Wohnen neben dem Meiler Mein Nachbar, das Atomkraftwerk

Ein Atomkraftwerk gleich hinterm Gartenzaun? Für die Bewohner des französischen Dorfes Saint-Vulbas Grund zur Freude, nicht zur Furcht. Der Fotograf Andrea Pugiotto hat die fast eigenartige Idylle unter Kühltürmen dokumentiert.
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Abkühlung unter Kühltürmen: Kinder planschen an einem heißen Sommertag in einem Swimmingpool im Dorf Saint-Vulbas an der Rhone im Südosten Frankreichs.

Weitaus bekannter als die kleine Ortschaft ist allerdings das benachbarte Atomkraftwerk Bugey mit seinen vier Reaktoren, eines der größeren in Frankreich - und mit dem Ruf, zu den eher unsicheren zu gehören. Der italienische Fotograf Andrea Pugiotto hat das Leben in dem Dorf direkt neben der Anlage festgehalten. "In Italien möchte niemand neben einem Atomkraftwerk wohnen. In anderen Ländern ist das nicht so", stellt Pugiotto fest - konkret meint der Fotograf Frankreich.

Foto: Andrea Pugiotto
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Entspannen im weitläufigen Garten: Die Einwohner von Saint-Vulbas empfinden das Leben neben dem Atomkraftwerk als ausgesprochen angenehm, sagt Fotograf Pugiotto. "Hier ist das Leben besser", sei eine typische Aussage.

Die kleine Gemeinde Saint-Vulbas hat knapp tausend Einwohner - 1962, drei Jahre vor dem Baubeginn des Atomkraftwerks waren es mit 263 nur rund ein Viertel. Das Kraftwerk hat Arbeitsplätze gebracht und relativen Wohlstand, viele der Zugezogenen haben neue Häuser gebaut. Große, komfortable Häuser.

Foto: Andrea Pugiotto
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Sonntagsausflug am AKW: Frankreich hat den Ruf einer ausgesprochenen Atomnation - und der ist nicht unbegründet. Das Land besitzt Atomwaffen, und mehr als 75 Prozent des Stroms werden in Atomkraftwerken produziert. Vier der insgesamt 58 Reaktoren sind im Kernkraftwerk Bugey in Betrieb.

Die Atomkraft war zudem über lange Zeit sehr beliebt bei den Franzosen - ob in der militärischen oder zivilen Nutzung. Die Atombombe sicherte Frankreich eine globale Machtposition, in der Stromerzeugung ermöglichte die Technik den weitgehenden Verzicht auf schmutzige Kohlekraftwerke. Doch das Klischee von den atomverliebten Franzosen ist inzwischen falsch - in Umfragen spricht sich ebenso wie in Deutschland eine deutliche Mehrheit gegen die Nutzung der Atomkraft aus.

Foto: Andrea Pugiotto
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Doch in unmittelbarer Nähe der Atomanlagen ist von Ablehnung oder Kritik wenig zu spüren. Das dürfte allerdings weniger damit zu tun haben, dass Kernkraftwerke die Luft der Umgebung nicht mit Feinstaub belasten, was Sportler und Spaziergänger zu schätzen wissen dürften.

Vielmehr dürfte der Grund für die Zufriedenheit der Anwohner mit der Nachbarschaft des AKW auch in den ökonomischen Vorteilen liegen. Das Kraftwerk bietet nicht nur Arbeitsplätze, die Einwohner von Saint-Vulbas etwa bekommen zudem kostenlosen Strom und eine Reihe weiterer Vergünstigungen, sagt der italienische Fotograf Andrea Pugiotto. "Wir genießen viele Privilegien, von dem der Rest der Bevölkerung nur träumen kann", zitiert Pugiotto die Einwohner.

Foto: Andrea Pugiotto
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Dass Menschen sich in unmittelbarer Umgebung eines Atomkraftwerks niederlassen und sich wohlfühlen, ist im Übrigen keine französische Spezialität. Auch im ausgesprochen atomkritischen Deutschland liegen die Immobilienpreise rund um Atomkraftwerke auf üblichem Niveau.

Mehr noch: Als nach der Atomkatastrophe von Fukushima sieben deutsche Kernkraftwerke mit sofortiger Wirkung abgeschaltet wurden, brachen die Immobilienpreise in der Umgebung im Schnitt um elf Prozent ein - obwohl es sich dort ja nun sicherer wohnen sollte. Der Grund: Arbeitsplätze gehen verloren, die Gemeinde verliert Gewerbesteuereinnahmen, die Kaufkraft sinkt. Auch in der Nähe von Atomkraftwerken gelten also die üblichen Gesetzmäßigkeiten des Immobilienmarktes.

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Gartenidylle vor Kühlturm des AKW Bugey: Das Örtchen Saint-Vulbas, in dem die Bewohner so einträchtig neben einem der größten Atomkraftwerke Frankreichs leben, ist durchaus zum Beispiel mit dem deutschen Neckarwestheim vergleichbar. Auch dort ist die Einwohnerzahl stark gestiegen, seit dort ein Atomkraftwerk steht, auch dort ist das Kraftwerk sehr nah am Ort und prägt die Szenerie. Und in Neckarwestheim, 15 Kilometer südlich von Heilbronn, ebenfalls idyllisch gelegen, erfreut sich das Atomkraftwerk ebenfalls großer Zustimmung.

Foto: Andrea Pugiotto
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Holzhaus, Bullaugenfenster, Blümchenvorhang - und Ausblick auf das AKW: Bugey gehört mit vier Reaktoren und einer installierten Bruttoleistung von insgesamt 3724 Megawatt zu den größeren Atomkraftwerken Frankreichs.

Foto: Andrea Pugiotto
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Der erste Reaktorblock von Bugey wurde 1971 in Betrieb genommen, inzwischen aber abgeschaltet. Die vier noch aktiven Reaktorblöcke gingen 1979 und 1980 in Betrieb - und sollen jeweils nach 40 Jahren abgeschaltet werden. Läuft es nach Plan, ist also im Jahr 2020 Schluss mit der Atomstromproduktion in Saint-Vulbas.

Foto: Andrea Pugiotto
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Familie in Saint-Vulbas: Die Häuser neben dem Atomkraftwerk Bugey sind günstig, die Gärten riesig. Offenbar gute Argumente für junge Familien. Und Eltern lassen ihre Kinder ohne Bedenken in unmittelbarer Nähe zum Kraftwerksgelände spielen.

Foto: Andrea Pugiotto
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Rinder beim Atomkraftwerk Bugey: In der Gegend unweit der Großstadt Lyon ist von Angst oder Unbehagen angesichts eines möglichen Unfalls im Atomkraftwerk wenig zu spüren. Dabei galten die Reaktoren bei einem möglichen Erdbeben als durchaus anfällig - zumindest bevor sie technisch nachgerüstet wurden. Und im Jahr 2015 machte ein Skandal Schlagzeilen, wonach Bauteile der Druckbehälter von französischen Reaktoren Mängel aufwiesen. Eines der betroffenen Atomkraftwerke: Bugey.

Foto: Andrea Pugiotto
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