Cocktail-Legenden Ein Gläschen Buntes

Caipi oder Piña Colada, Bellini oder Bloody Mary - wo kräftig gefeiert wird, wird auch geschüttelt, gerührt und geseiht. Kunterbunte Cocktails gehören längst zur Partykultur wie Knabbergebäck und das Kleine Schwarze. Dabei begann der Siegeszug der hochprozentigen Mixgetränke mit einem blutigen Hahnenkampf. Von Bettina Wolf
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Saftiger Sex am Strand: Fort Lauderdale in Florida ist der Ballermann der USA, berüchtigt für die Horden von feierwütigen College-Studenten, die hier im Frühjahr zur "Spring Break"-Party einfallen. Bis zu 350.000 Studenten ließen hier zu Höchstzeiten Mitte der achtziger Jahre für eine Woche im Frühling die Sau raus, und bis heute wollen sie alle nur eins - saufen und Sex. Als 1987 ein Cocktail-Wettbewerb für einen Drink mit Pfirsichlikör ausgeschrieben wurde, fiel es Ted Pizio, Barmann bei Confetti's in Fort Lauderdale nicht schwer, seinem Cocktail aus Wodka, Orangensaft, Grenadine, Cranberry-Saft und besagten Likör einen Namen zu finden - "Sex on the Beach".

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Hahnenschwanz: Es gibt viele Theorien über die Entstehung des merkwürdigen Namens "Cocktail", zu Deutsch "Hahnenschwanz". Eine besagt, dass in den USA im 19. Jahrhundert bei den damals sehr populären Hahnenkämpfen der Sieger die Schwanzfedern des unterlegenen Hahns erhielt und die Kontrahenten auf den "cock's tail" anstießen. Daraus soll mit der Zeit der Cocktail geworden sein.

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"Sex and the City"-Cocktail Cosmopolitan: Der Cosmopolitan wurde schon 1934 erfunden - aber weltberühmt wurde er erst dank Carrie und Co. aus der TV-Kultserie "Sex and the City". Das Ursprungsrezept war auch noch etwas dröge - Gin, Cointreau, Zitronensaft und Himbeere. Erst als eine schwedische Wodkamarke 1985 den ersten Zitronenwodka auf den Markt brachte, entstand der gepimpte, moderne Cosmopolitan. Entwickelt vom New Yorker Barkeeper Toby Cecchini enthielt er Zitronenwodka, Cointreau, Rose's Lime Juice und Cranberry-Saft. Die Carrie Bradshaws dieser Welt danken es ihm.

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Göttlicher Bellini: Ohne Harry Pickering gebe es keinen Bellini. Der amerikanische Student zahlte dem Barmixer Giuseppe Cipriani aus dem Hotel Europa in Venedig geliehenes Geld vierfach zurück. Mit dem Batzen konnte der Barmann 1931 sein eigenes Lokal eröffnen, das er "Harry's Bar" nannte. Bald tranken hier Stars wie der Regisseur Orson Welles, der Schriftsteller Truman Capote und die Milliardärin Peggy Guggenheim ihre Cocktails. Sie kamen nicht zuletzt wegen des Bellinis - pürierte weißfleischige Paola- Pfirsiche, aufgefüllt mit Prosecco.

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Ein Manhattan für Tony: Die amerikanische Society-Lady Jennie Jerome war so etwas wie die Paris Hilton des 19. Jahrhunderts. Anlässlich einer Party zur Amtseinführung des neuen Gouverneurs von New York beauftragte Jennie im November 1874 den Barkeeper des eleganten Manhattan-Clubs einen Cocktail aus Whiskey, Wermut und Orangenbitter zu kreieren - den Manhattan. Hundertprozentig verbürgt ist die Geschichte allerdings nicht, da Jennie, gerade frischvermählte Lady Randolph Churchill, anderen Quellen zufolge zur gleichen Zeit in Paris verweilte. Ungerührt von der ungeklärten Historie avancierte der Cocktail trotzdem zum Klassiker - wie ein anderes Geschenk, das die umtriebige Dame der Welt machte, ihren ältesten Sohn Winston Churchill, den späteren britischen Premierminister. Hier versucht sich dessen Amtsnachfolger Tony Blair in der Kunst, einen tadellosen Manhattan zuzubereiten.

