Start der Raumfahrt Raketen über Peenemünde

Sie fliegt! Und das auch noch hoch und weit. Vor 75 Jahren streifte erstmals ein von Menschen konstruierter Flugkörper die Grenze zum Weltraum. Auf den Triumph der Ingenieure fiel ein Schatten - der Adolf Hitlers.
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"Unvergesslich und unvergleichlich ist das Bild", schwärmte Ingenieur und Major Walter Dornberger nach dem ersten erfolgreichen Start einer Aggregat-4-Rakete am 3. Oktober 1942 in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde. 14 Meter hoch und rund 13 Tonnen schwer, erreichte sie eine Geschwindigkeit von 1340 Metern pro Sekunde - 4820 km/h oder Mach 3,9 - und stürzte nach knapp fünf Minuten in die Ostsee (das kolorierte Foto zeigt vermutlich einen Start im Jahr 1943). Erstmals streifte damit ein von Menschen konstruierter Flugkörper in 84,5 Kilometern Höhe die Grenze zum Weltraum.

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Die Heeresversuchsanstalt in Peenemünde war 1936 eingerichtet worden. Das "Dritte Reich" steckte enorme Summen in die Entwicklung von Raketen, weil sich die Nazis eine Terrorwaffe erhofften. Dass Deutschland ohne technologische Überlegenheit gegen seine europäischen Gegner wenig Chancen haben würde, war schon der Reichswehr in der Weimarer Republik klargeworden. Im Krieg beobachteten die Alliierten diese Entwicklung sehr genau - Luftaufklärungsfoto vom Raketenprüfstand VII, aufgenommen im Juni 1943.

Foto: Bettmann Archive / Getty Images
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Bevor in Peenemünde das erste Raketenzentrum der Welt entstand, testeten Wernher von Braun und seine Ingenieure vor allem Triebwerke. Dafür wurden in der Heeresversuchsanstalt Kummersdorf bei Berlin mächtige Prüfstände errichtet, die teilweise noch heute erhalten sind. Für den Start der Raketen mit großer Reichweite war der Schießplatz dort aber zu klein.

Foto: Solveig Grothe
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Blick in die Werkstatt: Bevor die erste A4 erfolgreich flog, waren extreme technische Hürden zu überwinden. Eine Rakete bestand aus rund 20.000 Einzelteilen. Die A4 vom 3. Oktober 1942 war ein Vorläufer der später auf London und Antwerpen abgeschossenen V2. Zeitweise waren 544 Unternehmen und 47 Forschungseinrichtungen am Raketenprojekt beteiligt.

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Auf der Startrampe: Viele Tests in der Anfangsphase des Raketenprogramms schlugen fehl. Die Versuche in Peenemünde begannen im März 1942, aus dieser Zeit stammt auch das Bild. Der erste Start mündete in einer Explosion, der zweite mit einem Absturz, beim dritten durchbrach die Rakete erst die Schallmauer und sich danach die Spitze ab. Sie flog nicht einmal zehn Kilometer weit.

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Glückwünsche zum Start am 3. Oktober 1942 nimmt auf diesem Bild ein nicht bekannter Offizier von General Erich Fellgiebel (links) entgegen. Im Hintergrund von links zu sehen sind General Leo Zanssen, General Walter Dornberger, Wernher von Braun, Hauptmann Stoelzel (Luftwaffe), Rudolph Hermann und Dr. Gerhard Reisig. Fellgiebel gehörte zum Widerstand gegen Hitler und wurde nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtet.

Foto: ullstein bild
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Nach dem Erfolgsstart vom 3. Oktober 1942 war mit der Glückssträhne erst mal Schluss. Mehr als ein Dutzend Raketen explodierten beim Start, taumelten durch die Luft oder erlitten andere Defekte. Ab April 1943 konnten die Ingenieure die Reichweite auf rund 250 Kilometer steigern. Für Einwohner von Pommern war das gefährlich: Mehrere Raketen stürzten dort ab.

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Die völlig neue Waffe lockte Nazi-Größen nach Peenemünde. Propagandaminister Joseph Goebbels (Mitte), der den Namen V2 für Vergeltungswaffe 2 ersonnen hatte, verfolgte sichtlich begeistert den Flug einer A4; rechts der spätere Rüstungsminister Albert Speer.

Foto: SZ Photo
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In Peenemünde wurden die Raketen nicht nur entwickelt, sondern auch produziert. Die Kapazitäten allerdings waren begrenzt und ein leichtes Ziel für alliierte Bomberverbände. Die von Hitler geforderten Stückzahlen waren an der Ostsee nicht herstellbar. Dieses Bild soll ein französischer Spion den Westmächten bereits 1940 zugespielt haben.

Foto: Mondadori Portfolio / Getty Images
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Raketenschrott: Von den Fehlversuchen ließen sich die Ingenieure nicht aufhalten. Es dauerte aber immer eine Weile, bis die Trümmer weggeräumt waren und man einen neuen Versuch wagen konnte. Wie viele Starts wirklich gelangen oder in kleinen Katastrophen endeten, ist nicht bekannt. Aus den Jahren nach 1943 gibt es keine vollständigen Startlisten.

