Berlinale 2019 Die lohnen sich!

Was geht in der mongolischen Steppe? Wie erzieht man zum Aufruhr? Hat Knausgård aus meinem Leben abgeschrieben? Die Berlinale hat aufregende Fragen und Filme zu bieten - das sind die Highlights unserer Kritikerinnen und Kritiker.
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"Buddies" (Panorama 40) ist ein Film, der keine Zeit zu verlieren hatte. Arthur J. Bressan verfilmte in neun Tagen sein schnell geschriebenes Zweipersonenstück über einen isolierten Aids-Kranken und einen ehrenamtlichen Pfleger ("Buddy") und stellte es 1985 inmitten einer gelähmten Schwulenszene und einem ignoranten Politikfeld vor, zwei Jahre, bevor er selbst der Krankheit zum Opfer fiel. Er glaubte daran, dass nur ein Spielfilm für das Thema sensibilisieren kann und vertraute auf Musik, gute Schauspieler, melodramatische Zuspitzungen und eine sensible Filmsprache, die das Verhältnis der beiden Männer erotisiert und ihnen damit Bewegungsfreiheit verschafft. 33 Jahre lang fehlten Geld und Gelegenheiten, "Buddies" zu digitalisieren, für den sich in Deutschland 1985 ein Filmverleih gründete, um ihn schneller als die Berlinale unter die Leute zu bringen. Als Meisterwerk des zärtlichen Männerfilms ist "Buddies" jetzt eine Wiederentdeckung - und ein aktueller Aufruf zur Solidarität und Berührbarkeit. Jan Künemund

Foto: Edition Salzgeber/ Berlinale
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In der mongolischen Steppe liegt die nackte Leiche einer Frau, eiskalt fegt der Wind darüber hinweg. Ein junger Polizist wird abgestellt, um den Tatort zu bewachen, und ihn wiederum bewacht eine Hirtin: Sie vertreibt mit ihrem Gewehr eine Wölfin, die sich das Fleisch holen will, um ihre Jungen durchzubringen. Alles ist hier miteinander verbunden, und die zwei Parkbänke, die bizarr in der endlosen Weite stehen, unterstreichen nur, dass die Natur das Sagen hat. "Öndög" vom chinesischen Regisseur Wang Quan'an ("Tulas Hochzeit", Wettbewerb) ist eine denkbar lakonische Meditation über Leben und Tod, Geburt und Wiedergeburt. In der Steppe erklingt Death Metal, es gibt Sex am Lagerfeuer, ein Lamm wird geschlachtet, ein Kalb geboren, ein Kind gezeugt. Ein Kreislauf vom Mesozoikum bis heute. Ein Kreislauf allerdings, dem man geschickt unter die Arme greifen kann, wie die Hirtin, diese starke, stille Heldin, beweist. Oliver Kaever

Foto: Wang Quan'an/ Berlinale
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Der Filmemacher Hassan Fazili wird von den Taliban mit dem Tod bedroht. Mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern flüchtet er aus Afghanistan zunächst nach Tadschikistan, dann über die Ostbalkanroute Richtung Deutschland. Die Familie hält ihre mehrjährige "Reise an den Rand der Hölle" auf Mobiltelefonen fest. Ihr Film "Midnight Traveler" (Panorama) zeigt Bilder, die es im abstrakten Geflüchteten-Diskurs bislang nicht gibt, und hält mit filmischer Intelligenz menschliche Reaktionen auf unmenschliche Zustände fest: Warten, Menschenschmuggel, Nazi-Angriffe. Wie diese Familie auf nichts als auf sich selbst zurückgeworfen wird und im Bildermachen einen Rettungsanker findet, ist erschütternd und berührend anzusehen. Nicht erst, wenn der Vater die Tochter filmt, die im Wohnheim zu Michael Jackson tanzt: "They don't really care about us." Jan Künemund

Foto: Old Chilly Pictures/ Berlinale
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"Tandaradei ...". An der Schwelle zum Erzählrahmen rezitiert Ingrid Caven gurrend ein Gedicht von Walther von der Vogelweide. Manchmal singt sie auch. Oder sie heult mit dem Wolf. Rita Azevedo Gomes erklärt in "A Portuguesa" (Forum), ihrer farbintensiven Adaption der gleichnamigen Novelle von Robert Musil, allen Handlungsraum zur Bühne, zum Diorama und Gemälde; mit Anklängen an niederländische Malerei, etwa von Vermeer und van Eyck. Während Herr von Ketten Jahr um Jahr Krieg führt, verbringt seine aus Portugal weggeheiratete Frau die Zeit auf einem abgewrackten Schloss mit Lesen, Zeichnen, Singen und dem Töpfern von merkwürdigen Skulpturen. Dabei festigt sie durch buchstäbliches "Aussitzen" stetig ihren Platz. "A Portuguesa" ist reine Bildbetrachtung, die Figuren staffeln sich in die Tiefe, jedes Ding hat seinen Platz, auch die Sprache steht objekthaft im Raum. Nur die Tiere machen, was sie wollen. Esther Buss

