Monte Verità "Unter Urwaldmenschen"

Freie Liebe statt Salami: Auf dem "Wahrheitsberg" bei Ascona verdonnerte die Feministin Ida Hofmann zivilisationsmüde Aussteiger um 1900 zu streng veganer Kost. Doch nicht alle wollten freiwillig auf Steak und Käse verzichten.
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Barfüßige Naturmenschen: 1900 gründeten der belgische Industriellensohn Henri Oedenkoven und seine Geliebte Ida Hofmann eine Aussteigerkolonie auf dem Monte Verità im schweizerischen Tessin. Viele Künstler, Schriftsteller, Philosophen und andere Querdenker kamen auf den Hügel oberhalb von Ascona, um sich durch vegane Ernährung und Bewegung an frischer Luft zu entgiften. Auf diesem historischen Foto ist das Zentralhaus der Siedlung zu sehen. Die Fenster und Treppengeländer sind mit esoterischen Yin-Yang-Symbolen dekoriert. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste das Haus dem Anbau eines Restaurants weichen. Nur die geschwungenen Treppenaufgänge sind noch erhalten. mehr...

Foto: DPA/ Ticino Turismo
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Pionier der Alternativbewegungen: Karl Wilhelm Diefenbach setzte sich schon Ende des 19. Jahrhunderts für Lebensreformen, vegane Ernährung und Freikörperkultur ein. Der deutsche Maler, der in Kutte und Sandalen herumlief, wurde als "Kohlrabi-Apostel" verhöhnt. In Wien gründete er die Landkommune Himmelhof, die Vorbild für die Siedlung auf dem Monte Verità wurde. Hier ist Diefenbach um 1890 mit seinen Kindern abgebildet.

Foto: akg-images
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Gescheiterte Utopie: 1920 verließen Oedenkoven und Hofmann enttäuscht und finanziell abgebrannt den Monte Verità. Ihr Traum von einer klassenlosen Gesellschaft mitten in der Natur war nicht in Erfüllung gegangen. Der deutsch-schweizerische Kunstsammler Baron Eduard von der Heydt (auf diesem Foto im Tresor seiner eigenen Bank in Berlin zu sehen) kaufte einige Jahre später das Areal. 1929 ließ er dort ein Hotel bauen, in dem man auch heute noch übernachten kann. Der Architekt Emil Fahrenkamp entwarf das Gebäude im sachlichen Bauhausstil.

Foto: Stiftung Monte Verità
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Hippies der Jahrhundertwende: Der Künstler Gustav "Gusto" Gräser, einer der Gründer der "Vegetabilischen Cooperative" auf dem Monte Verità. Das Foto zeigt ihn 1911 mit seiner Tochter Trudel in Dresden.

Foto:

Stiftung Monte Verità

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"Bleibt nicht Puppen, werdet Menschen": Mit solchen Appellen kämpfte die deutsche Pianistin und Feministin Ida Hofmann für die Gleichstellung von Frauen. Mit Henri Oedenkoven lebte sie in wilder Ehe, für damalige Verhältnisse ein Skandal. Auf dem Monte Verità eröffneten sie ein Sanatorium, in dem esoterische Naturheilmethoden praktiziert wurden.

Foto: Stiftung Monte Verità
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Aussichtspunkt: 1909 baute der Turiner Jugendstilarchitekt Anselmo Secondo auf dem Hügel die Villa Semiramis. Heute haben Hotelgäste von hier aus einen Panoramablick über den Lago Maggiore. Ob Einwohner von Ascona früher tatsächlich gegen Geld auf das Dach der Villa stiegen, um nackte Sanatoriumsgäste zu beobachten, ist nicht zweifelsfrei erwiesen. Auf dem Foto sind einige der Holzhütten zu erkennen, in denen die Besucher der Siedlung wohnten.

Foto: Stiftung Monte Verità
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Licht-Luft-Hütten: In einfachen Holzhäusern wollten zivilisationsmüde Intellektuelle zur ursprünglichen Natur zurückfinden. Ausgiebiges Sonnenbaden und Sport im Freien wurden als Heilmittel gepriesen. Nicht immer war es aber so warm, dass man nackt herumlaufen konnte. In solchen Fällen war genannte Reformkleidung Vorschrift. Die Frauen trugen lockere Gewänder ohne Korsetts und Mieder, die Männer weite Hemden und Kniehosen.

