis gesenkt oder die Qualität gesteigert. Nein. Man startet eine Werbekampgne.

Genau das glaubt der Autor in der Wissenschaft festgestellt zu haben. Und irgendwie habe ich das Gefühl, er hat, wiewohl die Interpretation solcher Korrelationen immer etwas schwierig ist, er hat Recht. Aber ich zweifle sehr daran, dass es etwas ändern wird. Es drängen immer mehr Menschen auf den Wissensmarkt; China und Indien befeuern den Konkurrenzkampf zusätzlich. Solange entscheidend ist, wer zuerst publiziert; solange es Impact Faktoren, anonymes Peer-Review und Nobelpreise gibt, so lange, fürchte ich, ändert sich kein Deut an der Sache.

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chromatine 22.04.2010, 20:53
13. medizinisch/pharmazeutische vs. Grundlagenforschung

Zitat von BartSimpson
Nee, nee, so funktioniert das nicht. Mediziner werten ihre Ergebnisse in der Regel mittels statistischer Test aus, und die sind von vornherein so konzipiert, dass man eine These entweder nachgewiesen hat (bis auf eine kontrollierte Irtumswahrscheinlichkeit) oder eben gar nichts nachgewiesen hat. Der Rückschluss, wenn die These nicht nachgewiesen würde, dann muss halt das Gegenteil richtig sein ist ungültig, auch wenn es vielleicht Ihrer Intuition widerspricht. Diese Problematik versteht man besser, wenn man sich ein wenig mit sogenannten 'Äquivalenztests' auseinandersetzt. Diese Vorgehensweise gilt übrigens auch für den Naturwissenschaftler, sobald dieser statistische Tests verwendet. "Negative Ergebnisse" bedeuten hierbei tatsächlich ! Aber auch die sogenannte Graue Literatur sollte mit einer entsprechenden Kennzeichnung unbedingt den Weg in die Journals schaffen. Das wäre aus verschiedenen Gründen für die Forschung wichtig. Frage mich, ob der SPON-Autor das verstanden hat?
Der Unterschied zwischen medizinischer oder pharmazeutischer Forschung und Grundlagenforschung liegt nicht nur an der Statistik, sondern meiner Meinung nach an der Fragestellung. In der Medizin wird konkret eine bestimmte Behandlung oder ein Medikament getestet, ob es überhaupt wirkt oder ob die Wirkung besser als bei der Standardtherapie ist. Wenn ja, dann ist das schön für die Ärzte und das meist dahinter stehende Pharmaunternehmen, das oft gleichzeitig Geldgeber der Forschung ist, denn dann wird publiziert. Wird keine statistisch signifikante Verbesserung festgestellt (was vermutlich in der Mehrheit der Studien der Fall ist), dann kann das als negatives Ergebnis nur schwer publiziert werden. Dabei wäre das durchaus angebracht, schon alleine um unnötige Wiederholungen von Experimenten zu vermeiden.

In der Grundlagenforschung dagegen werden Zusammenhänge untersucht, wobei es von vornherein kein starres Ziel gibt. Weiß man z.B. dass bei erhöhter Menge von Protein A auch mehr Protein B hergestellt wird, dann wurde vielleicht in einer früheren Publikation die Hypothese aufgestellt, dass Protein A das Ablesen des Genes B erhöht, wodurch auch mehr Protein B gebildet wird. Eine andere Gruppe stellt dann aber fest, dass Protein A keine Auswirkungen auf Gen B hat, sondern Protein B stabilisiert, wodurch ebenfalls mehr Protein B vorhanden ist. Das ist zwar dann im Sinne der alten Hypothese ein „negatives“ Ergebnis, aber ein Paper mit dieser neuen Hypothese kann oftmals sogar besser publiziert werden als eines, das „nur“ eine alte Hypothese bestätigt, was ja irgendwie nichts Neues ist und damit „zu langweilig“ für gute Journale.

Vielleicht sollte ich das im Artikel besprochene Paper doch mal lesen, und zwar mit folgender Hypothese im Hinterkopf: Staaten mit hohem Anteil an positiven Ergebnissen der Studien werden möglicherweise von medizinischer bzw. pharmazeutischer Forschung dominiert. Das könnte zugleich „hohe Produktivität“ bedeuteten, da Mediziner meist mehr Publikationen in kürzerer Zeit haben, weil sie häufig Patientendaten statistisch auswerten wogegen Grundlagenforschung im Labor deutlich zeitaufwendiger ist.

