Forum: Wissenschaft
Selbstbild: Innenansichten der Psyche

Uns selbst erscheint es stabil und klar, Forscher sehen in ihm ein sich ständig wandelndes Mosaik des Geistes: das Ich. "Gehirn und Geist"-Autor Steve Ayan erklärt, warum persönliches Erleben und Wissenschaft so weit auseinander klaffen - und warum unser Selbstbild so leicht manipulierbar ist.

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Tastenhengst 25.07.2010, 18:00
1. "Wissenschaft" für den Abfalleimer

Zitat von sysop
Uns selbst erscheint es stabil und klar, Forscher sehen in ihm ein sich ständig wandelndes Mosaik des Geistes: das Ich. "Gehirn und Geist"-Autor Steve Ayan erklärt, warum persönliches Erleben und Wissenschaft so weit auseinander klaffen - und warum unser Selbstbild so leicht manipulierbar ist.
Persönliches Erleben und Wissenschaft klaffen deswegen so weit auseinander, weil die "Wissenschaftler" die Begrifflichkeiten einfach anders verwenden als wir in unserem Alltagssprachgebrauch. Beispielsweise werden nicht quantifizierbare Eigenschaften (z.B. Selbstvertrauen oder Egoismus) mit Fragebögen "gemessen". Wer bestimmte Fragen anders beantwortet, gilt als egoistischer oder selbstvertrauter. Das ganze wird dann als exaktes Meßergebnis betrachtet und so weitergerechnet, dabei hat man nur die Definition des Studienleiters und die willkürlichen Fragebogenscores als Proxy verwendet. Das ist aber nicht die Eigenschaft, von der wir normalerweise sprechen.

Unzulässig ist auch, von der Aktivität in einem bestimmten Gehirnareal über den Inhalt der Gedanken zu spekulieren. Nur weil man weiß, daß ein bestimmtes Areal z.B. bei der Verarbeitung von bestimmten Emotionen aktiv ist, heißt das noch lange nicht, daß jede Aktivität in dem Areal diese Emotionen im Unbewußten aufdecken würde.

Noch so ein Beispiel:
Zitat von
Der Grad dieser Vorliebe zeigt das implizite Selbstwertgefühl des Probanden an: Erkennt etwa Peter systematisch schneller positive Wörter, die mit seinem Namen assoziiert sind ("patent") als negative ("pedantisch"), so verrät dies einiges über seine Person.
Oder es verrät, daß Peter einen einfacher wiedererkennbaren Namen hat als Edelgunde.

Bei solch abenteuerlichen Spekulationen klafft persönliches Arbeiten der Psychologen und Wissenschaft auch sehr weit auseinander.

Und der Link am Ende des Artikels ist auch falsch.

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bismarck_utopia 25.07.2010, 20:05
2. Ich und ich

Ups, da scheint im Artikel jemand das tranzendentale Subjekt der Philosophie mit dem Ich der Psychologie (=Persönlichkeit) zu verwechseln. Die Argumentation gegen die Erkenntnis von Descartes geht also völlig ins Leere.

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LouisWu 25.07.2010, 20:08
3. ...

Zitat von Tastenhengst
..Unzulässig ist auch, von der Aktivität in einem bestimmten Gehirnareal über den Inhalt der Gedanken zu spekulieren. Nur weil man weiß, daß ein bestimmtes Areal z.B. bei der Verarbeitung von bestimmten Emotionen aktiv ist, heißt das noch lange nicht, daß jede Aktivität in dem Areal diese Emotionen im Unbewußten aufdecken würde...
Das ist aber zumindest äußerst wahrscheinlich. Die Psychologie ist sicherlich keine exakte Wissenschaft, schon weil sie - wie Sie ja auch berechtigterweise kritisieren - sehr von der Interpretation von Sprache abhängig ist. Die Neurobiologie dagegen ist eine exakte Wissenschaft, wenn sie auch noch in den Kinderschuhen steckt. Die Erkenntnisse, die bisher dabei gewonnen wurden, sind enorm.
Zitat von Tastenhengst
..Noch so ein Beispiel: Oder es verrät, daß Peter einen einfacher wiedererkennbaren Namen hat als Edelgunde....
So hatte es der Verfasser nicht gemeint und geschrieben. Er schrieb, dass jemand der "Peter" heißt, eher mit "P" beginnende positive Wörter erkennen wird, wenn er zu einer leichten Selbstüberschätzung neigt. "Edelgunde" würde dann auf "E" abfahren.

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Krawallbürste 25.07.2010, 20:08
4. "Methodik" für den Mülleimer

Zitat von Tastenhengst
Und der Link am Ende des Artikels ist auch falsch.
Ebenso wie die Schreibweise des Namens des ersten Autors von "When do primes prime? The moderating role of the self-concept in individuals’ susceptibility to priming effects on social behavior." - Der Artikel ist verfasst u.a. von Dirk Smeesters, nicht "Smeeters".

