Chaim Rumkowskis Rede "Vor euch steht ein gebrochener Mann"

1942 schickten die deutschen Besatzer alle Kinder aus dem Getto Lodz in den Tod. Der Judenälteste beschwor die Eltern, sie auszuliefern - Chaim Rumkowskis Rede zählt zu den erschütterndsten Dokumenten in der Geschichte des Holocaust.
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In den Tod geschickt: Wie viele in der versammelten Menge weinte laut Überlieferung des Gettochronisten Józef Zelkowicz auch Rumkowski, als er einen "furchtbaren Schlag" verkündete. "Vor euch steht ein gebrochener Mann", sagte er, "nicht gekommen, euch zu trösten". Er habe versucht, den Beschluss aufzuhalten, zu mildern, "auf Knien habe ich gefleht". In den folgenden Wochen wurden rund 16.000 Menschen, darunter fast 6000 Kinder, nach Kulmhof (Chelmno nad Nerem) gebracht und dort in Gaswagen ermordet.

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Mordechai Chaim Rumkowski (Mitte) war Vorsitzender des Judenrats im Getto Lodz. Die deutschen Besatzer erteilten ihm Befehle und ordneten im Herbst 1942 an, ihnen Kinder und alte Menschen auszuliefern. Als "Judenältester" wandte sich Rumkowski daraufhin am 4. September in einer dramatischen Ansprache an die Gettobewohner, vor allem an die Eltern: "Väter und Mütter, gebt mir eure Kinder!"

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Judenältester: Der 1877 im russischen Zarenreich geborene Mordechai Chaim Rumkowski zog als junger Mann nach Lodz und arbeitete dort zunächst als Textilkaufmann und Versicherungsvertreter. Später leitete der kinderlose Rumkowski für einige Jahre ein Waisenhaus in der Nähe der Stadt. Im Getto Lodz bestimmten ihn die deutschen Besatzer zum "Ältesten der Juden".

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Inspektion: Im Juni 1941 besuchte SS-Führer Heinrich Himmler zum ersten Mal das Getto Lodz. Neben seinem Auto steht mit gesenktem Kopf Chaim Rumkowski, der Vorsitzende des Judenrates im Getto, gut erkennbar am in Brusthöhe aufgenähten "Gelben Stern". In seiner Begleitung besichtigte Himmler eine Schneiderwerkstatt, in der Gettobewohner für die Wehrmacht arbeiteten.

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"König Chaim": Das Auftreten und die Persönlichkeit Chaim Rumkowskis, hier in einer Kutsche im Getto, polarisierte schon seine Zeitgenossen. Der jüdische Chronist des Warschauer Gettos Emanuel Ringelblum (1900-1944) schrieb im September 1940 über "König Chaim", dieser sei "außerordentlich ehrgeizig und ziemlich verrückt".

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Abschied für immer: Eine Frau und ihre Kinder nehmen durch den Zaun des Zentralgefängnisses Abschied von einem Jungen, der zur Deportation vorgesehen ist. Die Aufnahme stammt vom Lodzer Fotografen Mendel Grossmann (1913-1945), der in Tausenden Aufnahmen den Gettoalltag dokumentierte. Vor der Auflösung des Gettos konnte er die Negative in einem Versteck vor den Deutschen verbergen, sodass sie nach dem Ende des Krieges wiederentdeckt wurden.

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Unter Deutschen: Das Getto Lodz, das die Deutschen Litzmannstadt nannten, war das zweitgrößte nach dem Warschauer Getto. Hier bespricht Rumkowski sich 1940 mit deutschen Funktionsträgern, die ihn zwar mit eigenen Machtbefugnissen ausgestattet hatten, letztlich aber immer wieder zwangen, ihre Befehle auszuführen. So hatte Rumkowski im Auftrag der Deutschen die Deportationen von Gettobewohnern zu organisieren.