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Betankung: Die Handhabung der A4 war alles andere als einfach. Die Rakete wurde unter anderem mit Flüssigsauerstoff und Alkohol betankt. Für den Sauerstoff wurde in Peenemünde ein riesiges Werk gebaut. Der Alkohol stammte aus der Landwirtschaft - und war ein limitierender Faktor, wie Historiker herausfanden. Um die von Adolf Hitler geforderten Abschusszahlen zu erreichen, hätten alle Kartoffeln aus dem Deutschen Reich nicht gereicht.

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Nachdem stationäre Abschussbasen schnell von den Alliierten entdeckt und bombardiert worden waren, wurden V2-Raketen von Anhängern aus abgeschossen. Insgesamt kamen mehr als 3000 Flugkörper zum Einsatz. Sie töteten laut unterschiedlichen Quellen zwischen 8000 und 12.000 Menschen, vor allem in London und Antwerpen. Beim Bau der Produktionsstätten starben mindestens 12.000 Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge.

Foto: akg-images / Sputnik
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Als V2 erfüllt die Aggregat-4-Rakete die Anforderungen einer Terrorwaffe. Sie war nicht abwehrbar, kam praktisch ohne Vorwarnung aus dem Himmel und richtete mit dem fast 1000 Kilogramm schweren Sprengkopf verheerende Schäden an. Militärisch war der Nutzen eher gering, denn die V2 eignete sich nur für Flächenziele, und selbst die traf sie nicht sehr genau. Die Nazis ließen sich unter anderem von Spionen die Einschlagsorte nennen und justierten nach - bis die Briten die Agenten umdrehten und die Deutschen teilweise mit falschen Daten versorgten. Folge: Viele Raketen gingen außerhalb Londons nieder. Das Foto zeigt einen Einschlagskrater auf dem Versuchsgelände Peenemünde.

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Die Briten wussten schon seit 1939 von den Raketenplänen. Mitte August 1943 griffen mehr als 500 Bomber Peenemünde an. Ziel der Operation Hydra, wie die Aktion hieß, waren die Produktionsanlagen, aber auch die Wissenschaftler. Das gelang nur teilweise, getroffen wurden vor allem Zwangsarbeiterlager. Nach vier Wochen lief der Betrieb wieder, doch wurde die Verlagerung der Produktion in unterirdische Stollen beschleunigt.

Foto: imago/United Archives International
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Gnadenlos trieben die Nazis den Bau unterirdischer Produktionsanlagen für die V2 voran, vor allem im Kohnstein bei Nordhausen in Thüringen. Darüber hinaus gab es Pläne für weitere Produktionsstätten, auch in Österreich. Rund 60.000 Häftlinge wurden in das KZ Mittelbau-Dora deportiert, um für die SS die Fabriken zu bauen. Etwa ein Drittel überlebte die Strapazen nicht.

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V2-Raketen wurden bis ins Frühjahr 1945 verschossen, sogar auf ein Ziel in Deutschland - die Brücke von Remagen. Die Alliierten wussten genau, wonach sie im besetzten Deutschland suchen mussten. US-Truppen nahmen jede Rakete, jedes Bauteil und jeden Wissenschaftler mit, derer sie habhaft werden konnten. Die Rote Armee tat es den Westalliierten gleich. So kamen viele Ingenieure aus Peenemünde in die USA, andere in die Sowjetunion. Dort begann das zweite Leben der A4. Die Aufnahme zeigt einen US-Soldaten, der 1945 nach der Einnahme des unterirdischen Raketenwerkes im Kohnstein eine A4 bewacht.

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Das zweite Leben der A4: Sowohl die Amerikaner als auch die Sowjets begannen unmittelbar nach dem Krieg, auf der Grundlage der A4 ihre eigenen Raketenprogramm zu entwickeln. Modifizierte A4 starteten noch mehr als fünf Jahre nach dem Krieg, auch vom Raumfahrtbahnhof Cape Canaveral oder von US-Flugzeugträgern. Wernher von Braun und seine Kollegen konstruierten weiter Raketen, sowohl als Waffen als auch als Transportmittel.

Foto: SSPL / Getty Images
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Wernher von Braun setzte seine Karriere nach dem Untergang des Nationalsozialismus praktisch nahtlos fort. Er wechselte die Fronten und durfte fortan in den USA seinen Traum vom Mann auf dem Mond verfolgen, mit voller Schubkraft vom Pentagon.

Foto: Bert_Reisfeld/ dpa
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Der erste erfolgreiche Start der A4 vor 75 Jahren gilt als Beginn der Raumfahrt, auch wenn die Flughöhe mit 84,5 Kilometern nach heutigen Maßstäben nicht unbedingt bis in den Weltraum reichte. Die meisten Festlegungen gehen von einem All-Beginn in 100 Kilometer Höhe aus. Die allerdings hatte die A4 bei einem Start am 20. Juni 1944 locker erreicht: Man ließ die Rakete senkrecht nach oben steigen bis auf 174,6 Kilometer. Das erste Foto außerhalb der Atmosphäre entstand am 24. Oktober 1946 in rund 105 Kilometer Höhe; die Kamera hatten US-Wissenschaftler einer umgebauten A4 mitgegeben.

Foto: U.S. Army
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