Ich stimme Tastenhengst voll und ganz zu. Forscher, die sich im weiträumigen und noch weiter expandierenden Feld zwischen Kognitionspsychologie und Neurobiologie bewegen, sollten sich zunächst mit zulässigen Methoden beschäftigen anstatt verfrühte Schlüsse zu ziehen!
Gerade Fragebögen zur Erfassung von Persönlichkeitseigenschaften sind ein schwaches Glied in so etlichen Hypothesenverkettungen, da sie oft an alles andere als zufällig ausgewählten Gruppen von Probanden validiert werden (zumeist amerikanische oder westeuropäische Bachelorstudenten). Und wenn unser Selbstbild so leicht manipulierbar ist, wie aussagekräftig ist dann ein Fragebogen, der zu einem gewissen Zeitpunkt nach unbeabsichtigtem Priming durch die "Außenwelt" (wann werden wir nicht unmittelbar durch irgendetwas beeinflusst?) eine künstlich abgesteckte Persönlichkeitseigenschaft messen soll?

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Scheidungskind 25.07.2010, 20:13
5. Die Wissenschaft und die innere Welt

Für mich krankt das arbeiten vieler Wissenschaftler über Themen wie Selbstwert oder Glück an dem Innenleben der Wissenschaftler selbst:

Die Präferenz von Rationalität vor Emotion, die WISSENschaftlern innewohnt, macht blind für die innere Realität sehr vieler Menschen. Mit Tests, Statistiken und ohne Empathie ist diese nicht zu erfassen.

Oder wie ist es sonst erklärbar, dass die Glücksforschung das Glück nur für einen kurzzeitig erreichbaren Zustand hält? Mag ja für viele Menschen so sein - allein je einfacher ein Mensch gestrikt ist, umso zufriedener ist er - und dies jeden Tag!

Ich behaupte gar, jeder von Geburt an geistig behinderte Mensch empfindet mehr Freude, als ein noch so gebildeter, erfolgreicher und hochbezahlter Manager und dies auch noch unabhängig von aktuellen familiären Verhältnissen.

Dies mag den Idealen unserer Gesellschaft widersprechen - darum kümmert sich die Psyche aber nun mal nicht. Und so werden weiter Wahrsager, Astrologen und andere "einfühlsame Dienstleister" das Vertrauen weiter Bevölkerungskreise genießen.

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rabenkrähe 25.07.2010, 21:21
6. Selbst-Erkenntnis

Zitat von Scheidungskind
Für mich krankt das arbeiten vieler Wissenschaftler über Themen wie Selbstwert oder Glück an dem Innenleben der Wissenschaftler selbst: Die Präferenz von Rationalität vor Emotion, die WISSENschaftlern innewohnt, macht blind für die innere Realität sehr vieler Menschen. Mit Tests, Statistiken und ohne Empathie ist diese nicht zu erfassen. Oder wie ist es sonst erklärbar, dass die Glücksforschung das Glück nur für einen kurzzeitig erreichbaren Zustand hält? Mag ja für viele Menschen so sein - allein je einfacher ein Mensch gestrikt ist, umso zufriedener ist er - und dies jeden Tag! Ich behaupte gar, jeder von Geburt an geistig behinderte Mensch empfindet mehr Freude, als ein noch so gebildeter, erfolgreicher und hochbezahlter Manager und dies auch noch unabhängig von aktuellen familiären Verhältnissen. Dies mag den Idealen unserer Gesellschaft widersprechen - darum kümmert sich die Psyche aber nun mal nicht. Und so werden weiter Wahrsager, Astrologen und andere "einfühlsame Dienstleister" das Vertrauen weiter Bevölkerungskreise genießen.

......

Das Problem ist ja, daß der Mensch, sei er nun Wissenschaftler oder sonstwas, sein Leben braucht, um sich selber halbwegs kennenzulernen, woran schon die allermeisten erbärmlich scheitern. Und je weniger sich jemand kennt, desto besser kann er auch manipuliert werden.
rabenkrähe

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LouisWu 25.07.2010, 21:22
7. ...

Zitat von Scheidungskind
..Die Präferenz von Rationalität vor Emotion, die WISSENschaftlern innewohnt, macht blind für die innere Realität sehr vieler Menschen. Mit Tests, Statistiken und ohne Empathie ist diese nicht zu erfassen........Ich behaupte gar, jeder von Geburt an geistig behinderte Mensch empfindet mehr Freude, als ein noch so gebildeter, erfolgreicher und hochbezahlter Manager und dies auch noch unabhängig von aktuellen familiären Verhältnissen...
So ist es also wünschenswert, geistig behindert zu sein, weil man dann glücklicher ist? Halten Sie es für den höchsten Sinn des Daseins, "glücklich zu sein"?

Sollte das der Fall sein, so ist "Glück" mittlerweile mit geeigneten Drogen und Medikamenten relativ einfach zu erreichen. Das wäre sicher passend für eine Gesellschaft, die den Hedonismus zur Quasi-Staatsreligion erklärt hat, jeder Konfrontation daher um jeden Preis ausweicht und von Bürgern mit immer schlechteren Nerven gebildet wird.

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de.nada 26.07.2010, 00:29
8. ∄ ≉ ∈

So, wir fragen uns noch, ob wir angesprochen sind, oder nur ich ?
Wie uns neulich vor Augen kam, geht es andern fast ähnlich.
Die schrieben nämlich : Eigentlich bin ich anders, aber ich komm gar nicht mehr dazu. ;)

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Pnin_ 26.07.2010, 06:33
9. Interessanter Artikel

Endlich mal wieder ein interessanter Artikel auf spon.

Leider ist es auch leicht frustierend zu erfahren, wie wenig man 'selber' in seinem Leben bestimmen kann...

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