"Big Bang" auf Helgoland Vom Seebad zur Toteninsel

Am 18. April 1947 kam es mit dem "Big Bang" zur größten nichtnuklearen Sprengung der Weltgeschichte. Doch die Insel Helgoland versank nicht in der Nordsee, sie trotzte der gewaltigen Explosion.
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Größte nichtnukleare Sprengung der Geschichte: Eine riesige Rauchwolke steigt am 18. April 1947 von der verwüsteten Insel Helgoland auf. Um Punkt 13 Uhr wurde an diesem Tag per Zündkabel der "Big Bang" ausgelöst. Ein britischer Sprecher kommentierte die Bilder des aufsteigenden Rauchpilzes in der Wochenschau vom 20. April mit den Worten: "Ein beeindruckender Anblick aus der Luft, aber noch spektakulärer vom Schiff aus betrachtet und eine durchaus angemessene Art, Hitlers Geburtstag zu feiern." 6700 Tonnen Munition sollten die militärischen Anlagen und Bunkersysteme zerstören - doch die Hochseeinsel hielt der gewaltigen Explosion stand.

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Nach dem "großen Knall": Blick auf das Unterland der Insel nach der "Operation Big Bang". Die für die Sprengung verwendeten rund 4000 Torpedoköpfe, fast 9000 Wasserbomben und über 91.000 Granaten verschiedensten Kalibers waren im U-Boot-Bunker sowie im Tunnellabyrinth an der Südspitze des Felsens und bei den Küstenbatterien gestapelt. Um Schäden durch die Detonation vorzubeugen, war die Bevölkerung der norddeutschen Küstenstädte im Vorfeld der Sprengung dazu aufgefordert worden, am 18. April 1947 alle Fenster und Türen zu öffnen.

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Trümmerwüste: Helgoland im April 1945. Schon zwei Jahre vor dem "Big Bang" war Helgoland durch massive Fliegerangriffe der britischen Royal Air Force zerstört worden: In drei Wellen griffen knapp tausend RAF-Bomber am 18. April 1945 ab 11.55 Uhr die Insel an, innerhalb von 104 Minuten wurden etwa 7000 Bomben abgeworfen. Zwölf Helgoländer und 116 Soldaten starben. Einen weiteren Angriff flogen die Briten tags darauf. Der Flakturm (heute als Leuchtturm für die Deutsche Bucht in Betrieb) war das einzige unzerstörte Bauwerk auf dem Oberland.

Foto: AP/ Kurverwaltung Helgoland
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Dieses Foto zeigt den gigantischen U-Boot-Bunker "Nordsee III" im Südhafen von Helgoland nach den alliierten Luftangriffen vom 18. und 19. April 1945. Der unter den Nationalsozialisten errichtete, 156 Meter lange und 94 Meter breite Bau verfügte über drei Boxen und war 1941 fertiggestellt worden.

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Geschundenes Eiland: Dreimal hatten die Briten Helgoland im Vorfeld der Bombardements 1945 zur Übergabe aufgefordert - dreimal lehnte der Kommandant der Insel ab. Widerstandskämpfer, die das Eiland kampflos übergeben wollten, wurden in der Nacht zum 18. April verhaftet, ihre Anführer erschossen. Nach den Angriffen mussten die Bewohner ihre Insel verlassen und wurden auf rund 150 norddeutsche Ortschaften verteilt. Am 8. Mai 1945 verließen die letzten Soldaten die Insel. Drei Tage später wurde Helgoland erneut von den Engländern in Besitz genommen - 55 Jahre nach Übergabe der Insel von der britischen Krone an Deutschland.

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"Dolce far niente auf der Düne": So lautet der Titel der 1887 angefertigten Zeichnung von Emil Limmer. Im 19. Jahrhundert avancierte die Hochseeinsel zum beliebten Reiseziel für Schriftsteller und Intellektuelle. Heinrich Heine erholte sich dort ebenso wie etwa August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der auf dem Eiland 1841 das "Lied der Deutschen" dichtete.

