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Wirklichkeit und Fiktion: Das Wesen des Unvorstellbaren

Kann man sich von unmöglichen Dingen eine Vorstellung machen? Auf der Suche nach einer Antwort streift Oswald Egger in einem Essay Poesie, semantische Paradoxa und die Philosophie.

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joschid 28.02.2009, 09:15
1. Lewis Carroll

"There is no use trying," said Alice; "one can't believe impossible things." "I dare say you haven't had much practice," said the Queen. "When I was your age, I always did it for half an hour a day. Why, sometimes I've believed in as many as six impossible things before breakfast."

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Wolfgang Jung 28.02.2009, 09:41
2. Bahnhof

Ich versuche mir gerade den Bahnhof vorzustellen, wenn ich Bahnhof verstehe.

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Wolfgang Jung 28.02.2009, 10:04
3. Höpftbönnöff (James Krüss 1959)

Eine Zeitung für die Bienen,
Die vor Jahren schon erschienen,
Kennt man gut in Stadt und Land.
Aber dass die Küchenschaben
Auch schon eine Zeitung haben,
Das ist weniger bekannt.
Täglich liest man dort
Nur das eine Wort:
Höpftbönnöff!

Bei den dummen Küchenschaben
Gibt es manchen klugen Knaben
Der verschiedene Sprachen spricht.
Das sind hochgescheite Wesen,
Aber schreiben oder lesen
Können Schaben leider nicht.
Schreiben sie was hin,
Gibt es keinen Sinn:
Höpftbönnöff!

Als die Schaben ihre Zeitung
Gründeten mit viel Bedeutung,
Gingen sie zur Druckerei.
Und sie sagten: "Druckt uns heute
Eine Zeitung, liebe Leute!
Was ihr druckt, ist einerlei."
Sie verschwanden dann.
Und so druckte man:
Höpftbönnöff!

Niemand von den Küchenschaben,
Welche eine Zeitung haben,
Kann sie lesen und verstehn.
Trotzdem kaufen sie sich Brillen,
Und dann tun sie ganz im Stillen,
Als sei Lesen wunderschön.
Doch in Wirklichkeit
Steht dort groß und breit:
Höpftbönnöff!

Wenn die Bien oder Mücken
In die schabenzeitung blicken,
Lachen sie sich krumm und schief.
Aber wenn die die Küchenschaben
In der Hand die Zeitung haben,
Dann bewundern sie sie tief.
Voll Bewunderung
Lesen sie mit Schwung:
HÖPFTBÖNNÖFF!

"Komische Viecher, diese Schaben", sagte ich. "Was mag das Wort Höpftbönnöff bedeuten, Urgroßvater?"
"Wahrscheinlich sollte es Hauptbahnhof heißen, Boy! Aber du kannst dir wohl denken, dass Küchenschaben sich unter einem Hauptbahnhof schwerlich etwas vorstellen können. Man muss die Dinge erlebt haben, über die man spricht. Sonst sind die Wörter so leer und komisch wie deine Hose und dein Hemd da auf dem Stuhl."
"Dann sind die Wörter ja Kleider, mit denen man die ganze Welt anzieht, Urgroßvater!"
"Jawohl, Boy, so ungefähr ist es. Aber durch die sprache wird sie so gesittet und ordentlich wie du durch deinen Anzug."

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de.nada 28.02.2009, 10:32
4. Experimentelle Reflexion

Zitat von sysop
Kann man sich von unmöglichen Dingen eine Vorstellung machen? Auf der Suche nach einer Antwort streift Oswald Egger in einem Essay Poesie, semantische Paradoxa und die Philosophie.
Das ist, denke ich, mehr als nur gestriffen.
Er versucht es wie einen Versuch aussehen zu lassen die Bereiche auch verbinden zu wollen ohne zu wissen wofür und warum, und, ob das wie gelungen ist, bleibt als ungefragte Frage schwebend. ;)

Heißt dieser Stil nicht "experimentelle Lyrik" ?

Aber wer weiß schon ob er das wissen will. Erinnert ein bisschen an Bob Ross, den Fernsehmaler der kein Künstler sein wollte, was er auch sicher nicht war. Der wird ja sehr unterschiedlich bewertet und beschrieben. Leute die von Kunst etwas verstehen lehnen es als Kitsch ab, und Leute die von Kunst nichts verstehen nennen es Kunst. Weil sie aber von Kunst nichts verstehen, können sie nicht sagen welche Kunstrichtung das den sein soll.

Ich habe mir als Kompromiss mal "Refleximpressionist" gedacht, das ist zwar keine Kunst, klingt aber so.

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d01phi 28.02.2009, 11:25
5. Gähn...

Ein beliebter Sport unter Philosophen ist, seinen Kopf gegen sprachliche Mehrdeutigkeiten und Paradoxa zu schlagen, bis es weh tut - dem Philosophen selber, aber auch dem Leser. Ein weiteres Beispiel ist Oswald Egger.