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Gettostrukturen: Zahlreiche Verwaltungsmitarbeiter organisierten die fast 50 Schulen und fünf Krankenhäuser des nach dem Warschauer Ghetto zweitgrößten Gettos und kümmerten sich um die Wohn- und Lebensverhältnisse. Auf diesem Foto trifft Rumkowski sich bei einem Besuch im Sommer 1941 mit jüdischen und deutschen Verwaltungsangestellten.

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Isolation: Die zentralpolnische Stadt Lodz wurde bereits am 8. September 1939, eine Woche nach dem Überfall auf Polen, von der Wehrmacht besetzt. Zu diesem Zeitpunkt zählte die Stadt 665.000 Einwohner, von denen ein Drittel Juden waren. Die Stadt war ein wichtiges Zentrum der jüdischen Kultur.

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Betreten verboten: Am 30. April 1940 wurde in Lodz ein vier Quadratkilometer großes Gebiet als Judengetto abgeriegelt. Zuvor war die Stadt nach dem früheren General und NSDAP-Reichstagsabgeordneten Karl Litzmann (1850-1936) benannt worden.

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Ankunft: In den Jahren 1941 und 1942 wurden mehrere Tausend von den Nationalsozialisten als Juden definierte Deutsche aus dem sogenannten Altreich mit Zügen nach Lodz deportiert. Mit dem Anwachsen der Bevölkerung im Getto nahmen Hunger und Krankheiten weiter zu. Seuchen grassierten, die Zahl der Toten stieg unaufhaltsam.

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Übergange: Das Ghetto wurde von Durchfahrtstraßen getrennt, die weiter zum Stadtgebiet gehörten. Um von einem Teil des Gettos zum anderen zu gelangen, mussten die Bewohner eine der provisorischen Brücken nutzen.

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Unterricht in Geografie: Alle Schulen im Getto, deren Lehrer unentgeltlich arbeiteten, wurden 1942 geschlossen.

Foto: imago / United Archives
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SPIEGEL-Cover der Ausgabe 16/1961: In der Titelgeschichte zum Prozess gegen Adolf Eichmann in Israel beschrieb das Magazin das System, das der Bürokrat des Holocaust ersann und perfektionierte, das an Perfidie kaum zu überbieten ist - nach Eichmanns Kalkulation seien "die Juden das geeignete Instrument zur Lösung der Judenfrage". Judenräte als Herrschaftsinstrument sollten den Willen der NS-Führung in den Gettos selbst vollstrecken, an erster Stelle von den Deutschen bestimmte "Judenälteste" wie Chaim Rumkowski.

Foto: DER SPIEGEL
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Der Ältestenrat übernahm Verwaltungsaufgaben für die deutschen Besatzer, hatte aber vor allem ihre Anordnungen umzusetzen. Zum "Ältesten der Juden" in Lodz bestimmten die Deutschen im Oktober 1939 Rumkowski (hier in der Bildmitte stehend). Er wurde zu ihrem Werkzeug und versuchte zugleich, die Gettobewohner durch Fabriken wirtschaftlich unentbehrlich zu machen - "außerhalb des Gettos verachtet wie ein Köter, innerhalb des von ihm beherrschten Judenstaats geachtet wie ein König", so der SPIEGEL.

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Hilfspolizei: Ein jüdischer "Ordnungsdienst" wurde auf Anweisung der Deutschen geschaffen, übernahm im Auftrag des Ältestenrats polizeiliche Aufgaben im Getto und hatte rund 1000 Angehörige (einer davon hier links im Bild).

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Kinder im Getto: "Ich muss diese schwere und blutige Operation durchführen, ich muss Gliedmaßen abtrennen, um den restlichen Körper zu erhalten!", sagte Rumkowski in seiner Rede. "Ich muss euch die Kinder nehmen, denn wenn nicht - der Himmel möge gnädig sein - könnten auch andere genommen werden."

Foto: BPK / Alfred Kiss
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Die Gesamtzahl der im Holocaust getöteten Kinder wird heute auf 1,5 Millionen geschätzt. Das Foto entstand 1945 in einem Arbeitslager in der Nähe von Lodz.