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Katerfrühstück Bloody Mary: Über die Entstehung des Bloody Mary gibt es zwei Versionen. Der Barmann Fernand Petoit habe 1912 in der Harry's New York Bar Wodka und Tomatensaft zu gleichen Teilen gemischt, doch keiner habe das Gesöff trinken wollen, lautet die eine Variante. Erst 20 Jahre später, mittlerweile in der King Cole Bar des St. Regis Hotels in New York tätig, habe Petoit es noch einmal versucht - und siehe da, die Leute rissen ihm die Bloody Marys aus den Händen. Nach der zweiten Variante erfand ein gewisser George Jessel, ein Kollege von Petoit in der Bar des St. Regis Hotels, den Cocktail-Klassiker. Petoit habe den ziemlich langweiligen Drink lediglich mit Salz, Pfeffer, Cayennepfeffer, Worcestershire-Sauce und Zitrone aufgepeppt. Die ursprüngliche Dekoration glich übrigens einem Katerfrühstück - Käse- und Salamischeiben, saure Gurke und Gemüse am Spieß.

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Kleine-Leute-Cocktail Caipirinha: Der Caipirinha ist eigentlich ein Arme-Leute-Drink, der gleichwohl zum großen Mode-Drink der späten neunziger Jahre wurde. Seine Zutaten sind schlicht - Zuckerrohrschnaps, gestampfte Limetten und brauner Zucker. 2008 erklärte Brasilien den Caipi zum Nationalheiligtum und schrieb den Inhalt - einschließlich Säuregrad - gesetzlich fest. Barkeeper und Schnapsfabrikanten waren empört. Nach langem Hickhack zog die Regierung das Gesetz zurück, jetzt darf jeder den Caipirinha wieder mixen, wie er mag.

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Politisch brisanter Cuba libre: Ironischerweise wurde der Cuba Libre von Amerikanern erfunden, die nach Ende des Spanisch-Amerikanischen Krieges Kuba besetzten. Um dies zu feiern, mischten sie Limonade, Rum und Limettensaft und stießen auf das freie Kuba an - "Viva Cuba libre!" Die Bewohner der Karibikinsel fanden die Amerikanisierung Kubas nicht wirklich befreiend und nannten das Getränk lieber Mentirita, "kleine Lüge". Irgendwann wurde die Limonade im Cuba Libre durch Coca Cola ersetzt. Der Cocktail-Klassiker ist immer noch ein politisch brisante Mischung - bis heute ist kubanischer Rum in den USA illegal.

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Geschüttelt, gerührt, Martini: Der Legende nach wurde der erste Martini Mitte des 19. Jahrhunderts kredenzt. Ein Goldgräber soll in einer Bar der kalifornischen Stadt Martinez Champagner geordert haben, doch Schaumwein war nicht vorrätig. Also mixte der Barmann dem Gast einen "Martinez Special", bestehend aus einer großzügigen Dosis Gin und einem Schuss Wermut, garniert von einer Olive. Zurück in San Francisco wollte der Goldgräber auf diesen Drink nicht mehr verzichten und erklärte dem Barmann seiner Stammkneipe die Grundzüge des Rezepts. Der nahm es in sein Repertoire auf - und der Siegeszug des Lieblingsdrinks von Agent 007 alias James Bond begann. Geschüttelt oder gerührt? Das kommt darauf an, wie viel Schmelzwasser von den Eiswürfeln man in seinem Martini mag, sagen die Experten.

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Tequila-Sonnenaufgang: Unten ein kräftiges Orangerot, in der Mitte reines Orange und oben schreiendes Gelb - das ist der Tequila Sunrise (r.). Außer seinen Inhaltsstoffen ist über den Cocktail nicht viel bekannt. Irgendwann in den späten dreißiger Jahren in Amerika erfunden, machten weißer Tequila, Orangensaft, Zitronensaft und Grenadine ihn zu einer süffigen Allzweckwaffe. Der Margarita (l.) ist weniger farbenfroh und deutlich säuerlicher im Geschmack, denn er besteht aus Tequila, Triple Sec und Limettensaft. Gern wird der Glasrand mit Salz beklebt, um den Margarita-Trinker noch durstiger zu machen.

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Geheimnisvoller Mojito: In der Bar "Bodeguita del Medio" im kubanischen Havanna bestellte der Schriftsteller Ernest Hemingway immer einen Mojito. Der hat gleich fünf Geheimnisse - weißer Rum, Zuckerrohrsirup, Limette, Sodawasser und Minze. Seine Geschichte reicht bis in das 16. Jahrhundert zurück. Damals wurde die Mixtur noch "El Draque" genannt, zu Ehren des englischen Weltumseglers Sir Francis Drake. Zunächst mit beliebigem "Feuerwasser" bereitet, wurde ab etwa 1650 Rum verwendet. Die Wurzel des modernen Namens Mojito geht auf das Wort Mojo zurück, ein kubanisches Gewürz aus Limette.

