"Stell dir vor, es ist Krieg..." Wie der Spruch in die Welt und aufs Plakat kam

Dieses Graffiti gehört zur Friedensbewegung wie die weiße Taube auf blauem Grund. Der Hamburger Designer Johannes Hartmann machte die pazifistische Parole 1981 bekannt - und wurde vom Riesenecho völlig überrascht.
1 / 23

Auf Hamburger Mauern: "Stell Dir vor, es ist Krieg, und Keiner geht hin" - das Graffiti ist eng verknüpft mit der deutschen Friedensbewegung der frühen Achtzigerjahre. Wie der Spruch in die Welt kam und auf Plakate und Postkarten, erzählt der Hamburger Designer Johannes Hartmann auf einestages und in dieser Fotostrecke.
Hier einer der ersten Sprühversuche von 1981: So hatte ich mir das Motiv für das Volksfest am 1. Mai vorgestellt. Das Graffiti sollte möglichst authentisch werden, wie eine Parole irgendeines Friedensaktivisten. Und das am Bunker auf dem Hamburger Heiligengeistfeld - was für eine geballte Symbolik!

Foto: Johannes Hartmann
2 / 23

Noch mal drübergesprüht: Nun war ein Sprühnebel um die Buchstaben entstanden. Dadurch sah die Schrift unscharf aus und war nicht gut lesbar. Ich hatte bis zum Abgabetermin des Plakats nur noch wenig Zeit und entschied mich deshalb gegen das Graffiti auf einer echten Wand. Ein paar Wochen später hatten Hamburger Regenschauer den nebligen Hof um die Buchstaben abgewaschen. Ein Pressefotgraf hielt die Parole fest und verkaufte das Foto an Zeitungs- und Fernsehredaktionen. So wurde letztlich auch die Bunkerversion bekannt.

Foto: Johannes Hartmann
3 / 23

Dieses Volksfestplakat machte den Graffitispruch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Die von einem Bündnis Hamburger Initiativen organisierte Veranstaltung war mit mehr als 20.000 Besuchern ein großer Erfolg - und ich war stolz. Zum Ende meines Grafikdesign-Studiums war es das erste Plakat, dessen alleiniger Urheber ich war. Nach den missratenen Sprühversuchen hatte ich die Zeichnung kurzerhand mit Buntstift und Tipp-Ex angefertigt. Sie diente als Vorlage für die Plakate, Postkarten und Aufkleber.

Foto: Johannes Hartmann
4 / 23

Plötzlich überall: Wohl nur selten zuvor war in den Hamburger Stadtteilen die Druckauflage eines Plakates so schnell auf Wänden und Telefonkästen verklebt (und nicht kurz darauf überklebt) worden. Dieses Foto entstand im Oktober 1981, fünf Monate nach dem Volksfest.

Foto: Johannes Hartmann
5 / 23

"Stell dir vor, es gibt Arbeit...": Der Spruch inspirierte viele Nachahmer. Hier einige andere Varianten:
"Stell dir vor, es ist Sonntag, und keiner kauft"
"Stell dir vor, es ist Wahltag, und alles wird schwarz"
"Stell dir vor, du musst flüchten und siehst überall 'Ausländer raus!'"
"Stell dir vor, du gehst in dich, und keiner ist da"

Foto: Johannes Hartmann
6 / 23

"Atontod": In der Hektik des Sprayens passieren oft ärgerliche Pannen - ein Graffiti mit so einem Fauxpas wäre für ein Plakat völlig ungeeignet.

Foto: Johannes Hartmann
7 / 23

"MAC DONELDS": Wer auch immer da mit der Sprühdose gegen McDonald's zu Felde ziehen wollte, dürfte sich hinterher ziemlich über den Schreibfehler geärgert haben.

Foto: Johannes Hartmann
8 / 23

"Legal? Illegal? Scheißegal!" Um über dieses anarchistische Wortspiel grinsen zu können, musste man selbst kein Steinewerfer sein. Ende der Siebziger- und Anfang der Achtzigerjahre erschienen an den Wänden viele kreative und originelle Sprüche, zuvor waren es meist etwas triste Politparolen nach einem linken Schema.

Foto: Johannes Hartmann
9 / 23

"To be or Nato be": Dieses Graffiti entstand als Abwandlung des berühmten Zitats "To be or not to be: That is the question!" (aus dem Shakespeare-Stück "Hamlet, Prinz von Dänemark").

Foto: Johannes Hartmann
10 / 23

"Wer seine Stimme abgibt, hat nichts mehr zu sagen", oder auch: "Wahlurnen gehören auf den Friedhof" - anarchistische Wortspiele als Kritik am demokratischen Parlamentarismus waren in der linken Szene der frühen Achtzigerjahre weit verbreitet, ebenso wie...

Foto: Johannes Hartmann
11 / 23

...Konsumkritik (hier ans Altonaer Amtsgericht gesprüht)...

Foto: Johannes Hartmann
12 / 23

...oder auch trotzige Statements gegen Weltuntergangsstimmung.

Foto: Johannes Hartmann
13 / 23

"Mama, Mama! Sie haben angefangen zu bohren!" Manche Graffiti sind nur im Zeitzusammenhang verständlich. Gemeint war hier der Beginn der Probebohrungen im Salzstock von Gorleben - in Anlehnung an eine damals bekannte Zahnpastawerbung (Kind springt fröhlich vom Zahnarztstuhl und sagt: "Mama, Mama, er hat überhaupt nicht gebohrt!").