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chromatine 22.04.2010, 21:18
14. Studie

Okay, jetzt habe ich mir diese Publikation mal kurz angeschaut. Bereits die erste Statistik spricht Bände: Von den Staaten mit dem niedrigstem Anteil an positiven Ergebnissen, North Dakota (25%) und Nevada (33%), sind lediglich 4 bzw 3 Publikationen in die Studie eingegangen. Da sind dann auch Standardabweichungen, die größer als die Balken selbst sind, kein Wunder. Die extremen Beispiele, die Spiegel hier im Artikel anspricht, sind also eher statistische Ausreißer, die aufgrund der ungleichmäßigen Auswahl der Publikationen zustande gekommen sein könnten...
Alle Werte für mehr als 10 Publikationen pro Staat liegen dagegen zwischen 70 und 100%. Aber das so im Spiegelartikel zu schreiben wäre ja wenig spektakulär, was auf die Attraktivität einer Veröffentlichung in den Medien wie ein negatives Ergebnis für Fachjournale wirken sollte. :-)

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chromatine 22.04.2010, 21:29
15. @Ernst Wurscht

Zitat von Ernst Wurscht
Wie man sich als intelligenter Mensch eine Karriere in Forschungsbetrieb antun kann werde ich nie verstehen.
Es ist spannend, abwechslungsreich und man wird immer wieder neu herausgefordert, muss neues lernen, kurz: es wird nie langweilig.

Zitat von Ernst Wurscht
* Seilschaften u. Neider überall
Kooperationen sind wichtig in der Forschung, aber Seilschaften? Und Neider habe ich noch keine bemerkt, dafür viele Gegner der Forschung...

Zitat von Ernst Wurscht
* Echte Stellen Mangelware. Prinzip Hoffnung auf eine feste Stelle.
Ja, das ist wirklich ein Problem. Wenn man eine Festanstellung will und nicht nur Jahresverträge, muss man der Grundlagenforschung den Rücken zukehren und in die Industrie gehen, wo es mir aber zu langweilig wäre.

Zitat von Ernst Wurscht
* Extrem mies bezahlt. Selbst den Ruhm erntet der Chef: Paper für andere schreiben, als Coautor nicht erwähnt,..
Die Bezahlung könnte besser sein (wer hätte nicht gerne mehr Geld?), aber man kann gut davon leben. Aber wenn man nicht das Rückgrat hat, sich gegen seinen Chef als Hauptautor seines eigenen Papers durchzusetzen, dann ist man in der Wissenschaft falsch aufgehoben... Oder sollte sich dringend einen anderen Chef suchen...

Zitat von Ernst Wurscht
* Pseudoforschung um Gelder einzutreiben, Auftragsforschung für Firmen die man nicht ab kann.
Man sollte sich seinen Arbeitgeber eben gut aussuchen. „Pseudoforschung“ und Auftragsforschung gibt’s in der Grundlagenforschung, die ja staatlich finanziert ist, nicht.

Zitat von Ernst Wurscht
* Idiotische Tätigkeiten: Siehe Pseudo- u. Auftragsforschung, Lehre, Verwaltungsmolloch.
Ob man Lehre mag oder nicht, es ist wichtig, für guten wissenschaftlichen Nachwuchs zu sorgen, das sollte man nicht als idiotische Tätigkeit bezeichnen.
Verwaltungsmoloch – wenn man seine Chefs ordentlich „erzieht“, dann ist das Meiste davon deren Aufgabe. :-)

Zitat von Ernst Wurscht
* Nomadenleben Da ist ja Schiffschaukelbremser attraktiver.
Nomadenleben kann auch Vorteile haben, je nachdem, wie man dazu steht. Alle 4-10 Jahre eine neue Stadt oder ein neues Land kennen zu lernen, ist auf jeden Fall spannend und abwechslungsreich.

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Quintus 23.04.2010, 08:39
16. Naja

Zitat von
Nomadenleben kann auch Vorteile haben, je nachdem, wie man dazu steht. Alle 4-10 Jahre eine neue Stadt oder ein neues Land kennen zu lernen, ist auf jeden Fall spannend und abwechslungsreich.
Dies mag bis 35 ja ganz vergnueglich sein, aber auf Dauer fuehrt ein solches Leben zu Burnout und Depressionen. Vor allem wenn es sich finanziell nicht ausreichend rentiert (feste Professur).

Ganz im ernst: Ich habe schon einige "Postdocs" in meinem Leben gesehen, die mit mitte/ende 30 total durch den Wind waren.
Wenn man optisch und sozial genug hermacht, um spaeter relativ schnell Karriere zu machen, kann man relativ guten gewissens promovieren, aber mindestens 80% der Menschen in der Forschung erfuellen diese Kriterien eben nicht.

Das sind dann ganz schnell "spezialisten" die eigentlich keiner mehr wirklich braucht/will.

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