Windsurfing "Die Mutter aller Trendsportarten"

Frei auf einem wackeligen Brett, mitten im Meer: Die Erfindung des Windsurfens begeisterte ab 1967 weltweit die Jugend. Doch die Geschichte des lockeren Trendsports beginnt angeblich mit einem Verrat.
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Vorreiter: In Bremen gründete Jürgen Charchulla, hier auf Hawaii, Anfang der Siebzigerjahre einen der ersten Surfshops Europas, während sein Zwillingsbruder Manfred am Möhnesee schon sehr früh Regatten organisierte und Surfkurse anbot. Die als "Surftwins" bekannten rotbärtigen Pioniere des Sports sorgen bis heute als Stimmungskanonen auch abseits des Wassers für gute Laune - etwa wenn sie mit ihrer Band The Steeltwins auftreten.

Die ganz große Windsurf-Welle traf die Bundesrepublik allerdings erst in den Achtzigerjahren - und machte das Nischenphänomen zum Volkssport.

Foto: Archiv Manfred und Jürgen Charchulla
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In die Luft gehen: Der lange Bart ist gut erkennbar - einer der Charchulla-Zwillinge 1979 in Aktion. Das Springen wurde mit den kürzeren Windsurfbrettern, den Funboards, deutlich einfacher.

Foto: Archiv Manfred und Jürgen Charchulla
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Bayrischer Meister und EM-Zweiter: Als das 1967 erfundene Windsurfen 1973 in der Bundesrepublik schlagartig populär wurde, sammelte Ernstfried Parde (Bild), einst ein passionierter Segler, gleich die ersten Titel ein. Er verdankt das seinem Talent, einem vierwöchigen Training in San Sebastián auf unruhiger Atlantik-Dünung - und seiner schlaksigen Statur: Denn anfangs gab es noch keine Gewichtsklassen; schwere und kräftige Sportler waren klar im Nachteil. Erst bei der WM 1974 wurden vier Gewichtsklassen eingeführt und trotzdem wurde noch ein wenig gemogelt: Wer an der Grenze lag, erzählt Prade, "trank vor dem Wiegen literweise Wasser, um in eine höhere Gewichtsklasse zu kommen".

Vom 25.5. bis 28.5. 2017 wird auf Fehmarn  bei einem großen Surffestival  an den 50. Geburtstag des Windsurfens erinnert.

Foto: Ernstfried Prade
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Trockenübung: Wer sich noch nicht sofort ins Wasser wagte, konnte bei Ernstfried Prades erster Surfschule am Starnberger See zunächst einmal im Trockenen trainieren - oder einfach zuschauen.

Foto: Ernstfried Prade
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Eleganter Abgang: Surf-Pionier Ernstfried Prade 1973. Bei Unfällen brach er sich auch schon einmal Rippen, und doch blieb er der Sportart bis heute treu. Prade sieht die Zukunft im Wassersport zwar in der Hydrofoil-Technik, bei der unter dem Wasser liegende Tragflügel den Rumpf eines Gefährts über das Wasser heben - und so eine immens hohe Geschwindigkeit erzielt wird. Und doch liebt es der 71-Jährige nach wie vor, ganz ursprünglich mit seinem Windsurf-Brett über das Wasser zu sausen.

Foto: Ernstfried Prade
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Skandaltitel: Das "surf"-Magazin erschien ab Mai 1977 und machte den Sport in Deutschland noch populärer. Die Auflage stieg von 15.000 auf bis zu 100.000 in den frühen Achtzigerjahren, während denen das Magazin auch diesen umstrittenen Nackt-Titel wagte. Erster Chefredakteur war der junge Journalist Ulrich Stanciu, der zusammen mit Peter Brockhaus das erste Buch zum Windsurfen verfasst hatte. 1976 war Stanciu von dem Verleger Konrad Wilhelm Delius angeworben worden. Delius, der auch die Titel "Yacht" und "boote" vertrieb, hatte ein Gespür für die Zugkraft des neuen Sports und investierte 1,5 Millionen Mark in das neue Heft, das zur erfolgreichsten Special Interest-Zeitschrift aufstieg.

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...oder hier Prinz Edward, der jüngste Spross der britischen Königin Elisabeth. Auch...

Foto: TIM GRAHAM/ picture alliance / AP Photo
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...der junge Rudi Carrell (Foto von 1977) war von dem Surf-Virus Infiziert, das ab den frühen Siebzigern von den USA auch ganz Europa packte. Zu den prominenten Anhängern gehört auch TV-Kollege...