Die moderne Neurowissenschaft und die Informatik liefern die Einsichten, die helfen, ohne Gefahr für die geistige Gesundheit mit diesem Kram umzugehen:

1. Das Gehirn ist ein mannigfaltig verschalteter Apparat aus verschiedensten recht spezialisierten Funktionseinheiten. Eine davon ist eine reflektierenden Einheit, die die Selbstwahrnehmung generiert, und deren Wesen m.e. das letzte verbliebene Mysterium der Philosphie ist. Dass es sich hierbei mindestens teilweise um eine physische Einheit handelt, zeigt sich bei Hirnverletzungen und bei der Narkose - die Selbstwahrnehmung wurde physisch außer Kraft gesetzt, man ist bewusstlos. Dass es vielleicht zusätzlich noch etwas anderes ist, darauf könnten Ergebnisse der Parawissenschaften hindeuten.

2. Zu den Fähigkeiten des Gehirns zählt das Bilden von logischen Schlussfolgerungsketten, sowie das Umwandeln von externer Information (Sprache, Schrift) in die "interne Darstellung". Diese Umwandlung ist meist nicht exakt, sondern hängt u.a. vom aktuellen internen Zustand des wahrnehmenden Gehirns ab.

3. Es gibt externe Darstellungen von Information, die, wenn man sie einer virtuellen Maschine - oder einem Hirn mit den unter 2. beschriebenen Fähigkeiten - verabreicht und auf START drückt, zu einer unendlichen Rekursion o.ä. führt. Dies bringt den Computer zum Stack-Overflow, den Menschen nach längerem Nachdenken zu Frustration und der Erkenntnis, dass hier die Logik versagt. Der Job des Informatikers ist es, festzustellen, dass es sich hier um einen Bug im Programm oder eine Eingabe für das Programm handelt, die zum Overflow führt.

Sprachphilosophen hingegen machen unbeirrt weiter, faseln von Mysterien und schwelgen in wabernden semantischen Assoziationswolken, wo es eine systembedingte Notwendigkeit gibt. Andere Zweige der Philosophie versuchen axiomatische Regeln aufzustellen, womit sich Paradoxa vermeiden lassen. Dass das nicht geht, hat uns Kurt Gödel gezeigt.

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schna´sel 28.02.2009, 11:43
6. Ich töte

Geh weg komm her
morgen bist du tot
heute leben, morgen schweben
sag wie es ist nicht zu sein
zu haben und zu fühlen
sag nein zum sterben
nein zum leben
jegliche Bewegung entfällt
bzw. nicht verstehen
weitergehen, erst begreifen
dann verstehen, herausnehmen
aus dem Fluss der Zeit
tötet das Ich alles was es versteht
indem es nur scheinbar selbst sich
nicht bewegt aber es wächst um zu
vergehen. Müdigkeit, minderwertiges nicht
können wollen dürfen aus Lust Spaß
an der Freud verkaufen die Lust
Geschäft ist Krieg der Spielautomat
der kleine Gewinn
die Pfütze die Schürze der Hund
Grütze Würze der Mund
Geschichte der Wahnsinn ein Mann
ein Bogen kein Bild doch ein Bann

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Emmi 28.02.2009, 11:50
7. Sprache und die Welt...

Die Sprache kann nicht alles beschreiben, was es in der Welt gibt, weil wir längst nicht alles kennen, was es in der Welt gibt und demzufolge auch keine Begriffe für das haben können, was wir nicht kennen.
Zum Ausgleich kann die Sprache aber Dinge beschreiben, die es in der Welt (wahrscheinlich) nicht gibt, weil wir uns Begriffe machen können für Dinge, die wir nicht kennen müssen, sondern uns nur erdacht zu haben brauchen.

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reuanmuc 28.02.2009, 12:14
8. .

Zitat von sysop
Kann man sich von unmöglichen Dingen eine Vorstellung machen? Auf der Suche nach einer Antwort streift Oswald Egger in einem Essay Poesie, semantische Paradoxa und die Philosophie.
Die Sprache liefert Zeichen für eine Fülle von Dingen, die man beliebig kombinieren kann. Aus (sprachlichen) Atomen kann man jede beliebige Welt bauen, wenn man die Baugesetze, die Interfaces der Atome, ihre Präformationen, ignoriert. Da die Atome unveränderlich sind, ist die Phantasie zwar quantitativ endlos, qualitativ aber determiniert, die Welt bleibt immer dieselbe, Vorstellungen bleiben kommunizierbar.

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Dr. Baums Zimmer 28.02.2009, 13:52
9. .... Grundantriebsmaschine

Zitat von sysop
Kann man sich von unmöglichen Dingen eine Vorstellung machen? Auf der Suche nach einer Antwort streift Oswald Egger in einem Essay Poesie, semantische Paradoxa und die Philosophie.
In einer symbolvermittelten Realität fühlend und handelnd sind wir uns selbst ständig voraus aber auch 'unendlich' hinter dem, was wir sind, sagen und tun zurück.

Hegel schrieb dazu: "....aber die Wirklichkeit dieses Seins ist ihr Ende"

Nur so ist Fortschritt, auch als Versuch, Vorstellungen des zunächst Unmöglichen zu gewinnen, verstehbar, im Denken und Handeln überhaupt erst möglich!

Alles andere wäre das Hier-und-Jetzt zum Preis eines Scheintodes etwa in der meditativen Versenkung des Zen.
Oder das Hier-und-Jetzt in der absichtslosen unpersönlichen Tat eines Ichlosen Mystikers.

Beides führt den Geist nur immer wieder auf seine ihm eigene Leere zurück- also Nirgendwohin....

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