Foto: Keystone/ Getty Images
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Letzte Deportation: Im August 1944 lösten die deutschen Besatzer das Getto Lodz auf und deportierten die verbliebenen 65.000 Bewohner überwiegend nach Auschwitz. Einen der letzten Züge bestieg Chaim Rumkowski, der wahrscheinlich unmittelbar nach seiner Ankunft in dem Vernichtungslager vergast wurde.

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Überleben durch Arbeit: Rumkowskis Strategie für das Überleben der Gettoinsassen war deren Arbeitsproduktivität. In möglichst vielen Werkstätten sollten die Juden wichtige Arbeiten für die Deutschen verrichten und kriegswichtige Dinge herstellen, um der eigenen Vernichtung zu entgehen. Das Foto wurde in der Sattelwerkstatt des Lagers aufgenommen.

Foto: ullstein bild
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Kriegswichtige Tätigkeit: Jüdische Männer schneidern auf diesem Bild Soldatenuniformen. Außer Kleidung für die Wehrmacht produzierten die Gettobewohner vor allem Stiefel, Waffen und Munition.

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Zugang nach draußen: Die Materialien für die Produktion wurden über die Bahnstation Radegast angeliefert. Später fungierte sie als Knotenpunkt für die Deportationen. Seit 2005 gehört der ehemalige Bahnhof zur Gedenkstätte des Gettos.

Foto: Gerhard Leber/ imago
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Essen für die kleine Schwester: Trotz der katastrophalen Umstände erhielt der Judenrat ein System verschiedener Fürsorgeeinrichtungen im Getto aufrecht. Waisenhäuser und Milchküchen sollten vor allem den schwächsten Ghettoinsassen helfen, den Kindern. Ihre Essensrationen waren viel geringer als die der arbeitenden Erwachsenen. Viele Kinder erhielten nur zweimal am Tag eine Suppe.

Foto: imago / United Archives
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Trügerische Idylle: Diese Farbaufnahme stammt aus der Sammlung des deutschen Amateurfotografen Walter Genewein, der als Finanzverwalter des Gettos tätig war. Bei der Auswahl seiner Bildmotive achtete er genau darauf, Not und Elend nicht zu zeigen.

Foto: ullstein bild
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Obdachlos: Gettobewohner ziehen mit Hausrat durch eine verschneite Hauptstraße (um 1940). Die vorhandenen Wohnräume reichten längst nicht mehr aus, nachdem die Bevölkerungsdichte auf das Siebenfache der Vorkriegszeit angestiegen war.

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Latrinen-Baracke: Von 1940 bis 1944 fielen mehr als 40.000 Menschen den katastrophalen Lebensumständen im Getto zum Opfer.

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Der Nationalsozialist Hans Biebow (rechts) war Leiter der deutschen Gettoverwaltung von Lodz. Das Foto zeigt ihn 1940 mit beschlagnahmtem Geld aus dem Besitz deportierter Juden.

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Im Getto organisierte Biebow (links) die Schwerstarbeit der Juden und sammelte die Gewinne der Deutschen ein. Die Deportationen nach Kulmhof wurden von ihm angeordnet, ebenso die Menschenjagd durch SS und Gestapo im Ghetto. Nach Kriegsende tauchte er zunächst in Deutschland unter, wurde dort aber erkannt; die Alliierten lieferten ihn nach Polen aus. In Lodz wurde er zum Tode verurteilt und im Juni 1947 hingerichtet.

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Mit Fotos wie diesem wollten die Nazis die angeblich "rassische Unterlegenheit des jüdischen Untermenschen" dokumentieren. Es wurde bereits im Herbst 1939 im NS-Hetzblatt "Stürmer" veröffentlicht.

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Brutalität: Besatzer im Getto treten auf einen am Boden liegenden Juden ein. Die Misshandlung scheint ihnen sichtlich Freude zu bereiten (Foto von 1942).

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Exekution im Getto (1942): Als die Menschen in Lodz Widerstand gegen die Deportationen leisteten, rückten SS- und Gestapoleute ein und setzten die Menschenjagd mit aller Brutalität fort. Wer sich wehrte oder zu verstecken versuchte, wurde erschossen.

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