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Parademarsch: 1890 traten die Briten Helgoland an das deutsche Kaiserreich ab. Im Gegenzug verzichtete Deutschland auf eine Einflussnahme auf Sansibar und trat große Teile seiner ostafrikanischen Kolonien an die britische Krone ab. Zwar wird das deutsch-britische Abkommen als "Helgoland-Sansibar-Vertrag" bezeichnet, getauscht wurden beide Inseln jedoch nicht: Sansibar war zu keiner Zeit eine deutsche Kolonie.

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Vom Seebad zur Festung: Ansicht der Kaiserstraße um 1895. Unmittelbar nach der Übergabe der Insel an die Deutschen begann der Ausbau Helgolands zu einem Marinestützpunkt: Das Seebad wurde zur Festung mit gigantischen Bunkeranlagen, einem neuen Hafen und riesigen Geschützstellungen auf dem Oberland. Im Ersten Weltkrieg wurde Helgoland evakuiert. Als die Menschen 1918 auf ihre Insel zurückkehren durften, fanden sie ihre Häuser von deutschen Soldaten geplündert vor. Nach dem Krieg sollte die Insel demilitarisiert werden - faktisch wurden die Bunkeranlagen nur verplombt; Militärbauten, die auch zivilen Zwecken nutzen konnten, blieben weitgehend intakt.

Foto: imago/ United Archives International
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NS-Gigantomanie auf dem roten Felsen: Ansicht von Helgoland, um 1940. Nach 1933 wurde die Insel erneut zur Seefestung ausgebaut. "Hummerschere" hießt das Nazi-Projekt, das den Umbau Helgolands zu einem riesigen Flottenstützpunkt vorsah. Die Fläche der Insel sollte vervierfacht werden, das Nordostland wurde neu angelegt, das Projekt jedoch im weiteren Kriegsverlauf 1941 eingestellt. Realisiert hatten die Nazis bis dahin unter anderem einen trutzigen U-Boot-Bunker im Süden der Insel mit drei Meter dicken Decken. "Letztlich bauten die Militärs die Insel zu einem großen, unbeweglichen Schlachtschiff um", schreibt der Helgoländer Museumsleiter und Historiker Jörg Andres.

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Protzen mit der Seefestung: Im August 1938 besuchte Adolf Hitler die Insel, stolz präsentierte der "Führer" seinem Staatsgast, dem ungarischen Reichsverweser Admiral Nikolaus von Horthy (links neben Hitler) die militärischen Umbaumaßnahmen auf Helgoland. Hinter Hitler auf dem Foto: Reichsführer-SS Heinrich Himmler und Außenminister Joachim von Ribbentrop.

Foto: AP
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Aufgerüstet: Soldat vor einem Geschütz der Marineartillerie "Jacobsen" der Wehrmacht - die Batterie an der Westseite der Insel war ab 1938 einsatzbereit. Zwar wurde Helgoland während der NS-Diktatur aufwendig zur Seefestung ausgebaut. Laut Inselhistoriker Jörg Andres war die militärische Bedeutung im Zweiten Weltkrieg jedoch eher gering.

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Von Null gestartet: Neun Jahre liegen zwischen diesen Aufnahmen - das zerstörte Helgoland im Jahr 1952 (unten) und die wiederbesiedelte Insel im Jahr 1961. In den ersten beiden Jahren nach der Übergabe der Insel an die Deutschen lebten die Menschen in Zelten und Baracken. Erst nach umfangreichen Räumungsarbeiten konnten 1954 die ersten Wohnhäuser für zunächst 93 Menschen bezogen werden. 1957 waren es bereits 961, 1961 lebten 1710 Helgoländer auf dem Eiland.

Foto: DPA
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"Für uns ging der Krieg einfach weiter": Das sagt Erich-Nummel Krüß, Jahrgang 1932, im einestages-Interview über die auch nach 1945 andauernde Bombardierung seiner Heimatinsel Helgoland durch britische Piloten. Das Foto zeigt ihn als kleinen Jungen. Der Sohn eines Hummerfischers wurde später Kapitän, heute...

Foto: privat
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...ist er 85 Jahre alt und befasst sich intensiv mit Familienforschung und der Helgoländer Historie. Sein Großvater ist noch englisch geboren - also vor 1890, als die Hochseeinsel noch eine britische Kronkolonie war.

