Forum: Wissenschaft
Stammzell-Streit: Forscher zanken um vermeintliche Wunderzellen

Es schien ein spektakulärer Durchbruch: Tübinger Wissenschaftler hatten Stammzellen aus den Hoden erwachsener Männer gezüchtet. Doch Kollegen melden Zweifel an, offenbar handelt es sich um schlichtes Bindegewebe. Zwischen den Forschern ist nun ein heftiger Streit entbrannt.

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Dumme Fragen 24.06.2010, 21:05
1. OT: Spermatogenese

Mal ne Frage, falls ein Stammzellforscher hier im Forum unterwegs sein sollte: wenn jemand nach einer Chemotherapie keine Spermien mehr bildet, könnte er trotzdem (mal auf die nächsten 10-15 Jahre geschätzt) doch noch Vater werden?

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Wolf Siepen 24.06.2010, 22:24
2. Der Mensch hat keine 40.000 Gene!

Sehr geehrte Frau Briseño,

eine Zahl in ihrem Artikel ist mir ins Auge gesprungen: 40.000, die Zahl der untersuchten Gene in den (menschlichen) Zellen. Diese Zahl ist zu hoch! Der Mensch hat nach derzeitigem Erkenntnisstand 20.000 bis 25.000 Gene.

Hier ein aktueller Artikel dazu:
http://genomebiology.com/2010/11/5/206

Eine Genexpressionanalyse liefert häufig mehrere Messwerte für das gleiche Gen, daher kann man auf 40.000 Messwerte kommen.

Ansonsten ein interessanter und spannender Artikel!

Freundliche Grüße,

Wolf Siepen

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wincel 24.06.2010, 22:41
3. nachgefragt

Er kann nur Vater werden, wenn er gesunde Spermien bildet oder sich welche vorher hat einfrieren lassen. Daher verstehe ich die Frage nicht ganz.
Geht es darum, ob die Spermatogenese wieder einsetzen kann nach Chemotherapie? Das hängt wohl von Dosis und Art der Chemotherapie ab (http://www.morbus-hodgkin.de/infoserv/hd09.htm).

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az75 24.06.2010, 23:20
4. eher nicht

Zitat von Dumme Fragen
Mal ne Frage, falls ein Stammzellforscher hier im Forum unterwegs sein sollte: wenn jemand nach einer Chemotherapie keine Spermien mehr bildet, könnte er trotzdem (mal auf die nächsten 10-15 Jahre geschätzt) doch noch Vater werden?
Halte ich für annähernd ausgeschlossen, definitiv nicht innerhalb absehbarer Zeit. Das, was bisher mit den iPS etc. in diese Richtung läuft, ist reine Forschung und Lichtjahre von der klinischen Anwendung entfernt... und es ist auch fraglich, inwieweit es da überhaupt mal Übertragungen geben wird.
Es ist einfach nicht abzuschätzen, was für Folgen es hätte, eine alte(!) humane Körperzelle zu reprogrammieren und dann für die Fortpflanzung zu nutzen... zu erwarten wären sicher ähnliche Mängel der entstehenden Organismen wie schon beim Klonen.
Und das sind nur die technischen Hindernisse, von den ethisch-moralischen ganz abgesehen (da fliegt doch sicher irgendwo noch ne Hautschuppe vom alten Adolf rum... wäre eigentlich eine Idee für "Boys from Brasil II").
Daher meien Meinung : Das ist noch auf Dekaden Zukunftsmusik.

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fritzende 24.06.2010, 23:28
5. Es gibt nichts Unvergleichbares

Wenn Skutella et al. schreiben:
"The populations of human testicular fibroblast cells (hTFCs) described by Ko et al.1 are a completely different cell population and are not comparable to haGSCs." (Quelle: Nature, http://www.nature.com/nature/journal...ture09090.html)

dann widersprechen sie sich selbst:

Einerseits behaupten sie, diese Zellen seien "not comparable". Andererseits schreiben sie, die Zellen seien "completely different".

Skutella et al verwechseln vergleichbar-sein mit gleich-sein.
Es gibt nichts Unvergleichbares.
Vgl. http://vergleichsmethode.wordpress.com

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frau trallala 25.06.2010, 00:51
6. ---

Zitat von Dumme Fragen
Mal ne Frage, falls ein Stammzellforscher hier im Forum unterwegs sein sollte: wenn jemand nach einer Chemotherapie keine Spermien mehr bildet, könnte er trotzdem (mal auf die nächsten 10-15 Jahre geschätzt) doch noch Vater werden?
Ich bin zwar leider kein Stammzellforscher, habe aber genug mit Zellen zu tun um bei dem Thema einigermaßen auf dem Laufenden zu sein ;)

Prinzipiell müsste es auf jeden Fall irgendwann möglich sein, und die erforderlichen Einzellschritte sind in den letzten Jahren auch schon gelungen.