Foto: Stiftung Monte Verità
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Vegane Kost: In Henri Oedenkovens und Ida Hofmanns Sanatorium, das der Schriftsteller Erich Mühsam in "Salatorium" umtaufte, galten strenge Regeln. Fleisch, Alkohol, Tabak, Milch und Eier waren vom Speiseplan verbannt. "Und schimpft ihr den Vegetarier einen Tropf, so schmeißen wir euch eine Walnuss an den Kopf", witzelte Mühsam in einem Gedicht.

Foto: Stiftung Monte Verità
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Refugium für Künstler: Die Schweizer Dadaisten Sophie Taeuber-Arp und Hans Arp kamen ebenfalls auf den "Wahrheitsberg". Die Malerin und Bildhauerin tanzte in mehreren Sommern in der Gruppe um den Avantgarde-Choreografen Rudolf Laban. Mit Mary Wigman, Suzanne Perrottet und anderen Größen des Ausdruckstanzes trat sie 1917 beim großen "Sonnenfest" auf. Hier ist sie mit Hans Arp, den sie 1922 heiratete, vor ihren Marionetten in Zürich zu sehen.

Foto: Stiftung Monte Verità
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Ringelpietz: Aussteiger um 1910 beim Tanzen im Freien. Oft ließen sie alle Hüllen fallen, worüber die Bewohner des Fischerdorfes Ascona den Kopf schüttelten. Sie nannten die Fremden einfach "Ballabiott", was im lokalen Dialekt so viel wie "Nackttänzer" bedeutet.

Foto: Stiftung Monte Verità
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Bizarrer Bohémien: Gustav "Gusto" Gräser (hier im Bild) und sein Bruder Karl gehörten zu den Gründern des Reformprojekts auf dem Monte Verità. In der Wiener Künstlergemeinschaft Humanitas ließ er sich zuvor von den Lebensreformideen Karl Wilhelm Diefenbachs inspirieren. 1899 brach Gräser den Kontakt zu seiner Familie ab, danach wanderte er durch Europa und verkaufte selbstgedruckte Gedichte.

Foto: Stiftung Monte Verità
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Kein Gaumenkitzel: Der französische Journalist Jules Chancel konnte sich bei einem Besuch auf dem Monte Verità nicht für das Mittagessen begeistern. Immerhin regten Obst, Brot und Nüsse den Appetit gar nicht erst an, so dass man nicht in Versuchung komme, sich vollzustopfen, kommentierte er ironisch. Für jeden Gast wurde ein Menü auf einem Tablett zusammengestellt.

Foto: Stiftung Monte Verità
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Kur auf dem Weinberg: Der "Wahrheitsberg" hieß ursprünglich Monte Monescia. Als Oedenkoven und Hofmann dort um 1900 ihre Naturheilanstalt gründeten, gab es auf dem Hügel nicht einmal Straßen. Direkt neben den Holzhütten an den Hängen betrieben die Siedlungsbewohner Obst- und Gemüseanbau. Nicht alle von ihnen wollten sich jedoch mit fleischloser Kost begnügen. Anarchist Erich Mühsam schlich sich heimlich ins Dorf - und ließ sich ein dickes Beefsteak servieren.

Foto: Stiftung Monte Verità
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Spurensuche: Die Überreste der Aussteigerkolonie sind heute ein Anziehungspunkt für Touristen, die Locarno besuchen. Das Museum in der Casa Anatta, dem ehemaligen Wohnhaus des Gründerpaares, wird im Mai nach Renovierungsarbeiten wiedereröffnet. In der Licht-Luft-Hütte "Casa Selma" ist eine Filmdokumentation über die Geschichte des Monte Verità zu sehen. Auch die blau bemalte "Casa dei Russi", in der zahlreiche russische Studenten unterkamen, ist von innen zu besichtigen.

Foto: Johannes Simon/ Getty Images
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Aus der Erdhöhle auf den Hügel: Als Eremit lebte der langhaarige Wanderprediger Gustav Nagel bei Arendsee in der Altmark nach den Lehren des Wasserdoktors Sebastian Kneipp. 1892 wurde er Vegetarier, lief barfuß und trug einen weiten Talar oder nur einen Lendenschurz. Leicht bekleidet kam er im Winter 1902 zu Besuch auf den Monte Verità. Ida Hofmann notierte in ihrem Tagebuch: "Er verkauft viele Ansichtskarten mit seinem eigenen Bildnis an uns, schläft morgens bis 11 Uhr, lässt sich sein Essen zum Bett bringen, hüllt sich tagsüber nackt in eine wollene Decke, friert dabei jämmerlich und eilt von Unruhe getrieben, nach zweitägigem Aufenthalt zum Schiffe, das ihn weiter nach Süden bringen soll."