Foto: Katja Iken
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Prost! Mit Wein stoßen René Leudesdorff und Georg von Hatzfeld am 22. Dezember 1950 im Helgoländer Flakbunker auf ihre Aktion an. Zwei Tage zuvor waren die beiden Heidelberger Studenten auf der unter britischer Hoheit stehenden Insel gelandet, um sie zu besetzen. Mit dieser friedlichen Protestaktion wollten Leudesdorff und von Hatzfeld ein Zeichen setzen gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands und für die Rückgabe Helgolands an die Deutschen.

Foto: Jochen Blume/ picture alliance / dpa
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Friedliche Invasion: Georg von Hatzfeld hält ein Foto in die Höhe, das ihn mit seinem Theologiekommilitonen René Leudesdorff beim Hissen der Deutschland- und Europafahne auf Helgoland im Dezember 1950 zeigt (Aufnahme von 1990). Weltweit berichteten die Medien über den Coup der beiden Heidelberger Studenten. Die Aktion brachte Verhandlungen ins Rollen, die am 1. März 1952 zur Rückgabe Helgolands führten. Leudesdorff wurde später Pfarrer und Journalist, Hatzfeld arbeitete als Politiker und Verleger. Beide Helgoland-Invasoren sind mittlerweile verstorben.

Foto: ARNE DEDERT/ Associated Press
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Flaggenpotpourri: Nach fast sieben Jahren wurde die Insel am 1. März 1952 wieder unter deutsche Verwaltung gestellt -am Südhafen der Hochseeinsel wehen die bundesdeutsche, die Helgoländer und die schleswig-holsteinische Flagge. Als die Helgoländer in ihre Heimat zurückkehrten, fehlte die Südspitze, Teile der Steilküste waren eingestürzt, Bombenkrater von bis zu 40 Metern Tiefe überzogen die Insel.

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Bunkerführer Olaf Ohlsen: Der einstige Postbeamte, Jahrgang 1936, war elf Jahre alt, als die "Operation Big Bang" Helgoland in eine Mondlandschaft verwandelte. Bei der Zeremonie am 1. März 1952 nahm er als Vertreter der Jugend teil. "Ich hatte einen Korb mit grün-rot-weißen Helgoländer Sträußchen dabei, die ich auf den Gräbern des Friedhofs verteilen sollte. Doch ich fand damals nicht einmal die Kirche", erzählt er.

Foto: Katja Iken
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Rückkehr auf die Insel: Zu den Feierlichkeiten am 1. März 1952 auf Helgoland erschien, neben vielen ehemaligen Inselbewohnern und Vertretern der Politik, auch der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Friedrich Wilhelm Lübke (vorn, schwarzer Mantel und Kapitänsmütze). Seit 1952 ist der 1. März ein Feiertag auf der Insel.

Foto: Jochen Blume/ picture alliance / dpa
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Vermintes Gebiet: Bei der Bombenräumung auf Helgoland wurden zum Schutz der Arbeiter hohe Wände aus Strohballen errichtet. Zoll für Zoll durchfurchten Räumtrupps mit gepanzerten Baggern das Terrain auf der Insel - allein bis 1965 wurden laut SPIEGEL 1780 Blindgänger beseitigt, darunter drei fünf Tonnen schwere Panzerbomben.

Foto: AP/ Kurverwaltung Helgoland
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Am Südstrand: Neben Wohnhäusern und Hotels entstanden nach 1952 am Südstrand von Helgoland die sogenannten Hummerbuden, die von den Fischern als Geräteschuppen genutzt wurden. Bis seine Familie ein eigenes Haus bezog, wohnte Zeitzeuge Erich-Nummel Krüss in einer dieser Buden.

Foto: AP/ Kurverwaltung Helgoland
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Hoher Besuch: Bundeskanzler Ludwig Erhard schüttelt im August 1965 Helgoländer Kindern in Tracht die Hand (links daneben Verteidigungsministerminister Kai-Uwe von Hassel, rechts der Helgoländer Bürgermeister Henry Peter Rickmers). Anlass des Besuchs waren die Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag der Übergabe Helgolands an das deutsche Kaiserreich durch die britische Krone.

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