Foto: Basilisco Filmes/ Berlinale
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Zehnjährige Schulkinder proben für die große Theatervorführung vor den Ferien. Sie tanzen, singen, rezitieren Gedichte. Der Lehrer ist ambitioniert, die eingeforderten Gesten und Gefühle sind viel zu groß, die Nervosität steigt. Mittendrin findet eine Übung für den Fall eines Terrorangriffs statt. Ängste werden geschürt und übersetzen sich in eine fiebrige Traumstimmung, die sich mit dem erotischen Erwachen von Daniel verbindet. Er hat eine Mitschülerin nackt gesehen und schämt sich. Sein Freund will mit ihm Tango tanzen. Am Ende singt Fischer-Dieskau Schuberts Litanei auf das Fest aller Seelen. In "Daniel fait face" (Generation), dem faszinierenden Spielfilmdebüt von Marine Atlas, steht die Zeit still, und das Bewusstsein wird so scharf wie die scheinbar so nüchternen Bilder. Ein Film, der sich sehr sicher auf Zehenspitzen bewegt, um Gefühle zu umkreisen, für die man mit zehn Jahren noch keine Worte hat. Jan Künemund

Foto: bathysphere/ Berlinale
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Nach der Hälfte von "African Mirror" (Forum) sind die Zweifel, warum man sich das ansehen sollte, handfest. Warum sollte man immer weiter die rassistischen Bilder René Gardis aus Afrika, die der Schweizer in den Fünfzigern und Sechzigern gedreht hat, betrachten? Warum weiter seinen Ausführungen zum "edlen Wilden" zuhören? Zwei Minuten später, wenn einen schockhaft eine entscheidende Information über Gardi erreicht hat, weiß man es umso deutlicher. In seiner brillanten Montage aus Gardis eigenem Archivmaterial, Texten wie Bildern, verzichtet Mischa Hedinger auf jeglichen Kommentar und lässt stattdessen das Material über und gegen seinen Macher sprechen. Ein auf so vielen Ebenen souveräner Film. Hannah Pilarczyk

Foto: ton und bild/ Berlinale
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Skateboards, Gangsta Rap, Camcorder: Jonah Hills Regiedebüt "Mid90s" (Panorama) strotzt vor Zeitmarkern, blickt aber nicht nostalgisch auf das eigene Heranwachsen im L.A. der Neunziger zurück. Persönliche Erinnerungen sind für den 35-jährigen Schauspieler nur lose Leitfäden, um seine Geschichte um Wuschelkopf Stevie zu erzählen, der seinen Platz im neuen coolen Freundeskreis finden muss. Und cool sein ist harte Arbeit, erklärt uns dieser Film, beweist dabei einen genauen Blick nicht nur für das spezifische Milieu, sondern auch allgemein für die subtilen Codes und Mechanismen, mit denen der Junge zum Mann wird. Zugleich, und das macht den besonderen Charme des Films aus, scheint Hill in jede seiner Jungsfiguren gleichermaßen verknallt - und lässt seinen Laiendarstellern alle Freiheiten, die Konventionen des Coming-of-Age-Genres mit neuem Leben zu füllen. Till Kadritzke

Foto: Jayhawker Holdings/ Berlinale
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Mit großer Geste auf großes Kinos einstimmen, das sollen wohl Eröffnungsfilme. Die unabhängige Woche der Kritik widersetzt sich dieser Erwartungshaltung, verzichtet aufs Laute und Eindeutige und programmiert gerade deshalb den um Längen schöneren Eröffnungsfilm als das Spektakel am Potsdamer Platz. "Nakorn-Sawan" nähert sich den brüchigen Konzepten von Erinnerung und Trauer in angemessen hybrider Form: Filmemacherin Puangsoi Aksornsawang lässt erst dokumentarisches Material von ihrem alleinstehenden Vater in Thailand laufen, dann fängt sie an, eine fiktive Familie bei der Beerdigung der Mutter als zweiten Erzählstrang zu inszenieren. Der Verlust der Mutter ist real, Aksornsawang hat ihn selbst erlebt. Wahrhaftig ist ihr Erzählen aber auf beiden Ebenen, denn die Fiktion springt hier der Dokumentation bei, unterstützt sie beim schmerzhaften Sagen und Zeigen und bietet so eine Art von Trost - im Film, aber auch durch den Film. Hannah Pilarczyk

Foto: Pakkawat Tanghom/ Berlinale
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