Foto: imago/ Arkivi
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Gärtnern im Adamskostüm: Zurück zur Natur - ein Mitglied der Kolonie auf dem "Monte Verità" bei der Gartenarbeit (Foto von ca. 1910). Dieser unbekannte Nudist war offensichtlich gerade dabei, mit dem Spaten ein Beet umzugraben. Nicht alle Gäste von Oedenkoven und Hofmann konnten sich für anstrengende körperliche Arbeit begeistern.

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Legendäres Künstlerdorf: Fritz Mackensen, einer der Gründer der Künstlerkolonie Worpswede, in seinem Atelier (Foto von 1924). Auf dem Monte Verità tummelten sich Anfang des 20. Jahrhunderts neben Dichtern, Philosophen, Psychoanalytikern, Revolutionären und Tänzern auch Maler und Bildhauer wie Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp, Paul Klee, Alexej Jawlensky oder Marianne Werefkin. Bereits 1889 zogen andere Künstler in die Kolonie Worpswede im niedersächsischen Teufelsmoor, um sich von der Landschaft inspirieren zu lassen.

Foto: Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte / Kunstbibliothek, SMB, Photothek/ Willy Römer
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Tanz in der Gartenstadt: Die Siedlung Hellerau bei Dresden zog kurz nach der Jahrhundertwende Anhänger von Lebensreformbewegungen aus ganz Europa an. Émile Jaques-Dalcroze unterrichtete dort "Rhythmische Gymnastik". Gret Palucca und Mary Wigman, die auch den Monte Verità besuchte, machten Hellerau als Zentrum für modernen Ausdruckstanz bekannt.

Foto: Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte /Kunstbibliothek, SMB, Photothek/ Willy Römer
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FKK zu Großvaters Zeiten: Auch die Wandervogel-Bewegung, die 1896 an einem Berliner Gymnasium entstand, suchte den Weg zurück zur Natur. Drei junge Männer wagen auf dieser Aufnahme von 1927 einen Kopfsprung ins Wasser.

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Luft, Wasser, Licht: Städter erlebten auf dem Monte Verità ein völlig neues Freiheitsgefühl. Sonnenbaden war fester Bestandteil der Kuren in Oedenkovens Naturheilanstalt. Um sich vor neugierigen Blicken zu schützen, entspannten diese Frauen hinter Sichtblenden.

Foto: ullstein bild
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Wie ein Heiliger verehrt: Gustav Nagel (hier 1903 mit seiner Braut Meta Kronhauser abgebildet) erregte durch sein Jesus ähnliches Erscheinungsbild überall Aufsehen - selbst bei den Freaks auf dem Monte Verità. "Helle Freude breitet sich über die Züge der Anwesenden; denn der Anblick seiner Persönlichkeit wirkt erfrischend; er macht den Eindruck eines Genesenden, aber noch nicht Gesunden", schrieb Ida Hofmann. "Seine Gestalt, sein von lockigem Haar umwallter Kopf sind schön. Ausdruck und Haltung sind edel, sein Auge jedoch ist unstät – er lacht oft kurz und grundlos auf." Der naturverbundene Wanderprediger baute später auf einem Grundstück in seiner Heimat Altmark in Sachsen-Anhalt einen Naturgarten, einen Seetempel und eine Kurhalle.

Foto: ullstein bild
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Revoluzzer und Fleischfresser: Am Lago Maggiore wollte Schriftststeller und Anarchist Erich Mühsam die "Lasterhöhle" Berlin vergessen. Die strengen Regeln der abstinenten Vegetariergemeinde auf dem Monte Verità fand er allerdings lächerlich: "Wir trinken keinen Sprit, nein wir trinken keinen Sprit, denn der wirkt verderblich auf das Gemüt. Gemüse und Früchte sind flüssig genug, drum trinken wir nichts und sind doch sehr klug", spottete er in seiner Erzählung "Aus Ascona". Heimlich kam er aus der Aussteigerkolonie in das Dorf, um Beefsteak zu essen.

Foto: ullstein bild