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...Michael Schanze, hier eine Aufnahme von 1976. Auch der Fußball-Weltmeister...

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...und Torhüter-Legende Sepp Maier vom FC Bayern München liebte den neuen Trendsport.

Foto: imago/Fred Joch
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Surfen statt Alpenglühen: "Die Mutter aller Trendsportarten" breitete sich auch in der Schweiz aus, "wo sie immer attraktiver wird", so die Original-Bildbeschreibung der Fotoagentur aus dem Jahr 1979. Diese jungen Schweizerinnen trainieren auf dem Luganersee, wo kurz zuvor eine erste Surfschule eröffnet hatte. Auch...

Foto: imago/ZUMA/Keystone
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...in Kanada war der Sport im selben Jahr äußerst populär.

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Der Unbesiegbare: Bei rund acht Windstärken springt Windsurflegende Robby Naish 1999 beim World Cup vor Westerland auf der Nordseeinsel Sylt sechs bis sieben Meter hoch in die Luft. Naish hatte schon im Alter von elf Jahren mit dem Windsurfen begonnen, gewann mit 13 Jahren 1976 auf den Bahamas seine erste Weltmeisterschaft und dominierte...

Foto: Kay_Nietfeld/ picture-alliance / dpa
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...die Szene und Weltmeisterschaften über Jahrzehnte. Auch im Kite-Surfen, mit dem er erst spät begann, wurde er Weltmeister.

Foto: imago/Thomas Zimmermann
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Windmaschine an! Erstmals wurde Windsurfen im Januar 1973 auf der Düsseldorfer Messe "boot" einem größeren Publikum vorgestellt. Geschickt ließ Surf-Pionier Calle Schmidt ab und an ein paar junge Damen im Hallenbecken der Messe ein paar Runden drehen - dafür wurde extra eine Windmaschine angeworfen. Ab und an stieg er auch selbst in Anzug und Krawatte aufs Brett. Die Messe war ein großer Erfolg für ihn: Insgesamt verkaufte er 300 Bretter.

Foto: Archiv Calle Schmidt
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Der Pionier: Der Sylter Calle Schmidt brachte im April 1972 die ersten zwei Surfbretter nach Deutschland. Schnell spürte er die Faszination des in Europa noch unbekannten Sportes und baute ein Händlernetz auf. Seine Ware bestellte er bei dem US-Amerikaner Hoyle Schweitzer, der das Patent an der Technologie besaß. Hergestellt wurden dessen hochwertige Bretter von Dupont. Für Europa aber übertrug Schweitzer die Produktionslizenz 1973 an die holländische Firma TenCate. "Die stellten anfangs Bretter von grauenvoller Qualität her", erinnert sich Schmidt. "Die hatten überall Dellen und fielen bei Hitze in sich zusammen wie eine alte Salatgurke." Vorreiter Schmidt wurde in der sich turbulent entwickelnden Windsurfing-Szene 1974 aus dem Markt gedrängt. Vier Jahre später gelang ihm mit dem kürzeren Fun-Board ein erfolgreiches Comeback.

Foto: privat
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Deutscher Surf-Star: Der Sylter Jürgen Hönscheid ist ein Surfer der ersten Stunde und einer der erfolgreichsten deutschen Vertreter dieser Sportart. Er wurde 1974 Vize-Weltmeister im Tandemsurfen, stellte mehrere Geschwindigkeitsrekorde auf und machte den Sport durch Bücher wie "Starkwind" und "Brandungssurfen" bekannt. Seit Ende der Achtziger lebt er mit seiner Familie auf Fuerteventura, wo er einen Surfshop betreibt. Seine Tochter Sonni ist mehrfache Deutsche Meisterin im Wellenreiten und Weltmeisterin im Stand-Up-Paddling.

Foto: imago/Sven Simon
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Auf Rekordjagd: Als Erste wagten die Surf-Zwillinge eine Überquerung des Skagerrak. Nach 14 Stunden hatten sie die 122 Kilometer von Dänemark nach Südnorwegen zurückgelegt. Dagegen war die zuvor gelungene Überquerung des Ärmelkanals "ein Kinderspiel" gewesen, erinnert sich Jürgen Charchulla. "Alle fünf Minuten fielen wir ins Wasser." Endlich an Land bekamen sie von der norwegischen Polizei mächtig Ärger, weil sie ohne ihre Pässe eingereist waren.