Erstens hat man im Jahr 2006 erstmals sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen (ipS) erzeugen können. Das sind Stammzellen die ähnlich wie embryonale Stammzellen in der Lage sind, sich zu jedem Zelltyp zu entwickeln, also theoretisch auch zu Spermien.
IPS haben den Vorteil, dass man sie nicht aus Embryonen gewinnen muss sondern dass man "einfach" die Zellen eines Erwachsenen (z.B. Bindegewebszellen) "zurückprogrammiert".

Mitte letzten Jahres gab es dann eine Meldung, dass es angeblich gelungen ist, Spermien aus embryonalen Stammzellen zu gewinnen. Schon damals gab es einige Zweifel an dieser Studie und als ich gerade nochmal auf der Suche nach dem Orginal-Artikel war, musste ich feststellen dass die Fachzeitschrift ihn mittlerweile auch zurückgezogen hat, warum auch immer.
Einen SpOn-Artikel habe ich dazu aber übrigens gefunden.

Diese beiden Methoden - Gewinnung von pluripotenten Stammzellen aus normalem Körpergewebe und Umprogrammierung von Stammzellen in Spermien - wären also die Lösung für das Problem.
Allerdings sind diese Techniken noch zu neu um ausreichend erforscht zu sein und man weiß nicht sicher, ob die so erzeugten Zellen wirklich in allen Punkten Stammzellen bzw. Spermien gleichen. Deshalb wäre es zum jetzigen Zeitpunkt natürlich unverantwortlich zu veruschen daraus ein Baby zu erzeugen.
Ob das in 10-15 Jahren klappt, lässt sich schwer sagen, übrigens nicht nur aus biologischer Sicht sondern auch was die strengen Gesetze zum Umgang mit Stammzellen und Embryonen betrifft.

Allerdings entwickelt sich die Forschung auf diesem Gebiet extrem schnell weiter.
Beispielsweise ist erst im Februar in Nature eine andere Methode erschienen, in der Hautzellen direkt in Nervenzellen umgewandelt wurden, ohne erst den Umweg über Stammzellen zu gehen.

Es werden laufend neue Erfolge publiziert und bei diesem Tempo ist es wohl auch nur noch eine Frage der Zeit, bis sich aus Körpergewebe Spermien herstellen lassen, obwohl 10 Jahre vielleicht etwas optimistisch sind.
Es würde mich zwar nicht überraschen wenn das bis dahin klappt, allerdings dauert es meistens auch noch einige Jahre bis solche neuen Behandlungen dann auch am Menschen zugelassen werden.

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Dynamike 25.06.2010, 08:36
7. Hallo Dumme Fragen

, üblicherweise lässt man sich vor der Chemotherapie Spermien entnehmen und lagert diese dann, so das in Zukunft noch eine künstliche Befruchtung vorgenomen werden kann.

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HB8 25.06.2010, 08:48
8. Zweifel sind immer gut...

...allerdings auch, was die aktuelle Arbeit der Überprüfung von den Tübinger Ergebnissen angeht. Skutella hat recht, wenn er argumentiert, dass der vorgenommene Vergleich der Genexpressionsprofile nicht zulässig ist (oder zumindest irreführend sein kann). Die verwendete Methode mag zwar viele zehntausend Gene abbilden. Hierfür benötigt man jedoch Material aus vielen Zellen. Die wenigen Zellen, die sich anders verhalten, also ein anderes Genexpressionsprofil haben, gehen bei diesem Verfahren quasi unter, d.h. sie können nicht erfasst werden. Das ganze sieht eher nach Befindlichkeiten in der wissenschaftlichen Landschaft aus. Bin schon mal gespannt, wie das ausgeht.

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andrej s. 25.06.2010, 08:52
9. ..

Das hängt von einer Reihe von Faktoren ab. Abhängig vom Alter, sonstigen Gesundheitszustand sowie genetischen Effekten kann man generell nur schwer eine Aussage treffen ob sich das Spermien-nicht-bilden revidieren lässt, sich von allein wieder einpegelt oder ob es bleibt. Ihr Onkologe kann Ihnen da mehr sagen.

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