Foto: Johannes Hartmann
14 / 23

"Der Lügenaufbereiter - Ernst lass nach": Ich war Gründungsmitglied vom WERK HAUS, das in Hamburg-Ottensen Atelierräume gemietet hatte und von 1977 bis 1982 existierte. Das Grafiker- und Künstlerkollektiv bezog mit Aktionen und Plakaten Stellung zu politischen Themen - möglichst humorvoll auch zu ernsten Themen. Die Münchhausen-Persiflage richtete sich gegen die Behauptung des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (CDU), eine Wiederaufbereitungsanlage für atomare Brennelemente in Gorleben sei ungefährlich.

Foto: WERK*HAUS-Kollektiv
15 / 23

"Hereinspaziert": Im Oktober 1980 wollte der bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß Kanzler werden. Strauß brachte seit jeher linke Kritiker, die er als Ratten und Schmeißfliegen bezeichnete, gegen sich auf. Wegen seiner Kandidatur trommelte der "Freundeskreis Würgegriff" (initiiert vom WERK HAUS) Künstler, Grafiker und andere Kulturschaffende zusammen und veranstaltete in der Hamburger Hochschule für Bildende Künste einen dreitägigen Anti-Strauß-Workshop mit Fest und Theateraufführungen.

Foto: WERK*HAUS-Kollektiv
16 / 23

"Kristallnacht 1938": In seiner Anfangszeit publizierte das WERK HAUS zunächst einige nichtsatirische Plakate, die sich an der Plakatkunst von John Heartfield orientierten. Zu den Themen gehörte unter anderem das Erstarken neonazistischer Umtriebe. In direkter Nachbarschaft des Ateliers wohnte ein führender deutscher Neonazi.

Foto: WERK*HAUS-Kollektiv
17 / 23

Brokdorf, beinahe Bürgerkrieg (Aufnahme vom 28. Februar 1981): Viele politische Aktionen begleitete ich mit der Kamera. Im Frühjahr '81 prägten die Brokdorf-Erfahrungen die politischen Debatten. Kurz zuvor war der Baustopp für das Kernkraftwerk dort beendet worden; 100.000 Menschen kamen zur bis dahin größten Demonstration gegen Atomkraft in Deutschland. Auf das Gelände zu gelangen war nicht ungefährlich. Bäche und Gräben waren zwar zugefroren, das Eis war aber nicht sehr dick. Einige Teilnehmer hatten Seile dabei, um die Gräben zu überqueren. Auch ein großes Stellschild mit der Aufschrift "Hier verhindern Bürger das Atomkraftwerk Brokdorf" musste als Brückenbehelf herhalten.

Foto: Johannes Hartmann
18 / 23

Brokdorf-Demo: Die Organisatoren des Protests hatten schwere Auseinandersetzungen erwartet und Sanitätstrupps zusammengestellt. Auf diesem Bild wird ein verletzter Demonstrant aus der Gefahrenzone getragen. Die Situation war schnell eskaliert. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein, aus der Luft rückten Spezialeinsatzkräfte des Bundesgrenzschutzes an. So wurden die Demonstranten vom AKW-Gelände weggedrängt.

Foto: Johannes Hartmann
19 / 23

In Weddewarden im Norden Bremerhavens demonstrierten Mitte Oktober 1983 rund 30.000 Menschen gegen die US-Atomraketen vom Typ Pershing II, deren Ankunft im Hafen erwartet wurde. Dieser junge Mann zeigte die "nackte Gewalt" der Protestierenden und versuchte, im Adamskostüm die hochgerüstete Polizei mit einem Apfel zur Friedfertigkeit zu verführen.

Foto: Johannes Hartmann
20 / 23

Johannes Hartmann, auf dieser Aufnahme von 1979 mit zeittypischer Haarpracht, studierte damals Kommunikationsdesign und dokumentierte viele politische Aktionen in Fotos.

21 / 23

Hartmann heute: Von den langen Haaren hat er sich getrennt, dem Beruf blieb er treu. Hartmann arbeitet in Hamburg als Kommunikationsdesigner, Web-Allrounder, Berater, Kreativkopf, Künstler. Seine Homepage: www.johanneshartmann.de 

Foto: Ulrich Klaus
22 / 23

Eine Parole, die bleibt: Seit den Achtzigern gehören Tafeln mit "Stell dir vor, es ist Krieg..." zu den Accessoires jeder Demo, die Frieden im Schilde führt - hier im Mai 2014 vor dem Brandenburger Tor in Berlin bei einer der umstrittenen "Montagsdemonstrationen".

Foto: imago/IPON
23 / 23

Und wer hat's erfunden? Carl Sandburg war's. "Stell dir vor, es kommt Krieg und keiner geht hin - dann kommt der Krieg zu euch", so lautete angeblich das Original von Bertolt Brecht. Stimmt aber nicht. Brecht wurde das Zitat fälschlich zugeschrieben. Die Gesellschaft für deutsche Sprache fand heraus, dass die Idee sich bis zu Carl Sandburg (hier auf einem Foto 1956) zurückverfolgen lässt. Der Lyriker aus den USA veröffentlichte in der Dreißigerjahren das Buch "The People, Yes" und lässt darin ein kleines Mädchen, das zum ersten Mal eine Militärparade sieht, sagen: "Sometime they'll give a war and nobody will come."

Foto: AP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.