Foto: Archiv Manfred und Jürgen Charchulla
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Wer fährt hier wen? Riesige Surfbretter auf einem kleinen Citroen 2CV. Von einem "wahnwitzigen Hype" berichtet auch Surf-Pionier Prade in seiner Heimatstadt München. "Plötzlich wimmelte es vor jungen Männern, die in ihren Sportwagen mit Surfbrettern auf dem Dach stolz durch Schwabing kurvten."

Foto: Ernstfried Prade
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Umstrittener Erfinder: Hoyle Schweitzer auf einer Aufnahme von 1975. Acht Jahre zuvor hatte er mit seinem Freund Jim Drake das Patent für den ersten Windsurfer eingereicht und mit ihm die Firma "Windsurfing International" gegründet. Später kaufte er Drake seinen Teil des Patents ab; ob er seinen Freund dabei betrog, indem er ihn etwa verheimlichte, dass er schon erfolgreich einen Produzenten für den Windsurf-Prototyp gefunden hatte, ist umstritten. Drake jedenfalls gilt als der technische Kopf der Erfindung, Schweitzer als geschickter Vermarkter des Sports, den er über einen Vertrag mit dem Hersteller TenCate auch in Europa populär machte.

Foto: Ernstfried Prade
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Revolution am Reißbrett: Jim Drakes Zeichnung des ersten "Windsurfer" - so später der Name der ersten kommerziell gefertigten Bretter - von 1967. Zusammen mit seinem Freund Hoyle Schweitzer reichte der Luft- und Raumfahrt-Ingenieur aus Kalifornien das Patent 1967 ein. Kernstück der Konstruktion war der Mastfuß, auf dem ein frei bewegliches Segel, Rigg, gesetzt werden kann. Die beiden Erfinder zerstritten sich später über das Patent, das plötzlich Millionen wert war.

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Gute Idee: Bis heute ist umstritten, wer genau das Windsurfen erfunden hat. Neben den Amerikanern Hoyle Schweitzer und Jim Drake wird dabei oft der Amerikaner Newman Darby genannt. Tatsächlich veröffentlicht Darby schon 1964 in der "Popular Science" einen Entwurf für ein "Sailboard". Das Brett aber war eine Zimmertür, gezogen von einem Drachensegel. Das Konzept wies technische Schwächen auf und Darby versuchte erst gar nicht, daraus einen kommerziellen Sport zu machen. Jim Drake hat später beteuert, dass er Darbys Skizze nicht kannte, als er drei Jahre später seinen später berühmten Windsurfer-Prototyp entwarf; nachzuweisen ist das natürlich nicht.

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Am Anfang war das Longboard: Windsurfen in Deutschland 1975. In den ersten Jahren surfte man ausschließlich mit etwa vier Meter langen Brettern, die recht einfach zu beherrschen waren. Mit kürzeren und leichteren Brettern wurde Windsurfen zwar schneller und spektakulärer, aber auch anspruchsvoller. Zudem gibt es die perfekte Kombination aus Wind und Wellen für die kurzen Bretter nur an wenigen Spots weltweit. Als das Langbrett in den Achtzigern plötzlich als langweilig galt, schrumpfte Windsurfen langsam von einer Massenbewegung zu einer Nischensportart zurück.

Foto: Ernstfried Prade
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Volle Kraft voraus: Junge Surferinnen im Jahr 1974. "So einen Senkrechtstart gab es in keinem anderen Sport", sagt Surf-Pionier Prade. In den Siebzigerjahren begeisterten sich bald Hunderttausende Deutsche für das "Brettsegeln", wie der Sport anfangs genannt wurde.

Foto: Hanns Wagner/Sammlung Ernstfried Prade
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Wir brauchen mehr Bretter: Werkstatt im Französischen Calais Anfang der Siebzigerjahre. Anfangs dominierte die niederländische Firma TenCate den Markt, weil sie als einziger Hersteller die Lizenz des Patentträgers Hoyle Schweizter besaß. Später waren es auch Firmen wie Mistral, die hunderttausende Bretter verkauften. Daneben formten und designten sich viele Surf-Fans auch ihre eigenen Bretter. Das "surf"-Magazin gab Anfang der Achtzigerjahre Tricks zum Basteln von leichteren und kürzeren Brettern - und steigerte damit erfolgreich seine Auflage.

Foto: ullstein bild
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