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Dawanda-Aus "Meine Existenz ist bedroht"

Das Dawanda-Aus bereitet vielen Händlern große Sorgen. Wo sollen sie in Zukunft ihre selbst gemachten Produkte verkaufen? Viele sehen den US-Rivalen Etsy kritisch.
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Sigrid Leitner, Stoffhändlerin aus Bayern ("Stoffperle"): Als ich von der Schließung von Dawanda erfahren habe, blieb mir erst mal die Luft weg. Was ist nun? Wie geht's weiter? Was wird aus uns? Wir haben als kleines Familienunternehmen in einem Keller angefangen. Nach und nach sind wir gewachsen, haben einen eigenen Laden für Stoffe und Kurzwaren eröffnet. Vor drei Jahren ist mein Mann mit eingestiegen, weil ich es allein nicht mehr geschafft habe. Trotz des eigenen Geschäfts nehmen wir das meiste Geld über Dawanda ein, hier verkaufen wir genähte Accessoires wie Geldbörsen und Schlüsselbänder. Nach knapp sechs Jahren sind wir einigermaßen bekannt, und nun scheint die Mühe der letzten Jahre plötzlich umsonst zu sein. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Momentan ist mein Kopf leer, aber Aufgeben ist nicht mein Ding. Mit Etsy habe ich mich noch nicht befasst, ich muss mir die Seite jetzt mal in Ruhe anschauen.

Foto: Johannes Leitner
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Birgit Schülein, Goldschmiedin aus Baden-Württemberg ("Art.Argentum"): Ich verkaufe seit einigen Jahren meinen Schmuck auf Dawanda. Meinen festen Arbeitsvertrag habe ich vor einigen Jahren gekündigt und alle weiteren zusätzlichen Einkommensmöglichkeiten aufgegeben, weil ich mit meinem Shop genug verdient habe. Ich habe mich völlig darauf verlassen, dass Dawanda weiterwächst. Das Aus hat mich ohne Vorwarnung getroffen - es ist entsetzlich und bedroht meine Existenz. Ein Super-GAU für Selbstständige. Bei Etsy habe ich seit sechs Jahren eine Seite, dort aber bislang nur sechs Produkte verkauft. Das Portal ist einfach zu groß und hat zu viele Mitglieder. Ich sehe da einfach keine Zukunft.

Foto: Privat
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Markus Kister, Geschenkehändler aus Nordrhein-Westfalen ("Herzensprojekt"): Seit ich vom Dawanda-Aus weiß, zerbreche ich mir den Kopf darüber, wie es nun für uns weitergehen soll. Wir sind ein Team von fünf Leuten und wollten gerade die sechste Mitarbeiterin einstellen. Zum Glück sind wir seit einiger Zeit mehrgleisig gefahren und haben unseren eigenen Onlineshop aufgebaut. Doch nun ist wieder alles offen, wir erzielen nach wie vor einen großen Teil unserer Einnahmen über Dawanda. Im schlimmsten Fall müssen wir unsere Mitarbeiter entlassen. In Etsy sehen wir keine richtige Alternative, wir versuchen schon seit ein paar Jahren, über die Plattform zu verkaufen, aber so richtig funktioniert das nicht - vielleicht, weil Etsy zu groß ist. Dawanda ist eine eigene kleine Welt für sich - die Kunden mögen das.

Foto: Sven Wagenfeld
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Roxanne Leissring, Designerin aus Hessen ("Schmuck mit Botschaft"): Ich habe mein Label mit Dawanda gestartet, ein paar Artikel auf die Seite gestellt - und war ganz verblüfft davon, wie schnell sich meine Produkte verkauft haben. Über die Jahre haben sich bei Dawanda aber technische Probleme gehäuft, die Bestellungen nahmen ab. Ich eröffnete einen eigenen Onlineshop, steckte viel Arbeit in das Design und die Verkaufsoptionen und begann auch, bei Amazon Handmade zu verkaufen. Ich sollte eigentlich schockiert vom Dawanda-Ende sein, blicke aber entspannt in die Zukunft: Der Handmade-Markt wird sich auf Amazon und Etsy verteilen. Auch, wenn mein Etsy-Shop über Jahre ein Schattendasein fristete, wird er sich nun über mehr Aufmerksamkeit freuen.

Foto: L. Valentin
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Katharina Biehl, Modedesignerin aus Leipzig ("Fuxandfriends"): Uns trifft die Schließung von Dawanda völlig unerwartet. Kurz vor der Herbst-Winter-Saison und dem Weihnachtsgeschäft ist das Ende der Plattform für uns dramatisch, denn in dem Zeitraum machen wir den Umsatz, der unser Unternehmen durch Frühling und Sommer trägt. Bis vor Kurzem hat Dawanda sogar noch Betaversionen mit neuen Funktionen getestet. Unser Label hat dank der Plattform eine Größe erreicht, von der unsere fünfköpfige Familie und die Familien von Mitarbeitern finanziell abhängig sind. Wir fahren zwar auch auf Märkte, beliefern Läden und haben einen eigenen Onlineshop, doch mit Dawanda haben wir bislang den größten Umsatz gemacht. Bei Etsy haben wir auch einen Shop, aber das Geschäft lief bislang kaum. Aber vielleicht ändert sich das jetzt, die Käufer müssen ja irgendwohin. Viele Händler wechseln auch zu Palundu, das ist eine kleine deutsche Plattform - die schauen wir uns jetzt auch mal an.

Foto: Sascha Biehl
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Johanna Adlaoui Mayerl, Designerin für Kinderkleidung aus Wien ("Der fesche Ferdl"): Ich vertreibe hochpreisige Kindermode im Matrosenstil. Neben meinem eigenen Onlineshop hatte ich von Beginn an einen Dawanda- und einen Etsy-Shop. Etsy brachte mir vor allem internationale Käufer, Dawanda deutsche. In den vergangenen Jahren habe ich das Angebot auf Dawanda aber auf wenige Modelle reduziert. Ich war dort eigentlich nur noch vertreten, um positive Kundenbewertungen für meine Produkte zu erhalten. Es war für Verkäufer klar ersichtlich, dass die IT-Architektur auf Dawanda nicht mehr aktuell war, immer wieder gab es Probleme. Parallel dazu wurde Etsy kundenfreundlicher und führte neue technische Features ein. Auch bei der Positionierung als Lifestylemarke hatte Etsy die Nase vorn, während Dawanda eher das biedere Image des Online-Ladens für Handstrickmützen konservierte. Ich bin deswegen überzeugt, dass alle Labels, die professionell und gewerblich produzieren, nicht mehr allein von Dawanda abhängig sind.

Foto: Privat