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Kalorienbombe Piña Colada: Piña Colada ist wohl der Mädchencocktail schlechthin - Kokoscreme, Ananassaft und natürlich nur echt mit grellroter Cocktailkirsche. Ach ja, und mit ein wenig weißem Rum. Komponiert wurde diese Kalorienbombe 1954 in mühseliger Feinarbeit von Ramón Monchito Marrero. Der sollte auf Anweisung der Chefetage der Beachcomber Bar im Caribe Hilton Hotel im puertoricanischen San Juan einen neuen Cocktail erfinden, als Visitenkarte des Hotels. Praktischerweise hatte im selben Jahr Professor Ramón López Irizarry von der Universität Puerto Rico die Kokoscreme entwickelt - und was wäre ein Piña Colada ohne Kokoscreme?

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Simpler Screwdriver: Screwdriver, zu Deutsch Schraubendreher, klingt viel spektakulärer als Wodka-O-Saft. Dennoch ist der Name kein Marketing-Gag, sondern hat eine Geschichte. In den fünfziger Jahren begannen amerikanische Ölarbeiter nämlich, ihren Orangensaft mit Wodka zu mischen. Und damit sich alles gleichmäßig verteilt, rührten sie den simplen Cocktail mit dem Gerät um, das sie immer am Mann trugen, ihrem Schraubendreher.

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Zuckersüßer Singapore Sling: Als eine junge Dame 1915 ausgerechnet in der Bar eines gewissen Ngiam Tong Boon (auf dem Foto ist sein Urgroßneffe Albert Yam zu sehen) Zuflucht vor der brütenden Hitze Singapurs suchte, wurde dieser Moment zur Geburtsstunde einer der größten Cocktail-Klassiker überhaupt. Denn da der Patron kein passendes Getränk für eine Dame - in seinem Etablissement eher selten anzutreffen - parat hatte, musste er sich etwas ausdenken. Aus Kirsch-Brandy, Gin, Bénédictine, Angosturabitter und Limettensaft entstand so der Singapore Sling. Doch Herr Boon versäumte es leider, das Rezept schriftlich zu fixieren und nahm es mit ins Grab. Erst Jahre später wurde es von Dritten aufgeschrieben. Seither wird an der Bar des Hotel Raffles wieder der echte Singapore Sling gemixt. Im Souvenirladen des Hotels kann man ihn mittlerweile für 42,90 Dollar auch als Fertigmischung erwerben. Sie muss nur noch mit Ananassaft, Limettensaft und Eiswürfeln aufgefüllt werden.

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Promilleturbo Zombie: Als Donn Beach, Wirt des Restaurants "Don the Beachcomber" in Hollywood, einem Freund gleich drei Gläser seines neuerdachtem Cocktails kredenzt hatte, fühlte der sich nicht mehr so richtig gut. Er fühle sich wie ein Untoter, klagte der Mann, und der Drink hatte seinen Namen weg - Zombie. Ein Wunder war der Zustand des Opfers nicht - das Getränk besteht hauptsächlich aus Rum, mindestens drei Sorten. Fruchtliköre und -säfte sollen den Alkoholgeschmack abschwächen. Am Alkoholgehalt im Endprodukt ändern die aber kaum etwas. Daher bekam im Beachcomber jahrelang jeder Gast maximal zwei Gläser des Hauscocktails ausgeschenkt - dann war Schluss.

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Kontroverser Mai Tai: Auch der legendäre Mai Tai hat eine turbulente Geschichte. 1944 mischte Victor Bergeron in San Francisco für zwei Freunde aus Tahiti diesen Drink aus Jamaika-Rum, Curaçao Orange, Mandel-Orangenblüten-Sirup, Zuckersirup und Limettensaft. Begeistert riefen die beiden "Mai Tai Roa Ae!", zu Deutsch "Nicht von dieser Welt - das Beste!" Urheberrechte für den Cocktail beanspruchte aber auch Donn Beach, der Erfinder des Zombies. Beach zog sogar vor Gericht - und verlor. "Wer immer behauptet, ich hätte den Mai Tai nicht erfunden, ist ein schmutziger Stänkerer", schrieb Bergeron später in seinem "Bartender's Guide" über den Streit. Auch unter harten Barmännern gibt es eben zickige Diven.

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